Die Buben der Frau Opterberg (2024)

The Project Gutenberg eBook of Die Buben der Frau Opterberg

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Title: Die Buben der Frau Opterberg

Author: Rudolf Herzog

Release date: July 4, 2024 [eBook #73962]

Language: German

Original publication: Stuttgart und Berlin: J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, 1920

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BUBEN DER FRAU OPTERBERG ***

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.Im Original in Antiqua gesetzter Text ist so markiert.Im Original fetter Text ist so dargestellt.

Lange Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge gekürzt.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Die Buben der Frau Opterberg (1)

Die Buben der Frau Opterberg

Roman

von

Rudolf Herzog

61.—100. Tausend

Die Buben der Frau Opterberg (2)

Stuttgart und Berlin
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger
1921

Alle Rechte,
insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Für die Vereinigten Staaten von Amerika:
Copyright, 1920, by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger
Stuttgart und Berlin

Ferdinand Thun

zu Wyomissing, Pa.,

mit Freundesgruß

[S. 7]

1

Ein Adlerschrei — Aus Scheitelhöhe — —

»Ein Adler, Mutter! Dort! Siehst du ihn?«

»Ein Steinadler!« flüsterte der andere Knabe und packtein der Erregung fest des Freundes Hand. Die Köpfe weitin den Nacken gebogen, die Schultern aneinandergepreßt,starrten die Knaben in den blaublanken Frühlingshimmel.Bewegungslos standen sie, und ihre tiefen Atemzüge kamenwie aus einer Brust.

Frau Christiane Opterberg erfaßte mit einem langen,lächelnden Blick das Bild dieser Jugend. Sie lehnte, dieKappe über die strohgelbe Haarkrone gezogen, den kraftvollenLeib in starkem Lodengewand, und die Füße bisweit hinauf zur geschwungenen Wade in derbes Rindsledergeschuht, an einem Felsstück, und ihre Brust ginggeruhsam auf und nieder.

»Mutter! Siehst du?«

Jetzt erst suchte ihr Blick den Himmelsbogen ab.

»Es sind ihrer zwei,« sagte sie nach einer Weile. »DieSteinadler jagen paarweise, ihr Buben. Sie sind dieKönige der Einsamkeit, und die Einsamkeit verlangt einenGefährten.«

[S. 8]

»Die Einsamkeit?« fragten die Knaben zweifelnd. »Dort!Wirklich dort — der zweite!«

Frau Christiane hatte ihn längst entdeckt. Ihr hellesAuge folgte den Kreisen der gewaltigen Vögel, den Kreisen,die lotrecht über ihr den Himmel umspannten, sich kaumzu berühren schienen, sich umeinanderschlangen, sich ausdehnten,sich verengten und jäh ein einziger Punkt schienen— wenn es galt.

»Ja,« sagte Frau Christiane Opterberg, »gerade die Einsamkeit.Ohne einen Gefährten wäre sie eine große, leereGebärde, ein Grab bei Lebzeiten; mit einem Gefährten dieGröße und Fülle des Lebens, aus einer stolzen Höhe betrachtet.Seht — da stoßen sie zu Tal … Was werdensie sich alles zu erzählen und zu erklären haben, wenn siewieder hoch oben in ihrem Horste sitzen. Nun denkt’s euchmal aus.«

Die Knaben schauten lachend einander an und lachenddie helläugige Frau.

»Na? Habt ihr’s gefunden, ihr Wanderbuben?«

»Die Mutter meint,« rief Martin Opterberg, »Einsamkeitund Tod ist noch lange nicht dasselbe.«

»Noch lange nicht,« bestätigte die Frau, und ihre Augenweiteten sich.

»Die Frau Pate meint: Und wer nicht tot ist, der hatzu leben, und, aus der Höhe betrachtet, lauft’s da druntendurcheinander wie Ameisen, die einen nicht schrecken.«

»Richtig, Christoph Attermann. Das mein’ ich. Undwenn du es dann droben in der einsamen Höh’ einem gleichartigenGefährten mitteilst und er es dir bejaht, dann wird[S. 9]euch euer ernstes Wissen zur fröhlichen Gewißheit, und ihrhabt erst die rechte Freude am Leben, weil’s nimmer einFürchten gibt.«

»Mutter,« sagte der zwölfjährige Sohn aus Sinnen heraus,»hast du einen solchen Gefährten?«

»Ich hab’ dich, und du hast den Christoph, und so hab’ich euch beide. Vorwärts, ihr Buben, und nehmt die Schuhein die Hand. Wir betreten geheiligtes Land, wie’s in derSchrift heißt. Spannt die Horcher auf. Hört ihr’s seufzenund singen? Das ist ein Mutterlied und ein Kinderlied.Drauf zu und nehmt’s in euch auf. Nehmt die ganzeBrust voll. Noch ein paar hundert Schritt’ und Sprüng’über das graue Geröll, zwischen die Felsen hindurch« — sienahm beim Anschreiten den einen Buben links, den andernrechts an sich in Wanderfreude — »ah, da haben wir’serreicht … Hier wird der Rhein geboren.«

Und plötzlich spürte sie, wie links und rechts die klammerndenKnabenfäuste sich tief in ihre Arme gruben.

Kristallen und blau blitzte die Angewurzelten der winzigeSpiegel des Tomasees an, von steilen Felsen und dunkelwuchtender Bergwelt wie von Wimpern und Brauen umgürtet.Kaum ein Fußbreit Land, um heranzutreten. Steinblöcke,Jahrtausende alt, schirmen den Zugang zu demWunder der Zeugung, das, dem Auge verschleiert, in dreifacherKraft aus dem Gletscherspalt quillt, aus Felsentiefebricht, aus dem Grunde des Bodens steigt, um in derMuschel des Sees in kristallener Bläue das Auge aufzuschlagen.

Machtvoll in ihrer Mutterschaft und in ihrem Mutterstolz[S. 10]auf das geheime Wunder lag die wilde BergweltGraubündens, türmten sich die himmelstürmenden Gipfel,sprangen die weißen Brüste der Gletscher in Urkraft hervor.Ein Gebietendes und doch alle Wünsche Stillendeslagerte in der Luft, und die Knaben rangen nach einemWort.

Und Martin Opterberg sagte so leise, als ob er ein Geheimnissage, und seine Augen hafteten an dem spiegelblankenWasser: »Mutter, das ist — wie die Farbe deinerAugen. So blau — und so kristallen.«

»Ja, Frau Pate, der Martin hat’s mir zuvorgesagt.«

Frau Christiane hob den Kopf und lugte einen Augenblicklang nach dem Stückchen Himmel, das hoch oben überder engen Felsschlucht eine Handbreit blaute. Und sie schobjedem der Knaben eine Hand unter das Kinn, hob ihnenden Kopf und senkte den Blick geruhig forschend in dieAugen der Knaben.

»Das Kristallene, wißt ihr, das Kristallene, das habendie Menschen im Blick, die scharf zuschauen müssen imLeben, daß ihnen nicht der Weg verrammelt wird, und diesich nicht fürchten dürfen, über die Hindernisse hinüberzusetzen,wenn er ihnen doch verrammelt wird.«

»Die in den Bergen leben, haben es,« sagte ChristophAttermann, ohne das erhobene Kinn in ihrer Hand zuregen.

»Und die Leute der Tiefebene auch, die auf der Seefahren,« sagte Martin Opterberg, und er suchte in demBlick der Mutter.

»Seht ihr es wohl,« entgegnete sie, »einer allein findet[S. 11]es nicht, und es müssen schon zwei Gefährten sein, um sichauf das Richtige zu bringen. Der Berg hat’s nicht allein,und die Tiefebene hat’s nicht allein. Die Höhe des Lebenshat’s, die den Dingen in die Seele blickt, und die Weitedes Herzens, die sie umfaßt, um jed’ Ding in seiner Artlieben zu lernen. Nur scharf zuschauen muß man, undman findet in jedem Ding und Menschenkind ein BröseleinSchönes oder Vergnügliches. Was wäre es sonst mit demGlück…«

»Mutter, hab’ ich auch das Kristallene?«

»Und ich, Frau Pate?«

»Narrenbuben ihr. Ein Weniges. Aber es hat noch Zeitmit euch.«

Und sie zog die beiden Knabenköpfe mit einer mütterlichenGebärde an ihre Brust.

»Aufgeschaut, ihr Buben. Da steht ihr nun an derWiege des Rheins, des Vorderrheins, und morgen wollenwir die Wiege seines wilderen Gesellen, des Hinterrheins,suchen gehn. Auch der König unter den Strömen brauchteinen Gefährten in der Einsamkeit. Hei, wie die ewigenGletscher funkeln, der Badus in den Gotthardbergen, derCrispalt im Glarnerland. Und dort, dort — in die Fernemüßt ihr sehen — schwingt sich die Furka wie eine steinerneHimmelsbrücke, trennt die Bergzüge auseinander und verbindetdafür die Menschlein von Uri und Wallis. Daspürt man den Herrgott.«

Stille Andacht in den Augen, saß Frau Christiane aufbreiter, moosübersponnener Steinplatte, auf der sich dieBuben lang ausstreckten und, wohlig sich reckend und das[S. 12]Angesicht nach oben richtend, die Köpfe zutraulich in denFrauenschoß betteten. Frau Christiane strich ihnen miteiner kurzen Bewegung durch die hellen Haarbüschel. Dannwurde es ganz still zwischen den Dreien, und sie spannenihre Träume hinein in die große, schweigende Natur, indie versteinerten Wogen der Bergmassen, die noch den Gischtder letzten Brandung in Eis und Schnee auf ihren Zackenhäupterntrugen, in das eingesprengte, winzige, kristallblaueBecken, darin sich rätselhaft das Leben aus tiefinnerstemFelsenleib erschloß: das lebendige, das Lebenspendende Wasser. Mehr, mehr, als nur ein Wasser: dasWasser des Rheins, des deutschen Rheins.

»Ist das ein gesegneter Maimorgen,« sagte Frau Christianenach einer Weile. Und als die Knaben schwiegen,fügte sie nach einer stillen Pause hinzu: »Ihr habt Recht,ihr Buben. Wir brauchen keine vaterländischen Lieder anzustimmenwie ein Männergesangverein mit dem gefülltenSilberpokal und keine feierlich dröhnenden Gelübde abzulegenwie ein Kriegerverein mit der Schärpe. Wir wollenehrlich sein, so ehrlich, wie die Natur es ist, und uns ganzeinfach sagen: Hier ist die Wasserscheide. Hoch genug, umsie nicht zu übersehen. An die zweitausend Meter hoch.Dort —« und sie wies mit der Hand nach den Bergendes Wallis, »wird die Rhone, hier wird der Rhein geboren,dort —,« und die Hand wies in weiter ausholendemSchwung nach Süden, »lockt das blaue, sonnenschimmerndeMittelmeer, dort —,« und ihre Hand fuhr genNorden, »wartet die graue, stürmische Nordsee. Die Rhonehat das lieblichere Teil erwählt, der Rhein das schwerere.[S. 13]Seine Kindheit ist Kampf aus der Enge, seine JugendLachen und Schwärmen, seine Manneszeit die gesammelteKraft zur stärksten Arbeitsleistung, und sein Alter — ja,ihr Kinder, das ist die Frage, die der Herrgott euch offenläßt, um euren Witz daran zu proben — soll es versandenoder soll es in neue Kanäle geführt werden, die ohne Hastenund Stürmen die auf langem Wege gesammelten Güterdahintragen in das Meer der Allgemeinheit? Hier ist dieWasserscheide, Kinder. Im Süden steht die Sonne, imNorden der Nebel. Was dünkt euch?«

»Der lange Weg, Mutter. Kämpfen, lachen, siegen.Durch den Nebel hindurch.«

»Der lange Weg, Frau Pate. Schaffen, arbeiten. Unddann der Kanal. Das wär’ schon was.«

»Ihr rauflustigen Germanenbuben,« rief Frau Christianeund griff ihnen in den Schopf.

»Aber es soll mir schon recht sein, daß ihr nicht einschlafenwollt und euch euer Leben selber zu erringen trachtet.Denn das wahre Leben, Kinder, das wahre Leben ist nurdas mit Wunden erkämpfte.«

Sie sprang auf und riß die Knaben mit sich hoch.Lachend sah sie ihnen in die Augen.

»He, ihr beiden! Wollen wir hier die Gefühlsseligenspielen? Menschen mit solchen Muskeln und Lungen undallem Zubehör? Hunger hab’ ich, Hunger! Hunger, Hunger,ihr nachlässigen Ritter, und nicht euch, aber eure Rucksäck’will ich zu meinen Füßen sehn!«

»Frau Pate, das Schwarzbrot! Ich schneid’s aus!«

»Mutter, der Schinken, der rote Veltliner Wein!«

[S. 14]

»Hängt die Flasche ins Bergwasser. Wen das Rheinwasserkühlt, dem gibt’s erst das rechte innere Feuer. Ach,Christoffel, lang mir den Brotlaib. Bis zum Heiratenist’s noch lange hin, wenn du nicht besser schneiden lernst.Martin, behandle die Flasche recht. Des Weines Feuersoll zu Herzen gehen, nicht in den Kopf. Und nun zugelangt,ihr Wandervögel, damit’s Marschieren wiederschmeckt.«

Ein weißes Mundtuch war über den moosigen Steingespreizt. Die Brotschnitten lagen darauf und die Scheibendes Schinkens. In den Metallbechern funkelte purpurn derVeltliner. Und die Schneehäupter der Berge und die glattenGletscherzinken lugten über den Felsenkessel auf die seltenenGäste aus dem Menschenreich, und die Quellwasser desRheins im Tomasee spiegelten alles wider: die Bergwelt,die Menschen und den Maientag.

»Daß der Vater nicht mitgewandert ist, Mutter. Erhat doch einmal das Malen betrieben.«

»Ei,« antwortete Frau Christiane, »weil dem Vater keinWeg zu weit und beschwerlich ist, wenn er ihn im Wagenfahren kann.«

»Ob ihn der meine noch hätt’ schaffen können?« fragteder Christoph. »Er hat’s mit der Atemnot wie nie. Drumist er ja auch nach Freiburg zum Professor.«

Frau Christiane sah den sinnenden Knaben lange an.Gleichaltrig war er ihrem Martin und unzertrennlich vonihm seit der Geburt. Eine schlimme Geburt war’s gewesenund von der Mutter mit dem Leben bezahlt. Unddes Vaters Leben ein Siechtum ohne Ende, seit ihn beim[S. 15]Beschlagen des störrischen Gauls der Huf vor die Brustgetroffen hatte.

»Ob ihm die Reise nach Freiburg hilft?« fragte der jungeChristoph.

Frau Christiane bezwang ihren Blick.

»Jetzt wird sie schon geholfen haben. Packt ein, ihrBuben! Der Maientag ist nur einmal, und wir wollenihn nutzen!«

Ins Quellwasser des Rheins tauchten sie ihre Hände,und mit den gletscherfrischen Tropfen des Jungwassersfeuchteten sie sich Stirn und Augen. »Nun haben wir dieerste Rheintaufe,« riefen sich die Knaben zu, »nun holenwir uns die zweite beim Bruder Hinterrhein.«

Kletternd und am Stocke springend gerieten sie auf gangbarenGebirgspfad. Hoch über ihnen in der GraubündnerFelsenlandschaft kreisten die beiden Adler.

Bis zum Abend waren sie gewandert, durch das Tavetscher-Tal,und ihnen zur Seite stürzte sich wie ein wilderKnabe, der keine Gefahren achtet und kennt, der bachbreiteRhein in brausendem Getöse die Felsen hinab. Im letztenSonnenschein lag Disentis vor ihnen, das grüne Taldorfmit der Klosterkirche auf dem Hügel. Ein sauberer Weinschankbot ihnen Nachtquartier.

In schwer verständlichen romanischen Lauten begrüßtenWirt und Wirtin die Gäste, ging das Gespräch zwischenden Bauern, die vor dem roten Veltliner saßen. Verwunderthorchten die Knaben beim Abendbrot auf. »Esist die Sprache des alten Rätiens,« antwortete Frau Christianeihrem fragenden Blick, »so hieß Graubünden, als[S. 16]es eine römische Provinz war. Doch vorher schon, Jahrhundertevor Christi Geburt, sollen sich Etruskerfürsten indas wichtige Bergland geschlagen und es besetzt haben.Hier sitzen wir unter den Nachkommen. Aber nicht lange,ihr Buben, denn wir suchen sp*rnstreichs das Bett. Morgenist auch noch ein Tag.«—

In erster Morgenfrühe brachen sie auf, einem langen,sonnigen Wandertag entgegen. Sie winkten dem Bergbachzu, der sich dem Dorfe gegenüber in den Vorderrhein ergießtund den die Leute von Disentis stolz den Mittelrheinnennen, und winkten dem Kloster einen Abschiedsgruß.

»Mutter, weißt du nicht ein Märlein vom Kloster Disentis?«

»Wir nennen heut Märlein, was einst Kampf und Kriegwar und blutiger Schrecken. Und es ist gut so, sonst liefeaus Angst vor der Vergangenheit die Freud’ an der Zukunftaus der Welt. Uralt ist die Klosterstätte, und dieSöhne des heiligen Benedikt haben sie errichtet. Das war,als nach des Königs Attila Tod Hunnenhaufen in die verstecktenBerge drangen und lange, lange die Geißel überdie rätischen Bauern schwangen, bis den schwerblütigen Gebirglernendlich das Blut heiß wurde und das Auge rot.Da gab es ein Blutbad, dem kein Hunnennachkömmlingentrann. Seit jenem Tage stand das Kloster tausend Jahrelang als Zeichen der erkämpften Freiheit. Aber die Soldatender französischen Revolution legten sich das WörtleinFreiheit anders aus, wie es so der Brauch ist unter Menschen,die die Macht in die Hand bekommen haben, und[S. 17]brannten das Kloster mitsamt dem Dorf bis auf den Grundzu Asche, als die aufs Blut gequälten Bauern die Freiheitder Plünderer nicht verstehen wollten und die Sensen nahmen.Nachher haben die Überlebenden notdürftig wieder aufgebaut.«

»Mutter, wenn du erzählst, bekommt die Landschaft erstein Gesicht.«

»Und schlägt die Augen auf, wie ein Mensch, Frau Pate.«

»Blickt hinein, ihr Buben, immer hinein. Die Augensind’s, die Farbe bekennen, nicht das Gewand. Und wennihr überdies Sorge tragt, daß die eigenen immer voll Wahrheitstehen, mag’s biegen oder brechen, so bleibt ihr Herrund Meister über euch selbst und damit über die anderen.«

Weiter und weiter marschierten sie, durch Berg und Tal.Oft sprühten die Sturzwellen des Rheins vor ihnen auf,oft hörten sie nur sein unterirdisch Brausen aus Tannendickichtund Steingeröll. Menschensiedlungen tauchten amWege auf. Schon begann kühner Unternehmungsgeist sichdie Wasserkraft nutzbar zu machen, und das Echo der Eisenhüttenscholl dumpf aus den Wäldern. »Erzähle, Mutter,«bat Martin Opterberg, »gib der Landschaft das Gesicht.«Sie traten aus dem Tannendunkel und marschierten rüstigauf grünem Talweg dem Dorfe Trons entgegen.

Frau Christiane wies auf einen Baumstumpf hin. »Wasfür ein Baum scheint’s euch?«

Christoph Attermann war schon hingesprungen. »EinAhorn, Frau Pate!«

»Nur ein Ahorn? Wie Tausende? Ei, da wollen wirihm ein Gesicht geben, daß gerade er unter den Tausenden[S. 18]haften bleibt. Das sind fünfhundert Jahr und mehr, dawar dieser Ahorn ein ganz eigener, und was damals unterihm beschworen wurde, das gab dem Lande den Namen.Den ›grauen Bund‹ beschworen damals aufrechte Männerunter diesem Ahorn von Trons, um das Land vor Zerstückelungzu bewahren, und das Land hieß alsbald Graubünden.So ist es stolzes und freies Land geblieben undwäre sonst zerrissen worden und unter die Füße getretenvon Österreichern, Welschen, Spaniern und Franzosen. Seht,ihr Buben, und so mahnt uns der Ahornstumpf: Bleibtbei der Stange, wenn’s ums Vaterland geht. Bleibt, wasihr seid, und sehnt euch nicht nach fremdem Flitter. Überläuferverlieren ihr Vaterland und gewinnen nimmer einneues. Und wenn sie im neuen Land Minister würden, sieblieben Knechte im Geist.«

»Die Frau Pate meint, weil sie drüben scharwenzelnmüssen, um für echt zu gelten.«

»Das mein’ ich, Christoph Attermann, und manches, wasdas Gewissen beißt, dazu.«

»Ist Graubünden glücklich geblieben, Mutter?«

»Ach, du mein Närrchen, als die Graubündner die zahllosenZwingburgen ihrer Fronherren im Lande gebrochenund den grauen Bund verstärkt und erweitert hatten durchdie Gemeinden und Gerichte, da hätten sie’s wohl seinkönnen in der stolzen Freiheit. Aber nun taten sie dasDümmste vom Dummen, was ein Volk nur zu tun vermag,und griffen einander in die Gewissensfreiheit und befehdetensich zornmütig um den lieben Herrgott, ob der dasKreuz geschlagen haben wolle oder nicht und selber zu[S. 19]seinen Kindern reden wolle oder durch den Mund der liebenHeiligen, und zerrissen sich in dieser geistigen Unfreiheitwie die wilden Tiere, mordeten einander zu Tausenden,riefen sogar von hüben und drüben die verhaßten Feindeins Land, nur weil sie sich selber untereinander noch vielgrimmiger zu hassen vermeinten, und jagten den Teufelmit Beelzebub aus, statt die Armseligkeit ihres Geistes vorGott zu bemerken.«

»Mutter,« fragte Martin Opterberg, »meinst du damit,es sei gleich, ob katholisch oder evangelisch?«

»Mein Junge,« sagte Frau Christiane, »eines steht fest:dem lieben Herrgott ist es gleich. Der ist zu groß fürsolche und andere anmaßlichen Dummheiten, mit denen diekurzlebigen Menschen in seinem ewigen Wissen und Wollenherumstochern möchten. Der will, daß hienieden ein Schweizerzuerst ein Schweizer und ein Deutscher zuerst und ganzund gar ein Deutscher zu sein habe, und behält sich allesübrige für seine Ewigkeit vor. Dort, und nur dort, ihrBuben, wird sich die Erleuchtung finden. Punktum.«

Sie waren durch die Dorfstraße von Trons längst hindurchund auf dem Wege nach Ilanz, dem ersten Städtchenam Rhein. Aus der Berge Haft trieb der junge Stromin die Freiheit. Und die Gedanken der Knaben stürmtenmit ihm, während die Füße rüstig wanderten und die Augenimmer wieder die klaren Züge der Frau aufsuchten, die sichin körperlicher und geistiger Gesundheit stark fühlte undsicher unter den Menschheitsgeschwistern und aufrecht undvertrauend vor Gott als dem liebenden Vater.

In Ilanz gab es Mittagsrast. Aber sie sputeten sich,[S. 20]um noch vor Sonnenuntergang Reichenau zu erreichen, dieVermählungsstätte des Vorderrheins und des Hinterrheins.Voller Frühlingsflor standen die Matten, Forellen schnelltensich durch die Strudelbäche, in der Ferne blitzte aus rauschendenBaumgruppen der Flimsersee, Kuhherden läutetendurch das saftgeschwellte Gras. Friede überall. Da engtsich der Weg. Die Wälder verschlingen die Felder, dieFelsen rücken heran und türmen sich hoch und steil, uralteBurgen auf den Gipfeln wie Raubnester über der Singvogelhalde.Der Rhein bäumt sich auf. Und wie ein Roß,das den Gefährten wittert, stürzt er sich zügellos in diezerklüftete Talenge und stürmt in verdoppelten Sätzen derVereinigung entgegen.

Frau Christiane verhielt ihren Schritt. Sie schob dieKappe in den Nacken und stieß die Spitze des Wanderstockesin den Grund. Und die Knaben taten wie sie.

»Die Könige der Einsamkeit verlangen einen Gefährten,damit sie die Größe und Fülle ihres Lebens finden. Schautdorthin, wo sich Rhein und Rhein umarmt! Um ein einzigerzu werden! Eins in der Freude, im Kampf, in derEntsagung und der Hoffnung. Und immer gleich groß,ihr Buben.«

»Laß uns hin, Mutter.«

»Ja, Frau Pate—«

»Das Schloß da vor uns in dem Märchengarten ist deralte Sitz der Herren von Planta. Der Churer Bischof hates gebaut. Die geistlichen Herren hatten einen guten Sinndafür, wo die Erde am schönsten war und dem Himmelam nächsten. Kommt mit. Wenn wir durch den Märchengarten[S. 21]schreiten, gelangen wir dicht an das Märchen vomRhein.«

Sie schritten schweigsam durch den dunkel träumendenGarten, traten hervor und standen am hell beleuchtetenStrand. In den Bergen sank die Sonne und verstreuteverschwenderisch ihr letztes Licht. Und in die kristallblankenFluten des Vorderrheins warfen sich die schicksaldunklendes Hinterrheins. Über die Wasser ging es wie ein Seufzerder Erlösung…

»Ein wildes Märchen, Mutter.«

»Ja, zahm ist das Rheinmärchen nie gewesen. Schlafhaubenund Traumpoeten fabeln wohl davon. Wo derRhein fließt, ist Kampf und wird es bleiben, solange Menschenleben. Seit Kelten und Römer mit den Germanenkriegten, bis in die Unendlichkeit.«

»Warum, Frau Pate?«

»Weil dies Märchen lebt und noch lange nicht gestorbenist.«

Da grübelten die Knaben über den geheimnisvollen Satz,bis sie im Gasthaus zu Reichenau am Tischleindeckdichsaßen.—

Die Atemzüge des Maienabends zogen durch die weitgeöffnetenFenster in das Wirtssälchen. Oft schwollen siean zu einer geheimnisvollen Woge von Düften, die in denblumigen Wildwiesen der Hänge und den bunten Bürgergärtendes Städtchens geboren wurde. Dann senkte FrauChristiane die Hände und hob ganz leise das Gesicht derstillen Woge entgegen. Das lernten die Knaben schnell,und sie nannten es: das Herz baden.

[S. 22]

»Jetzt sitzt der Vater daheim auf dem Gutshof und hatsich in der blauen Steingutbowle den ersten Waldmeistertrankgebraut,« sagte Frau Christiane.

»Und zupft wohl die Gitarre zu einem Lied,« fuhr MartinOpterberg fort und horchte ins Weite.

Der junge Christoph Attermann schwieg. Er dachte anseinen Vater, der nach Freiburg gefahren war, in die Klinikder Professoren, um von der schrecklichen Atemnot befreitzu werden. Und er dachte an seine Mutter, von der ernichts wußte, als daß sie in ihrer Mädchenzeit Schaffneringewesen war auf dem kleinen Gutshof der Opterbergs amoberen Rhein.

»Christoph,« sagte Frau Christiane, als läse sie in denGedanken des Knaben, »an solchen Lenzabenden kam deineMutter nach getaner Arbeit immer mit der Weißzeugnähtereizu mir unter die große Rotbuche, die so spät ihreleuchtenden Blätter auseinanderrollt, und wenn wir auchnicht viel sprachen, so fühlten wir doch, daß uns die Tagesarbeitzu guten Abendgefährtinnen gemacht hatte. Daßsie mit ihrer stillen, festen Treue bei mir war, hat mir oftüber schwerblütige Gedanken hinweggeholfen, und sie kamauch noch Abend für Abend, als sie für ein Jahr in daskleine Schmiedehaus am Wege gezogen war, als deinesVaters junge Frau.«

»Für ein Jahr …« wiederholte Christoph Attermann.»Dann war sie tot.«

»Was du nicht sagst, Christoph,« meinte Frau Christianeverwundert. »Wie kann ein Mensch tot sein, der in seinemKinde lebt? Bist du nicht in ihrem Schoß geworden und[S. 23]aus ihrem besten Blut? Oder glaubst du gar, du wärestaus dem Schmiedeteich herausgezogen worden?«

Da lachten sich die schlanken Knaben fröhlich an undwollten alsbald mit hundert Fragen kommen, aber es warein lautes Lärmen, Gelächter und Durcheinanderschreienin dem Wirtssälchen geworden, obschon nur eine Familieaus sechs Köpfen an der gegenüberliegenden Wandseite amoffenen Fenster saß und sich den Tafelfreuden ergab.

Die Knaben schielten hinüber und nickten sich zu.

Just hatte das Haupt der Familie, ein gewaltig gewachsenerHerr in gepflegtem schwarzen Riesenbart, mit vornehmerGebärde der bedienenden Saaltochter eine Forellevon der Schüssel genommen, tastete mit der Gabel in daszarte Fleisch und belehrte die Bedienerin mit volltönenderStimme über eine verfeinerte Behandlungsweise des köstlichenFisches. Er trug einen untadeligen grauen Reiseanzugnach englischem Schnitte, wie auch seine elfenhaftkleine quecksilbrige Gemahlin nach englischer Sitte gekleidetund von einem blauen Sonnenschleier umflattert war. DreiKnaben zwischen fünfzehn und zwölf Jahren, dazu einMädchen kaum über sechs, aber mundfertig wie die Brüder,bildeten in flotten Bergsteigertrachten den Rest der Tafel,tranken mehr als ihnen zukam von dem feurigen Veltlinerund nahmen von der gereichten Schüssel je zwei der stattlichenForellen, so daß die unwillige Bedienerin unter demGelächter von Mutter und Kindern und dem wohlwollendenBeifall des Vaters eine Schüssel nachholen mußte. Dannaber empfand die kleine quecksilbrige Dame den ländlichenWein als zu sauer für ihren Gaumen, und der gewaltige[S. 24]Herr vollzog ein langes, gewichtiges Gespräch mit der Bedienerin,die in rotflammender Verlegenheit immer wiederdie wenigen Weinsorten des Hauses aufzählen mußte, bisder vornehme Gast zugunsten eines traubensüßen und schäumendenAsti entschied und sich den schwarzen Bart zufriedenauf die Brust strich.

»Es sind die Barthelmeßleute, Mutter,« flüsterte MartinOpterberg über den Tisch Frau Christiane zu, die unwilligdas ungezügelte Benehmen der Kinder, das großtuerischeGebaren der Erwachsenen und die Störung des Abendfriedensdurch den wortreichen Lärm empfand.

»Was für Barthelmeßleute?« fragte sie knapp.

»Der Kirchenbauer und Bildhauer, Mutter, der bei unsdaheim in den Waldstädten die Wiederherstellungsarbeitenin den alten Kirchen verrichtet, in Säckingen, glaub’ ich,und Rheinfelden. Die Kinder kamen schon oft auf unserenHof und liehen sich alles aus, was sie kriegen konnten:Butter und Eier und Brot, ja sogar den Werkzeugkasten.«

»Richtig,« sagte Frau Christiane, »und wiedergebrachthaben sie nichts und zu keiner Zeit.«

Sie wollte sich erheben, um mit ihren Knaben die Schlafräumeaufzusuchen, als das kleine schwarzlockige Mädchenvom anderen Tische vor ihr stand. Es knixte und sagtein geläufiger Rede: »Ich bin die Sabine Barthelmeß, undVater läßt die Frau Opterberg mit einer schönen Empfehlungfragen, ob die Frau Opterberg Vater wohl eben hundertFranken leihen könnte.«

Es war mäuschenstill am Tisch der Barthelmeß’ geworden,während die Kleine sprach. Und in die Stille hinein antwortete[S. 25]Frau Christiane lustig, als handele es sich um einenKinderscherz: »Ich kann dir leider nur noch ein Kätzchenleihen.«

»Ein Kätzchen?« wiederholte die Kleine verblüfft. »Weshalbdenn ein Kätzchen?«

»Weil ein Kätzchen, wenn’s einem ausgeborgt wird, vonganz alleine wieder nach Hause kommt. Gute Nacht, meinKindchen.«

Das Mädchen warf einen hilfesuchenden Blick hinter sich.Und schon stand, bevor Frau Christiane mit ihren Knabendas Zimmer verlassen konnte, der gewaltige Herr mit einemfreundlichen Lächeln vor ihr.

»Verzeihen Sie, meine gnädige Frau, die ländlich unbekümmerteArt, mit der ich in dieser Bergwelt mein Töchterleinzu Ihnen sandte. Die Beziehungen, die meine Kinderseit geraumem zum Opterbergschen Haus und Hof unterhaltenhaben, dünkten mich stark genug — Verzeihung,Professor Barthelmeß ist mein Name. Tja, und da habeich mich wahrhaftig auf der Reise verrechnet gehabt unddarf Ihnen wohl die hundert Franken in nächster Wochenachbarlich zurückerstatten.«

Das Körperliche des Sprechers erdrückte fast. Aber FrauChristiane ließ sich nicht erdrücken.

»Ich pflege,« entgegnete sie freundlich und neigte zurGegenbegrüßung leicht das Haupt, »wenn ich mit den Kinderneine Bergfahrt unternehme, nur das allernotwendigstean Geld mit mir zu führen. Damit sich die Kinder deneinfachen Lebensbedingungen des Gebirgslebens anpassenlernen und damit wir auf unseren einsamen Pfaden keine[S. 26]Gelegenheit bieten, ausgeplündert zu werden. Aber derGasthofhalter ist mir bekannt, und ich werde ihm gern einWörtlein sagen.«

Noch einmal neigte sie freundlich das Haupt und schrittmit ihren Knaben an dem verdutzt sich Verbeugenden vorbeiaus dem lautlos gewordenen Zimmer.

Im ersten Morgenlicht nahmen sie ihr Frühstück. Nochhatte keins von den Barthelmeßleuten sein Bett verlassen.Frau Christiane verständigte mit wenigen Worten den Wirtund gab ihm an, von welchen Kirchengemeinden der Waldstädteder Herr Professor Barthelmeß augenblicklich beschäftigtwerde. Der Wirt lachte. »Ich kenn’ schon denWeg.«

»Nun gilt’s noch einmal, ihr Buben,« feuerte FrauChristiane draußen ihre morgenfrischen Begleiter an, »undjetzt gilt’s erst aus dem Vollen. Bis morgen mittag müssenwir uns bis ins Gletschergebiet des Rheinwaldhorns durchgekämpfthaben, wollen wir als rechte Bergsteiger gelten.Viertausend Fuß höher hinauf, ihr Buben. Dafür aberauch dichter heran an den lieben Gott. Und wir tauchendie Hände in die Quelle des stürmenden Hinterrheins.«

»Mit der Frau Pate wird’s ein Katzensprung!«

»Führ uns, Mutter!«

Durch das Domletschgertal wanderten sie, durch dieweiten, grünen Matten, und kraftvoll wogte ihnen derdunkle Strom entgegen, der Bergesprenger und Felsenspringer.Klosterruinen und Burgentrümmer auf ragendenZinken und Zacken ließ er hinter sich, eine zerbrochene undschon verschollene Welt trotziger Herrengeschlechter in Panzer[S. 27]und Kutte. Jeder Fußbreit Bergerde, den die Wandererbetraten, sprach von Kampf und wieder Kampf, und jerauher und unzugänglicher die Bergwelt schien, um so engernur drängten sich die blutigen Spuren der Menschen, dieseit Jahrtausenden um die starren Höhen kämpften, umhinüber zu gelangen in die weichen Täler. Wohl an zwanzigGeschlechternamen schlugen an das Ohr der Knaben, undjeder Name wandelte sich ihnen zur Sage von Männern,die da starben, wie sie gelebt hatten, ob’s im Recht oderUnrecht gewesen war. »Das ist das Märchen vom Rhein,«schloß Frau Christiane eine jede ihrer Erzählungen, »undwer auf diesen Wegen dem Ursprung des Rheins nachgeht,der wird begreifen lernen, daß die Seele des Stromeskriegerisch ist, auch wenn er sich an seinen Ufern ab undan das Flötenblasen gefallen läßt.«

Und die Knaben begriffen es, als sie dem lieblichen DörfleinThusis einen Abschiedsgruß zugewinkt hatten, um inder Felsenwildnis des Schamsertales wie Staubkörner zuverschwinden. Jäh schluckte sie das Felsentor des ›VerlorenenLoches‹, und als sie sich durch den finsteren Bergtunnelhindurchgetastet hatten, standen sie erschauernd vorder grausigen Urgewalt der unbezähmten Natur und ihrereigenen Kleinheit.

»Hindurch, hindurch!« rief Frau Christiane. »Es ist derWeg des Schreckens, die Via mala, aber Mut ist mehr alsSchrecken, und nur die erkämpften Kronen haben Wert.Seht, durch dieses Felsenmeer hat sich der junge Rheineine enge Gasse in die Freiheit gebissen, und so eng undso schauerlich sie ist, mutige Männer sind ihm gefolgt und[S. 28]haben Schritt für Schritt eine Straße an die senkrechtstürzenden Felswände geklebt, haben sterbend Spitzhackeund Mauerkelle weitergegeben, von Geschlecht zu Geschlecht,Jahrhunderte hindurch, bis der Mensch Sieger war, denWeg des Schreckens hindurch von Rongella bis Andeer,und über den Splügenpaß die Menschheitswege zueinanderkonnten von Norden nach Süden. Hindurch, hindurch, ihrBuben!«

Da strafften sie den Leib und marschierten den schwindelndenWeg, Tausende von Fuß die steilen Felswändeüber sich, jäh abstürzend die Felswände unter sich, unddas donnernde Brausen des wütenden Wassers irgendwoin geheimnisvoller Tiefe. Stunden hindurch marschiertensie, hoch im Unendlichen über der lichtlosen Schlucht wieein schmaler Streifen das Himmelsblau, und vermochtennicht zu sprechen vor dem Wogen und Wallen der Gedanken.

»Wir siegen,« rief Frau Christiane, als sie sich, dasGrausen im Rücken, in der nächsten Morgenfrühe über dieletzte Felsterrasse des Rheinwaldtales hinaufarbeiteten zurGletscherhöhe des Rheinwaldhornes. »Gebt das Letzte her.Vor Mittag sind wir droben.« Und als die Sonne scheitelrechtstand, riß sie die Knaben mit starker Bewegungan sich.

»Da seht! Da seht! Da springt der Rhein von derMutterbrust.«

Ein silbriger Faden huschte aus dem dunklen Gletscherspalt,gewann an Kraft, sammelte sich zum ersten Sprung,durchbrach das Gestein, stürmte eine kurze Strecke dahin[S. 29]und stürzte sich ohne Besinnen in dunkle Felsennacht, um,unsichtbar dem Auge, alle Jugendkraft zusammenzufassenzur ersten Mannestat des Kettensprengens.

Und wieder beugten sich Frau Christiane und die Knabenüber das spritzende Quellwasser und befeuchteten sich Stirnund Augen.

»So sollt ihr jugendstürmisch springen und brausen,«sagte Frau Christiane, »und auch ab und an von der Bildflächeverschwinden, um eure Kräfte zu sammeln und alsMann hervorzutreten. Ein jedes Zeitalter des Lebensheißt es erfassen und auskosten, damit das nächste nichtunter falscher Sehnsucht leidet. Denn was das eine Zeitalterköstlich kleidet, steht dem anderen Zeitalter nicht mehrzu Gesicht.«

»Mutter,« sagte Martin Opterberg, »ich wollte dich nochfragen, weshalb du zu Reichenau dem Professor Barthelmeßnicht ausgeholfen hast?«

»Weil dem erwachsenen Mann und dem Vater der großenBuben der Knabenleichtsinn nicht mehr zu Gesicht stand,und weil’s immer noch nahrhaft Schwarzbrot zu erarbeitengibt, wenn’s für Schaumwein und Forellen nimmer langt.«

Am Abend saßen sie beim Posthalter zu Splügen. FrauChristiane hatte den Wirt insgeheim nach einer Depeschebefragt und sie erhalten. Als sie den Inhalt gelesen hatte,kehrte sie ruhig zu den Knaben zurück.

»Morgen fahren wir mit dem Postwagen die Straßezurück und gar bis Chur. In Chur nehmen wir die Eisenbahnbis zum Einfluß des Rheines in den Bodensee, undüber den See, ihr Buben, sollt ihr im Dampfer, von[S. 30]Rorschach bis Stein am Rhein, ja bis zum Rheinfall vonSchaffhausen fahren. Dann geht’s mit dem Bähnlein heimüber Waldshut und Säckingen, ganz heim. Zufrieden?«

Und die jubelnden Knaben spürten nicht den stillen Ernst,der um die Frauenaugen spann.—

Es war ein Sonntagabend, als Frau Christiane mitden Knaben den Zug verließ, um in die geräumige Kutschedes Gutshofes zu steigen. Sie hatten noch eine StundeFahrt über Land, und Frau Christiane gebot dem Knecht,der kühlen Nachtluft wegen den Landauer zu schließen.Drinnen im Wagen nahm sie die Knabenhände in dieihrigen.

»Jetzt erst fahren wir heim.«

»Soll ich die Nacht bei der Frau Pate bleiben?« fragteChristoph Attermann.

»Du sollst jetzt immer bei uns bleiben, Christoph.«

Der junge Attermann fuhr auf. Er hatte sofort begriffen.

»Der Vater ist tot?! Er ist tot?!«

»Es gibt keinen Tod, Christoph. Es gibt nur ein Erneuern.Dafür laß mich nun Sorge tragen.«

»Nein — nein — nein! Ich ertrag’s nicht! Ich bin einBettelbub geworden.«

Frau Christiane ließ ihn weinen. Nach einer Weile erstbegann sie ruhig zu sprechen.

»Ein Bettelbub, Christoph? Das sagt der Patenbub derFrau Christiane Opterberg und der Freund des jungenMartin? Du wirst es nie wieder sagen, Christoph, wenndu mir zugehört hast. Als deine Mutter starb, wie du[S. 31]soeben geboren warst, stand ich bei ihr und sah ihr in dieAugen, wie wir uns oft in schweren Stunden in die Augengesehen haben. Ich hatte den acht Wochen alten Martinan der Brust und nahm dich auf und legte dich hierheran die andere Brust. Da lachte die Sterbende ganz hell,und das war ihr Letztes. Und dich nahm ich mit ins Gutshaus,und an dieser Brust hat der Martin und an dieserhast du gelegen, und ihr beiden habt an mir getrunkenein volles Jahr lang.«

Beide Hände preßte sie unter die Brust und sah denKnaben mit leuchtenden Augen an.

»Ist das ein Bettelbub, den die Frau Christiane Opterbergaus diesem Quell hat trinken lassen, bis er groß warund stark und auf den Füßen laufen konnte? Ist dasbißchen Brot, das ich dir heut anbiete, mehr wert alsMuttermilch? Muß ich wirklich so feierlich werden mitmeinem dummen großen Jungen?«

Da schrie der junge Christoph Attermann aus seinerNot heraus auf, daß es wie ein helles Lachen klang ausvergangenen Tagen.

»Mutter!« rief er und fiel mit dem Kopf in ihren Schoß.

Der Wagen rumpelte in den Gutshof.

»Natürlich, Christoph. Die Frau Pate ist hin und vergangen.Und der Martin hat seinen Bruder. Helft eurerMutter zur Erde, ihr Buben!«

[S. 32]

2

Ein Sonderling hatte sich das Gutshaus erbaut. Aufsteilem Uferrücken stand es frank und frei über demrauschenden Rhein, und seine weißen Mauern, nur nachder Wasserseite vom Grün des Reblaubs umrankt, winktenin weite Ferne. Der kleine Giebelturm, mit Fenstern nachjeder Windrichtung verkleidet, hielt wie ein DachreiterAusschau über den Strom hinüber in das nahe uralteschweizerische Städtchen und in die anrückende Bergwelt,die sich in unabsehbaren Linien übereinandertürmte undin abenteuerlichen Gebilden das Gesichtsfeld beschloß, unddiesseits des Stromes über die weiten, von Obstbäumenbestandenen Wiesenflächen und die fetten Ackerspreiten desbadischen Landes bis zu den tannendunklen Höhen desSchwarzwaldes.

Eher ein ruhsames Landhaus denn ein arbeitsames Gutshausdünkte das freie Anwesen dem Blicke, und der inStufen abfallende Garten mit seiner Fülle von seltenem Gesträuchund erlesenem Obst, der kühn den Fels hinab biszu dem plätschernden Uferwasser kletterte, schien ebenso eheraus verfeinertem Behagen als aus ländlichen Notwendigkeitengeboren zu sein. Auf die Landwirtschaft wiesen in[S. 33]geräumigem Abstand nur die gutgehaltenen Wirtschaftsgebäudemit ihren herabreichenden Strohdächern.

Ein alter Oheim Opterberg, am Niederrhein nahe derholländischen Grenze zu Haus, hatte sich vor Jahrzehnten,auf einer Besuchsreise zu oberrheinischen Verwandten, indie Schönheit des Landes so heftig verliebt gehabt, daßer kurz entschlossen an Land, Wiesen und Äckern zusammenkaufte,was zusammenzukaufen war, und sich auf derfelsigen Uferhöhe sein Hagestolzhaus errichtete, ganz undgar, wie es ihm seine Sonderlingslaune eingab.

Die Hofbesitzer der Umgebung hatten dazumal wohl oftden Kopf geschüttelt über die kostspielige und unwirtschaftlicheAnlage des Gutshofes. Aber den alten Opterberghatte seine Sach’ just so, wie sie war, gefreut, ohne daßer ahnen konnte, wie sehr sie erst den einen seiner Erbenjust so, wie sie war, erfreuen würde. Vom Blute desalten Oheims, der nicht gern nach Nützlichkeiten fragteund rechnete, war auch in Arnold Opterberg, dem Gattender Frau Christiane, und es war in erheblichem Maßein ihm.

Der Knecht hatte schon einige Male stürmisch mit derPeitsche geknallt, und Frau Christiane war schon mit denKnaben in den erleuchteten Hausflur eingetreten, als HerrArnold Opterberg vom Giebelzimmer die Treppe hinuntergeeiltkam.

Er war ein Mann zu Anfang der Vierzig, von schlankem,ebenmäßigem Bau und breit in den Schultern. SeinKopf zeigte einen auffallend klaren Schnitt, und aus demsonnenbraunen, von blondem Haupthaar und weichem Barte[S. 34]umrahmten Gesicht blitzten die blauen Augen um so hellerund feuriger hervor.

»Willkommen, ihr Weltreisenden, willkommen!« und seineStimme drang wie ein warmer Strom in die Herzen undüberwältigte sie, ohne sie lange zu befragen. »Ihr seidmir die rechten Pfingstwöchner, ihr! Bis zur allerletztenNeige den Ferienbecher auszutrinken, ob der Gatte undVater daheim verhungert und verdurstet!« Und schon wiegteer Frau Christiane, während er sprach, in seinen Armenhin und her.

»Du bist nicht verdurstet, Arnold.«

»Bin ich’s nicht, so gebührt nicht dir der Ruhm, du erzieherischesGewissen. Aber Frau, so gib mir doch denMund frei—«

»Der Christoph Attermann ist hier und bleibt.«

»Ah,« sagte der Hausherr. »Ich vergaß — in derWiedersehensfreude.« Und er entließ Frau Christiane ausseinen Armen und wandte sich mit ausgestreckten Händendem blassen Jungen zu. »Christoph, lieber Kerl, das warein harter Schlag. Aber unter den harten Schlägen wirderst das Eisen zu Stahl, und wir haben alle den Rückenherhalten müssen.«

Er sah ein stilles Lächeln auf Frau Christianes Lippen,brach ab und schob ihr den Buben zu. »Laß dich nur vonihr betreuen. Sie tut’s ja nun mal nicht anders, als dieHand über uns halten.«

»Ich bring’ die Buben auf ihr Zimmer, Arnold. Siesind müde und müssen morgen zeitig zur Schule fahren.Da gilt’s noch einen Überblick tun.«

[S. 35]

Arnold Opterberg hatte mit raschem Griff seinen SohnMartin an sich gezogen, und der Knabe drückte sich fest indes Vaters Arme. »Schade, mein Junge, ich hab’ einpaar fröhliche Gäste im Haus. Aber die Mutter wird sichnicht umstimmen lassen. War’s schön in den Bergen?«

»Wunderschön…«

»Morgen! Morgen!« rief Frau Christiane, winkte denMägden, die wartend in der Küchentüre standen, und eiltemit ihnen und den Knaben die Treppen zu den Schlafkammernhinauf.

»Christiane, es sind Gäste im Haus —!« rief der Hausherrhinter ihr drein.

»Wo sitzt ihr? Im Giebelzimmer?«

»Du hast es erraten!«

»Vergiß nicht, eine Flasche Wein anzubieten, bis ichkomme—«

Arnold Opterberg blickte noch in die Höhe, aus der dieStimme gekommen war. Dann hörte er droben die Türenklappen. »O du Heimtückerin!« lachte er in sich hinein,»als ob du nicht längst schon wüßtest, daß wir an derzweiten sind — an der zweiten auf jeden Kopf.« Und infrohester Stimmung stieg er die Nebentreppe wieder hinan,die in die hellerleuchtete Giebelstube führte.

Blauer Zigarrendampf quoll ihm in Wolken entgegen,als er die Türe öffnete, und in den Wolken sah er zweiGestalten eifrig sich verbeugen.

»Meine allergnädigste Frau—«

»Sehr verehrte Hausfrau —«

Und er antwortete mit hochgestellter Stimme: »Ich freue[S. 36]mich, solcherlei durch und durch gediegene Männer bei meinemManne vorzufinden.«

Die Gestalten fuhren hoch. Sie griffen nach den Weinrömernund drängten dem Eintretenden entgegen. »Opterberg,Glückskind, sie war es noch nicht, die Hüterin deinesHerdfeuers? Die Schützerin deiner Tugend? Die Bewahrerindeines Weinkellers? Wir haben noch eine Galgenfrist unddürfen sie nutzen? Carpe diem! Nutze den Tag und seinlieblichstes Teil, die Nacht!« Und als die geleerten Römerschon wieder auf der Tischplatte des Einschenkens harrten,zerrte der eine der Gäste am Achselband eine alte Gitarrenach vorn, griff in die Saiten und sang:

»Ich hab’ mein Sach’ auf nichts gestellt; juchhe!

Drum ist so wohl mir auf der Welt; juchhe!«

und der andere fiel ein und hob dem Hausherrn das gefüllteGlas entgegen:

»Und wer will mein Kamerade sein,

Der stoße mit an, der stimme mit ein

Bei dieser Neige Wein!«

Arnold Opterberg stieß mit an und stimmte mit ein.Und zum Gitarrenschlag sangen sie von dem Wein, der aufden Höhen wächst, und von den Mädchen, die im Talewachsen, und immer wieder unterbrach Arnold Opterbergden Gesang und fragte nach dieser und jener, nach derdritten und der vierten, und vernahm in erregtem Staunen,daß sie den untern Weg gegangen seien, einen Mann geheiratetund Kinder gekriegt hätten — o so viele Kinder.»Aber laß dich das nicht anfechten, Bruderherz. Unser geliebtes[S. 37]Düsseldorf ist von unerschöpflicher Fruchtbarkeit, unddie schönen Mädchen drängen sich jahraus, jahrein lieblicherin die Schnürbrust, allen Malersleuten eine Augenweide.Und sie suchen nach dir und fragen nach dir, vom RatingerTor bis zu den verschwiegenen Waldwinkeln Gerresheims:Wo steckt der Arnold Opterberg, der mit dem Rubenskopfund dem Rubensfeuer? Wer sagt uns Verlassenen undFrierenden, wo der heiße Sonnengott Düsseldorfs hingeratenist?«

»Schwindelt nicht. Vor fünfzehn Jahren lagen sie nochin den Windeln.«

»In den Windeln? Du bist verbauert, Opterberg. SolcheMädchen liegen niemals in den Windeln. Sie entspringenihren Müttern, die sich nach dir gesehnt haben, wie Liebesgedanken,wie—«

»Schweigt. Ich schenke euch auch ohnedies ein. Ja, schönwar es, schön war es.«

»Schön? War es? Es ist schön, Opterberg, und wirdalle Tage schöner! Sobald uns die ersten, schüchternen Lorbeerblättleinhinter den Ohren hervorwuchsen — und siewuchsen, Opterberg, zu ganzen Kränzen wuchsen sie, undall die lieben weißen Händchen steckten Rosen hinein. Rosenüber Rosen. Erst dann ist der Lorbeer schön.«

»Habt ihr davon geerntet?« fragte der Hausherr zweifelnd.»Es muß bei Nacht gewesen sein, denn ihr stahltdem lieben Herrgott den Tag.«

Ein Ton des Bedauerns ging von den Gästen aus.

»So weit also ist es mit dir gekommen, Opterberg, daßdu meinst, der Pinselstiel müsse Schwielen in den Händen[S. 38]hinterlassen? Wollen wir uns den Professorentitel an denLeib arbeiten und als Lichter auf dem Leuchter stehen, damitalle Welt uns erkennt und uns mit ihrer Hochachtungdie tausend kleinen und großen Freuden unseres Lebensverkümmert? O du Abtrünniger, der klingende Erfolg, derkommt mit Naturnotwendigkeit wie der Blitz, wenn die Luftam dicksten ist. Gott verläßt keinen Maler. Und wenn’sdann in Strömen gießt, stellen wir unsere Regentonnehinaus.«

Arnold Opterberg reckte den Arm über den Tisch. Ergriff nach dem Glas. »Düsseldorf soll leben!« und dasWort verschlug ihm fast die Stimme.

»Soll leben, soll leben!« jubilierten die Gäste. »Wer esnur immer in solchem Weine leben lassen könnte. Opterberg,Opterberg, wären wir du, wir schmissen die Hackestieloben auf den Kartoffelacker, versilberten den ganzen Kramund kauften uns einen Malerhut. Denke, wie wonnesam esschon mit leerem Geldbeutel war, denke, wie unaussprechlichschön es erst mit einem straffen Beutel voll Zechinenwerden wird. Freundesarme, Mädchenherzen, alles öffnetsich dir entgegen — und die Kunst hat dich wieder.«

»Eure Kunst — das Leben als einen einzigen Karnevalzu nehmen.«

»War es nicht auch die deine? Hast du sie nicht mitsolcher Meisterschaft betrieben, daß wir anderen armseligeStümper neben dir waren? Liefen dir nicht die Mädchenin hellen Haufen zu, und schlugen sich nicht die Wirte darum,dir ankreiden zu dürfen? Ach, Opterberg, dieses ›KönigWikking sein‹ auf allen Meeren des Lebens, immer den[S. 39]Enterhaken in der Hand. Segel in Sicht, Kapitän, backbordvoran! Stolze Fregatte oder niedliche Brigg? Einerlei!Alle Segel hoch! Drauf und dran! Und dann dasLösegeld—«

»Wenn ihr nur,« lachte Arnold Opterberg fliegendenAtems, »mit dem Pinsel halbwegs so malen könntet wiemit dem Maule! Aber malt nur weiter! Malt alle Regenbogenfarbenin die Luft! Es behagt mir schon, es behagtmir, und morgen sind sie mit dem Wein verdunstet.«

»Nein, Opterberg, sie sind echt, so echt wie wir selber,und mehr kann kein Mensch von sich und seinem gutenStern verlangen, als sich die Dinge in den persönlichstenSehwinkel rücken zu dürfen. Hat das Leben eine Berechtigung,uns wie Narren zu behandeln? Oho, umgekehrtwird ein Schuh draus. Wir packen den Gaul beim Kopfeund sitzen kopfüber auf. Mag er rennen, wir reiten! Wohinist einerlei. In die Freiheit geht’s immer, in die Freiheitund die Freude. Und du, Opterberg, was tust du?Es hat den hohen Herrn in einer Laune gelüstet, eineandere Maske vorzubinden, als biederer Landmann dieDunggabel zu schultern und die Felder zu bestellen und amFeierabend Weib und Kind und Ingesind das tägliche Brotvorzuschneiden. Menschlein, Menschlein, man hat dich falschberaten, die Maske steht dir nicht, der Löwe ist ein Fleischfresserund kein Körnerbeißer, das sagte dir schon der seligeBrehm. Quousque tandem, Catilina? In der Vollkraft derJahre — wach auf und erkenne dich selbst!«

In dem rotbraunen Gesichte Opterbergs blitzten die Augenwie helle, heiße Flammen. Die Ellenbogen aufgestemmt,[S. 40]saß er und lauschte. Vor ihm gaukelten die Bilder derErinnerung. Eine lange, lange Kette. Eine Kette —? EinRosengewinde war’s. Ein Rosengewinde. Die Kette kamspäter. Nein, doch nicht. Was war’s denn? Farbe bekennen,Farbe.

»Alles gut, alles gut,« rief er in den Stimmenschwall.»Aber von der Hauptsache redet ihr nicht. Talent muß derKünstler haben, Talent, wenn er schon die übrige Welt alsKegelschub behandeln will. Oder besser noch: Genie! Ichhab’s nicht. Nicht das eine und nicht das andere. Ja,wenn ich es hätte, wenn ich es hätte…«

Die Gäste wehrten ihm sprachlos mit den Händen. OffenenMundes sahen sie ihn an, wie man einen Kranken, einenVerstörten anzusehen pflegt. Dann redeten sie wirr durcheinander.

»Du kein Talent? Weil du bisher keinen Gebrauch davonmachtest? Weil du in aller Ruhe das Weltbild in dirreifen ließest, statt dich als Wunderknabe zu verzetteln?Weil du die seligsten Jahre in dich hineintrankst, um zunächsteinmal die eigene Seele aufzufüllen, bevor du dichan die Auffüllung der anderen Seelen heranmachtest? Werwar wertvoller, du oder das Philistergehumpel? Du keinTalent? Hast du denn überhaupt schon mal in den Spiegelgeschaut? Herr Gott noch, mit solchem Kopf, und mit solchenAugen erst, malt man sich schon das Glück aller Erdteileauf der Leinwand der Welt zusammen, ohne auch nur einenGroschen für eine Farbentube zu verschwenden.«

»Unsinn redet ihr, Unsinn!«

»Weshalb hörst du denn unserem Unsinn zu mit Augen[S. 41]wie ein kreisender Habicht? Weil du spürst, daß das, wasfür einen Schafbock Sinn bedeutet, für einen Steppenhengstden unverfälschtesten Unsinn darstellen würde. Weil du dieFrühlingsluft witterst und die Luft der Freiheit, die einzigeLuft, die Menschen deines Schlages zuträglich ist. Opterberg,uns hat in diesem schönsten aller Frühlinge dein guterGeist hergesandt. Ermanne dich, und wär’s nur zu einerProbe aufs Exempel. Heraus aus der Maskerade. Herausaus dem Bauernkittel, und in die Wanderstiefel hinein.Schließ dich uns an, Bruderherz, zu dritt über die Pässe,fahr wohl, züchtig vernebeltes Nordland, gegrüßt, du paradiesischseliges Land Italia! Opterberg, Opterberg, zehnEide gegen einen: die Kartoffeln wachsen hierzuland auchohne dich, und deine fürtreffliche Hausfrau wird feierlichzum Reichsverweser und noch feierlicher zum Reichsschatzkanzlerernannt.«

»Grüß Gott, ihr Herren, grüß Gott! Ja, aber — wieist mir dann? Schaut Arnold Opterbergs Eheliebste garso grauslich aus wie ein herbes Erdenweib, daß es Sieaus allen Himmeln reißt?«

Mitten im Giebelzimmer stand Frau Christiane, das strohgelbeHaar in breiten Flechten um den Kopf gewunden,und lachte aus ihren klaren, blauen Augen den Männernlustig ins Antlitz. Noch immer hockten die fremden Gästewie verschlagen auf ihren Plätzen und starrten dies Bildder Frauenkraft und Frauenfröhlichkeit an.

»Mann,« sagte Frau Christiane und fuhr Arnold Opterbergschmeichelnd durchs Haar, »willst du mir nicht deineFreunde mit Namen nennen? Oder muß man berühmte[S. 42]Künstler gleich nach dem Gesicht erkennen? Dann bitt’ ichzu entschuldigen.«

Arnold Opterberg hatte sich hastig erhoben. »Die HerrenKunstmaler Baltes und Krönlein,« stellte er mit einerkurzen Handbewegung vor, und sein Blick glitt ein wenigmißtrauisch über Frau Christianes fröhliche Züge.

Nun waren auch die Gäste aufgefahren, dienerten undstolperten ein paar Worte hervor, und Frau Christianesah lächelnd ihren Mann an, trat auf sie zu und reichteihnen die Hand.

›Wie zwei Zitterespen neben einem blühenden Lindenbaum‹,fuhr es Arnold Opterberg durchs Hirn. ›Weshalbmußten die hageren Gesellen eine so schlechte Figur machen?‹Dann horchte er auf.

»Ich wollt’ Sie in Ihren übermütigen Künstlerspäßengewiß nicht stören,« sagte Frau Christiane, »aber wie ichso die ganze Zeit vor der Türe saß und mich über IhrenMutwillen immer mehr noch verlustierte, da stieg mir miteinemmal das Vergnügtsein von unten herauf so unbändigin die Kehle, daß es mich fast verraten hätt’, und so binich schleunigst aufgesprungen und eingetreten. Das heißt:wenn Sie mich hierbehalten mögen. Eine Spielverderberinbin ich nimmer.«

»Ihr beiden!« donnerte Arnold Opterberg seine Gästean. »So macht doch wenigstens nicht so erschreckend geistvolleGesichter! Heraus mit eurem Flederwisch! Sagt euerSprüchlein noch einmal auf!«

Die Maler hatten sich wiedergefunden. Sie schwenktenihre Taschentücher aus den Röcken und wischten sich mit[S. 43]den Tüchern die Augen, als ob sie Lachtränen entfernenmüßten.

»Sie haben Geist, gnädigste Hausfrau, und Sie habendie Güte des Geistes, den Humor. Wahrhaftig? Alleshaben Sie mit angehört? Alles? Und sich augenblicklichgesagt: Da spricht der Wein aus Männerkehlen?«

»Ich hab’ mir noch mehr gesagt,« lachte Frau Christianesie an. »Ich hab’ mir gesagt: Da hat der Arnold alsrichtiges Mannsbild den Gästen nur zu trinken gegebenund nicht zu essen. Kein Wunder, daß die Gedanken Kobolzschießen müssen, wenn ein handfest Abendbrot ihnennicht die notwendige Erdenschwere gibt. Wir wollen’s nachholen,meine Herren, aber nicht hier im blauen Zigarrenrauchund Geisterqualm, sondern drunten im frischen, weißenEßzimmer.«

Ohne eine Widerrede zu beachten, nahm sie des einenGastes Arm und schritt mit ihm die Treppe hinab, plauderndund fragend. Und Arnold Opterberg bot mit einertiefen Verneigung dem anderen Gast den Arm, grinste ihnan und führte ihn zur Treppe.—

Das kräftige ländliche Mahl mundete ausgezeichnet. Auchhatte Frau Christiane einen vortrefflichen, goldgelben Badnerweinheraufholen lassen und kargte nicht mit Zugießen.Aber die Kosten der Unterhaltung hatte sie dennoch fastallein zu tragen, denn die Gäste fühlten, daß sie sich inder blitzblanken Sauberkeit des Raumes und vor der blitzblankenSauberkeit des Frauengeistes um ein erheblichesfragwürdiger vorkamen als in der durchräucherten Trinkstubeund dem zügelfreien Großsprechertum. Neben der[S. 44]Leibesfrische Frau Christianes erschienen sie ungepflegt, undwenn auch der abgewetzte Anzug bei einem Studienfahrerangebracht oder doch zu entschuldigen war, so durften dievielerlei Flecke, Wein- und Tabakspuren doch immerhinfehlen. Das sagten sich die Gäste je länger, je mehr, undsie warfen nur heimlich aus den Augenwinkeln stumme undbewundernde Blicke auf die munter plaudernde Hausfrau.

Als ein Stündlein später Frau Christiane die Tafel aufhob,meinte sie freundlich: »Sie bleiben natürlich überNacht. Ein Gasthaus gibt’s nicht in der Nähe. Aber frühaufstehen müssen Sie. Auf dem Lande beginnt der Tagmit der Sonne.«

»Wer so glücklich wäre, gnädigste Frau, auf dem Landezu leben.«

»O, da hätt’ ich einen Vorschlag. Bleiben Sie ein paarTag’ und helfen Sie uns aus. Dadurch, daß ich mit meinenBuben die Bergfahrt hab’ machen müssen, ist noch ein gutTeil Land mit Spätkartoffeln zu bestellen geblieben. FreieHerberg und Verpflegung, Wein und Tabak hinzu; undfür drei Tage Arbeit den Rest der Woche zum Studienmalen.Lockt’s?«

»Es lockt, gnädigste Gutsherrin, oh es lockt…«—

Frau Christiane befand sich mit ihrem Manne in demgroßen Schlafgemach. Sie stand mit aufgelöstem Haar inHemd und weißgefaltetem Rock, badete sich im eiskaltenWasser Gesicht, Brust und Hände und begann das Haarzu bürsten und neu einzuflechten. Arnold Opterberg gingmit unruhigen Schritten hinter ihrem Stuhle auf und ab.Plötzlich blieb er stehen.

[S. 45]

»Du hast also wahr und wahrhaftig vor der Türe —zugehört, Christel?«

»Wahr und wahrhaftig, Arnold. Du könntest auch horchensagen.«

»Weshalb kamst du denn nicht herein? Wäre das nichtpassender gewesen?«

»Es ging nicht, Arnold. Siehst du, vor der Tür, dakonnt’ ich mir noch einbilden, ich säße im Theater und hört’mir einen tollen Schwank an. Wäre ich aber eingetreten,so hätt’ ich mitspielen müssen, und dazu waren mir schonzwei Clowns zu viel da.«

Er lachte kurz und belustigt.

»Ein Körnchen Wahrheit war trotzdem in ihren Reden,«begann er von neuem.

Sie wandte sich halb nach ihm und streckte mit einerstillen und zärtlichen Bewegung den Arm nach seiner Schulter.

»Du hast in dem Wirrwarr des Giebelstübchens vorhinein hübsches Wort gesagt, Arnold. Als du von den vorgezaubertenRegenbogenfarben sprachst. ›Morgen sind siemit dem Wein verdunstet.‹ Weißt du, so wollen wir unsbeim Morgenlicht auch nach dem Körnchen Wahrheit umsehen.Aber ein anderes, bevor wir schlafen gehen. Waswar’s mit dem Schmid Attermann?«

»Er ist von der Klinik weg und bei Breisach in denRhein, wie ich es dir nach Splügen drahtete. Er wollte,als er erfahren hat, daß er unheilbar sei, seine paar Ersparnisselieber seinem Jungen hinterlassen als sie verdoktern.Bei Kehl erst hat man die Leiche herausgefischtund gleich eingegraben.«

[S. 46]

»Er trug wohl seine Brieftasche bei sich, daß man seinearme Person gleich vermocht’ festzustellen?«

»In ein Stück undurchlässiges Leinen gewickelt, daß dasWasser nicht herankonnte. Er hat an alles gedacht. Auchan einen Zettel, worin er dich und mich mit der Vormundschaftbetraut.«

»Er soll sich in seinem Zutrauen nicht geirrt haben, derÄrmste.« Sie erhob sich und umhalste ihren Mann. »DerChristoph ist nun unser Sohn und bleibt. Gelt, du? Und —gute Nacht.«—

Es war sechs Uhr morgens, als die beiden Knaben zurnächsten Bahnhaltestelle abmarschierten, um mit dem Frühzugedie Gymnasialstadt zu erreichen. Frau Christiane standauf dem Hof inmitten ihres Federviehs und winkte ihnennach. Just kam der Hausherr aus der Stallung herübergeschritten.

»Der Franzel hätt’ sie auch mit dem Wagen hinfahrenkönnen, Christiane.«

»Wär’s nicht verkehrt gewesen, Arnold? Das gemächlicheWagenfahren schafft den Buben keine richtigen Muskeln,wohl aber ein falsch Bewußtsein. Und den Franzel hab’ich überdies zum Kartoffelsetzen nötig wie alle Händ’.«

Sie hielt überrascht inne.

»Ei, da hab’ ich aber einmal voreilig von den MenschenBöses gedacht. Da kommen ja schon deine Malersleut’aus dem Haus und melden sich zur Arbeit. Hierher! Hierher!Grüß Gott! Das nenne ich ein pünktlich Manneswort.«

Die Gäste kamen heran, den Hut in der Hand.

»Meine gnädigste Hausfrau, wie gern, wie gern wäre[S. 47]ich Ihrem Rufe gefolgt. Aber beim ersten Morgendämmernerhielt ich ein dringliches Telegramm, das mich zu wichtigenkünstlerischen Verhandlungen hinüber nach der Schweizberuft.«

»Und da mein Freund,« fuhr der zweite fort, »ein Kindin geschäftlichen Dingen ist, so muß ich wohl oder übel anseiner Seite bleiben. Ich bin Ihrer Zustimmung sicher.«

Frau Christiane stutzte nur einen Augenblick. Das nächstgelegeneTelegraphenamt begann erst um sieben Uhr frühseinen Austragedienst, und jetzt war es sechs Uhr morgens.Der leichte Ärger aber, sie gerade töricht genug für solchenHokuspokus zu halten, verflog, wie er gekommen war.»Mein Gott,« sagte sie und reichte den Reisenden lachenddie Hand, »da schaut man erst, was für berühmte Herrenman beherbergt hat, für die eigenst die Telegraphenbotenvor der Dienstzeit laufen. Also glückliche Reise dann undein freundlich Erinnern.«

Arnold Opterberg gab den Freunden bis zur Landstraßedas Geleit. Frau Christiane sah ihn, während er nebenihnen einherschritt, mit der Reitgerte den Stiefelschaftschlagen. Da wußte sie, daß er grimmig war und dieDüsseldorfer keine Lieblichkeiten zu hören erhielten.—

Fleißig wurde die Woche geschafft. Arnold Opterbergwar mit den Knechten auf den Feldern, und er legte selbstHand an, wo es nottat, ja er schaffte bisweilen über Gebühr,als wolle er von einem Gedanken los oder ihn betäuben,und kam zum Feierabend dampfend und rotgebrannt,aber mit unruhigen Augen ins Haus. Frau Christiane,die mit den Mägden die Gemüsegärten bestellte und die[S. 48]Milchkammer versah, merkte seine Unrast wohl, und bemerktenicht minder, daß er nach überheißem Tagewerk imHause heimlich in den alten Truhen stöberte, Mappen undLeinwandrollen heraussuchte und sie in seine Giebelstubeverbrachte.

In der zweiten Hälfte der Woche wich sein Arbeitsübereifereiner gereizten Arbeitsunlust. Wohl ging er in derMorgenfrühe mit den Knechten hinaus und wies ihnenihre Aufgaben. Er selbst aber warf sich auf irgendeinemHügel unter einem blühenden Baume ins Gras und starrtein die blauenden Fernen, wo Himmel und Erde geheimnisvolllockend ineinanderflossen. Wie ein bebender Rauschlag der Frühling über der Welt und bebte in Arnold OpterbergsBlut.

Es war Abend, und das Sonnenlicht wollte nicht weichenvon der blühenden, duftenden Erde. Frau Christiane hatteihren Gatten früher als sonst zum Giebelzimmer hinaufsteigensehen, und nach einer Weile folgte sie ihm nach.Sie fand ihn über den Studien und Entwürfen seinerlängst vergangenen Malerzeit.

»Hältst du Heerschau ab, Arnold? Der Abend ist soweich wie eine Jugenderinnerung. Laß mich teilhaben.«

»Ich habe die Seite meiner Jugenderinnerungen vorzeitigabgeschlossen und befinde mich seitdem im Zustandeder Zahlungsunfähigkeit. Warum, Christiane, warum?«

Sie war neben ihn getreten, und während sie mit ihmauf die farbenbunten Studien und Entwürfe blickte, hattesie den Kopf kaum merkbar an seinen Arm gelehnt.

»Vorzeitig abgeschlossen?« wiederholte sie. »Ich glaube[S. 49]gar, mein alter Arnold ist eitel geworden und will vonseiner Frau Schmeicheleien hören. O du liebes Menschenkind,du warst bei aller Wildheit immer die ehrlichste Naturund weißt deshalb gar wohl, daß du dein vollgerütteltMaß an Jugenderinnerungen in die Scheuer gebracht hast,mehr als ein Dutzend anderer Männer insgesamt.«

»Du lenkst ab, Christiane,« sagte Arnold Opterberg rauh.»Was ist mir an dem Rudel toller Häsinnen gelegen, diemir über den Weg sprangen. Wollt’ ich darauf mein Augenmerkrichten, ich könnt’ sie heut wie damals springen sehen.Ich meine die Jugenderinnerungen des Künstlers.«

»Nenn sie mir, Arnold.«

»Nennen. Nennen. Dafür gibt’s keine Worte. Das mußman fühlen. Kannst du das Gefühl der Freiheit, der unbedingtenSelbstbestimmung über Raum und Zeit in Wortefassen? Das einzige, was den Menschen zum Herrn derSchöpfung macht? Ich habe es mir in einem Augenblickder Kopflosigkeit eingehandelt gegen eine fette Pfründe undlaufe seitdem mit hunderttausend anderen Weidetieren imKreis rundum auf derselben Wiese, statt mit einem Juchheidrüber hinwegzuziehen.«

Ihr Kopf zitterte ein wenig an seinem Arm. Dann warsie wieder die ruhige Frau Christiane.

»Auch die Weidetiere haben ihren Zweck und Nutzen imHaushalt Gottes, Arnold, sicherlich einen größeren als derKuckuck, der nur den Frühling ausruft und sich vor derArbeit verflüchtigt, oder der Wanderfalke, der nur zur gutenJagd durchs Revier streicht. Werde nicht unwillig, Arnold,es ist ja nicht das erstemal, daß wir unsere Gedanken aufklären[S. 50]müssen, wenn ich auch nach den letzten Jahrenglauben durft’, wir wären aus dem Sturm und Dranghinaus und in einer klaren Sonnenluft. Siehst du, wennich nun solche Leut’ wie unsere letzten Sonntagsgäste vonder Freiheit der Kunst reden höre, so mein’ ich halt immer,sie schlügen wie der Fuchs einen Staubwirbel mit demSchweif, um von der Fährte abzulenken, und riefen ›Kunst‹und meinten die Freiheit des Lebenswandels. Ach, Arnold,wie viele laufen hinzu, um sich einmal so recht von derLeine aller Pflichten zu lösen, ob sie berufen sind oder nichtberufen.«

»Und ich war, wenn ich deine Schlußfolgerung vollende,nicht berufen.«

Sie hob den Kopf und sah ihm lächelnd in die blitzendenAugen.

»Du warst zur Betätigung der Freiheit berufen, du Krafthuberdu. Sind die großen Künstler frei? Sie wandernunter dem Kreuz ihrer Aufgaben, das mit der Länge desWeges und der Höhe des Ruhmes schwerer und schwererwird, oder unter der Peitsche ihres Ehrgeizes, der freudeblindund neidisch macht und zum Knecht des Erfolges.Du hättest zu den ersten nicht getaugt und noch wenigerzu den letzten, und für die vielzuvielen erst, die die Kunstnur als Vorwand zum stromern, bechern und borgen nehmen,dazu warst du weiß Gott zu schade.«

Arnold Opterberg wandte hastig den Kopf, aber sie legteihm die Hände um die Schläfen und zwang ihn sacht, siewieder anzusehen.

»Darum, Arnold, darum, weil du ein Freiheitsmensch[S. 51]bist, gehörst du in die Sonne, in Sturm und Wetter hinausund als Herr auf deine eigene Scholle—«

»Um meinen Kartoffelacker zu bauen. Ein begeisterndDing.«

»Ach, Arnold, wie mich dies Wort freut, denn es istnicht von dir, sondern von den beiden Arbeitsscheuen, dieReißaus nahmen, als sie die Hände rühren sollten.«

»Christiane,« verwies Arnold Opterberg rauh, »sie habendich um keinen Pfennig angeborgt. Darum hast du keinenGrund, ihre glückliche Lebensart zu schmähen.«

»Es ist wahr,« gestand sie freimütig zu, »sie haben sichin ihrer Art nicht schlecht aufgeführt. Aber sie leben vonder Hand in den Mund, lassen den Herrgott und den Zufallfür sich sorgen und stellen die Regentonnen heraus,wenn’s Kleingeld regnet. War’s nicht so? Nein, Arnold,du bist ja viel stolzer, als du zugestehst, und es macht dirnur zeitweilig Spaß, unter den Hofnarren den König zuspielen. Spiel ihn, und im übrigen wollen wir unseremGeschick dankbar sein.«

»Dem Geschicke in der Person des Oheims Opterberg.«

Sie löste sich unmerkbar von ihm und blickte wieder aufdie farbenbunten Studien und Entwürfe.

»Der Oheim Opterberg,« sagte sie leise und ruhig, »schenktemit seinem Tode und seinem Erbe dir die Rettung undmir das Glück in meinem Pflichtenkreis. Glaubst du dichim Glück verkürzt, so war es meine Schuld und nicht seine.«

»Christiane!«

»Laß es mich nur zu Ende reden. Du warst der Sohnseines Bruders, und ich die Tochter seines Vetters. Auch[S. 52]mein Vater war ein Opterberg vom Niederrhein, und erheiratete eine süddeutsche Frau und war seit langem imbadischen Oberland angesiedelt, als er dem Oheim OpterbergGastfreundschaft gewähren durfte. Uns beide, dich undmich, hatte der Oheim zu Gesamterben eingesetzt. Mich,weil er mich als Landwirtin kennen gelernt hatte. Dich,weil auch du auf einem Gutshof aufgewachsen seiest undder Erblasser, so heißt es im Testament, von deiner Begabungfür die Landwirtschaft mehr halte als von deinerLiebe für das Malerleben. Ich fuhr zu dir nach Düsseldorf,um dir trotzdem die Auszahlung deines Teiles anzubieten—«

»Und ich nahm das Ganze. Mit totem und lebendemInventarium. Und das handfeste, flachsblonde Mädel dazu,ob es wollte oder nicht. Komm her, Christiane, gib mireinen Kuß. Ich habe das Frühlingsfieber und einen wildenHunger dazu. Ruf die Buben zum Abendbrot.«—

Noch war der Druck nicht aus der Luft, so sehr sich auchArnold Opterberg Mühe gab, sich zu verstellen. Wiederund wieder kam er im Gespräch auf die beiden lustigenKumpane zurück, die nun als Freiherren das Land Italiendurchzögen, das Geld verachteten und im Anblick der Kunsterschauerten trotz ihrer fleckigen Röcke und ihrer Bänkelsängergitarre.

Am Sonnabend kam ein Knecht, der im großen Gasthofdes nahen Schweizerstädtchens für Frau Christiane eineLieferung zu machen gehabt hatte, und er erzählte seinerAuftraggeberin einen Schnurren von zwei Malern, diedrüben im Gasthof Schlag neun Uhr abends auf die Bühn’[S. 53]träten und zum Gaudi der Gäst’ nix als Unfug trieben.Und es wären die letzten Sonntagsgäst’ des Herrn Opterberggewesen. Er hätt’ sie im Wirtszimmer hinter demKrügel erkannt.

Da lachte Frau Christiane in sich hinein, gebot demKnecht, gegen den Herrn zu schweigen, und war guter Dinge.

Als die Buben aus der Gymnasialstadt heimgekommenwaren und Arnold Opterberg unruhiger als sonst, weilder freie Sonntag nahte, zum Fenster hinausschaute undeinen Marsch auf die Scheiben trommelte, meinte FrauChristiane leichthin: »Es war eine harte Woche, und eslohnte sich schon, zur Aufmunterung des Bluts ein wenigins Schweizerische hinüberzugehen. Wär’s dir recht, Arnold?Es sollen allerhand lustige Hanswürste im Gasthofzum Adler auftreten. Die Buben könnten mit uns.«

Arnold Opterberg schloß seinen Trommelmarsch mit einemWirbel. »An die Pferde!« rief er. »Aufgesessen! Wirreiten!« Und mit langen Schritten, die Buben mit sichziehend, eilte er ins Freie.

Lustig plaudernd marschierten sie zu viert durch denFrühlingsabend den Rhein hinauf der alten hölzernenKapellenbrücke entgegen, die über den brausenden Stromhinüber zum Schweizer Ufer führte. Die Knaben erzähltendem Vater von den Rheinquellen an den Gletscherbrüstenund berichteten wichtig von ihren großen und kleinen Bergabenteuern.»In Reichenau war auch der Professor Barthelmeß,weißt du, der Kirchenbauer und Bildner, mit Frauund Kindern, und die Mutter sollt’ die Zeche zahlen fürdie Fremden.«

[S. 54]

»Barthelmeß?« fragte Opterberg. »Kenn’ wohl seinenNamen. Aber du scheinst Glück zu haben mit den Künstlern,Christiane.«

Sie schüttelte leicht den Kopf. »Im heutigen Deutschlandlebt fast ein jed’s über seine Verhältnisse. Die Künstlerwerden dadurch nur um ein Mehr verleitet.«

»Aber sie sollen auf ihren Stolz achten und sich nichtals Schnorranten aufführen,« schloß Arnold Opterberg.

Sie saßen im Saal des Schweizer Gasthofes, und dieBürger des Städtchens bemerkten das schöne und aufrechtePaar mit den wohlgezogenen Buben in ehrlicher Freude,und es war ein achtungsvolles Grüßen von allen Seiten.Arnold Opterberg sonnte sich in dieser hohen Achtung,trank in gewinnender Haltung den angesehenen Bürgerndes Städtleins zu und horchte nur zerstreut auf die ältlicheSängerin, die auf der Bühne Alpenlieder trällerte,und auf die Reden des Zauberkünstlers, der ein geehrtesPublikum um goldene Uhren bat. Dann aber fuhr er auf.»Deutsche Schnellmaler auf dem Wege nach Italien!« hatteder Mann am Klavier gerufen. Und schon tollten überdie Bühne zwei hagere Gestalten, rissen sich den Hut vomKopf, rührten Farbe darin an, zogen ein ellenlanges undzerschlissenes Sacktuch hervor, spannten es vorsichtig übereinen Rahmen, und während der eine unter verzücktenSprüngen zu malen begann, schob der andere langsam dieNase durch die Kehrseite der zerschlissenen Leinwand, schobStirn und Augen nach, die Ohren und das stoppelige Kinn,bis das ganze Angesicht ernst und würdevoll aus der Leinwandblickte wie ein frisch gemaltes Ölbildnis. Breit fuhr[S. 55]der Maler mit dem Firnispinsel über das ganze Bild. Eszuckte nicht mit der Wimper. Und unter dem tobendenGelächter des Publiku*ms legte der Maler einen Rahmenum das Bild, trat seitwärts, wies mit der Linken erhabenauf sein Werk, mit der Rechten untertänig auf sein Herzund nahm dankend einen Schoppen Wein aus dem Zuschauerraumentgegen. Da rollten des Bildnisses Augen,da verzerrte sich sein Mund, da streckte es heischend dieZunge — und das Bildnis begann zu reden und verlangtein sprudelndem Zorn seinen Anteil, bis ihm die Neige desWeines beruhigend in die Kehle floß.

Bevor der Spaß zu Ende war, hatte sich Arnold Opterbergerhoben und mit den Seinen den Saal verlassen.»Deutsche Schnellmaler auf dem Wege nach Italien!«klang ihm die Stimme des Ausrufers noch in den Ohren,als schon die Planken der Rheinbrücke unter seinen Füßenkrachten. Diese Großredner der Kunst! Diese Herrgottstagediebe!Für einen Schoppen Wein und ein paar Frankenstückezogen sie den deutschen Künstlernamen durch denSchweizer Dreck und sich selber durch die Spottmäuler derSpießbürgergesellschaft, die noch die Wäsche von der Leinenahm, wenn Künstler und andere Vagabunden des Wegeskamen.

Und doch nur ein Spaß, aus ungebändigter Malerlaunegeboren.

Nichts da! Die Kerle waren über die vierzig alt undhatten sich zu bändigen, wenn sie ins Ausland kamen. Derdeutsche Name war doch wohl eine Messe mehr wert alsdie Malerlaune der Baltes und Krönlein.

[S. 56]

»Vater,« sagte neben ihm Martin Opterberg, »die Leut’im Saal haben die Deutschen arg verspottet.«

Himmelherrgott, da empfand es der Bub auch schon.

Arnold Opterberg ging in großen Schritten. War erdoch so weit über das Possenreißen hinausgewachsen anFrau Christianes Seite, daß er die tötende Lächerlichkeitfühlte? Er zog den Arm Christianes in den seinen undschritt wortlos mit Frau und Buben heim.

[S. 57]

3

Die Jahre wurden nicht leichter für Frau ChristianeOpterberg, ob sie auch schneller dahinliefen in der täglichsich mehrenden Fürsorge um Leibes- und Seelenwohl deraufschießenden Knaben. Unbemerkt zwar waren die einstigenAnfängerarbeiten Arnold Opterbergs wieder in den Truhenverschwunden, und nie hatte des Hausherrn Hand sie wiederans Licht gezogen. Aber ein anderes war geblieben undhatte sich in der Giebelstube eingenistet, und da es keinLärmen machte und den Hausherrn ruhig zur Tagesarbeitfreigab, so war ihm in Güte nicht beizukommen und mußteschmerzlich aber schweigend ertragen werden. Arnold Opterbergsaß abends einsam bei der Weinflasche.

Langsam war es angegangen. Erst bedeutete es nichtsals das Hinunterspülen des Tagesstaubes und des Ärgersüber das Festsitzen auf der Scholle, während draußen dieWelt schöner wurde mit jedem Tag und der Duft derreifenden Felder ein Sausen ins Blut trug und ein aufbegehrendSehnen. Als die Wandervögel schrien und dieErnte von den Äpfel- und Birnbäumen gebrochen wurde,wuchs es täglich an, und als der Herbstwind über dieStoppelfelder klagte und die Wipfel der Bäume, kahlen[S. 58]Besen gleich, in den Regenschauern trauften, verblieb ArnoldOpterberg länger und länger im Giebelturm, saß amFenster und starrte auf die brausenden Wasser des Rheins,der in seinem kristallgrünen Gebirgskleid wie ein rechtesBild der unbezähmbaren Jugendkraft vorüberflog, wandtesich ab, griff zum Glase und suchte in der Ferne die geheimnisvollenHöhenzüge ab, um gedankenverloren wiederzum Glase zu greifen. Während der Winterzeit, die demGutsherrn auch tagsüber mehr an freien Stunden ließ,als es der Gutsherrin lieb erscheinen konnte, hockte er hochdroben neben dem knatternden Eisenofen, las von morgensbis abends in alten und neuen Abenteuerbüchern und erhobsich nur, um in den Keller zu steigen und wählerischeine andere Flasche auszumustern.

Auch diese Stimmungen waren Frau Christiane bei ihremGatten nicht neu, aber sie lagen doch weiter zurück in ihrenersten Ehejahren und hatten sich dazumal bis zu den maßlosenAusbrüchen eines gänzlich unbeherrschten und nie anZucht gewöhnten Geistes zu steigern vermocht. Das warendie Stunden gewesen, in denen Frau Christiane die lebenswarmeNähe ihrer Schaffnerin so wohltuend empfundenhatte, die Christoph Attermanns Mutter wurde und nienachgelassen hatte, ihr auf dem ersten Dornenweg der Ehedie Hände unter die Füße zu legen.

Frau Christiane vergaß nicht, wer ihr Liebes getan hatte,und wenn es auch nicht viel gewesen war und keinerleiAufhebens davon gemacht worden war, sie besaß die seltensteFrauentugend einer Gattin und Mutter: ein tiefschwesterlichesGemüt. Und sie stellte den Dank über die Gabe.

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In diesen Zeiten, in denen bei Arnold Opterberg einRückfall eingetreten schien, verlor die mutige Frau nichteinen Augenblick den klaren Kopf. Sie hatte den Manngenommen, weil er ihr wohlgefiel in seiner Mannesschöneund seinem überschäumenden Frohgeblüt, das in ihr Arbeitsblutden heimlich ersehnten Festtagston hineinzutragen versprach,und da er der Vater ihres Martin geworden war,war die weitere Rechnung für sie gegeben. Nicht modeln,basteln und ändern wollen, wo es an ausgewachsenem Holznichts mehr zu ändern gab, sondern helfen und halten, daßder Wipfel wohl im Winde brauste, aber nicht im Sturmebrach.

»Ich hab’ ihn mir gewählt,« pflegte sie sich zu sagen,wenn ein Schatten über ihre Seele wandern wollte, »undich hatte bei solcher Wahl zu wissen, wer er war. Ichwußte, daß es ein funkelnder Stein war, mit dem sich dieliebe, schwache Eitelkeit aufputzt, und darf nun statt desGlanzes kein wärmend Kaminfeuerchen erwarten. Wollteich nachträglich wegen des Preises hadern, so dürfte füglicher sich als der Betrogene fühlen und nicht ich michgar. Das Beste, was er mir überdies zu geben vermochte,habe ich von ihm: unseren Martin.«

So ergab sie sich mit zunehmender Stärke der Freudean der Entwicklung ihres Sohnes, der der einzige gebliebenwar, und als sie Christoph Attermann ins Haus genommenund ihn dem Sohne zum Kameraden gegeben hatte, wußteihre klarblickende Mutterliebe wohl, daß sie nun einen Teildes Sohnes an den Freund abzugeben hätte, aber sie fühltesich auch an Liebeskraft reich genug, um die beiden Knaben[S. 60]zu einem einzigen Wesen in sich zu vereinen und nun beidezu besitzen.

»Christoph Attermann«, so erwiderte sie auf eine launigeFrage Arnold Opterbergs, »schenkt unserem Martin, wasunserem Buben fehlt und was er im Jünglings- undMannesalter als das verläßlichste Gut empfinden wird:Bruderliebe. Und ich schenke dem Christoph dafür, wasdem Christoph fehlt und was er braucht, um Boden unterden Füßen zu bekommen: Mutterliebe. Ich denke, das istein Austausch, der sich in der Welt sehen lassen kann.«

Und er konnte sich sehen lassen von Anbeginn an. Dasfeurige Roß, das Martin Opterberg zu werden verhieß,wurde von dem ruhig wägenden Christoph Attermannwie von einem getreuen Gespanngefährten zu einem geregeltenSchritt angehalten, während sich hinwieder derkühlere Schlag, den Christoph Attermann darstellte, in allenFällen, in denen es Entschlossenheit galt, von dem heißblütigerenFreund und Bruder bis zur leidenschaftlichenTat emporreißen ließ. So befruchteten sie sich gegenseitig,halfen sich auf Schritt und Tritt mit ihren Gaben undschufen, ohne die Merkmale ihrer Persönlichkeit aufzugeben,einen Ausgleich, den Frau Christiane mit stiller Freudebeobachtete und förderte.

Frei ließ sie die Knaben aufwachsen, die, nun schonSekundaner der Gymnasialstadt, kaum die geheime Zügelführungverspürten, im täglichen Leben mit der Naturihre Natürlichkeit behielten und an den Dingen, die gegensie rannten, ihre Kräfte wetzten und Ecken und Kantenabschliffen. Mußte sie die Buben eines allzu kecken Streiches[S. 61]wegen einmal bei den Ohren nehmen, so geschah es nicht,um sie zu demütigen, sondern um sie nachdrücklich aufdie Forderungen der guten Sitte und eines anständigenBenehmens hinzuweisen.

»Würdet ihr dulden, daß irgendwer durch seine Aufführungeure Mutter beleidigt?«

»Nie!« riefen sie entsetzt und ballten die Fäuste.

»So nehmt euch in Zukunft selbst bei den Ohren, wennihr mich lieb habt. Es ist eine Beleidigung für eine Mutter,wenn die Söhne keine gute Erziehung aufweisen und dieMutter zum Gespött der Leute machen, als besäß’ sie selberkeine.«

»Mutter,« brauste Martin Opterberg auf, »welcherSchmutzmichel hat das gewagt?«

»Mutter,« stieß Christoph Attermann hervor, »wir prügelnihn durch, Mutter.«

Frau Christiane nahm mit der Linken den einen undmit der Rechten den anderen beim Schopf, schob sie mitden Stirnen aneinander und sagte: »Da habt ihr die ersten.«

Verdutzt blickten sich die Knaben in die geweiteten Augen.Dann verstanden sie, rissen sich los von der Mutterhandund fielen mit einem Jubelschrei übereinander her, um sichweidlich das Fell zu gerben. Das ließ Frau Christianemit Vergnügen geschehen.

Von Anbeginn waren die Knaben gewöhnt, was ihreSeelen bewegte, was ihre Freude oder ihren Abscheu erregte,ihre Spottlust wachrief und vor allem ihren Zweifel,vor die Mutter zu tragen.

Die Freuden wurden von ihr in ein höheres Licht gerückt,[S. 62]der Abscheu untersucht und dem Ekel preisgegeben, dieSpottlust vom Spotte befreit und zur Fröhlichkeit gebändigtund die Zweifel ohne jedes Versteckspiel durch Vergleichemit dem Wesen der Natur klipp und klar gestellt, geläutertund behoben.

Nach dem Abendbrot, das schon um sieben Uhr eingenommenwurde, saß Frau Christiane in irgendeinem Winkeldes Hauses oder des Gartens, am liebsten aber auf eineralten Holzbank drunten am Uferwasser des vorbeibrausendenRheines noch lange mit den Knaben und ließ sich aus derWelt der Schulerlebnisse berichten. Oft flog das Gelächterder Erzählenden bis zu Arnold Opterberg und lockte ihnheran, und er kam, sein Weinglas in der Hand, herbeigeschlendertund drückte sich mit auf die Bank. Gern hörteer zu, wenn von den harmlosen und ewig wiederkehrendenSchulabenteuern berichtet wurde, in denen der Lehrer denkürzeren zog, denn der Lehrerstand war seiner Natur einGreuel, und er warf die guten und die schlechten wahllosin einen Topf.

»Zucht ist diesen Bakelschwingern immer gleichbedeutendmit Züchtigung,« knurrte er grimmig.

»Zucht«, stimmte Frau Christiane ihm bei, »kommt vonziehen und nicht von züchtigen her. Öffentliche Prügelbilden immer eine Entehrung und sollten deshalb nur beiEhrlosigkeiten in Anwendung gebracht werden. Gegen Faulheitund Unwissenheit hat man den Lehrer ja gerade mitseinem geistigen Rüstzeug versehen, und die Rüpelhaftigkeitenmüßten vor seiner würdigen Haltung im Keim ersticken.Ein Ansehen muß er sich halt geben können.«

[S. 63]

»Und gegen Dummheit?« reizte Arnold Opterberg. »Wasfür ein Kräutlein ist da wohl gewachsen?«

»Dummheit«, sagte Frau Christiane, »ist eine tieftraurigeKrankheit. Für kranke Kinder aber gibt’s nur Liebe undbeileibe keine Prügel.«

»Ach, Mutter,« rief Martin Opterberg lachend, »bei unsin der Schule pfeift’s aus allen Handgelenken.«

»Seid ihr denn ein solches Gesindel, ihr Buben dort?Sprich du, Christoph.«

»Mutter,« sagte der nachdenkliche Christoph Attermann,»ich glaub’ fast, die meisten der Lehrer denken sich halt sowenig dabei wie die meisten der Buben. Es ist so eineGewohnheitssache.«

»Schöne Gewohnheiten,« sprudelte Frau Christiane, fühlteim Augenblick ihre aufsteigende Heftigkeit und bezwang sichvor den Jungen. »Ich will nur hoffen, daß meine beidenBuben solcherlei Gewohnheiten nicht an sich herankommenlassen. Duckmäusige und verprügelte Hunde sind mir schonunleidlich, geschweige denn — Menschenkinder. Na, gut’Nacht, ihr beiden.«

»Der Schulmeister«, spottete Arnold Opterberg, als dieKnaben sie verlassen hatten, »ist eben ein Wesen an sich undsogar dem lieben Gott über, denn der läßt sich wenigstensnoch herbei, in den Menschen sein Ebenbild zu sehen. EinSchulmeister aber sieht nur sich.«

»Nein, Arnold,« und Frau Christiane schüttelte launigden Kopf, »nun freut’s dich, das Kind mit dem Bad ausschüttenzu können. Es ist mit dem Lehrerstand sicherlichwie mit allen Ständen, nur daß es durch die tägliche[S. 64]Schulstund’ stärker hervorbricht. Die Vorlauten und Überheblichensind allemal die, denen der vollgepfropfte Schulsackdie einzige Bildung bedeutet. Die wahrhaft gebildetenMänner in der Lehrerschaft aber lächeln still über allesangelernte Wissen und sehen in der echten Bildung dieGemüts- und Herzensbildung, die durch Wissen einen Ausdruckfinden kann. Ein innerlich Vornehmer wird es ablehnen,seine Macht oder Laune durch Stockschläge oderMaulschellen zu bekunden.«

Arnold Opterberg schmunzelte. »Also nun erhebe deinesittliche Forderung, Christiane.«

Sie lachte ihm in die Augen und fuhr ihm übers Haar.

»Gut, ich erhebe sie. Ich fordere für den Schulamtsbeflissenenein neues Prüfungsfach, und dieses lautet: Diegute Kinderstube. Besteht er nicht, so ist er nicht zum Erzieher,aber vielleicht zum Hundscherer geeignet. Punktum.«

»Punktum,« wiederholte Arnold Opterberg. »Was füreinen erlesenen Schulmeister habe ich Glücklicher geehelicht.«

Sie saß ganz still in der Schlinge seines Armes, dieWange an seiner Schulter.

»In der Ehe erzieht man sich nicht mehr, Arnold. Mangibt zu und nach, um allzeit das gute Gleichgewicht zuhalten. Darin liegt’s Glück für den Vernünftigen.«

Er preßte seinen Mund auf ihre Haarflechten, ließ seinGlas stehen und ging langsam die Stufen des Gartenshinauf und dem Hause zu.

Am nächsten Abend fand er sich wieder ein, aber dieKnaben fehlten. Frau Christiane rief sie herbei, und sie[S. 65]kamen mit ihren Büchern gesprungen. »Habt ihr so vielheut zu lernen?«

»Für den Konfirmandenunterricht, Mutter.« Und MartinOpterberg zählte auf: »Ein Dutzend Katechismusfragen mitden Antworten, dazu zwei Dutzend Sprüche—«

»Und ein halbes Dutzend Gesangbuchstrophen,« vollendeteChristoph Attermann.

»Und das wollt ihr alles heut noch auswendig lernen?«forschte Arnold Opterberg ungläubig.

»Daß es nur so schnurrt, Vater.«

»Mir wär’s schon lieber,« wehrte Frau Christiane, »ihrlerntet es mehr inwendig als auswendig.«

»Mit dem Herrn Pfarrer ist schlecht Kirschen essen,« gestandChristoph Attermann.

»Ich mag ihn nicht,« entschied Martin Opterberg. »Erist ein Weichling.«

»Martin!« rief Frau Christiane streng. »Was fürRedensarten erlaubst du dir, Bub?«

»Und ein Feigling,« trotzte nun auch Christoph Attermann.

»Ich habe dich nicht gefragt, Christoph,« verwies FrauChristiane nicht minder streng, aber es glitt wie ein blitzschnellesLachen um ihren Mund. »Heraus mit der Sprache,Martin. Was habt ihr gegen euren Pfarrer?«

»Daß er die Knaben mit zweierlei Maß mißt,« sagteMartin Opterberg ärgerlich, »und mit den Aufrechten herbund überheblich und mit den Speichelleckern honigsüß verfährt,das braucht nicht meine Sach’ zu sein und hat jedermit sich abzumachen. Aber daß er vor den Mädchen schön[S. 66]tut und sich vor ihnen ein Ansehen geben will in seinerKörperkraft und Majestät, damit die Gäns’ ihn nur nochmehr verhimmeln und seufzen und glucksen, das ist mir inder Seele zuwider.«

»Ich glaub’ gar,« meinte Frau Christiane erstaunt, »derMartin ist eifersüchtig. Da wollen wir doch lieber denChristoph sprechen lassen. Aber nun bitt’ ich mir einennüchternen Bericht aus.«

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »der Martin istnicht eifersüchtig. Keine Spur. Wir kriegen’s nur mit derScham, und die brennt einen höllisch im Halse, wenn dergroße, starke Mann erst wohlwollend den Mädchen überdie Köpfe streicht und dann plötzlich einen der schmächtigstenKnaben, der just keine Antwort zu geben weiß, herausgreift,ihn über die Bank legt und ihm vor den Augender Mädchen, Mutter, fünfundzwanzig aufzählt, wozuder Bub noch mitzählen muß. Ach, Mutter, und dannschreitet er wie ein gewaltiger Feldherr die Reihen derMädchen ab, und sie drängen sich an ihn, die Gäns’, undküssen ihm gar die Hand.«

»Mein Gott,« lachte Arnold Opterberg in hellster Heiterkeit,»die alten Kniffe.«

Frau Christiane schaute auf ihre Buben, und sie erkanntedie Scham und den dumpfen Knabengrimm und spürtebeides mit in ihrem innersten Herzen.

»Hört mich einmal an, ihr Buben,« sagte sie ganz ruhig,»damit ihr es ein für allemal wißt. Es gibt nur eineSünde, die Unwahrheit. Die Unwahrheit gegen sich undandere. Ein Mensch, der wahr ist, wird immer erkennen,[S. 67]was gut und was schlecht, was schön und was häßlich ist.Und wenn er noch so mancherlei im Leben tut, weil seinBlut heiß ist oder seine Einsamkeit groß, er wird nie etwasaus gemeinen Regungen tun und daß er sich schämen muß.Wie ihr euch aber eurer selbst wegen nicht schämen sollt,so sollt ihr euch noch viel weniger anderer Leute wegenschämen. Und wenn der Herr Pfarr noch einmal einesolche — eine solche Aufzählung vornimmt, so sollt ihr alsmeine saubergehaltenen Buben aufstehn und Zeugnis ablegen:Wir wollen das nicht ansehen, und unsere Mutterhat’s uns verboten.«

Frau Christiane spürte, wie ihr der Atem schwand. Vonlinks und von rechts hatten die Knaben sie umhalst undküßten ihr zu endlosen Malen die Wangen. Da fühlte sienoch tiefer und bewußter, wie ihr Blut eins war mit denKnaben, die sie mit derselben Muttermilch gesäugt hatte.An diesem wortlosen Ausbruch fühlte sie es.

»Und nun sputet euch und lernt eure Katechismusfragenund eure Bibelsprüch’ und Gesangbuchstrophen. Wer einenStolz will, muß doppelt seine Pflicht erfüllen.«

Arnold Opterberg erhob sich. »Jungens,« rief er denDavonspringenden nach, »die Mutter meint natürlich nicht,daß ihr nun vierundzwanzig Katechismusfragen und vierundzwanzigBibelsprüch’ auswendig lernen müßt. Dasrunde Dutzend genügt!«

»Inwendig lernen, nicht auswendig!« wiederholte FrauChristiane heiter, sprang auf, stand neben ihrem Mannund schaute lange mit ihm über den jungen Rhein hinaus.

»Christiane,« sagte Arnold Opterberg nach einer Weile,[S. 68]»ich wollt’, ich hätte dich zur Mutter gehabt. Da hätt’was aus mir werden können.«

»Du mußt mich nicht rühmen,« entgegnete sie und hieltdas Gesicht dem Strome zu, »es gehört nur ein wenigNachdenklichkeit dazu, um den Dingen auf die rechte Spurzu kommen. Siehst du, das waren Pfingsten zwei Jahre,daß ich mit den Buben zu den Rheinquellen gewandert bin.Und besonders das eine Bild ist mir geblieben, wie derlebendige Wasserstrahl aus der weißen Gletscherbrust springtund gleich den Kampf mit Fels und Wildnis beginnt, umzur Freiheit zu gelangen und zum Strome zu werden.Woher nimmt das kaum entsprungene Wasser gleich seinWissen und seinen Willenstrieb, der uns staunen macht?Es wird wohl schon in der Tiefe des weißen Gletscherleibesmit tausend Kräften gespeist werden, von denen wirnicht wissen, weil wir sie nicht sehen.«

»Fahre fort,« sagte Arnold Opterberg, »ich bin mit dirauf der Reise.«

»So wirst du auch wissen, wohin sie geht, Arnold. Ichmeine, mit den Kindern ist es nicht viel anders. Sie bringenmehr mit auf die Welt, als wir in unserer Gedankenlosigkeitahnen, und empfinden schon als junge Menschen dieDinge der In- und Umwelt, während wir sie noch alsKindsköpfe betrachten und uns vor ihnen gehen lassen.«

»Du meinst doch wohl nur den Pastor, Christiane?«

Sie lachte zu ihm auf. »Auch den Pastor. Aber dasschönste ist doch die Erkenntnis. Und die zweite, die allerschönstedazu: daß die jungen Ströme von der Mutterbrustunzertrennlich sind und mit ihr eins und dasselbe.«

[S. 69]

»Christiane,« sagte Arnold Opterberg, »ich beneide dieBuben, die eine solche Mutter haben, denn sie werden ihrLeben lang mit Quellwasser gespeist werden und nie versandenkönnen. Hast du nicht auch für mich ein Sprüchlein?«

»Behalte uns lieb, Arnold. Alles andere soll mich nichtanfechten.«

»Komm,« bat er, »laß uns noch einen langen Spaziergangmachen. Rheinauf. Da kommen wir den Quellennäher. Es wandert sich gut mit dir, Christiane.«—

Eine neue Lebenswoge zog über das Land am jungenRhein und ließ auch den Opterberghof nicht beiseite liegen.Die Technik begann, sich die Kräfte der Wasser dienstbarzu machen, die der drängende Strom in brausenden Stromschnellendurch die Uferfelsen zwängte. Noch standen dieersten Pläne kaum auf dem Papier, als schon das Unternehmertumsich regte und unter der Hand mit Landankäufenvorging, um den billig erworbenen Grund und Boden zuhochgesteigerten Preisen als Fabrikgrundstücke zu vergeben.Gleich zu Beginn traten die Herren an Arnold Opterbergheran. Der beschied sie auf die nächste Woche und besprachsich mit Frau Christiane. Der alte Übermut gingin ihm hoch und die Lust an Spiel und Wagnis.

»Die Kerls schätzen mich als früheren Städter für dasdümmste Mitglied des Bauernstandes ein. Aber schon beimersten Wort bin ich ihnen auf die Sprünge gekommen.Vertraust du mir eine Handvoll Geld an, Christiane? Nurdes Spaßes wegen.«

Frau Christiane erkannte nicht nur den Spaß, sondern[S. 70]auch den Vorteil. Und da Arnold Opterberg mit denLiegenschaften und ihren Verkaufsmöglichkeiten vertrauterwar als die fremden Geschäftsleute, so hatte er bald einigeder günstigst gelegenen Stücke in seine Hand gebracht unddurch den Notar auf seinen und der Seinen Namen überschreibenlassen.

»Ich habe es mir überlegt,« erklärte er mit vergnügtemAugenzwinkern den verblüfften Händlern, »ich verkaufe dochlieber gleich an die Fabrikanten, die schon im Anzug sind,und mache das Geschäft selber.«

Die Fabrikanten kamen, und Arnold Opterberg machtedas Geschäft. Aber er bot den Herren, die meist aus derGegend des betriebsfleißigen Niederrheins herangereist kamenund durch Anschluß an die Wasserkraft ein billigeres und bequemeresHerstellungsverfahren für ihre Erzeugnisse suchten,gastfreundlich auch den Opterberghof als Absteigestätte undübte die Gastfreundschaft in noch ausgedehnterem Maße,als sie sich erst in den kleineren und größeren Landsitzender Umgebung häuslich niedergelassen hatten. Es warentrunkfeste Niederrheiner darunter, die nach der Anspannungaller Kräfte bei Tage nach ihrer Heimat Sitte am Abendeine Ausspannung beim Wein liebten. Und Arnold Opterbergkam dieser Liebe von ganzem Herzen entgegen, saßoft bis Mitternacht mit den neuen Becherfreunden undschritt tagsüber wie ein Neugeborener über die Äcker.

Frau Christiane schob keinen Riegel vor. Die Männerwaren ihres Lebens Herr, aber sie selber beanspruchte dasselbeRecht für sich und ihre Buben, erschien nur kurz zurBegrüßung, hielt Umschau, ob für alles Erforderliche gut[S. 71]Vorsorge getroffen sei, und verabschiedete sich freundlich undheiter, um sich immer mehr den Knaben zu widmen.

Als es gegen den Winter ging, kamen sie mit einer großenNeuigkeit ins Haus gestürzt.

»Rate, Mutter, wer wieder im Lande ist? Nun, du rätstes gewiß nicht. Die Barthelmeßleute sind’s. Die Bubensind heute bei uns eingeschult worden. Der Siebzehnjährigein die Tertia. Er soll sich das Einjährige ersitzen. Diebeiden anderen wurden knapp quartareif erklärt. Aber einMundwerk haben sie alle, als gehörte die ganze Welt nurden Barthelmeßleuten. Uns hatten sie gleich entdeckt undverlangten von unserem Frühstücksbrot, weil sie das ihrezu Hause liegen gelassen hätten. Die Vielfraße.«

»Und was schafft der Herr Professor?« unterbrach FrauChristiane den Redeschwall.

»Er hat wieder Kirchenaufträge in der Nähe. Auf vieleJahre, sagen die Buben, und ihr Vater sei der größteKünstler der Welt und unbezahlbar.«

Frau Christiane lachte. »Wenn er unbezahlbar ist, derHerr Professor, so wird er sich wohl wieder an die Gutshöf’halten, und der Opterberghof wird’s auch zu spürenkriegen.«

Ihre Vorahnung sollte sich nur allzu rasch und allzureichlich erfüllen. Zum Sonntag machten Herr und FrauBarthelmeß auf dem Opterberghof ihren feierlichen Besuch.

»Meine gnädige Frau,« sagte der Professor in weltmännischerGewandtheit, als entsänne er sich nur mit Vergnügenihres Wandererlebnisses zu Reichenau, »daß erstein paar Jahre bis zu dieser Stunde vergehen mußten,[S. 72]ist wirklich nicht meine Schuld. Eine kleine Mißhelligkeitmit der Kirchengemeinde, der ich damals gerade meineKräfte widmete, zwang mich, Schluß zu machen und einenAuftrag in Rom zu übernehmen. Die frischgepflückten Lorbeernhaben gewirkt. Man hat mich zur Ausführung rechtschwieriger Wiederherstellungsarbeiten über die Alpen zurückgeholt.«

»Sie müßten,« wandte sich lebhaft Frau Barthelmeß anArnold Opterberg, der die schwarzhaarige zierliche Unrastbelustigt betrachtete, »den Grund des Zwistes zwischen demProfessor und der Kirchengemeinde erfahren, um über solchesMaß von Philisterei sprachlos zu sein. Wir hatten unsauf einer Fahrt nach dem Schweizerstädtchen Reichenaudurch einen alltäglichen Zufall verausgabt, und der Gastwirt,statt ruhig abzuwarten, bis wir ihm den Betrag seinerlächerlichen Rechnung überweisen, beschlagnahmt schon nachwenigen Wochen in flegelhafter Art unser Guthaben beider Kirchengemeinde, die sich, statt dem frechen Patrongründlich zu dienen, herausnimmt, einem Mann wie demProfessor Vorschriften über seine Art der Geldeinteilungzu machen und ihm die fällige Zahlung zu sperren. Wassagen Sie, mein lieber Herr Opterberg, zu solch einerSeifensiedergesellschaft?«

»Ich vermag nur die Hoffnung auszusprechen,« entgegneteArnold Opterberg, »daß diese Seifensiedergesellschaft mehran den Gastwirt hat auszahlen müssen, als gerade IhrGuthaben betrug. Das wäre die gerechte Strafe gewesen.«

Das eilfertige Plappermündchen blieb ein paar Sekundenlang offen stehen. In den schwarzen Augen funkelte es ein[S. 73]wenig mißtrauisch. Dann berührte sie ihn mit dem zierlichenZeigefinger kindlich-vertraulich an der Schulter undlachte. »Sie sind, glaub’ ich, ein großer Leichtsinn.«

»Einer schönen Frau gegenüber gibt es gar keine anderePflicht.«

»Wollen wir recht gute Freunde werden, Herr Opterberg?«

Frau Christiane hatte während des Gespräches nicht diegeringsten Gewissensbisse empfunden, daß sie den wählerischenund großtuerischen Schlemmern zu Reichenau nichtmit der Zeche beigesprungen war. Ei, sagte sie sich, beimir hatte der Herr Professor kein Guthaben wie bei derKirchengemeinde, und so habe ich ihn doch gezwungen, seinenAufwand selber zu begleichen. Und sie erkundigte sichfreundlich nach dem Ergehen der Barthelmeßkinder.

»Sie sind so außergewöhnlich begabt,« erklärte der Professor,»daß es mich fast erschreckt. Die drei Jungen werdensicherlich in die Fußtapfen ihres Vaters treten, und meinkleines Mädchen entwickelt sich nicht nur zu einer reizvollenund eigenartigen Schönheit, sondern auch zu einem rechtüberlegenen Geist. Sie werden nachher selbst urteilen können,gnädige Frau.«

»Werden Sie von den Kindern abgeholt, Herr Professor?«

»Wir haben uns für den Nachmittag ein Stelldicheinvor dem Opterberghof gegeben. Meine Frau und ich beabsichtigen,um den anstrengenden Weg zu sparen, hier inder Nähe in einem Wirthaus zu Mittag zu essen und dannspäter mit den Kindern die Bahn zu benutzen.«

[S. 74]

»Eine Dorfkneipe ist gewiß kein angenehmer Sonntagmittagsaufenthalt,«erklärte die nach neuester Mode gekleidetekleine Frau Barthelmeß und zog ein lustig Mäulchen,»aber was tut man nicht seinen Kindern zuliebe.«

»Sie essen ganz einfach einen Teller Suppe bei uns,«entschied Arnold Opterberg. »Besser als in der Dorfkneipeist sie bestimmt. Mehr kann ich nicht versprechen.«

»Mein Gott,« sagte die zierliche Frau und schaute zuihrem stattlichen Gatten auf, »eine so herzlich entgegengetrageneFreundschaft nur um einer leeren Besuchsformwillen zu kränken, wäre undankbar und philisterhaft zugleich.«

So blieben sie, und es wurde ein langes und heiteresMahl. Wohl hatte der Professor an allen Fürstenhöfenund selbst im Vatikan gespeist, aber einen solchen Kälberbratengebe es höchstens noch in Traumbüchern, und gegenübereiner deutschen Hausfrau seien alle Köche der Weltärmliche Stümper.

»Ich bin keine deutsche Hausfrau,« gestand Frau HadwigaBarthelmeß flüsternd dem Hausherrn. »Ich kannlieb und fröhlich sein, das ist alles. Aber es ist nichtviel? Nein?«

»Ob es viel ist,« erwiderte Arnold Opterberg und ließseinen Blick wohlgefällig auf dem quecksilbrigen Persönchenruhen, »das entzieht sich leider vorläufig noch meiner Beurteilung.Ich werde mich jedoch auf Ihren Wunsch gernbemühen, hinter diese Frage zu kommen.«

Ihr zierlicher Zeigefinger tippte schon wieder an seinerSchulter. »Jetzt weiß ich’s, daß Sie ein Leichtsinn sind.«

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Arnold Opterberg winkte, da das Mahl zu Ende war,den Knaben zu und hieß sie, eine Flasche Champagner ausdem Keller zu holen. Frau Hadwiga hörte es und tateinen kleinen Freudenschrei. »Oh, ich werde öfter kommen,«rief sie entzückt, »ich werde öfter kommen, hier werde ichverstanden.« Zunächst aber kamen die Barthelmeßkinderund stürzten mit Geschrei in den Hof und behaupteten,nicht zu Mittag gegessen zu haben, so daß Frau Christiane,um den Lärm zu beschwören, sofort den Kaffeetisch herrichtenlassen mußte. Die großen Jungen und das kleineMädchen stopften an Weißbrot und Kuchen in sich hinein,bis der letzte Krümel vertilgt war, tobten alsbald durchdie Ställe, tranken ein paar Hühnereier leer, entdeckten dieObstkeller und füllten sich die Taschen. Die kleine SabineBarthelmeß aber bemerkte den wenig huldvollen Blick, mitdem Martin Opterberg, der Haussohn, dem Treiben zuschaute,und sie schmeichelte sich an ihn heran und wolltenur noch an seiner Hand gehen und, als sie vorgab, müdegeworden zu sein, von ihm ›Huckepack‹ getragen werden.

»Du bist doch schon ein großes Mädchen,« wehrte MartinOpterberg. »Da gehört sich’s nimmer.«

»Auch nicht, wenn man sich gefällt?« fragte die kleineSabine verwundert.

Als am späten Abend der Spuk von dannen gebraustwar, atmeten die Knaben auf. »Mir scheint die ganzeWoch’ nichts wert, wenn der Sonntag schlecht verlaufenist,« erklärte auch Christoph Attermann. Aber ob sie auchärgerlich waren, dieser Sonntage folgten sich viele in dieserWinterszeit, denn Arnold Opterberg war nicht ärgerlich,[S. 76]seit ihm die kleine, schwarzhaarige Unrast zu Weihnachtendie Augen zugehalten und ihn auf den Mund geküßt hatte.Das sei ihr Weihnachtsgeschenk, aber erst die Probe.

Der Professor wollte es ihr nachtun und breitete dieArme nach Frau Christiane aus.

»Weshalb denn nicht, schönste Hausfrau? Sehen Siedoch nur Ihren Arnold?«

»Ja, der Arnold!« sagte Frau Christiane in gut gespielterBewunderung, »das ist ein arg ritterlicher Mensch.Aber ich hab’ nur den einen Mund, und auf den habensich schon meine Buben gespitzt.« Und sie nahm den Martinund den Christoph und küßte die jubelnden Jungen weidlichab.

Dann aber geschah es, in der Zeit zwischen Weihnachtenund Ostern, daß auch Herr Arnold Opterberg aus seinerverzauberten Sonntagsstimmung aufgeschreckt wurde.

Der Konfirmationstag nahte. Martin Opterberg undChristoph Attermann saßen im Konfirmandenunterricht, undder Herr Pfarrer strich den Mädchen wohlwollend überdie Scheitel. Plötzlich rief er einen träumenden Knabenan, der nicht zu antworten wußte, ließ den Erschrecktenvortreten, legte ihn über die Bank und straffte ihm dieHosen. Totenblaß erhob sich Martin Opterberg.

»Ich bitte den Herrn Pfarrer, das zu unterlassen,«brachte er mit schwerer Zunge hervor.

Der Pfarrer hielt inne. Sein Gesicht war dunkelrotgeworden.

»Was erfrechst du dich? Gut, du sollst mit diesemSünder tauschen. Tritt vor.«

[S. 77]

Martin Opterberg rührte sich nicht. »Meine Mutterhat’s verboten,« stieß er hervor.

Der zornige Mann suchte ihn aus der Bank zu ziehen.Da sprang auch Christoph Attermann auf.

»Unsere Mutter hat’s verboten, und wir sollen’s nichtansehen, hat sie gesagt.«

Dem Zornigen nahm’s die Besinnung.

»Unsere Mutter?« höhnte er. »Das ist mir ja einhübsches Bekenntnis! Darum also hat man dich auf denOpterberghof heimgeholt?«

Martin Opterberg hatte die Verunglimpfung schnellerverstanden als der Bruder und Freund.

Er fühlte nur eins: die Mutter war beschimpft. Undmit einem schluchzenden Aufschrei warf er sich auf den Angreiferund schlug blindlings mit den geballten Fäustenauf ihn los. Da hatte auch Christoph Attermann verstanden.Er schlug nicht blindlings drein. Er holte ausund zielte und schlug zwei-, dreimal wie mit Hammerschlägen,daß der schwere Mann sich nur mit Mühe vor denschäumenden und hochgereckten Buben durch die Tür inSicherheit bringen konnte. Und Christoph Attermann gingmit Augen, die wie Kohlen glommen, die Reihen der Mädchenentlang, die Faust vorgestreckt, und schrie sie heiseran: »Nun, wollt ihr mir nicht auch die Hand küssen, ihrGäns’, ihr?«

Diesmal suchten sie nicht die Mutter auf. Diesmal galtder Vater. Das sagte ihnen auf der Heimfahrt ein seltsamzartfühlendes Jünglingsempfinden. Und sie berichtetendem Vater wortgetreu und gaben ihm die Hand darauf,[S. 78]daß sie nichts hinzugefügt und nichts hinweggelassen hätten,und Arnold Opterberg fuhr mit dem nächsten Zuge nachder badischen Hauptstadt zur Oberkirchenbehörde und erlangtedie sofortige Beurlaubung und nachfolgende Versetzung desMannes nach Prüfung des ärgerlichen Geschehnisses.

Einem Pfarrer der Nachbargemeinde wurde die Einsegnungübertragen. Er kam auf den Opterberghof undbesprach sich mit Arnold Opterberg. Der rief die Knabenherein und befragte sie.

»Der Herr Pfarrer meint, ob ihr lieber in seiner Dorfgemeindeeingesegnet werden wollt als in der Stadt?«

»Nein,« erklärten die Knaben fest, »das dürfen wir wegender Mutter nicht.«

Der weißhaarige Pfarrer reichte ihnen die Hand. »Esist recht so und soll so bleiben.«

Frau Christiane aber tat, als wüßte sie von all den Geschehnissennichts, und ihr Benehmen zu den Knaben warnicht um einen Hauch anders als ehedem. »Sie dürfennicht des Glaubens werden, sie hätten etwas anderes alsetwas Selbstverständliches getan,« sagte sie zu dem Gatten.Nur in ihren Augen stand ein noch tieferer Glanz, wennsie heimlich auf ihre schlanken Buben schaute.

Am Tage vor der Einsegnung kam Christoph Attermannzu ihr. Sie waren allein.

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »ich weiß nunauch, weshalb mein Vater in Kehl begraben liegt. Es istnicht deshalb, weil er zufällig aus der Gegend stammt.«

»Nein, Christoph, sondern weil er seinen Sohn lieberhatte als sein krankes Leben.«

[S. 79]

»Mutter,« fragte Christoph Attermann weiter, und seineMundwinkel zuckten, »warum reistest du gerade in diesenTagen mit uns in die Berge und zu den Rheinquellen?«

»Es geschah, Christoph, weil ich ahnte, was dein Vatertun würde, weil ich dich deiner Knabenerinnerungen wegenaus der Nähe der Dinge forthaben und dir in der Kraftund Herrlichkeit der Berge die Freude am Leben schenkenwollte.«

»Und aus keinem anderen Grunde, Mutter?«

»Doch,« sagte Frau Christiane, trat vor ihn hin undschloß ihn fest in ihre Arme, »um dich spüren zu lassen,daß du eine Mutter gewonnen hast und ich einen Sohn.«

»Deshalb komme ich,« murmelte der Junge an derFrauenbrust, »deshalb komme ich, um dir zu danken.«

Am nächsten Tage standen Martin Opterberg und ChristophAttermann Hand in Hand vor dem Geistlichen, dersie gemeinsam einsegnete. Frau Christiane saß neben demGatten im Kirchenstuhl, und ihre Augen leuchteten.

[S. 80]

4

Schon trugen die Buben vom Opterberghof die Primanermützenauf den blonden Häuptern, schon zeigtesich schüchtern der erste Flaum über der Oberlippe und verliehden Knabengesichtern den Ausdruck der ersten Jungmännlichkeit.Hoch und aufrecht schritten sie beide einher, derjunge Opterberg schlank und nervig, der junge Attermannbreitschultrig und muskelhart, beide mit den wetterbraunenGesichtern, die Sonne, Wind und Regen auf den täglichenMärschen zur nächsten Eisenbahnhaltestelle und den ausgedehntenKnabenstreifen in Wald und Feld so kräftig gebeizthatten. Nicht nur Frau Christiane, auch ArnoldOpterberg sah ihnen oft prüfend nach, und es erschien ihman der Zeit, die väterliche Erziehung etwas stärker in denVordergrund treten zu lassen. Längst waren die beidenBuben gewöhnt, jedes Pferd auf der Weide zu reiten undfest auf dem Kutschbock die Zügel zu führen, auch kanntensie seit frühester Kinderzeit jede ruhigere Stelle im Strombett,die sich zum Schwimmen und Tauchen eignete, undein jedes Strudelbecken, in dem sich der Salmenfang lohnte.Jetzt aber nahm Arnold Opterberg sie wohlbewaffnet mitauf die Pirsch in die Hänge des Hochwaldes und lehrte[S. 81]sie, mit weidgerechter Kugel den Bock auf die Decke legen,den balzenden Auerhahn anspringen und den im Liebesrauschblinden und tauben vom hohen Tannenast herunterholen,im Schnee der Saufährte folgen und den Keiler imLager überraschen. Das stärkte Mut und Gewandtheit,gab dem Auge die Sicherheit und der Hand die Ruhe undzwang die raschen Gemüter, sich zu beherrschen, bevor dieKugel unwiderruflich den Lauf verließ. Diese Jägererkenntnisder jungen Jahre sollte ihnen oft noch im Manneslebenzum Leitstern werden.

Daß Herr Arnold Opterberg zuweilen über die Grenzender jagdlichen Erziehung hinausgriff und in einsamer Jagdhütteseine Begleiter in die Geheimnisse der Grogbereitungeinweihte, auch wohl mit ihnen beim Abstieg in einemSchwarzwalddorf den einen oder anderen Liter MarkgräflerWeines ausstach und sie zur Verschönerung derStunde eine Pfeife Tabak blaffen ließ, war Frau Christianedurchaus nicht verborgen, wie die stolzen Jungmännerannahmen, denn das nächstemal fanden sie in ihrer Feldflaschestatt des kalten Milchtees einen wärmenden Rotweinvor, so daß sie beim ersten Schluck vor Schrecken fastdem Stickhusten erlegen wären, und ein anderes Mal imRucksack ein halbes Dutzend zusammengebündelter SchweizerStumpen mit einem Zettel von Frau Christianes Hand:»Solange ihr sie im Freien raucht, schadet’s keinemMenschen.« Nur als Arnold Opterberg die Gemeinsamkeitder Trink- und Rauchersitten auch ins Haus verpflanzenwollte, strich sie ihm begütigend über den Ärmel: »Nimmihnen nicht die Freud’ am Studentenleben vorweg, Arnold.[S. 82]Das erste Räuschlein muß in der Begeisterung der Jugenderrungen sein, wenn’s eine schöne und tragfähige Erinnerungwerden soll.«

»Tragfähig? Wie verstehst du das?«

»Daß man sich später nicht scheut, darüber hinzulaufen.«

Arnold Opterberg lachte. »Hast Recht, Frau. Ich werd’mir den Professor rufen. Dem hält’s nicht ganz so scharfmit den Erinnerungen.«

Der Professor kam auch ungerufen. Seine Arbeit, dievertraglich auf zwei Jahre bemessen war, hatte er nunschon in das dritte Jahr hinüberzuziehen gewußt und manchmalauch durch Übernahme kleinerer Reiseaufträge unterbrochen.Die Kirchenherren sahen sauer drein. Das ändertean der überlegenen Miene des Professors nicht das geringste.Er war sich bewußt, daß die Herren das Erneuerungswerknicht mitten in der Ausführung stecken lassenkonnten und daß der bisher entnommene Vorschuß beträchtlichgenug sei, um den Meister vor jäher Kündigung desVertrags zu schützen. So ging er gar lieblich und gelassenmit den flügellahmen Heiligen und dem bröckelndenZierwerk an Wänden und Altären um und durfte sich mitFug darauf berufen, daß seine Arbeit, wenn auch langsamgeschafft, so doch von vollendeter Meisterschaft und unübertrefflicherStilreinheit sei. »Wünschen Sie eine eiligeZuckerbäckerarbeit,« pflegte er den Drängern zu sagen, »soempfehle ich Ihnen meinen Kollegen Dingsda. Ein Kunstwerk,das den höchsten Ansprüchen des Kenners genügt,will aus dem Samenkorn hervorwachsen wie eine edelblühende[S. 83]Pflanze.« Und die Herren, die den Kenner spielten,nickten Beifall.

Professor Barthelmeß setzte die Feierabendstunde um einbedeutendes früher an, als es auf dem Opterberghof derBrauch war, und da der Arbeitstag ihm ohnedies nichtdie genügende Zeit ließ, sich seiner Familie zu widmen, soholte er in den reichlichen Mußestunden das Versäumnisvollauf nach und erschien nie anders als in Begleitungseiner Gattin Hadwiga, seiner drei Söhne Bernhard, Fridolinund Hartwig und seiner Tochter Sabine. Ein vornehmesPatriarchentum, das er bei solchen Anlässen zurSchau stellte, verwandelte vielerorts das erste Entsetzenüber den zahlreichen Besuch in Scham und Bewunderung.Frau Christiane aber schaute mit heiterem Lächeln durchdie väterliche Maske hindurch und ließ einige Abende Buttermilchsuppeund in der Schale gekochte Kartoffeln mit Speckrösterchenauftragen. Da zog der Spuk bald an ihremHause vorüber und fiel wie ein Heuschreckenschwarm beieinem der neuangesiedelten Fabrikanten ein. Auch FrauHadwigas großen Bedarf an Butter, Käse und Eiern vermochteFrau Christiane zu ihrem Leidwesen bald nicht mehrzu decken, denn es war seltsam, wie oft in diesem Jahreihre Kühe vor dem Kalben standen und keine Milch liefertenund ihre Hühner aus dem Mausern gar nicht herauskamenund darum keine Eier legten. Dreierlei nur konnte sienicht verhüten, und sie nahm es als eine Art Verkehrssteuer,die sie unter den Gesamtunkosten des Hofes aufrechnete:daß Arnold Opterberg mit dem ganz besondersweinverständigen Professor die besten Flaschen zu leeren[S. 84]liebte, daß Professor Barthelmeß bei solchen Gelegenheitenkleine Geldanleihen zu machen pflegte und daß die Barthelmeßkinderbei ihren Spielen beharrlich Stall und Scheuerbevorzugten und zufällig aufgefundene Hühner-, Enten- undGänseeier ohne alles Fackeln in sich hineintranken.

»Was sich nicht wehrt, kommt in den Magen,« sagteFrau Christiane kopfschüttelnd, aber sie drückte mitleidigbeide Augen zu, wenn sie eins der zweibeinigen Wiesel beider Beute überraschte.

»Es ist halt die Zigeunerwirtschaft bei den Alten schuld,«meinte sie im Gespräch mit dem Gatten. »Nun ja, derPatriarch bleibt in seiner Rolle, denn, wenn ich meineBibel kenne, so übten die alten Patriarchen ja wohl auchihr Gewerbe im Umherstreifen aus.«

Arnold Opterberg lachte. »Und das schwarzhaarige Sabinchenkönnte als Lockvogel Rebekka am Brunnen sitzen.«

»Als modernes Mädchen sitzt sie lieber am Karpfenteich.Schau doch einmal, wie das Ding mit den Augen Bescheidweiß und jählings gutberechnete Blicke schießt, und zähltkaum zwölf Jahre. Unser Martin freilich wird rot vorZorn, und der Christoph beschaut sich so seltsam seineHände, als ob er ihr am liebsten das Sitzleder vollhauenmöcht’.«

»Wie ist es möglich,« spottete der Hausherr, »daß dieBuben der Frau Christiane Opterberg so arge Weiberhassersein können.«

»Weil sie doch an mir hängen. Meinst du, es wärenicht gerade deswegen, Arnold, daß sie sich fragen: Wiewürd’ das Mädel meiner Mutter zu Gesicht stehen?«

[S. 85]

»Ach du liebe Muttereitelkeit! Laß die Buben erst malins Feuer kommen. Ich war auch drin und weiß ein Liedchendavon zu singen.«

»Ein Liedchen, Arnold? Die Bescheidenheit ist doch sonstnicht dein Hauptfehler.«

Der Professor kam durchs Hoftor geschritten. SabineBarthelmeß stürzte ihm entgegen. »Hat er nicht eine Gestaltwie der Flötenspieler im Vatikan?« rief sie und zeigteauf den schlanken Martin Opterberg, der sich unwillig abwandte.

»Aber er pfeift dir was, dein Flötenspieler,« knurrteChristoph Attermann sie an.

»Du bist ja auch nicht häßlich, Christoph,« lenkte schnelldas Mädchen ein, »nur zu stark betont in der Linie. Dochdas ist halt Geschmackssache.«

»Gott sei Dank,« atmete Christoph Attermann auf,»daß ich dein Geschmack nicht bin und daß ich die Liniebetone.«

»Der Christoph Attermann ist ein Rüpel,« entschied derProfessor, »und von einem Eichenknorren lassen sich keineOrangen ernten.«

»Das muß wahr sein,« bestätigte Frau Christiane, »aberes lassen sich Bretter und Pfosten daraus fertigen zu einemstandfesten Haus, und aus dem, was nebenbei fällt, lassensich immer noch Eichenprügel schnitzen.«

Der Professor zog ein wenig die Augenbrauen hoch undstrich sich den knisternden Bart.

»Ich verstehe den Vergleich nicht sofort. Aber wir wollendie glücklichen Kinder sich selbst überlassen und auf das[S. 86]bißchen eigene Glück Bedacht haben. Der Tag war schwer,Opterberg. Dürfte ich wohl um ein Glas Milch bitten?«

»Kuhmilch oder Liebfraumilch? Sie müssen schon deutlicherwerden, Barthelmeß.«

»Sie haben es ja wieder gut vor. Aber ich bin keinSpielverderber. Also Liebfraumilch.«

»Wissen Sie,« sagte Opterberg, »aus dem kleinen, begrenztenWeinberg am Stift. Nur das ist Wachstum.«

»Ich weiß, ich weiß,« lehnte Professor Barthelmeß ab.»Ein Spatz ist keine Nachtigall, wenn sie auch beide zurFamilie der Sperlingsvögel gehören. Lassen wir die Nachtigallsingen, Opterberg.«

Und die Nachtigall sang bis in die späte Nacht.—

Ostern nahte. Die Reifeprüfung in der Gymnasialstadtwar beendet, Martin Opterberg und Christoph Attermannkamen von der Bahn und schritten rüstig durch die Felder.Sie sprachen kein Wort, aber zuweilen blieben sie miteinem Ruck stehen, blickten sich in die Augen und lachtensich trunkenen Mutes an. Dann schritten sie um so eiligeraus.

Aus der Ferne schon erspähten sie vor dem Hoftor eineFrau, die Ausschau hielt in die Weite.

»Die Mutter!« jubelten sie, schwenkten ihre Mützen undsetzten in wilden Sprüngen über den Weg.

Frau Christiane weilte schon seit Stunden vor dem Tore.Mitten im werktäglichen Schaffen hatte es die arbeitsfreudigeFrau überfallen, daß sie die Hände sinken lassenund hinaushorchen mußte. Und langsam, von einem unwiderstehlichenGefühl getrieben, hatte sie Fuß vor Fuß[S. 87]gesetzt und war wie traumwandelnd hinausgeschritten bisvor das Tor. Seit Stunden stand sie und schaute in dieWeite und horchte in sich hinein, während sie glaubtehinauszuhorchen. Heute wurden ihre Buben flügge. Undwenige Tage nur, und sie würden die Schwingen regenzum Ausflug in die Welt. Dann war das Nest leer.

In der Harrenden und Horchenden wurden die Stimmender Vergangenheit lebendig. Sie redeten eifernd laut undwiederum schmerzlich leise in dem Kampf um die Seeledes Mannes, die schweifen wollte im Blauen, statt Wurzelzu schlagen im Grünen. Hatte die tiefere Erkenntnis derFrau um des Lebens Möglichkeiten obgesiegt? Noch heute,nach zwanzig Jahren der Ehe, schweifte des Mannes unruhigeSeele bei Tag und Nacht und wußte von der Heimatbedeutungdes Opterberghofs nicht mehr als ein Vogel vonseinem Futterplatz. Und dennoch, trotz der Niederlagen,die sie in den ersten Ehejahren mehr und mehr in eineinnere Vereinsamung drängen wollten, die wurzelstarkeFrau hatte dennoch obgesiegt. Nicht über des Gattenleichtes Zecherblut, aber über ihr eigenes Blut und desWeibes drängende Liebeserwartungen. Sie hatte sich alsSiegerin erklärt, seit sie ihren Buben an die Brust legenkonnte, und als glückliche Eroberin dazu, seit sie dem Einzigen,den sie in Schmerzen geboren hatte, in dem Milchbrudereinen Kameraden hatte geben können.

Wer hatte vordem ihres Reichtums gedacht? Nicht einmalder Gatte, den nur die Stunde lockte. Nun vermochtesie alle die Schätze, die sich unaufhörlich in ihr sammeltenwie das Quellwasser im Berge, den Buben zu geben, und[S. 88]während sie in lautloser Freude gab und gab, spürte sieerst die ganze Fülle ihres Reichtums.

Frau Christiane stand am Tore und hielt Einschau undAusschau. Ihre Lippen bewegten sich.

»Das ist das Glück. Spüren selbst in der Einsamkeit,daß man reicher ist als die tobende Welt, weil man aussich selber schöpfen und spenden darf. Ihr habt mich diesGlück gelehrt, ihr Buben. Ich will’s euch danken euerLeben lang.«

Ein Tropfen stieg ihr ins Auge. Sie schüttelte ihn ab.Sie hatte daran gedacht, daß ihr Nest leer werden würde.Was nun mit den zuströmenden Schätzen in der Einsamkeit?

»Nein,« sagte sie laut, »eine Mutter, die ihre Kinderins Leben sendet, kann gar nicht einsam sein. Ich bin dieQuelle, und sie sind der Strom. Und der Strom magbrausen, so fernhin er will, sein Lebenswasser holt er sichdoch aus der Quelle.«

Auf dem braunen Ackerwege tauchten die Gestalten derHeimkehrenden auf. Sie sah der Buben Mützenschwenkenund die wilden Sprünge über die Ackerschollen querfeldein.

»So sollt ihr allzeit zu eurer Mutter gesprungen kommenund klares Quellwasser finden, ihr Buben,« und sie hobdie Arme und winkte den stürmisch Heimbegehrenden entgegenund fühlte sich von vier Jünglingsarmen umfaßtund die tollen Küsse der flaumbärtigen Lippen auf ihrenWangen.

»Wir haben’s geschafft, Mutter, wir haben’s geschafft!«

»Wollt ihr mich umbringen, ihr Wilden?«

[S. 89]

»Mitnehmen möchten wir dich, mitnehmen in die Freiheit!«

»Um mich am nächsten Kreuzweg in der Freiheit sitzenzu lassen.«

»Um dich der ganzen Welt vorzuweisen: das ist unsereMutter Christiane!«

»Das wär’ mir das Rechte,« lachte Frau Christiane,bekam ihre Hände frei und wuschelte durch das Blondhaarihrer Buben. »Damit die ganze Studentenschaft schreit:Da kommen die Opterbergsbuben mit ihrer Kinderfrau.Nein, nein! Jetzt zeigt denen da draußen, daß ich euchwirklich das Laufen beigebracht hab’.«

»Mutter, du wirst so allein sein, während wir draußenTollheiten machen!«

»Macht ihr nur eure Tollheiten. Dann wird’s euchheimtreiben, um euch bei der Mutter Rats zu holen, undich bin nicht mehr allein.«

»Ach Mutter,« rief Martin Opterberg übermütig, »wievielTollheiten werden wir begehen, um dir die Freud’ zumachen.«

»Uns, Mutter, uns,« rief Christoph Attermann, »umdeine Stimme zu hören.«

»Kommt immer, ihr Buben, früh oder spät. Für eineMutter gibt’s keine Zeit. Eine Mutter wartet immer.Und nun marsch hinein und laßt euch beglückwünschen.Der Vater war euretwegen stundenlang im Keller und gewißnicht, um eine trockene Red’ zu studieren.«

Da nahmen die jungen Studenten Frau Christiane indie Mitte und zogen in den Hof, und Arnold Opterberg[S. 90]stand mit einem alten, kunstvoll geschliffenen Pokal aufder Schwelle des Hauses und winkte ihnen mit dem Kelchentgegen. »Trinkt einmal erst, trinkt einmal erst, damitwir nicht wehleidig werden. Es lebe die Freiheit!«

Nein, wehleidig wurden sie nicht an diesem Abend imOpterberghause. In der fensterreichen Giebelturmstubehatte der Hausherr den Tisch gerichtet, und während dieGläser aneinanderklangen, rauschte der junge Rhein seinstürmisch Wanderlied hinein und wetteiferten lockend dietannengrünen Höhen des Schwarzwaldes mit den rätselhaftenBerggebilden der Alpen im Abendschein. Der ungewohnteWein löste den Jünglingen die Zunge, daß sie mitdem jugendtrunkenen Hausherrn um die Wette schwärmtenund Pläne schmiedeten, und Frau Christiane saß unterihnen und blickte lächelnd in ihr Glas.

»Also das Ingenieurfach habt ihr euch erwählt,« riefArnold Opterberg, »Strombau, Brückenbau, Tief- undHochbau und was weiß ich! Immerhin — ein freier Beruf,der einem die Wunder der Welt erschließen kann. AlsJurist Prozesse wegen einer Ungezieferbude führen, alsMediziner jedermann das Klistier setzen und als Schulmeistertagaus, tagein den Nürnberger Trichter bei andererLeut’ Kindern spielen — nee, wär’ auch nicht mein Fall.Über die Theologie aber müßten sich die Theologen erstselber einmal einig sein. In den Weinbergen des Herrnstecken mir zu viel Pantscher, die das Hochzeitswunder zuKana auf den Kopf stellen und aus Wein Wasser machen.Da wird das Herz nicht froh. Also es bleibt beim Ingenieurfach.Das ist doch noch ein Stück Leben, gesehen[S. 91]durch ein Stück Kunst, und ich habe nicht ganz umsonstzu Düsseldorf die Musen gegrüßt. Christiane, merkst duwas?« Er war aufgestanden und hatte die Gläser frischgefüllt. »Und nun wollen wir das Verbrüderungserzeugnisvon Kunst und werktätigem Leben in diesen beiden Fahnenjunkernleben lassen. Das Ingenieurwesen und seine beidenjüngsten Jünger: hoch, hoch und zum dritten Male —hoch!«

Sie standen im Kreise und stießen leuchtenden Augesmiteinander an. Und Arnold Opterberg umarmte die Gefeiertenund rief: »Jungens, am liebsten zög’ ich mit euch.Aber ich besuche euch oft! Darauf könnt ihr das Abendmahlnehmen.«

Die Wahl der Hochschule wurde zur Erörterung gestellt.Das wurde ein lustig Streiten. Die Namen Karlsruhe,Darmstadt, Aachen mißfielen Arnold Opterberg durchaus.Er wünschte Klang und Farbe in ihnen zu spüren wie inFreiburg, Heidelberg, Bonn.

»Aber Vater, es geht um eine technische Hochschule.«

»Lari fari, es geht in den ersten Semestern darum, daßihr irgendwo eingeschrieben seid und belegt. Denn ihr wolltdoch zunächst Studenten werden und dann erst Ingenieure.Grundgütiger Gott, da sollte mir einer die Wahl freistellen!«

Martin Opterberg strahlte Christoph Attermann an. Derwiegte bedächtig den Kopf.

Frau Christiane ließ ihre Augen wandern, von einemzum andern hin.

»Es ist Männersache,« hob sie an, als sie zum Sprechen[S. 92]aufgefordert wurde, »und die Frau kann zu dieser Fragewohl nur das Gefühl reden lassen.«

»Laß es reden, Mutter,« riefen die Jungen wie auseinem Munde.

»Gut, ihr Buben, aber es ist nur eine Meinung undbeileibe keine Beeinflussung. Ich mein’ halt so in meinemFrauen- und Muttersinn: Gewiß werdet ihr zu allererstnicht gar zu viel schaffen und euch hinter den Büchern vergraben,weil ihr erst just von den Büchern kommt. EureJugend wird nach dem Leben greifen und nach den tausendEindrücken in der neuen Umgebung und in der neuen Freiheit.Das ist Jugendrecht und auch wohl der notwendigeAusgleich, und ich gönn’s euch von Herzen. Ihr sollt alsMänner nicht sagen dürfen, ihr hättet in der Jugend einVersäumnis begangen, dem ihr nachtrauern müßt.«

Arnold Opterberg griff nach seinem Glase und trank esaus. Die Jünglinge sahen es und schwiegen. Ihre Blickekehrten zur Mutter zurück. Und Frau Christiane fuhr fort:

»Es mag Ausnahmen geben, die den Jugendschwangnicht brauchen. Ich halt’ nichts von diesen Ausnahmen,die die Freud’ als Zeitvergeudung betrachten, wie ich auchvon altklugen Kindern nichts halte. Nur die Freude hebtuns über den Kleinkram des Lebens hinaus, und nur ausder Freude wird die rechte Arbeit geboren. Also lernt inGottes Namen die Freud’ in jederlei Gestalt kennen undwählt euch die rechte aus zur Erinnerung. Ich würde dazuFreiburg wählen, weil es so mitten in unseres HerrgottsSchwarzwaldgarten liegt und weil es euch, bevor ihr euchan die eigentliche und ernste Lebensarbeit macht, noch einmal[S. 93]die Heimat lieben lehrt in allen ihren Wundern. Dannmögt ihr weiter.«

Frau Christiane nickte ihren Buben zu und ließ den Blickin den Abend wandern. Und die Buben sprachen erregtdurcheinander und besprachen die Fächer, die sie auch inFreiburg belegen könnten: Mathematik, Geologie, Chemie,Physik.

Das schwirrte durcheinander…

Vorbei der Schulzwang. Vorbei das jähe Auffahren imMorgendämmern mit dem ersten Blick nach der gnadenlosenUhr. Fünfmal gellte auch heute ihr Schlag. Marsch,auf den Weg, durch Feld und Wald, durch Wetter undWind zur fernen Eisenbahn, die nicht wartet! MartinOpterberg streckte sich wohlig in seinem Bett: »Schlag dufünftausendmal. Deine Macht ist aus. Ich bin ein Freiherrgeworden.«

Christoph Attermann aber erhob sich ruhig aus seinemBett und begann ein großes Wasserplätschern.

»Heda, Student,« rief ihm Martin Opterberg lustig ausden Kissen zu, »du träumst dich wohl eben in deine Kinderzeitzurück? In die Klappe, Fuchs! Wir singen als Morgenlied:Frei ist der Bursch!«

»Die Mutter ist auf, Martin. Ich höre sie schon. Damöcht’ ich ihr Gesellschaft leisten.«

»Grüß sie von ihrem traumseligen Sohn.«

Im ersten Morgendämmern stand Frau Christiane inihrem Felsgarten. Ihr Rundgang durch die Ställe warbeendet, Knechten und Mägden die Früharbeit angewiesen.Der Himmel färbte sich rosafarben. Über den Vorbergen[S. 94]des Schwarzwaldes tasteten schon die Strahlen der aufgehendenSonne.

Eine kleine Weile hier zu stehen und alles erwachendeLeben in sich hineinzutrinken, war Frau Christianes tagtäglicheMorgenandacht. Christoph Attermann gewahrte sieund verhielt seinen Schritt, um ihr Tun nicht zu stören.Doch Frau Christiane hatte den Schritt schon vernommenund sagte, ohne sich umzuwenden: »Das ist der Christoph.Guten Morgen, mein Bub. Weshalb schläfst du nicht auswie der Martin?«

»Guten Morgen, Mutter. Der Martin hat mir schoneinen Gruß an dich aufgetragen. Ich hörte dich im Hauseund dacht’, du könntest mich brauchen.«

»Ei, Christoph, solltest du nicht eher darum gekommensein, weil du mich brauchen möchtest?«

»Du weißt alles, Mutter. Ja, darum kam ich. Aberich seh’, ich stör’ dich gerade.«

Sie reichte ihm die Hand und zog ihn näher.

»Du kannst teilnehmen. Wer das hier betrachtet, Morgenfür Morgen und jahraus, jahrein, dem kann der Glaubean die Unsterblichkeit nimmer vergehen und erst recht nichtder Mut zum Leben. Noch ist alles winterschwarz und soöd’, daß du über dich selbst jammern möchtest, und dakriecht schon zu deinen Füßen das erste Leberblümchen ausdem Erdreich, siehst du, gerad’ hier, wo wir stehen, undputzt sich und reckt sich ins Licht, als hätt’ es nur ebenein Schläfchen hinter sich und wär’ nun wieder fröhlich beider Sach’. Und die Fruchtknoten an den Obstbäumen habenwährend des Winterschlafs ihr Säfteschwellen nicht eingestellt[S. 95]und bereiten sich im kahlen Holz schon wieder zurseligen Blüte. Und die bleiche Wintersonne kriegt einengoldenen Glanz und gar so viel Wärme, daß es uns wohligüber den Rücken rieselt und all das müde Blut in unsverwundert die Augen aufschlägt. Schau, Christoph, dakommt die Sonne selbst, und weil wir Frühaufsteher sind,lehrt sie uns ihren Spruch, und der lautet: ›Im HaushaltGottes gibt es keinen Tod und nur ein täglich Auferstehen.Und wenn’s gestern Nacht war, so ist darum doch heutewieder Tag. Menschlein, Menschlein, du mußt nur erstden rechten Abstand zu dir selbst und deinem lächerlichwinzigen Sorgenbündelchen gewinnen, um die ganze Größeder Schöpfung zu erkennen und dich selbst als ein unsterblichGlied.‹«

»Du bist glücklich, Mutter.«

»Ich war’s nicht immer. Ich bin’s geworden. Ich hab’manchen Stein zerklopfen müssen, bis ich zu der Quellein mir kam. Und so müssen wir alle. Christoph, es gehtnur um die Liebe im Leben. Um sie nur allein. Wer amstärksten zu lieben vermag, ist der Glücklichste. Nun sprich,was dich in der Frühe zu mir führt.«

»Es ist so klein, Mutter…«

»Dann wollen wir es nicht erst groß wachsen lassen.Sprich tapfer drauf los.«

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »es wäre wohlam Platze, daß ich dir aus tiefstem Herzen dankte für alles,was du an mir getan hast. Von der Muttermilch an, diedu mir gegeben hast wie deinem eigenen Sohn. Aber schau,da stock’ ich schon. Denn dafür allein, daß du mich an[S. 96]deine Brust gelegt und mich gesäugt hast, dafür wär’ mirein Dank wie ein anmaßlich Wort, weil die Gabe zu unfaßlichhoch darüber steht. Und ich bin auch gar nicht gekommen,dir zu danken, weil ich ja von deiner Liebe garnicht loslasse und immer wiederkommen werd’ und gar keinenAbschluß find’.«

»So ist’s recht,« ermunterte Frau Christiane. »Es istrecht, weil es das Selbstverständliche ist. Und nun sag dasDeine.«

»Mutter,« hob Christoph Attermann von neuem an, »derMartin und ich, wir sind Brüder. Aber der Martin istein Opterberg-Erbe, und ich bin ein Attermann-Erbe, unddanach muß ich jetzt den Weg, der in die Selbständigkeitführen soll, richten. Es wär’ sonst ein falscher Ton inunserem brüderlichen Verhältnis, und ich gäb’ mir einenAnstrich auf seine Kosten. Ach, Mutter, lach nicht. Duhast mir bei der Einsegnung vor Jahren vorgezeigt, daßder Erlös aus meinem Väterlichen und Mütterlichen dieSumme von sechstausend Mark getragen habe. Wie ichmir mein Studium einzurichten gedenk’, wird’s auskömmlichreichen. Aber die Freud’, mit dem Martin gemeinsam dasStudentenleben zu betreiben, werde ich aufstecken müssen.Darum bleiben wir uns doch die gleichen und gehen alsMänner wieder Hand in Hand.«

Frau Christiane schaute angestrengt in die aufsteigendeSonne.

»Nun sprich auch jetzt, daß ich Recht hab’, Mutter, undnimm mir den Druck.«

»Christoph,« sagte Frau Christiane und blickte immer[S. 97]noch in die junge Sonne, »ich muß dir ein Geständnismachen. Mit den sechstausend Mark stimmt’s nimmer.«

Über die breite Stirn Christoph Attermanns zog einebrennende Scham. »Verzeih, Mutter,« stammelte er, »ichhab’s in meiner Gedankenlosigkeit nicht berechnet. Das Schulgeldund die Erziehungskosten—«

»Du Narr,« sagte Frau Christiane, ohne den Blick ausder Höhe zu wenden, »sollen wir etwa gegeneinander aufrechnen?Was der Opterberghof an dir gehabt hat und duam Opterberghof? Nein, es ist eine viel größere Leichtfertigkeit,als du es ahnst, und ich muß mit der Spracheheraus. Also ich hab’ — ich hab’ mit deinen sechstausendMark — kurz, ich hab’ damit, wie man an der Börse sagt,spekuliert.«

»Spekuliert?« Christoph Attermann lachte, wie von einemAlb befreit. »Und hin ist’s?«

»Hin? Du bist wohl von Sinnen, Bub? Man spekuliertdoch nicht, damit’s hin geht? Verdoppelt hab’ ich’s, unddie Zinsen stehen auch noch dazu.«

»Mutter,« fragte Christoph Attermann ungläubig, »wannhast du denn das getan? Sieh mich doch an, Mutter.«

Da schaute ihm Frau Christiane gelassen in die zweifelndenJünglingsaugen.

»Hör zu, Christoph. Die anderen wissen nicht davon,und aus guten Gründen. Vor einer spekulierenden Mutterwäre die schuldige Achtung ins Wanken geraten. Es istaber geschehen, und es war, als der Landhunger derFabriken einsetzte. Da hab’ ich heimlich für dein Erbteil gekauftund ums Doppelte wieder verkauft. Es ist geglückt.«

[S. 98]

»Und wenn’s nicht geglückt wär’?«

»Ja, mein armes Christophel, dann wärst du ein Bettelbubgeworden.«

»Das glaub’ ich dir nicht, Mutter. Zum erstenmal imLeben glaub’ ich dir was nicht.«

»Das magst du dummer Bub halten, wie du willst. DieHaupsach’ ist und bleibt: das Geld ist da und ist dein.Und du wärst mir ein netter Geizhals, wenn du jetzt nochden Martin allein nach Freiburg ziehen lassen wolltest.«

Der Junge hob die Arme. Dann warf er sich wortlosan Frau Christianes Brust.—

»So, und nun geh hin und erzähl dem Martin, aufwelche Glücksweis’ du dein Vermögen verdoppelt hast unddaß du mit ihm Schritt halten kannst.«

»Mutter,« stammelte Christoph Attermann, »was sag’ich nur zu all deiner Liebe…?«

Zu ihren Füßen brauste und schäumte der junge Rhein,kristallen und blau, wie er aus den Bergen kam, in denenseine Quellen lagen.

»Wenn sie dich zu viel dünkt,« sagte Frau Christiane,»so gib dafür von deiner an Martin,« fuhr ihm durchsHaar und ging ins Haus.—

Noch einmal gab es in der Osterwoche Becherklang imGiebelturmzimmer. Professor Barthelmeß war gekommeninmitten seines Familienlebens. Seinem ältesten Sohn Bernhardwar, in Anbetracht, daß man ihn zur Rekrutenmusterungvorgeladen hatte, von der Schule nach hartem Kampfdas Einjährigenzeugnis bewilligt worden, und die BrüderFridolin und Hartwig hatten es gleichzeitig erhalten, weil[S. 99]sie die Erklärung abgaben, sich nicht einem wissenschaftlichen,sondern einem künstlerischen Berufe widmen zu wollen.

»Was ihnen der Vater geben kann, vermag ihnen nichtSchule und nicht Hochschule zu geben,« erklärte ProfessorBarthelmeß feierlich. »Ich werde meine drei Söhne derchristlichen Kunst zuführen. Sie erhebt über den Alltagund nährt ihre Jünger.«

Als Martin Opterberg vom Vater ausgeschickt war,neuen Wein in die Giebelstube zu holen, und mit denFlaschen im Arm die Giebeltreppe hinaufgestiegen kam,huschte ihm die zwölfjährige Sabine Barthelmeß entgegen.

»Gib mir schnell einen Kuß, Martin. Daß du an michdenkst.«

»Bist du toll, Mädel?«

Sie stand eine Treppenstufe höher als er, beugte sichschmiegsam vor und küßte ihn auf den Mund, bevor er,die Flaschen im Arm, abwehren konnte, huschte vor ihmdie Treppe hinauf ins Zimmer zu den anderen und saßbei seinem Eintritt mit unschuldig gesenkten Augen.

Vierzehn Tage darauf trafen Martin Opterberg undChristoph Attermann in der alten Musenstadt Freiburgein, um schon am nächsten Morgen als Füchse der Burschenschaftzu erwachen.

[S. 100]

5

Bindet die Klingen! — Los! — — Halt!«

Immer wieder dieselbe helle Befehlsstimme. Immerwieder dasselbe leise Sirren der Stahlklingen und ihr hartesAufdröhnen auf dem schweißfeuchten Filzdeckel.

»Was, ihr Füchse? Das treibt den Kneipendunst besseraus den Schädeln als die schönste Knetkur beim HerrnHofbarbier. Auf die Mensur — los! Terz! Quart! Mitder Klinge fangen, nicht mit dem Kopf! Der Hieb ist diebeste Deckung! Allemal! — Halt!«

Prustend schälte sich Martin Opterberg aus dem wulstigenFechtzeug. »Den Donner auch,« raunte er ChristophAttermann zu, der in der Ecke des Fechtsaals neben ihmstand und sich aus der Halsbinde löste, »da sing’ noch einer:›Frei ist der Bursch!‹ Mit den Eulen ins Bett und mitden Hühnern heraus. Ich hab’ keine drei Stunden Nachtruhegehabt.«

»Ging’s mir anders, Martin? Aber der Fechtwart hatRecht: der Dunst von der gestrigen Kneipe ist ’raus ausdem Schädel. Saufen kann jeder, aber Freiheit heißt dochwohl: frei werden durch Pflichtenerfüllung.«

»Rechnest du den Frühschoppen nachher und den Mittagsbummel[S. 101]und die Nachmittagsspritzfahrt und die Abendkneipeebenso zu den Pflichtenerfüllungen wie in der Frühe denFechtboden?«

Christoph Attermann lachte gutmütig.

»Martin, wenn ich’s noch wär’, der so sprechen wollt’.Dir wächst ja alles von selber zu. Den Schläger handhabstdu schon wie ein alter Fechter, daß sie dich sicherschon vor Ende des Semesters auf die Fuchsenmensur herausstellenwerden, und beim Bechern und Singen wirst dunicht müd’, bis der letzte nach Hause strebt. Ich muß mirdas alles mühsam erlernen und schimpf’ doch nicht.«

»Hei, weshalb schimpfst du nicht?«

»Weil ich mir denk’, die Verbindungserziehung ist vonnöten,damit man zu jeder Stund’ sich zusammenreißenlernt und nie außer Rand und Band kommt. Wer einmalbefehlen will, muß sich selber gehorchen können. Unddas weiß keiner besser als der Martin Opterberg, undwenn er erst gewaschen und gestriegelt ist und die Mütz’auf dem Kopf hat und das Band um und zieht durch dieStraßen Freiburgs, ›fast als wollt’ er eine suchen, die dieAllerliebste wär’,‹ wer jubelt da am lautesten sein ›Frei istder Bursch‹?«

»Ach, Christoph,« sagte Martin Opterberg und legte demFreund den Arm um die Schulter, »es ist doch wunderschön…« Sie zogen über die Straße und kamen an derUniversität vorbei.

»Gehen wir einen Augenblick hinein, Martin?«

»Hinein? Schau dir einmal den festen Bau an. Derläuft uns nicht so leicht weg.«

[S. 102]

»Aber wir laufen ihm weg, weil wir gar so lose gebautsind, und das säh’ doch weiß Gott aus wie blasse Angstund Kneiferei. Hält’s dein Hirn nicht aus nach dem bißchenKneipen?«

»Also komm schon herein, du Quälgeist. Mein Hirnhält sämtliche Herren Professoren aus, aber ich mein’,ein Kolleg genügt für heut, um ihnen die Ehre zu erweisen.«

So zogen sie ein und drückten sich in die Bänke, und alssie wieder in die Frühlingssonne traten, grüßten sie erstein Rudel frischer Studentinnen und ließen die lachendenMädel an sich vorüberstolzieren, bevor sie den Frühschoppenaufsuchten.

»Prachtmädel darunter, Christoph. Mit denen müßtesich gut in den Schwarzwaldbergen wandern lassen.«

»Du wärst imstande dazu.«

»Du vielleicht nicht? Wer redete denn vorhin so hochdaher von blasser Angst und Kneiferei, als es galt, michins Kolleg zu schleppen? Umschichtig, Christoph. Jetzt istdie Reihe an mir, und du bist mein.«

»Es sind Medizinerinnen, Martin. Man trifft sichkaum.«

»Was sonst noch? Von morgen an schieben wir medizinischeKollegs ein. Ohne Beleggelder. Selbstverständlich.Der Professor wird sich freuen, zwei Hörer mehr um seineWeisheit versammelt zu sehen. Ach, Brüderlein, stachle dunoch mal meinen wissenschaftlichen Eifer an.«

Auf dem Franziskanerplatz plätscherten die Wasser desroten Sandsteinbrunnens. Vom Säulenschaft sann ein steinerner[S. 103]Mönch. Berthold Schwarz war’s, der FreiburgerFranziskaner.

»Wenn der nicht gelebt hätt’, wär’ die Menschheit glücklicher,«lenkte Christoph Attermann das Gespräch ab.

»Du meinst, wenn der Berthold Schwarz nicht das Pulvererfunden hätte. Ach Christoph, die Menschheit würd’ sichnur auf andere Weis’ umbringen. Entweder sie balgensich um eine schöne Helena, oder um den lieben Gott, oderum einen verprügelten Grenzaufseher. Die Hauptsache ist,daß sie die Windklappe öffnen und sich balgen können.Und wenn der Fuchs da drüben in seiner stolzen Farbenprachtsich noch ein einziges Mal erdreistet, mich anzuäugen,während ich hier vor Weisheit triefe, so werde ich ihn soforteinmal ansegeln und——«

»Jedenfalls hätten die Schulmeister ihr schönstes Sprüchleinweniger, wenn der Berthold Schwarz nicht das Pulvererfunden hätte,« lenkte Christoph Attermann in Gemütsruhenochmals ab. »Links schwenkt, Martin. Wir sind dieletzten zum Frühschoppen, wie immer.«

»Natürlich!« rief Martin Opterberg und betrat hochaufgerichtetdie Wirtschaft. »Wenn du mich Tag für Tagins Kolleg verschleppen mußt!«

Die Burschenschaft saß beim zweiten Glas. Man ließdie Zuspätkommenden das erste Seidel restlos leeren. »ZurDämpfung lasterhafter Streberei vor Mitternacht,« erklärteder Fuchsmajor Tillmann, ein großer und schöner Mensch,der sich der Kunstgeschichte verschrieben hatte. »Sah icheuch nicht mit nüchternem Magen ins Kolleg schlüpfen,während ich am Fenster die Morgenpfeife reinigte? Auf[S. 104]trockenem Boden wird der Halm zu Stroh, und die Hähne,die allzufrüh krähen, sind schon um Mittag heiser. Laßt abvon der Überheblichkeit gegen eure Mitmenschen.«

»Die Junker vom Opterberghof wünschen beizeiten Ministerzu werden,« lobte ein narbenbedeckter Bursch in ausgezeichneterHaltung. »Ich halte mich Euren Gnaden sehrempfohlen.«

»Der Grüters,« bemerkte sein Nachbar, ein hoch- undbreitgewachsener Student mit ruhigem Blick, »schlägt überallseine Nägel ein und denkt in seinem schönen Sinn:irgendwo und irgendwie muß der Hut mal hängen bleiben.«

»Lieber Broich, wenn du dich mit mir unterhalten möchtest,so sorge, daß Stoff im Glase ist.«

»Erbarmen,« rief der Fuchsmajor Tillmann. »Werdet dochnicht schon geistreich, wenn die Menschheit noch den Schlafin den Augen hat. Ich bitte um einige Rücksichtnahme.«

»Wer waren denn die Töchter in Apoll, die ihr so angelegentlichgrüßtet?« fragte Grüters obenhin über den Tisch.

»Studentinnen,« erwiderte Christoph Attermann.

»Habe ich nach dem Gewande gefragt?« belehrte ihnGrüters. »Studentinnen ist ein Herdenname. Ich meine, obin der Schale eine süße oder eine bittere Mandel steckt?«

»Hübsche Mädel sind’s,« rief Martin Opterberg undsprang dem verlegenen Freund rasch zur Hilfe. »Wer etwasvom Kern wissen will, muß sich schon selber bemühen unddie Nüsse knacken. Das Ergebnis scheint mir Frage desGeschmacks.«

»Du bist keck, Füchslein von neunzehn Lenzen. Sei dankbar,wenn dich erfahrene Männer lehren.«

[S. 105]

»Was, deucht euch, ist dieses?« rief der FuchsmajorTillmann und stieß seinen Zeigefinger durch einen Sonnenkringel.

»Das ist eine Bierbretzel, Leibbursch.«

»Jüngling, du trägst noch die Eierschale des Materialismusam Steiß. Ich mahne dich zu einem tiefen Trunkder Erkenntnis. Rest weg. Danke. Nun? Ist es immernoch eine Bierbretzel?«

»Wahrhaftig — jetzt seh’ ich’s klarer. Es ist ein goldnerSonnenkringel.«

»Frühlingssonne,« rief Tillmann. »Allererste, goldenlockende Frühlingssonne. Wie ein Bräutigamsreif legt siesich um meinen Finger und ruft hinaus aus den engenMauern in die blauenden Weiten. He, ihr Füchse, wißtihr ein passend Verlobungslied?«

»Der Herr Professor — liest heut kein Kollegium,

Drum ist es besser — man trinkt eins ’rum«

sangen die Füchse.

»Es ist notwendig,« bemerkte Tillmann, »daß ich eucheinigen Fuchsenunterricht in der freien Natur gewähre.Das geht ja nur ums Fressen und Saufen, und der heiligeGeist kommt zu kurz. Punkt drei Uhr antreten zum Marschauf den Schloßberg und wohin uns die Füße tragen. GesegneteMahlzeit.«

Um drei Uhr sammelte sich ein Trüpplein Farbentragenderam Martinstor, dem die Jugendsonne aus dem alten Steingequaderlachte. In der langen Straßenzeile sprangentänzelnd die Brunnen und flüsterten von ihrer Mutter, der[S. 106]Dreisam, und den Schwarzwaldbergen ringsumher. DasTrüpplein zog die geborstene Stadtmauer entlang undschwenkte am lustigen Schwabentor singend ins knospendeRebgelände ein, das den Trümmerberg der einst so trutzendenSchlösser selig lächelnd überzog. Und der Gesang brachab, als das Trüpplein die erste Höhe erstiegen hatte undaus wundertrunkenen Jugendaugen hinunterschaute aufdas Gewirr der grauen Dächer und altertümlichen Giebel,aus dem der schlanke Turm des Münsters wie ein veilchenfarbenerTraum der Vergangenheit sehnsüchtig gen Himmelragte.

»Das ist die einzige Blüte der Gotik, die sich noch imMittelalter voll zur Blume entfaltet hat,« lehrte aus tiefemSchauen heraus der kunstbefreundete Tillmann. SeineAugen tranken sich satt und schweiften über die andachtsvollenGesichter der Jüngeren.

»Nun, wie wär’s denn jetzt mit dem schönen Lied vomHerrn Professor, der heut’ kein Kollegium liest?«

Aber keine Stimme erhob sich zum übermütigen Saufauslied.

»Sag uns noch ein paar Wörtel von dem da drunten,«bat Martin Opterberg, und Christoph Attermann bat wieer, und die übrigen sprachen es mit. Und während siestanden und schauten und weiter hinanstiegen und oft Rückschauhielten, erzählte der Führer aus uralten Zeiten, vomZähringer Herzog, dem zweiten Berthold, der um dasJahr 1090 die Stadt gegründet, und von den sagenhaftenBaumeistern, die mit dem romanischen Querschiff den Baudes Münsters begonnen hatten, um ihn in siegreicher Kühnheit[S. 107]in die erwachende Welt der neuen deutschen Gotikhinüberzuführen. Ein Gestaltenheer tauchte auf und zogvorüber, während der Erzähler sprach. Bernhard von Clairvauxreckte im noch dachlosen Kirchenbau das Kreuz überden Häuptern des Volkes und entflammte ihm Hirn undHerz und Hand zum Kampf gegen die Ungläubigen. DasErzhaus Österreich nahm Besitz, und Vorderösterreich hießder Breisgau. Kaiser und Könige und Erzherzöge aus demHause Habsburg schritten funkelnd wie die Sonne durchdie Stadt und die Jahrhunderte, und die Sonne verschwandunter den Stürmen des Dreißigjährigen Kriegs,der das Gift säete statt des deutschen Heils und den mörderischenHaß erntete statt der Bruderliebe. Den Franzosenfiel die Stadt zur Beute und wieder Österreich, und aufsneue den französischen Scharen, die von der Freiheit sangenund das Fallbeil mit sich schleppten, und wiederum Österreich,dem geschwächten, um endlich den Kreis zu beschließenin der Rückkehr zum Zähringerhause Badens imJahre 1806.

Auf hohem Gipfel, den Schloßberg wie eine liebliche Erhebungtief unter sich, stand das Trüpplein, den grünenKranz der Schwarzwaldberge zur Rechten, weit hinaus vorsich das silbrige Geglitzer des Rheintales bei Breisach undjenseits in ungeheuren Nebelformen die Kette der Vogesen.Frankreich lugte über den Berg.

Der Führer Tillmann riß die Mütze vom Scheitel.

»Deutsch allzeit und allwege!« jauchzte er in das Sonnenland,und die anderen taten wie er und schwenkten dieMützen über den heißen Köpfen, und einer begann zu singen,[S. 108]und alle fielen ein, mit entblößten Häuptern und begeisterungflammendenJugendaugen:

»Es braust ein Ruf wie Donnerhall,

Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:

Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!

Wer will des Stromes Hüter sein?

Lieb Vaterland magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein!«

Christoph Attermann hatte den Arm um den Hals desFreundes und Bruders geschlungen. »Weißt du das Wort,Martin, das in schwerster Deutschlandszeit der alte Arndtgeprägt hat?«

Martin Opterberg reckte vom Schwarzwaldgipfel denArm gegen das Vogesenland.

»Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht DeutschlandsGrenze!« rief er, und von neuem begannen sie den Vaterlandsgesang.Die Stimmen klangen ab. Ein Lauschenblieb.

Aus dem Walde kam es hervor. Ein silbernes Singenund Klingen. Lautenklang und singende Mädchenstimmen.

»Der Mai ist auf dem Wege, der Mai ist vor der Tür;

Im Garten, auf den Wiesen, ihr Blümlein kommt herfür!«

Und die Blümlein kamen. Ein Quartettlein frischerMädchengestalten. In weißen Kleidern und über die jungeBrust das bunte Lautenband gezogen, traten sie aus demWaldesdunkel auf die sonnenüberschüttete Bergeskuppe,schauten nicht links und rechts nach den staunenden Studentleinund sangen ihr Frühlingswanderlied in den unendlichenMaientag bis zum Ende.

[S. 109]

»Da hab’ ich den Stab genommen, da hab’ ich das Bündel geschnürt,

Zieh’ weiter und immer weiter, wohin die Straße mich führt.

Und über mir ziehen die Vögel, sie ziehen in lustigen Reih’n,

Sie zwitschern und trillern und flöten, als ging’s in den Himmel hinein.

Der Wandrer geht alleine, geht schweigend seinen Gang;

Das Bündel will ihn drücken, der Weg wird ihm zu lang.

Ja, wenn wir allzusammen so zögen ins Land hinein!

Und wenn auch das nicht wäre: Könnt eine nur mit mir sein!«

Martin Opterberg hatte sich aus seinem Lauschen undStaunen gelöst. Er tat einen Schritt vor, auf die singendenMädchen zu, und Christoph Attermann griff nach seinerHand, als wollte er sagen: Nimm mich mit, Martin.

Vor den Mädchen stand Martin Opterberg, den Freundan der Hand, und sang ihnen die letzte Strophe wie einenKehrreim zu:

»Ja, wenn wir allzusammen so zögen ins Land hinein!

Und wenn auch das nicht wäre: Könnt eine nur mit mir sein!«

Lachend nickten die Mädchen den beiden zu, singend undklingend schritten sie über die Bergkuppe, Sonne im Haar,Sonne in den Augen, und ihre weißen Kleider schwandenim Dunkel des Waldes.

»Wollen wir nach, Christoph? Sie waren’s, die Kolleginnenvon der anderen Fakultät!«

»Jetzt nicht. Heute nicht. Nicht alle Freud’ miteinandhaben wollen.«

»Alle, alle, alle miteinand!«

[S. 110]

»Dann gäb’s kein Freuen mehr für morgen und übersJahr.«

Martin Opterberg schlug sich gegen die Brust, die dasFuchsenband überspannte.

»Hier ist Platz für hundert Jahr Freud’, und Hungerund Durst für tausend.«

Der Führer rief sie an.

»Daß mir keiner ausbricht! Wollt ihr ein Lämmerhüpfenspielen, so spiel’ ich den Schäferhund. Das Ganze Kehrt!Ich gedenk’ heute abend eine Männerkneipe mit euch abzuhaltenund keine Familienschokolade.«

Am Abend saßen sie auf ihrer Freiburger Kneipe. KeinFuchs war üppiger als Martin Opterberg. Sein Blutglühte und wallte und riß ihn von Übermut zu Übermut.

»Prosit, Christoph. Die mit der Laute!«

»Prosit, Christophel. Die mit dem Sonnenkrönlein imbraunen Haar! Menschenskind, und die mit dem Herzausschnittim weißen Kleidel! Und die mit der schlankenFessel am Fuß!«

»Und das hast du alles mit einem Blick gesehen?«

»Mehr, viel mehr! Vier rote Herzlein hab’ ich gesehen,und ich hab’ nur eins, und du hast nur eins. Was sollenwir tun als trinken? Auf aller schönen Mädchen Wohl!«

»Eine ist mehr, Martin. Vielleicht ist sie darunter. Müh’muß man sich geben und warten können.«

»Was warten! Heute scheint die Sonne! Morgen kann’sregnen! Heute ist heut!«

Wohlgefällig schauten die älteren Burschen auf den flammendenFuchsen. Sie tranken ihm zu. Sie lobten seine[S. 111]gute Haltung beim heißen Becher und seine Sicherheit undGewandtheit beim kalten Schlägereisen. Man besprach denTag seiner ersten Mensur und nahm ihn in nahe Aussicht.Ein Hinreißendes ging von Martin Opterberg aus, dasdie Jüngeren mit hinein in die Begeisterung trieb und dieÄlteren freundlich lächeln machte, und Christoph Attermannging es durch den Sinn: Da schlägt Arnold Opterberg,der Vater, die Augen auf, während Frau Christiane schaffensmüdeschlummert…

Am Tage, nachdem Martin Opterberg zur Freude derBurschenschaft siegreich seine erste Mensur geschlagen hatte,gelang es ihm, sich mit den jungen Studentinnen bekanntzu machen. Er hatte im Kolleg seinen Platz neben ihnengefunden, und da sein Verband, der eine kleine Stirnverwundungdeckte, ins Rutschen gekommen war, so hatte ihmseine Nachbarin, Therese Baumgart, nach Schluß der Vorlesungden Wickel neu befestigt. Er hielt ganz still, währenddie kühle Mädchenhand über seine Stirn glitt, bedanktesich wohlerzogenerweise und bat darum, auch denanderen Kameradinnen vorgestellt zu werden. ChristophAttermann schaute atemlos zu. Er tat eine Verbeugung,wie vor einem Heiligenbild, als er aufgerufen und frischwegin den Kreis eingegliedert wurde.

Heute wanderten sie nur hinaus in die Anlagen derStadt, denn die Mädchen hatten den frühen Nachmittagmit Vorlesungen belegt. Aber es war bald so viel lustigesWortgefecht und Jugendlachen zwischen ihnen, daß dieStunde sie vertrauter machte als lange Wochen, sonderlich,weil Martin Opterberg in den schattigen Baumgängen[S. 112]immer wieder den Verband verschob und von den feinenMädchenhänden Therese Baumgarts Hilfe heischte.

»Sie wollen nur zeigen, daß Sie ein wundenbedeckterund ritterbürtiger Mann sind.«

»Warum haben Sie so stille, mütterliche Hände, FräuleinBaumgart?«

»Die kleine Schmarre lohnt wirklich kaum das Nachsehen.«

»Auf der nächsten Mensur in acht Tagen werde ich mirden halben Kopf wegsäbeln lassen, nur um Ihre größereärztliche Zufriedenheit zu erlangen.«

»Steht Ihnen die Zufriedenheit der Ärztin über der Zufriedenheitder Mutter, Herr Opterberg? Sie müssen dochsicherlich eine ausgezeichnete Mutter gehabt haben.«

Da sprach Christoph Attermann sein erstes Wort.

»Wir haben sie noch, Fräulein Baumgart, und sie ist diebeste und größte aller Mütter.«

Das junge Mädchen blickte ihn aus großen Augen an.»Sie sind Brüder?«

»Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Mein Vaterist tot. Aber Frau Christiane Opterberg hat uns zu Milchbrüderngemacht, zu zwei Brüdern und zwei Söhnen. Soreich ist sie.«

Therese Baumgart reichte ihm die Hand.

»Das war schön. Was sie tat, und wie Sie es sagten.Und nun will ich auch den Verband noch einmal wickeln.«

Und Martin Opterberg drückte den Kopf in ihre Hände…

Acht Tage darauf focht Martin Opterberg seine zweiteMensur. Auch diesmal siegreich, wenn er auch einen schlankgeführtenDurchzieher auf der Wange heimzutragen hatte.

[S. 113]

»Christoph,« fragte er, »ob wir zum Theresel laufen?«

»Narr du. Wenn du so fortmachst, gründest du alleinihr die Praxis.«

»Sag, Christophel, gefällt sie dir nicht auch? Oder ist’sdie andere mehr, die im Walde das Sonnenkrönlein imbraunen Haar trug, oder die mit dem Herzausschnitt imweißen Kleidel, oder die mit der schlanken Fessel am Fuß?Siehst du, ich hab’ alles wohl behalten, aber von Namenhab’ ich nur den einen der Therese Baumgart behalten.«

»Sie trug die Laute,« sagte Christoph Attermann, »abersie trug auch ein Sonnenkrönlein im braunen Haar undeinen Herzausschnitt im weißen Kleidel und die schlankeFessel am Fuß. Du hast sie alle für eine genommen.«

»Ach, wer das könnte, Christoph, und das Leben allweilfür einen Freiburger Sommer nehmen.«

»Die andere mit dem braunen Haar,« sagte ChristophAttermann, »heißt Hilde Falkenroth und ist bei Koblenzgebürtig, und die beiden Blonden sind Schwestern, Elfriedeund Gerda Klarenbach aus Düsseldorf. Nun verwechsel’snimmer.«

»Wenn ich Glück hab’, verwechsel’ ich’s, Christophel. Siesind miteinander hübsch.«

Und wieder eine Woche, da gab’s ein groß Hallo inder Burschenschaft. Christoph Attermann hatte auf derStraße einem Studenten die Mütze vom Kopf gefegt, alsder frech eine Studentin angeredet und behelligt hatte. EineForderung auf Säbel war gekommen, und Christoph Attermannhatte noch nicht auf der ersten Mensur gestanden.Trotzdem beharrte er darauf, die Partie sofort auszutragen.[S. 114]Vierzehn Tage Einpaukzeit wurden hüben und drüben bewilligt.

Alle Überredungskünste bot Martin Opterberg auf, umden Freund zu bestimmen, ihn vorzulassen. »Du sagst, essei die Therese Baumgart gewesen, und ich bin im Säbelfechtenweiter als du.«

»Aber ich hab’ den größeren Zorn, Martin.«

»Wie kannst du das meinen, Christoph. Ich mag dasTheresel so gut leiden wie du.«

»Alldieweil hab’ ich den Zorn für euch beide und fürmich dazu.«

Kaum kamen sie noch vom Fechtboden herunter. MartinOpterberg hatte es nach heißem Bitten und Drängen durchgesetzt,daß er dem Freund und Bruder als Sekundantzur Seite stehen dürfe. Da er auf dem Fechtboden einenglänzenden Beweis seiner Säbelfertigkeit lieferte, hatte esihm die Burschenschaft zugestanden.

Beim ersten Gang klaffte Christoph Attermann die Stirn.Er ließ ruhig das Blut stillen und trat, trotz Abratens,von neuem an. Martin Opterberg hatte ihm mit zusammengebissenenZähnen zugenickt; er hatte des Freundes Gegnerzu leicht gewertet und brannte darauf, die Scharte auszuwetzen.Er riß sich zusammen. Er bekam den klaren,blanken Blick der Mutter. Jeden gefährlichen Hieb fing ermit der Klinge weg, ruhig und kalt, jeder Bewegung desFreundes schaffte er Raum, jedem schweren Atemzug. Fastwar die Partie zu Ende gekämpft, da erfaßte er blitzschnelleine Blöße des Gegners und blitzschnell das Auge des blutüberströmtenFreundes. Wie eine Gedankenübertragung[S. 115]war’s von Bruder zu Bruder im Bruchteil der Sekunde.Und Christoph Attermanns Klinge schnitt tief hinein in desGegners Schwertarm, daß er den Säbel lassen mußte.

»Den Sieg dank’ ich dir, Martin. Ich war zu End’.Im nächsten Augenblick hätt’s mich gehascht.«

Am nächsten Tage geschah etwas Lustiges. Mädchenfüßehuschten die Treppe hinauf zur Wohnung der Brüder,Mädchenfinger klopften an die Stubentür. Und auf einzweistimmiges »Herein« trat Therese Baumgart mit ihrenFreundinnen ins Zimmer.

»Bleiben Sie liegen, Herr Attermann. Wir kommen nurim Husch. Aber ich mußt’ unbedingt selber sehen, wasmit Ihnen ist, denn ich bot die Ursache.«

Sie drückte ihn, da er sich erheben wollte, auf das lederneKanapee zurück und blickte nach dem Verband. »Ist esarg bös?« fragte sie den lachenden Martin Opterberg.

»Geblutet hat er wie ein Öchslein, aber geschlagen hater sich wie ein wütender Eber.«

»Der Martin hat’s geschafft, Fräulein Baumgart. Erhat mir beigestanden wie der Erzengel Michael mit demSchwert, und ohne seine überlegene Fechtkunst hätt’ ichmit Ihrer schönen Sach’ am Boden gelegen.«

»Der Christoph hat’s Fieber und faselt. Fassen Sieseinen Puls.«

Sie faßte Christoph Attermanns Hand und hob dabeidie Augen zu Martin Opterberg.

»Es ist wohl gleich, wem ich den Puls fühl’. Bei Ihnenbeiden scheint mir alles wie mit Rädchen ineinander zugreifen. Aber ich bitt’ Sie herzlich, machen Sie nicht wieder[S. 116]solche Dummheiten wegen meiner. Wenn’s mich auch diesmalarg gefreut hat. Das sag’ ich ehrlich.«

»Es wird Sie schon keiner wieder behelligen, FräuleinBaumgart,« knurrte der Wunde.

»Keiner außer uns,« rief der übermütige Freund. »Sieund die Kameradinnen. Sie müssen uns schon ein ganzklein wenig zu gute halten, weil Sie gar so hübsch sind.«

Da lachten die Mädchen wie fröhliche Kinder, und dieTherese Baumgart drückte Christoph Attermanns Hand undsagte: »Ich danke Ihnen recht, recht sehr, und wir sindFreunde.«

Aus einem Seidenpapier nestelte sie ein paar Rosen undbot sie ihrem Ritter dar. Christoph Attermann aber bestanddarauf, daß die eine der Martin erhalten müsse, ohneden er’s nicht zu Ende geführt hätte, und Martin Opterbergküßte der Spenderin in jungenhafter Freude die Hand.Da wagte es auch der Christoph.—

»Also so leben wir alle Tage! Die schönsten Mädchenund die rotesten Rosen! Und bei all der Sonne draußenkeine Spur von Bücherstaub drinnen! So lob ich’s mir,so lob ich’s mir in Ewigkeit. Amen. Willst du mich erwürgen,Junge?«

»Vater!« hatte Martin Opterberg geschrieen und sich demMann, der in strahlendem Vergnügen im Türrahmen stand,an den Hals geworfen. »Der Vater ist gekommen, derVater—«

Und schon war auch Christoph Attermann auf den Beinenund bemächtigte sich der Hände des lachenden Mannes,und Arnold Opterberg rief ihnen zu: »Nette Herren Söhne,[S. 117]das muß ich bekennen. Außerordentlich erkenntliche Jünglinge.Wer war’s, der mich einmal zur Kneipe einladenwollte? Versunken und vergessen, der alte Eulenvogel imTurm. Und als er dennoch den Flug wagt, findet er verbundeneKöpfe, an die kein Becher heranreicht.«

»Sag das nicht, Vater! Die Kruste auf der Backe istmir nicht mehr hinderlich, und der Christoph hat auch denMund frei!«

»Allemal!« rief Christoph Attermann. »Und wenn ichauf dem Kanapee angebunden würd’, heut ging’s hinaus!Gelt, Fräulein Baumgart, von Fieber keine Spur.«

»Gestatten Sie, meine Damen,« sagte Arnold Opterbergmit einer ritterlichen Verneigung, »daß ich mich Ihnenselber vorstelle. Ich bin der Vater dieser aus Rand undBand geratenen Jünglinge. Sie sind, wie ich sehe, aufeinem Krankenbesuch. Dem zerschlagenen Kopf schadet esnicht. Aber wird es das Herz aushalten?«

Hastig nannte der Sohn die Namen. »Studentinnender Medizin, Vater, und liebe und verehrte Freundinnendazu.«

»Lieb — und verehrt,« wiederholte Arnold Opterberg,ließ seine aufleuchtenden Augen in die Runde gehen unddrückte jedem der erglühenden Mädchen kräftig die Hand.»Gut, daß die Buben die erlösenden Worte sprachen. Ichhätte sie sonst vom Fleck weg in die Augenklinik geschafft.«

»Wir wollten uns verabschieden und dürfen es jetzt,«sagte Therese Baumgart und blickte aus ruhigen undunbefangenen Augen auf den Vater ihrer Freunde. »Es[S. 118]war eine große Ehre für mich, Herr Opterberg.« Und sieknixte in verehrungsvoller Achtung.

»Reißausnehmen? Weil der alte Sturmvogel seine Jungenbesucht? Seh’ ich wirklich so zerzaust und zerfleddert aus,daß die holdeste Jugend vor mir von dannen stiebt? Oderschämen Sie sich des Bäuerleins vom Lande?«

Da lachten die vier Mädchen hellauf und schauten vollBewunderung an dem kraftvollen Mann empor und in dasbraune, kühne Gesicht. Und Arnold Opterberg zog mitjedem Arm zwei der schlanken Mädchengestalten an sichund befahl: »Wir bleiben zusammen, bis es Sturm läutetzur Männerkneipe. Auf in den Stadtgarten! Es soll eineKuchenschlacht geschlagen werden, als gält’ es dem Erbfeind.«

»Ihr lieben und schönen Kinder,« sagte Arnold Opterberg,als es Abend wurde nach dem fröhlichen Schmausenim Freien, »es ist Sommer geworden, und das Semesterneigt sich dem Ende. In wenig Wochen sind die Ferienda. Ferien! Wie das klingt! Nach blauen, glückseligenTagen klingt es, nach rauschenden Wäldern und springendenQuellen, nach einer wunderbaren Wanderfahrt durch dieSchwarzwaldberge und dem gastlich winkenden Ziel — demOpterberghof. Seid meine und meiner Frau ChristianeGäste, ihr lieben, schönen Kinder.«

Die Mädchenaugen weiteten sich. Wanderseligkeit sprangin ihnen auf. Winkende Fernen. Glücksstaunen und Jugendlust.In Therese Baumgarts Augen schimmerte es einwenig feucht. Sie beugte sich über die Hand des frohspendendenMannes. »Wir kommen gern.«

Am Abend desselben Tages — oder war es die Sommernacht[S. 119]— oder war es der Jungmorgen — mußten aufdem Kneiphaus selbst die unverzagtesten Burschen, die Tillmann,Broich und Grüters die Waffen strecken. ChristophAttermann, der wunde, hatte das Feld um Mitternachtgeräumt. Arnold Opterberg schritt mit seinem Sohne alsSieger in den Morgen.

»Eine gute Kur, trotz deiner Medizinerinnen. Um zwanzigJahre hat’s verjüngt. Das machen wir öfter, Martin.Gleich alt sind wir. O Jugend, Jugend—!«

Die drei unverzagtesten, die Tillmann, Broich und Grüters,hatte Herr Arnold auch auf den Opterberghof geladen.Professor Barthelmeß war mit den Seinen in den Rheingauhinübergesiedelt, wohin er zu langjähriger und lohnenderArbeit berufen war, und Herr Arnold Opterberg ertrugdie Einsamkeit des Zechertisches nur mit Widerstreben.

Wohl hatte Frau Christiane zunächst verwundert denKopf geschüttelt, als sie durch den heimgekehrten Gattenvon dem Massenbesuch erfuhr, dann aber bald eine Kistemit Mundvorrat für neun hungrige Wanderer gepackt undnach Freiburg gesandt, damit die Studenten und Studentinnenihren Rucksack daraus füllten, denn sie sollten sichvom Tage ihres Abmarsches an als Opterbergsche Gästefühlen. Das rief einen großen Jubel in der Musenstadthervor.

Und hinaus ging’s an einem silbrigen Frühmorgen, hinausund hinauf auf den Schauinsland, immer der Sonne entgegen.In Kniehosen und leinenem Hemd marschierten dieBurschen, in hellen, fußfreien Kleidern die Mädchen, denLodenmantel für die Berg- und Waldesrast über den Rucksack[S. 120]geschnallt. Jeder trug das seine, und die ThereseBaumgart trug dazu am breiten Band die Laute. Daschwangen die Füße von selbst zum Marschklang der Saiten,und federnd wie zum Tanze ging’s auch die steilsten Hängehinan. Vom Schauinsland glitt der Blick noch einmalrückwärts in die Ebene. Zwischen den Hügeln träumteFreiburg. Grüß dich Gott, du alte, liebe Stadt.—

Weiter, weiter! Wer schaut rückwärts, wenn Jugendmarschiert? Eine halbe Stunde noch, und sie fielen imGasthaus auf der Halde ein, ließen sich von dem trefflichenWirtspaar einen Kaffee kochen und verzehrten unter Jubelausbrüchenüber Frau Christianes Gaben das Frühstück.Und wieder in den rauschenden Tannenwald, der immerdichter, immer geheimnisvoller seine bärtigen Stämme aneinanderschob,und auf schmalen Fußwegen im Einzelmarschhintereinander bergauf, die Lautenspielerin voran. Scherzworteund Neckrufe flogen die Reihe hinauf und hinab, bisder Zug noch einmal umgeordnet war, hinter jedem Mägdleinein übermütig Bürschlein, und da eins sich zuviel erwies,machte Martin Opterberg ritterlich den Führer. Überden waldesdunklen Notschrei führte er durch die tiefe, smaragdeneBergwälderpracht, bis in praller Mittagssonne derRiesenrücken des Feldbergs sich vor ihnen reckte und dehnte.

»Atempause,« bat Grüters, der Staatswissenschaftler.

»Abgelehnt!« rief Broich, der Jurist.

»Der Damen wegen,« verteidigte sich der Diplomat.

»Den Damen den Arm! Nachher steigt sich’s noch einmalso schön.«

Schon hatte Broich den Arm Hilde Falkenroths, der[S. 121]Koblenzerin, in dem seinen und stieg bequem pfadan. Grütersund Tillmann folgten mit den beiden Düsseldorferinnen,den Schwestern Klarenbach. »Wen wähle ich?« fragteTherese Baumgart. »Uns beide,« sagte Christoph Attermann,»denn es ist das gleiche.« Und die Buben vomOpterberghof nahmen sie in die Mitte. Martin Opterbergaber erhob trotz des Anmarsches seine helle Stimme:

»Schöne Mädel führt der Bursch zum — Hastdunichtgesehn —

Schöne Mädel führt der Bursch zum Tanz!«

Droben standen sie auf dem Feldbergturm, und all dasnahe und ferne Märchenland der Schwarzwaldberge, derAlpenwelt und der Vogesenkette schlug seinen Bann um sie.In atemlosen Schauen standen sie und tranken die Schönheitder deutschen Welt.

»Nicht reden. Nicht reden.«

Sie lasen es sich noch an den Augen ab, als sie schonweiter wanderten, den kahlen, langgestreckten Feldbergrückenentlang, und auf vorgeschobener Platte lagerten, den staunendenBlick hinabgesenkt in die einsamen Schluchten, ausderen einer fernher der Zauberspiegel des Titisees aufblitztewie ein Irrlicht. Und wortlos fast und doch innerlichflüsternd und singend wanderten sie weiter, und ein jederBursch führte, als wäre es nun ein selbstverständliches, seinMädchen weiter am Arm, und die Lautenspielerin schrittzwischen den Opterbergbuben. Abwärts den Feldberg undhinauf zur Schutzhütte des Herzogenhorns.

Am Lagerfeuer hatten sie abgekocht. Die Mädchen botendie Speisen, und die Burschen kredenzten in zinnernen[S. 122]Bechern den Wein vom Kaiserstuhl. Dann wob der Sommerabendsein seltsam durchsichtig Blau, und sie all zogen sichzu einem engeren Kreis zusammen und lagerten im Moosum einen Eichenstumpf, von dem das weiße Kleid derTherese Baumgart im Mondlicht leuchtete. Ihre Mädchenwangekoste den Lautenhals, als sie sang und spielte.

Jugendlieder. Sehnsuchtslieder. Und die Hörer lagertenHand in Hand.

»Noch ein letztes,« bat Martin Opterberg, der als einzigeraufrecht an einem Baum lehnte und nicht wußte, wie ereiner nie gekannten Ergriffenheit Herr werden sollte.

»Du bist die Ruh’, der Friede mild,

Die Sehnsucht du und was sie stillt…«

sang der Mädchenmund in die schweigende Bergnacht. UndMartin Opterberg spürte es wie einen Nachtschauer überseine Glieder gehen, daß er hätte aufschreien mögen, ohnezu wissen, warum?

Die Mädchen traten allein in die Schutzhütte und begabensich in ihre Kammer. Die Freunde saßen rauchendam Feuer. Therese Baumgart wandte sich in der dunklenTür der Hütte um.

»Therese …« hatte eine heiße und scheue Stimme geflüstert.

»Gute Nacht, Martin,« sagte sie.

Und er küßte sie.—

Weiter, weiter. Im jubilierenden Morgenerwachen, insengender Sommersonne. Durch endlose Wälder, die dennochviel zu klein, hinauf auf die steilen Höhen, die dennoch[S. 123]viel zu nieder. Jetzt führte Christoph Attermann, dennMartin Opterberg bildete mit der Freundin den Schluß.Nur an den Fingerspitzen hielten sie sich beim Wandern,und doch war ihm, als fühlte er die Freundin an der Brust.Der steile Blößling, der hohe Zinken, der Hochkopf — ChristophAttermann rief die Berge aus, die sie im Auf undAb erstiegen — für Martin Opterberg waren sie nichtsals Namen. Er sah nichts anderes als das eine Bild:das weiße Kleid in der blauen Sommernacht und dieMädchenwange kosend am Lautenhals. Und er hörte nichtsals das eine, das letzte Lied.

»Theresel,« sagte er tiefaufatmend, als im leuchtendenAbendrot die erste Menschensiedlung zu ihren Füßen lag.

»Wie heißt der Ort?«

»Todtmoos.«

»Der Name macht traurig…«

Am nächsten Tage stiegen sie durch das wilde Wehratalzur Rheinebene hinab, und das Brausen der stürzendenWasser, die durch Granit den Weg erkämpfen mußten,betäubte noch ihre Sinne, als sie sich dem Opterberghofnäherten.

Da stand das weiße Haus auf dem Felsen, der aufblumenbunten, baumbeschatteten Gartenstufen zum jungen,hastenden Rheine führte, und auf der Schwelle stand ArnoldOpterberg und schüttelte den jungen Männern die Handund zog die Mädchen in seine Arme. Und Frau Christianestand auf der Schwelle und tat aus den klaren Augen, diedie Farbe des jungen Rheines hatten, einen Umblick überdie Gesichter der Ankömmlinge, streckte die Hände aus zum[S. 124]Willkomm und verteilte die Schar der jungen Gäste aufStuben und Kammern.

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, als Frau Christianezurückkehrte, »du hast einen unbestechlichen Blick. Welchegefällt dir am besten?«

»Das Mädchen mit der Laute, Christoph.«

Da lachte Christoph Attermann in sich hinein und warfröhlich die ganzen Ferien über.

[S. 125]

6

Das junge Mannsvolk war über die Alpen, ins LandItalien. Herr Arnold Opterberg selber hatte den Planentworfen und ihn durch Einschiebungen großer Fußreisenund Bevorzugung der einfachsten Schenken und Gasthäuserso billig zu gestalten gewußt, daß ihn auch die weniger bemitteltenStudenten ohne geldliche Schwierigkeiten auszuführenvermochten. Es herrschte tosende Freude im Auslugzimmerdes Giebelturms, als der Hausherr erklärte,die Leitung des Heereszuges selbst in die Hand nehmen,im übrigen aber Kamerad unter Kameraden sein zuwollen.

Fort waren sie wie die Zugvögel, obwohl es mitten inder Ernte war. Herr Arnold Opterberg hatte einen Grundgefunden, endlich aufs neue den Trieben seiner schweifendenSehnsucht zu folgen, und da er als Lenker und Leiter derJugend ging, der keine andere Zeit als die Ferienspannezu Gebote stand, so fiel für ihn der Schein der Selbstsuchthinweg.

Frau Christiane nickte mit ruhigen Augen, stellte einenneuen Knecht ein und stand des Morgens um eine Stundefrüher auf. Besser mehr Arbeit mit den Händen als mit[S. 126]dem Herzen, sagte sie sich in ihrer Lebenskunde. Und Unzufriedenheitin der Ehe ist Diebstahl am Maß unseresLebens.

Und sie schuf den Ausgleich und legte von dem ihren zu,weil sie die reichere war.

Auch die Mädchen waren heimgeflattert in ihre Hausungenam Mittel- und Niederrhein. Ihrer drei nahmen ein Geheimnismit sich, das den drei Freunden der Opterbergsbubenrecht wohl bekannt schien. Nur Therese Baumgartwar auf besonderen Wunsch Frau Christianes noch geblieben.

Wenn die Gutsherrin in frühester Morgenfrühe die Fensterlädenihres Schlafzimmers öffnete, stand das Mädchen schonim Hof und winkte ihr den Guten-Morgengruß.

»Du sollst ausschlafen, Kind. Die Ferien sollen Kräftesammlersein.«

»Das Sprichwort lehrt: ›Sieben Stunden sind der Ruh —die achte fällt dem Faulen zu.‹ Von Neun bis Vier lagich in den Federn. Macht sieben Stunden. Ich bin frischwie ein Fisch.«

»Lauf in den Stall und trink einen Liter Milch warmvon der Kuh, ich komme.«

Den ganzen Tag blieb ihr das Mädchen zur Seite undgriff zu, wo es zuzugreifen gab. Am Nachmittag saß esüber seinen wissenschaftlichen Büchern, und nach Feierabendhockte es plaudernd neben Frau Christiane auf der Gartenbank,von der sich der Blick auf die strudelnden Wasserdes jungen Rheins erschloß, oder spielte auch wohl aufeine Bitte der Hausherrin alte Liedweisen auf der Laute,[S. 127]zu der die beiden Frauen zweistimmig die verträumtenWorte sangen.

»Erzähl mir ein weiteres von Daheim, Theresel. Ichlausch’ dir gern, und wenn der Rhein die Musik dazumacht, so ist das auch ein Lied.«

Sie hatte das Mädchen von dem Tage an »Du« genannt,an dem die drei Freundinnen die Heimfahrt angetretenhatten. Mit diesem Du schuf sie der Zurückbleibenden zartund still den Heimplatz.

Das empfand das Mädchen tief.

»Ein weiteres soll ich erzählen? Von den Eltern berichteteich schon, daß sie als rechte Bürgersleute in Karlsruhelebten und starben. Außer mir war noch eine Nachzüglerinim Nest, mein um zehn Jahre jüngeres SchwesterchenLinde, und da die Eltern erst in gesetzten Jahren geheiratetund kein übergroßes Vermögen erworben hatten,so erzogen sie mich, wie man einen Sohn erzieht, der rechtzeitigals seiner kleinen Schwester Beschützer auftreten kann.Also durfte ich mit achtzehn Jahren meine Reifeprüfungablegen und zur Universität gehen. Doch das haben dieEltern nicht mehr erlebt. Die starben im Jahre vorher.Eins starb so geschwind dem andern nach, daß es gleichdie Probe auf meine Widerstandskraft galt und auf dieBerechtigung, trotz alledem das Studium aufzunehmen.«

»Und das Schwesterchen? Die kleine Linde?«

»Die Linde,« sagte Therese Baumgart mit einem warmenTon, »die Linde zählt jetzt acht Jahre und ist im Schülerinnenstiftzu Karlsruhe. Sie ist frisch und gesund undvertraut auf die große Schwester, daß sie fleißig studiere[S. 128]und ihr eine frohe Zukunft schaffe. Bis sie eingesegnetwird, muß ich als Frauenärztin meinen sicheren Wirkungskreisgefunden haben. Dann hol’ ich sie zu mir in derZeit ihrer schönsten und stärksten Entwicklungsfähigkeit undkann ihr mit den selbsterworbenen Mitteln die Wege ebnenhelfen.«

»Und wenn die Therese Baumgart inzwischen einen Manngefunden hat?« fragte Frau Christiane.

»Glauben Sie denn, er wird’s mir verwehren, wenn ichselbst verdiene?« fragte sie ängstlich zurück.

»Du lieb, unschuldig Närrchen,« lachte Frau Christianeund huschelte den braunen Mädchenkopf an ihre Brust.»Also denken tust du doch daran, an die Lieb’ und die Ehe,trotz Doktorhut und Heilberuf? Brauchst dich nicht verlegenzu ducken, Kind. Aufrecht stehen und selber seinenMann stellen im Leben, ist notwendig und zumal für unsFrauen, die nicht wissen, wie’s kommen kann auch nachdem glücklichsten Rausch, und wie sich der Herr Gemahlim Taglicht entwickelt. Schau her, meine Händ’. Siehaben das Arbeiten gelernt vor der Ehe, und es war gutso, denn sie sind nicht zarter geworden im Lauf der Ehejahre.Oder soll ich ein golden Krönchen legen um meineslieben Herrn Arnold Opterberg Stirn? Mir ist doch, alsglichen deine Augen den meinen?«

Da löste sich der braune Mädchenkopf von der Frauenbrustund beugte sich in den Schoß Frau Christianes undschmiegte die Wange auf die kräftigen Hände.

Und ein anderes Mal bat Frau Christiane: »Erzählmir, wie du meine Buben kennen gelernt hast. Sie waren[S. 129]wohl recht keck und großherrlich, weil sie die frischen Narbentrugen?«

»Der Christoph trug noch keine, und der Martin seineerste.«

»Also war’s der Martin, der Sonne, Mond und Sternebegehrte. Ein Riß in der Haut, und sie dünken sich Heldenund Abenteurer. Früher tat’s ein Loch in der Hose. Abermich freut’s bei rechten Buben, und du kannst mir ruhigerzählen.«

Das Mädchen lächelte der Frau in die Augen.

»Er war gewiß nicht schlimm und keck. Nur so ganzmannbar hat er sich gefühlt durch seinen ersten Sieg aufder Mensur und darum auch so — so siegesgewiß. Dasstand ihm gut, und sein Benehmen zeigte gleich, daß ereine gute und geliebte Mutter hatte.«

»Schmeichlerin. Weshalb sagst du mir das?«

»Weil es nicht von mir stammt, sondern vom ChristophAttermann. Und der brauchte noch ganz andere Ausdrück’und schmeichelte doch auch nicht.«

»Nicht bös sein, Kind. Ich hör’s ja gern und wär’ keineFrau, wenn ich’s leugnen wollt’. Aber versteh mich auchdarin recht: eine Schmeichelei kann eine Anerkennung sein,die den anderen schmücken soll, oder nur ein schönes Wort,mit dem sich der Redner selber aufputzen möcht’. Dafürmuß die rechte Frau ein Ohr haben. Nun, und von euchwollt’ ich’s hören und hab’ es gehört. Also du warst beiChristoph Attermann.«

»Bei Christoph Attermann?« verwunderte sich das Mädchen.»Ja doch, ich nannte ihn, als ich von des Martins[S. 130]frischer Fröhlichkeit sprach, mit der er im Kolleg gleich zumir redete. Er saß neben mir, und sein Verbändlein wargerutscht.«

»Sieh an. Medizinische Kollegs besucht der Bub, derins Ingenieurfach will? Doch das müßt ihr ja wohl besserverstehen, und seinen Wissensdurst soll der Mensch stillen.«

Überrot saß Therese Baumgart und wußte nicht, wohinmit dem Blick.

»Der Christoph Attermann besuchte doch auch die medizinischenKollegs,« stammelte sie.

»Ei, nun ist es wieder der Christoph. Ich dächt’, derraufte sich inzwischen mit dem Säbel?«

»Gerauft hat er sich wahrhaftig nicht,« verteidigte ihndas Mädchen. »Er hat, und gewiß gegen meinen Willen,einem Studenten die Mütz’ abgeschlagen, als er mir unhöflichwurd’, und nach den studentischen Bestimmungenmußt’ er mit der Waffe einstehen. Aber der Martin hatihm so herrlich sekundiert, daß er den anderen die Zech’bezahlen ließ.«

»Mein Gott, nun ist es wieder der Martin,« sagte FrauChristiane kopfschüttelnd und erhob sich. Und als sich dieTherese Baumgart mit ihr erhob, ganz kopflos gewordenvon den schnellen und blanken Einwürfen, nahm FrauChristiane sie mit einer mütterlichen Bewegung fest in denArm. »Ich freu’ mich, daß sie dir alle beide gefallen.Hab’ ich sie doch beide aufgezogen wie Söhne und Brüder.Der eine ist treu und fest wie Gold, und der andere heißwie eine Flamme, aber wie eine lautere Flamme, die aucheinmal ein Herdfeuer gibt. Schenk du beiden deine Freundschaft,[S. 131]und wenn du einmal irre wirst an einem von beidenoder dich selber ein Zweifel plagt, so ruf mich, Theresel,oder komm selber angereist. Eine Mutter versteht alles;ich mein’ eine rechte Frau und Mutter und keine gluckendeHenne. Gelt, und das Lindele, das bringst du mir aucheinmal zum Anschaun.«

Und Herbst ward’s, und der Winter kam über Freiburg,und mannshoch lag der Schnee auf den Schwarzwaldbergen.In der Burschenschaft hatten sich die Fünf, die so sommerseligdurch den Schwarzwald zum jungen Rhein gezogenwaren und so freudetrunken über die Alpen ins LandItalien, die Tillmann, Grüters, Broich und die Opterbergsbuben,trotz aller Verschiedenheiten des Wesens engeraneinander angeschlossen, weil sie von denselben fröhlichenErinnerungen zehrten. Nicht weniger aber für die Gegenwart,weil der gleiche kleine Mädchenkreis sie anzog: ThereseBaumgart und ihre Kameradinnen. Manche Wege nochwaren sie mit ihnen gemeinsam gewandert, wenn Vorlesungenund Anatomiesaal die eifrigen Schülerinnen freiließ,und als die Schneemeldungen vom Feldberg undseinen Brüdern kamen, da war der erste Samstag recht,um über den Sonntag hinaus in die Berge zu fahren, dieSchneeschuhe auf dem Rücken und die lernbegierigen Mädchenzur Seite.

Beschuht mit derbem Rindsleder, in dickgestrickten Jackenund flauschigen Wadenstrümpfen, die Wollmütze über dasHaar gezogen und den Schal um die Schultern, glichen[S. 132]sich die Mädchen zum Verwechseln, und es konnte nichtausbleiben, daß ihnen ihre Begleiter öfter als sonst unterdas Mützlein blicken mußten, um festzustellen, mit wem siesprachen. Das war Martin Opterbergs liebstes Spiel, under übte reihum manche kleine Zärtlichkeit, um sich mit einemjähen Erschrecken zu entschuldigen, er habe eine andere gemeint.Die rheinischen Mädchen aber, selber viel zu glücksfröhlich,ließen sich den Übermut des hübschen und immersprühenden Burschen ohne viel Aufhebens gefallen, da erdoch überdies der beste Freund ihrer lieben Freunde war,und die Freunde selbst, die Tillmann, Grüters und Broich,nahmen sein lustiges Wildern, das immer in den Grenzendes Knabentollens blieb, als eine schickliche Gelegenheit, besonderswarm für ihre Schützlinge einzutreten und sicherndden Arm um ihre Schultern zu ziehen. Nur Therese Baumgartblickte die ersten Male verwundert auf, wenn einkleiner Aufschrei dartat, daß Martin Opterbergs Handwieder einmal versehentlich unter das Kinnlein einer ihrerKameradinnen gegriffen hatte. Dann aber nahm auch sie esals unschuldige Schneebahnfreiheit und lustigen Winterspuk.

So wurde das schwerfällige Hinaufstapfen auf die Bergeshöhenzu einer gleich großen Köstlichkeit wie das seligeHinabgleiten in die schneeverwehten Weiten, das sausende,brausende Sturmfliegen die steileren Hänge hinab, dasatemversetzende Hinüberschwingen von Halde zu Halde unddas jubelnde Sichwiederfinden im fernen Talgrund. Ofthieß es eine Schleife fahren, um einer im Schnee versinkendenGestalt wieder auf Füße und Schneeschuhe zuhelfen. Dafür wurden hohe Belohnungen oder derbe[S. 133]Strafen zugesichert, je, ob es ein Mägdlein oder ein Bürschleinwar. Und in den großen Schutzhütten, in denen esvon sportliebendem Jungvolk wimmelte, gab es nach heißemErbsenbrei zu Lautenklang und Zitterschlag Tanz und Gesangvor dem lodernden Kamin, bis die Mitternachtsstundedie Nimmermüden zur Strohrast rief.

Christoph Attermann war wie ein mächtiger Berghund.Er sicherte in kühnem Vorlauf die Bahn, hielt zurück, umdie ungeübten Mädchen vorüberbrausen zu lassen, war alsErster zur Stelle, um hilfreiche Hand zu bieten, und ließdennoch keine Sekunde das Auge von Therese Baumgart,an deren Schneeschuhen er die kleinste Unregelmäßigkeit erblickte,ordnete und heilte.

»Ihr Wintervergnügen ist durch mich nur halb,« klagtedas Mädchen.

»Wenn das Ihre durch mich nur ein ganzes wird,« lachteder Wetterfeste.

»Sie sind ein Mensch, dem man sich blindlings anvertrauenkann,« sagte das Mädchen und reichte ihm dieHand.

»Tun Sie das nur zu jeder Stund’. Sie mag hell oderdunkel sein, Fräulein Therese.«—

Es war im März, und Neuschnee auf den Bergen. WenigeTage noch, und das Wintersemester schloß ab, und derAbschied war da von Freiburg, der lieben, alten Stadt.Wie auf Sturmflügeln kam Martin Opterberg auf Schneeschuhenvom Feldberg daher, und Therese Baumgart warmit ihm, weil es den Abschiedstag galt, den er sich auserbetenhatte. Durch die schneeverhängten Tanneneinsamkeiten[S. 134]fuhren sie dahin wie die wilde Jagd, und die Zottelbartriesender Wälder schraken aus dem Schlummer, undes war, als flögen sie im Sprunge zurück, wo die jungenMenschenkinder mit einem Lustschrei vorüberbrausten.

»So dahinfliegen in alle Unendlichkeit!« schrie MartinOpterberg. »Das ist Leben!«

»Ja! Ja! Ja!« scholl es ihm nach.

Die Wälder des ›Notschrei‹ nahmen sie auf. Sekundenlanggedachte das Mädchen des bedrückenden Namens.Aber das Jauchzen des Jünglings riß sie darüber hinweg,und da breitete sich die Halde, und das Haldenwirtshauswinkte.

Auf der Kaminbank hockten sie dicht bei einander undließen sich durchwärmen von der Glut der harzigen Klobenund dem roten Glühwein, den ihnen der Wirt mit Späßenkredenzte. Und als sie wiederum die Schneeschuhe angeriemthatten und mit erfrischten Kräften die Tafel desSchauinsland erreicht war, fiel jäh die Nacht herein.

»Was tun wir jetzt?« fragte das Mädchen.

»Wir machen Licht!« rief der Begleiter. »Fackelträgervor für die Königin!«

Zwei handliche Pechfackeln wählte er aus seinem Rückenbündel,entzündete ein paar Kienspäne und stieß die Fackelnin die Glut. Da flammten sie lichterloh auf und warfenihren wilden Schein über das schweigende, weiße Schneegefildeund die erhitzten Gesichter der beiden Menschenkinder.In jeder Hand schwang Martin Opterberg eineFackel, daß das Schneeland wie ein königlicher Purpurmantelflammte.

[S. 135]

»Bahn frei für die Märchenkönigin!« schmetterte er indas widerhallende Tal, hob die Fackeln hoch über denKopf und brauste, das Mädchen in seiner feurigen Spur,die Hänge hinab.

Von der letzten Höhe glitten sie in die Niederungen derMenschen. Nebeneinander fuhren sie jetzt, und die Fackelnwaren bis auf den Stumpf niedergebrannt. Martin Opterbergschleuderte sie zur Erde, daß ein Funkenregen um ihreKöpfe flog.

Den Arm streckte er aus und riß die auf den SchneeschuhenSchwankende an sich.

»Mädchen, Mädchen, hast du mich lieb? Hast du michlieb, Mädchen?«

»Ja, Martin, ich hab’ dich lieb. Ja, Martin…«

Er küßte ihr die Wangen, die Augen und den Mund.Und dann nahm sie sein Gesicht in ihre beiden Hände undblickte lange hinein. Als müsse sie sich jeden Zug, so wieer war, einprägen für immer.

Die Schneeschuhe wurden gelöst und aufgepackt. Durchdie Vordörfer ging es nach Freiburg hinein.

Die Brunnen auf den Straßen rauschten vom Abschiednehmen.

»Nun gehst du auf die Hochschule nach Darmstadt,Martin—«

»Geh du nach Heidelberg, Theresel. Du findest eineglänzende medizinische Fakultät, und ich finde dich leichtervon Darmstadt aus.«

»Wollen sehen, ob’s glückt. Wenn du heimgehst, grüßdie Mutter.«

[S. 136]

»Leb wohl. Ich sag’ dir all meinen Dank.«

»Leb wohl, du—«

Sommer war es geworden und wieder Winter, seitdemMartin Opterberg und Christoph Attermann ins Hessischegezogen waren, um an der technischen Hochschule zu Darmstadtihren Studien obzuliegen. Vom ersten Tage an nahmsie ihr erwähltes Fach gefangen, und der buchenbestandeneOdenwald durfte lange locken, bevor er in den wenigenMußestunden, die sich die Eifernden ließen, die heißen Arbeitsstirnenzu kühlen bekam. Wie ein Bergmann gingChristoph Attermann in seiner Arbeit Stollen für Stollenab und wühlte sich unermüdlich durchs Gestein, währendsich Martin Opterberg, sobald er die Unterlagen unter denFüßen spürte, mehr und mehr in die großen Zusammenhängevertiefte, die die Wunder der Technik mit dem Hoch-und Ausbau des gesamten Wirtschaftslebens verband, undihrer Herr und Meister zu werden versuchte. Da tat sichmanche Lücke auf, der nicht lediglich mit dem Winkelmaßund der Logarithmentafel beizukommen war, und schonnach einem weiteren Jahr stand es ihm fest, daß er zurAbschließung seiner Studien noch ein paar Semester Volkswirtschaftan einer Universität hinzunehmen müsse. Aberdas eilte ihm vorläufig nicht. Alle Säfte der Jugendstiegen in ihm auf, wie in einem jungen Baum, der nachallen Seiten seine Äste recken möchte und doch fürerst indie Höhe schießt.

Von Zeit zu Zeit traf ein Brieflein von Therese Baumgart,[S. 137]die nach Heidelberg übergesiedelt war, als Antwortauf einen fröhlichen Kartengruß ein. Darin berichtete dasMädchen gar ernsthaft von Studien, Übungen und erstenFachprüfungen, die es leicht bestanden habe, von seinenweiteren wissenschaftlichen Plänen und ein wenig auch vonseinem eingezogenen und doch glücklichen Leben auf derStudentenbude hoch oben in der Neckarstadt. Und nurzwischen den Zeilen zitterte zuweilen ein Wort: ›Denkst dunoch an die sommerselige Schwarzwaldwanderung? Denkstdu noch an die glührote Fackelfahrt durch Neuschnee undNacht, von Berg zu Tal?‹ Dann schrieb Therese Baumgartwohl: »Wenn ich zur Erholung und Erfrischung ansFenster tret’ und die Hand ausstreck’, so greif’ ich in einBäumlein des Odenwalds, und wenn du von deinem Fensteraus dasselbe tust, so greifst auch du in ein Bäumlein desOdenwalds, und das Blätterrauschen geht von Süd genNord und von Nord gen Süd im selben Wald. Ist dasnicht, als schüttelten wir uns wie nur je die Hände?«

Kam ein Brieflein, so gab es Martin Opterberg auchChristoph Attermann zu lesen, und wenn der Freund nachTagen fragte, ob dem Theresel auch geantwortet sei, underfuhr, daß der Martin noch nichts zu berichten gewußthabe, so setzte er sich selber hin und füllte manchen Bogenmit der Beschreibung des gemeinsamen brüderlichen Lebens.So kam es, daß Therese Baumgart letzthin ihre Briefe andie beiden Freunde zusammen richten mußte, an den fleißigenSchreiber und an den fröhlichen Kartengrußsender.

Als die Freunde zum erstenmal nach Heidelberg gefahrenwaren, hatten sie das Theresel am Bahnhof kaum erkannt;[S. 138]so blaß und schlank war es von allem Studieren geworden.Aber die Wiedersehensfreude loderte mächtig in seinenAugen.

»Mädel, Mädel, hab deiner Schönheit acht,« rief MartinOpterberg und schwang des Mädchens Hände hin und her.»Das Stubenhocken schafft’s nimmer. Der Wald muß hinzu.«

»Hab deiner Gesundheit acht,« sagte Christoph Attermannund wußte nicht, wie ihm das »Du« über die Lippengesprungen war, bekam einen flammenden Kopf und wolltesich entschuldigen.

Therese Baumgart lachte ihn aus.

»Laß gut sein, Christophel. Wenn ich in Gedanken mitdir red’, hab’ ich dich längst Du genannt.«

»So tu’s weiter und alle Zeit und schenk auch mir dieFreud’.«

Sie nickten sich mit frohen Augen zu und gaben sich denHandschlag darauf. Martin Opterberg aber mahnte kräftigzum Aufstieg auf das Schloß, und die frischgebackene Heidelbergerinmachte stolz die Führerin und leitete zuvörderstzur Universität, der uralten und ewig jungen Ruperto-Carola,die sie in begeisterten Worten pries und den Hörernals die älteste aller hohen Schulen Deutschlands einprägte,im Jahre 1386 vom Kurfürsten Ruprecht von der Pfalzbegründet im Wettbewerb gegen die hohen Schulen vonPrag und Wien.

»Mich drängt’s heut mehr nach dem großen Faß alsnach dem Born der Weisheit, Theresel.«

»Folg mir nur brav, Martin. Wir kommen noch immerzu früh, denn das Faß ist leer bis auf den Grund.«

[S. 139]

»So wüßt’ ich mir eine andere Quelle,« lachte er undschaute ihr auf den Mund.

Nun stiegen sie plaudernd den Schloßberg hinan, undwährend sie sich heimlich mit den Blicken maßen und einerim anderen sich selber suchte, ging Frage und Antwort eiligzwischen ihnen hin und her, und es war, als läge Freiburgjählings am Neckar.

»Der Broich war der fleißigste,« berichtete Therese Baumgart.»Sein juristisches Examen war ein gutes, und erarbeitet mit Macht auf den Assessor, um, wie ich glaub’,in die Industrie zu gehen und schneller einen Hausstandzu gründen, als es ihm sonst glücken könnte.«

»Einen Hausstand? Ist es denn so fest und richtigzwischen ihm und der Hilde Falkenroth?«

»Ich glaub’s, Martin. Die Hilde hat der Medizin entsagtund ist heim in den großen Gasthof ihres Vaters beiKoblenz, wo sie das Kochen und Wirtschaften übt.«

»Und die Klarenbachsmädchen machen’s ihr wohl nach?«

»Sie studieren und studieren nicht, just so, wie es ihreguten Freunde, die Herren Tillmann und Grüters tun.Der Tillmann verliert dabei ein wenig seinen Weg unddenkt mehr an seine Elfriede als an seine Kunstgeschichte.Um ihn ist mir leid. Aber der Grüters weiß, was er will,und was er an Zeit mit der Gerda verliert, das holt ersicherlich des Nachts wieder bei, denn er wünscht dem reichenIndustrieherrn Klarenbach als ernsthafter Bewerber unterdie Augen zu treten.«

»Wie das alles nach dem Versorgungshafen drängt,«spottete Martin Opterberg und schüttelte sich. »Gerad, als[S. 140]ob die einzige Jugendzeit nicht das Beste bedeutete imLeben. Und nun sag noch eins zum Schluß: was machtdenn das Theresel?«

Das Mädchen sah ihn mit Erstaunen an. Dann wurdeihr Blick ruhig.

»Das Theresel dankt für gütige Nachfrag’ und hofft, baldgrößere Verbänd’ anlegen zu dürfen als den ersten kleinenWickel in Freiburg.«

»Das Theresel ist wohl arg stolz geworden als wohlbestallterKandidat der Medizin?«

»Nicht gerad stolz, aber stetig in seinem Weg, weil’skeine Sterntaler mehr schneit, wenn der Mensch träumt,und nur, wenn er wacht.«

»Bist auch du mit auf der Jagd nach dem Mammon?Das scheint heut die Losung zu sein im lieben Vaterland.«

»Narr du. Hast du schon einmal für Geld gearbeitetund arbeiten müssen? Oder haben dir Vater und Mutterdas Tischlein des Lebens gedeckt? Bevor du nicht den erstenselbstverdienten Taler auf den Tisch legst, würd’ ich andeiner Stell’ kein Wörtlein über den Gelderwerb sagen.Denn er kann auch heilig sein, Martin, und ein Durchgangstorzum rechten Glücklichwerden und Glücklichmachenbilden. Denk mir zuliebe nur einmal an die kleine Linde,mein Schwesterchen, und wie ich dem Lindele wohl mitmeinen Rieseneinnahmen zu einem Königtum verhelfenwerd’.«

Martin Opterberg reichte ihr beim letzten Bergan dieHand und hielt sie eine Zeitlang in der seinen.

»Ich hab’ so dahergered’t, Theresel. Die Jugend macht[S. 141]mir halt immer noch so warm, daß ich fast mein’, ich dürft’sie nimmer und nimmer auslassen. Und nun gar nochvorzeitig Schluß machen, wie die Freunde zu Freiburg?Ach, du verstehst mich schon.«

»Bist halt immer noch das Sturmherz?«

»Es stammt vom Vater, Therese. Von der Mutter hab’ich die heiße Arbeitsfreud’, die der Vater nimmer besaß.Hoffentlich wird’s ein Ausgleich.«

»Der Martin ist ganz einfach überarbeitet,« erklärteChristoph Attermann ruhig, »darüber helfen selbst dieschönsten Wörter, die ihr tauscht, nicht hinweg. Er ist seitder Bubenzeit an die freie Natur gewöhnt, und wenn duihm ein Arzneilein verschreiben willst, das ihm hilft undauch dir, so schreib zuweilen im Brief: Wir wollennächsten Sonntag durch den Odenwald rennen oder dieBergstraß’ entlang durch die Weindörfer.«

»Christoph, wenn Mutter Christiane wüßt’, daß du schonwieder der Medizinwissenschaft ins Handwerk pfuschst! Aberich will das Rezeptlein schreiben.«

»Still,« bat Martin Opterberg und zog ehrfürchtig denHut vom Kopf. Sie hatten im Gespräch die Elisabethpfortedurchschritten, die gesprengte Bastei, den Stückgartendurchquert, waren über die Burggrabenbrücke und durchden vierkantigen großen Wartturm gelangt und standenim Schloßhof, im Märchenhof der Wunder und Träume.

»Mein Gott,« stieß Martin Opterberg hervor, »ist dasmöglich…«

Und die anderen taten wie er und gingen über den moosbedecktenHof, den die rotleuchtenden Sandsteinbauten wie[S. 142]ein Prachtgeschmeid von Schlössern und Burgen umgaben,auf Zehenspitzen einher, als fürchteten sie, aus den zerborstenenMauernischen ein Elflein aus dem Sommermittagschlummeraufzustören oder den großen Pan selber.

»Muß man wirklich wissen,« sagte Martin Opterbergleise, »daß das eine rosenrote Wunder der Otto-Heinrichsbaugeheißen ist und das andere der Friedrichsbau? Unddaß das dritte Wunder der gläserne Saalbau genanntward und das vierte der Frauenzimmerbau und das fünfteder Ruprechtbau und was sonst noch immer? Fragt manim Märchen nach Nam’ und Art? Da heißt es: es wareinmal ein Königssohn, der auszog an den Hof einer Prinzessin,und die war so schön… Und hier schauen uraltedeutsche Kaiser und Könige, Kurfürsten und Pfalzgrafenaus den Fenstern und blinzeln in die pralle Sonne undwohl auch ein wenig nach dem Frauenzimmerbau. Kinder,und wenn mir jetzt einer daherkäm’ und würd’ mir Sprüchemachen von Gotik und Frührenaissance oder gar von köstlicherbengalischer Beleuchtung, ich tät’ den Lästerlichenwegen Gottesdienstschändung hinunter befördern bis in denNeckar.«

»Und die Händ’ sollen sie lassen vom Wiederaufbau,«setzte Christoph Attermann hinzu. »Wie’s der Wahnsinnder Franzosen nach dem Dreißigjährigen Krieg im Raubüberfallzersprengt hat, so muß es erhalten bleiben. EinWahrzeichen: auch unter Trümmern sterben wir nicht.«

»Nun ist die Reih’ des Gebets an Therese Baumgart.«

»Ich denk’ wie ihr,« meinte das Mädchen aus seinemSinnen, »und ich denk’ hinzu: Nur, wo unsere schönsten[S. 143]Gedanken und Erinnerungen aus den zerbrochenen Säulenund Bildwerken das alte Wunder neugestalten und ausschmückendürfen, wird es ein Märchen. Und Märchenmachen glücklich. Ich kann sie lesen, wann ich will, undimmer mir das meine daraus lesen.«

»Du hast das Rechte getroffen,« sagte Martin Opterberg.»Unsere Märchenschlösser müssen wir uns selber bauen undselber bevölkern können. Das trifft der gescheiteste Baumeisternicht. Hier zwischen Moos, Efeu und Heckenrosenin den Trümmern liegen, ein Mädchen im Arm, undwortlos, wortlos die versunkene Welt beschwören, bis sichdie Zinnen heben, Fahnen von den Zinnen wallen, weißeFrauenarme von den Marmoraltanen winken und goldengerüsteteRitter zu unserem Verstecke sprengen, um unseinzuholen in feierlichem Zuge.«

»Es gibt ein noch schöneres Plätzchen, um hinunterzulauschenin die Vergangenheit. Kommt,« bat ThereseBaumgart, »ich führe euch. Hoch oben im Wald ist’s gelegen.«

Kaum einen Seitenblick schenkten sie dem Keller mit demHeidelberger Faß und dem Säuferzwerg Perkeo. »Dasist der Jahrmarktsgroschen für den Herrn Gevatter, demes derber kommen muß als Elfenzauber,« riefen sie sichlachend zu, stiegen den Waldweg hinauf zur Molkenkur,träumten ein Stündlein mit weitgeöffneten Augen im Grase,als läge unter ihnen die waldgebettete, efeuumsponneneRuinenwelt auf einem anderen, fremden Stern, und stiegennoch einmal bis zur Höhe des Königstuhles und sahennichts mehr zu Füßen als ein grünwogendes Wäldermeer.

[S. 144]

Im Abendschein ruderten sie auf dem Neckar. Es warenviel Boote draußen mit buntbemützten Studenten und anderemit den schönen Jungmädchen der Stadt. Von hüben unddrüben warf man sich Rosen in den Kahn, und als MartinOpterberg einen wilden Bergjauchzer tat, reckten sich dieweißen Hälslein nach ihm, und es gab einen Rosenregenüber seinem Haupt. Da lachte er aus vollem Herzen undbreitete den Spenderinnen die Arme entgegen.

Der letzte Zug erst entführte die Freunde nach Darmstadt,und doch war der Tag nicht ausgeschöpft. Dasempfanden sie, weil sie sich wortarm im Abteil gegenübersaßen.

»Morgen hab’ ich einen heißen Arbeitstag,« sagte kurzvor der Ankunft Martin Opterberg.

»Ich nicht minder, Martin, und das Theresel kaumanders.«

»Fandst du nicht, Christoph, daß sich die Therese Baumgartverändert hat? Es ist ein Zug Hausbackenes in siehineingeraten.«

»Ich fand nur einen vertieften Frauenernst, wie ihndie vertieftere Erkenntnis vom Leben mit sich bringt. Alswir noch Buben waren, sagte die Mutter einmal: ›Sehtdarauf, daß euch immer das richtige Zeitalter zu Gesichtesteht.‹ Das war auf den Professor Barthelmeß gemünzt.Du weißt ja, der sich immer auf den goldenen Jugendleichtsinnherausspielte und die Seinen schmarotzen undborgen ließ. Die Therese Baumgart hat heute das Gesicht,das ihr ansteht.«

»Also hab’ ich’s nicht. Darauf kommt’s hinaus.«

[S. 145]

»Mir scheint eher, Martin, es macht dir augenblicklichnoch keine Freud’, es zu haben. Denn auf die Dauer bistdu ja viel zu stolz von der Mutter her, unter einer Maskeherumzulaufen und nach Lärvchen auszuspähen, statt nachGesichtern. Nein, nun laß mich meine Standred’ zu Endehalten, Bruderherz. Das Theresel kam dir blaß undschmächtig vor. Woran lag’s? Es war einer zuviel beider Partie und hinderte das nähere Zuschauen. Das wollenwir schleunigst ändern.«

»Also mach du mit ihr die Fahrt durch die Bergstraß’und laß mich daheim.«

»Ah,« sagte Christoph Attermann gedehnt. »So ist’sgemeint? Dann ist’s schon besser, wir drei bleiben nocheine ganze Weil’ beisammen.« ——

Nur eine Fahrt machten sie zu dritt von der weinfrohenBergstraße aus in den sagenrauschenden Odenwald. Alsdas Sommersemester sich neigte. Fast in der Mitte zwischenHeidelberg und Darmstadt, in dem uralten Städtlein Auerbach,dessen gewaltige Burg Karl der Große baute, trafensie zusammen. Und gleich begann der Marsch in den grünwogendenWald.

»Sieh dorthinaus,« bat Christoph Attermann die Gefährtin,»die Ruinen bildeten einmal das sagenhafte KlosterLorch, in das sie die Leiche Siegfrieds trugen, als er hierim Odenwald erschlagen war. Und viel blutige Geschehnisseaus der Karolingerzeit drücken auf die Mauern.«

»Weshalb heißt es der Odenwald?« fragte die Gefährtin.

»Weil der Wald so öde war. Nichts als Bäume undseltsame Felsenmeere.«

[S. 146]

»Nein,« sagte Martin Opterberg, »es war der Odinswald.Hierherum liegt ja auch die Burg Rodenstein, derHorst des ewig nach Wild und Wein jagenden Jägergrafen,von dem wir so manches Lied auf der Kneipe geschmetterthaben. Was ist er anders als eine Auferstehungdes wilden Jägers, und der wilde Jäger am Sturmhimmelist der Germanengott Odin oder Wodan. Dies war derwilde Odinswald.«

»Ja,« nickte das Mädchen, »so wird es sein, denn derBerg, den wir ersteigen, führt auch einen Namen wie ausder Welt der Götter und Riesen. Der Melibokus!«

Durch den dunklen Buchenwald arbeiteten sie sich zumGipfel und stürmten die Stiegen des Turmes hinauf, ohnesich umzuwenden. Einen Aufschrei taten sie wie aus einerKehle, als sie auf der Plattform die Augen öffneten undnicht wußten, wohin zuerst mit dem Blick: Wälder, Berge,Burgen, Städte — geliebtes Land am Rhein.

Der Taunus hüben in blauer Lieblichkeit, der Spessartdrüben in rauher Herbheit.

Dort stieg der Donnersberg auf, Donars Opferstätte,und weiter, weiter der Schwarzwald, das Kinder- undHeimatland, von den Vogesen jenseits des Rheins überragt.Und dicht zu Füßen die blühende Kette der Städtleinund Weiler der sonnigen Bergstraße, die niederglittin die schier unübersehbare Rheinebene. Und nunzeigten sie sich in fiebernder Freude die Dome und Türme,die wie Schwurfinger aus dem Rheintal ragten, und jederName war wie ein tiefes deutsches Glockenläuten: Worms—Speyer—Mainz.

[S. 147]

»Laßt uns singen,« bat Christoph Attermann. Aberkeiner sang.

Eine jugendliche Schwermut lag auf ihren Gemütern,die nach einer erlösenden Zärtlichkeit verlangte oder einerbannenden Umarmung. Und sie zogen nach stündiger Rastwortlos weiter und hinüber nach dem Felsberg und wortlosund mit schlagenden Herzen durch die ungeheuerlicheÖde des Felsenmeeres, aus dem schon die Römer dieQuadern zu ihren Bauten holten und Karl der Große dieRiesenpfeiler zu seiner Pfalz in Ingelheim.

»Laßt uns eins singen,« bat Christoph Attermann nocheinmal.

Da hob Martin Opterberg wie ein Trunkener das Rodenstein-Liedan.

»Und wieder sprach der Rodenstein:

Pelzkappenschwerenot!

Hans Breuning, Stabstrompeter mein,

Bist untreu oder tot?«

Erschrocken blickte Therese Baumgart auf den wild dahersingendenFreund. Der aber hob unbekümmert um die erschrockenenAugen mit Macht die zweite Strophe an:

»Er eilt, bis er gen Darmstadt kam,

Kein Fahnden war geglückt;

Da lacht er, als am schwarzen Lamm

Durchs Fenster er geblickt:

Er lebt noch! … lebt noch und hebt noch!

Doch frag’ mich keiner: wie?

Wie kommt mein alter Flügelmann

In solche Kompanie?!«

[S. 148]

»Jawoll! In Darmstadt! Dort sitzt er! Unter den bravenSchöppleinschlürfern, die um acht Uhr in die Federn kriechen!Naus da! ’naus aus dem Haus da! O Horn und Sp*rnund Zorn! O Rodenstein! O Maienwein! Noch bin ichnicht verlor’n! Christoph, daß du’s weißt, zum Oktobertreten wir ein bei den Pionieren in Mainz, und gefällt’sdir in Darmstadt besser, so geh’ ich allein!«

»Einstweilen geht’s nach Jugenheim und von dort zurBahn. Der Tag ist zu End’.«

Das war für lange Zeit das letzte Mal, daß sie miteinanderwanderten.—

Ein Jahr lang dienten Martin Opterberg und ChristophAttermann bei den Mainzer Pionieren und fuhren dengoldenen Rheingau stromauf und stromab. Heiß war derDienst, heißer der Wein und am heißesten die braunenMädchenaugen. Aber der Dienst ward geschafft, der Weinvertragen, und nach den Mädchenaugen fragte ChristophAttermann den Freund nicht mehr. Als sie übers Jahr,in der letzten Septemberwoche, das lustige Mainz verließen,hatten sie beide die Offiziersprüfung mit Auszeichnung bestanden.Herr Arnold Opterberg aber war zum Empfangnach Rüdesheim gekommen.

Herr Arnold Opterberg war grau geworden, aber unterdem künstlerisch wuschligen Grauhaar leuchtete weinfrohsein schmales Gesicht.

»Zwei Fliegen schlag’ ich hier mit einer Klappe,« riefer den stolzen Buben entgegen, die er vom Schiff holte undauf dem Laufsteg stürmisch umarmte. »Was sag’ ich?Zwei? Ein halbes Dutzend fast! Der Professor Barthelmeß[S. 149]ist hier mit Frau und Tochter, und die Weine habenwir geprobt zu Kloster Eberbach, Kiedrich und Eltville, zuOestrich und Winkel und Geisenheim seit drei Tagen undNächten! Herr Jesus, welche Tropfen! Der Barthelmeßhat’s gut. Der kommt, wo er arbeitet, von den Kirchenin die Keller. Das ist der alte Mönchsweg. Kinder, undheute wollen wir einen Rüdesheimer Abend feiern.«

»Wie geht’s der Mutter?«

»Königlich wie immer, Kinder. Aber nun kommt zu denBarthelmeß! Hinein in die Weinlaube!«

Der Professor war ein schwerbeleibter Mann geworden,aber die faltigen Säcklein unter den Augen rührten nichtvon Tränen her. Mit dröhnender Stimme begrüßte erdie Angekommenen, als sei er der Herr der Weinlaube,und rief seine Damen auf, das Willkommglas darzubringen.Quecksilbern wie vor Jahren kam die immer noch zierlicheFrau Hadwiga dem Gebote nach und reichte unter einemSchwall von Worten Christoph Attermann das Glas,während Sabine im schwarzen Gelock stumm das GlasMartin Opterberg bot. Aber die Augen des zigeunerhaftschönen Geschöpfes, das sich wie eine Weide zu dem jähErstaunten bog, hefteten sich scheulos, bettelnd und heischend,an den aufflackernden Blick des Mannes.

»Wie alt bist du jetzt, Sabine?«

»Bald Siebzehn.«

»Ei, da hab’ ich mich verrannt mit dem ›Du‹.«

»Ich kann’s ja auch zu dir sagen.«

Das ging hastig von den Lippen.

Sie saßen dicht beieinander, und der Wein funkelte in[S. 150]den Gläsern und funkelte bald in den Augen. WennMartin Opterberg eine Bewegung machte, streifte er dasschlanke Mädchenknie, wenn Sabine ihm das Glas hinhielt,streifte sie mit der Fingerspitze seine Hand. IhreAugen hingen heimlich immerdar an den seinen, aber inder Heimlichkeit, die es ihn fühlen ließ und ihm das Blutdurcheinander wirbelte, daß er nur noch das berückendeMädchen spürte und nichts mehr von der zigeunerndenBarthelmeßtochter.

Und nun stiegen die Rheinlieder und die Weinlieder unddie Liebeslieder im Gefolg zu dem mondscheinhellen Rheingauhimmel,und ein Händedrücken hob an, und die Altenwollten die Jüngsten sein. »Denn dies ist die letzte Zaubernachtam Rhein,« rief Herr Arnold Opterberg, »und wirwollen sie ausschlürfen bis zur Neige, bevor uns der Herbstverjagt!«

Eine Mondscheinfahrt schlug er vor. »Zum seligen Abschluß!«Und alle drängten sie jubelnd ihm nach an denRhein. Und Arnold Opterberg sprang wie ein Jünglingals erster in den Kahn, stand hochaufgereckt auf der Steuerbankund schwang sein Glas dem Märchenzauber des Rheinszu. Der Arm stand in der Luft. Das Glas schlug klatschendaufs Wasser. Arnold Opterbergs Augen schlossen undöffneten sich. Standen weit auf, als sähen sie ins Unsichtbare.Und der Körper sank hintüber und wurde vomRhein weggerissen.

»Ein Schlag! Ein Schlag!« schrie Professor Barthelmeßund umklammerte Frau und Tochter.

Das mondscheinhelle Wasser sprühte auf. Ohne eine[S. 151]Sekunde zu zögern, hatten sich Martin Opterberg undChristoph Attermann in die raschfließende Flut geworfen.Ein paar Worte riefen sie sich im Wasser zu. Kurz. Hart.Ihre Körper tauchten nieder. Wer im jungen Brauserheindas Schwimmen erlernt hatte, fürchtete die Strudel nicht.Unter Wasser schwammen sie und tauchten hoch, sichertenund tauchten nieder. Wieder lagen sie auf den Wellen undruderten schwerfällig weitab an Land, eine Last zwischen sich.

Herr Arnold Opterberg hatte gefunden, was er sich erwünschthatte: den seligen Abschluß, bevor der Herbst ihnverjagte. ——

Die Leiche lag geborgen. In triefenden Kleidern standMartin Opterberg im Zimmer seines Gasthofes, mit stierenAugen und kreisenden Gedanken, die um Hilfe riefen. Daöffnete sich die Tür, und ein Mädchen schlüpfte herein undwarf sich ihm an die Brust.

»Martin! Martin! Ich mußt’ zu dir hin!«

»Du! du!« sagte er mit schlagenden Zähnen und preßteseine kälteschauernden Glieder in die wärmenden Arme.»Das vergesse ich dir nicht. Daß du in der Stund’ meinerNot gekommen bist.«

Schweren Schrittes trat Christoph Attermann ein. SabineBarthelmeß huschte an ihm vorbei und durch die Tür. EinSchluchzen schüttelte Christoph Attermanns Körper.

»Martin — Martin — nun hat der Rhein beide zu sichgeholt — deinen Vater und den meinen.« Und als erMartin Opterbergs qualvoll sich vordrängende Tränen sah,trat er auf ihn zu und wischte ihm so weich wie eineMutter mit der Hand über die Augen.

[S. 152]

7

Die Leiche Arnold Opterbergs war aus dem Rheingauheimgebracht worden an den jungen Rhein. Sohnund Pflegesohn hatten sie heimgeleitet. Und als sie angelangtwaren an dem kleinen Dorfbahnhof, an dem einvierrädriger, mit schwarzem Tuch behängter Gutswagen aufden Sarg harrte, gedachten sie beide wie in einem Atemzugder letzten Worte Arnold Opterbergs auf ihre Frage:wie geht es der Mutter?

»Königlich wie immer,« hatte Herr Arnold gerufen, undköniglich wie immer stand Frau Christiane, kraftvoll undruhevoll in ihrem schwarzen Trauerkleid anzuschaun, dasstrohgelbe Haar im Flechtenkranz unter den Florhut gelegt,in der Bahnhofhalle und begrüßte durch eine kurzeund herzliche Umarmung ihre Buben.

Die Ruhe der Mutter ging im selben Augenblick aufdie erschütterten Söhne über. Aufrecht und ernst standensie in ihrer gebräunten Männlichkeit neben Frau ChristianeOpterberg, die mit leisen und festen Worten die Gutsknechteanwies, den Sarg aus dem Wagen zu heben undmit Sorgfalt auf das mitgeführte Fuhrwerk zu tragen.Zwischen ihren Buben schreitend, folgte sie dem langsam[S. 153]dahinrollenden Gefährt auf der ackerumsäumten Landstraße.Keine Träne floß aus ihren klarblickenden Augen, keinKlagewort quoll ihr über die Lippen. Ihr Schmerz umden Toten in der schwarzen Lade war ihr zu heilig, umdem zusammengeströmten Volk ein Schauspiel zu bieten.

»Ich weiß genug aus eurem Telegramm und aus euremEilbotenschreiben,« sagte sie daheim und strich den Söhnenüber den Kopf, »genug, um die Einkehr einer friedsamerenStund’ abzuwarten, in der ihr mir geruhiger als heut erzählenkönnt und ich geruhiger zuzuhören vermag. Halteteine stille Umschau im alten Heimathaus und legt euchfrühzeitig schlafen. Ich seh’s euch an, daß ihr viel nachzuholenhabt.«

Die beiden gingen, und Frau Christiane rief sie an derTüre an. Als sie sich umwandten, stand die Mutter hinterihnen und zog mit einer starken Bewegung ihre Köpfe festan ihre Brust. Und während sie erst den einen und dannden anderen küßte, murmelte sie: »Weil ihr euch nicht besonnenhabt, euer lebendiges Leben an einen Toten imStrom zu wagen. Ihr beide — ihr beide! Ihr habt ihnmir noch einmal geschenkt.«

Dann ging Frau Christiane aufrecht hinüber in dieKammer, um die letzte lange Aussprache zu halten mitihrem Toten, den sie in seiner Mannesschöne heißer geliebtund in seinem leichten Sinn mehr und mütterlicher umsorgtund gestützt hatte, als es dem Lebenden je zum Bewußtseingekommen war.

»Zu verzeihen haben wir uns nichts mehr, Arnold. Wasden einen am anderen nicht gefreut haben mag — wer will[S. 154]sagen, ob es nicht gerad des anderen stärkste Persönlichkeitswertedargestellt hätt’ in einer anderen Zusammenstellung.Eins aber ist darüber hinaus als eine Restsummegeblieben, die ihre Zinsen trägt: das ist der Dankdeines Weibes für dennoch viel Liebe, Güte und sonnigeFröhlichkeit, die du in mein Leben hineingetragen hast.«

Und die Nacht hindurch rief sie in ihren Gedanken alledie hellen Tage aus Brautzeit und Ehe wach und vergaßdie dunklen——

Am nächsten Morgen wurde Herr Arnold Opterbergauf dem nahen Dorffriedhof zur endlichen Ruhe beigesetzt.Die Knechte und Mägde des Gutshofes umstanden dasGrab, aus Dörfern und Städten waren die Teilnehmendenerschienen, und selbst aus der Schweiz war ein starker Zuzugerfolgt. Das freute Frau Christiane im Herzen fürden, der unten im Grabesgrund lag und trotz seines unstetenLebensdranges stark und mächtig genug gewesen war,über so viel Freundschaft zu gebieten.

Die Schollen waren niedergefallen. In langer Reihezogen Nachbarn und Fremde an den Opterbergleuten vorüberund drückten ihnen die Hand. Schon sehnten sie dasEnde der gleichförmigen, den Sinn immer mehr abstumpfendenTrauerbezeugungen herbei, als Frau Christiane auffuhr,weil ein fiebriges Lippenpaar sich auf ihre Hand gedrückthatte, und Martin Opterberg schier fassungslos aufschluchzte,als er eine Sekunde lang eine eiskalte Mädchenhand in derseinen spürte. Durch Christoph Attermanns Augen aberging ein Leuchten. Denn das schwarzgekleidete Mädchen,das auch ihm die Hand gedrückt hatte und nun im Schwarm[S. 155]der heimstrebenden Trauergäste auf der fernen Landstraßedahinschritt, war Therese Baumgart gewesen.

»Laßt sie,« sagte Frau Christiane. »Sie hat, was aufkeinem Seminar der Welt zu erlernen ist; sie hat die Zurückhaltungder echt adligen Menschen, die reich machen,weil sie ohne Worte reden. Sie wird zur rechten Stundewiederkommen.«—

Christoph Attermann war daheim in den Garten gegangen,der in Felsstufen zum brausenden Rheine fiel, undsaß auf der alten Holzbank, den Blick auf den strömendenWassern. Eine Woche war vergangen, seit sie Herrn ArnoldOpterberg hinausgetragen hatten, und der Herbststurmpfiff über das schwarze Land. Fröstelnd saß er unddoch in ruhigem Abwarten. Denn droben in Herrn Arnoldsgeliebtem Turmzimmer wußte er Martin mit Frau Christiane,und er hatte sie alleingelassen, um ihnen eine Ausspracheunter vier Augen zu schaffen.

Martin Opterberg saß, die Arme aufgestützt, am offenenGiebelfenster. Die Herbstwinde hatten die Luft durchsichtigrein gefegt. Die Schwarzwaldberge rückten so nahe heran,daß man auf den Matten die Weiler zählen konnte, unddie Alpen türmten sich in lastenden Ketten übereinander.

»Es treibt dich hinaus, und ich lob’ es,« sagte FrauChristiane und blickte, dicht neben ihm stehend, in die frostigeWeite. »Gewiß hat dich die Dienstzeit bei den Pionierenin der werktätigen Ausübung deines Berufs geschult undgefördert, aber daß der Geist mehr zu lernen hat alsdie Hand, das versteh’ ich. Also nach Darmstadt geht’snimmer?«

[S. 156]

»Die fünf Semester dort genügen mir, Mutter. Wenn’sdir recht ist, geh’ ich nach Berlin; ich mein’ Charlottenburg.Ich wüßt’ mir nichts besseres zum Schaffen.«

»Du willst fort — vom Rhein?«

»Mutter, ich muß das Bild erst aus meinem Kopf verlorenhaben.«

»Das — vom Vater?«

Martin Opterberg nickte. Sein Blick haftete in den Fernen.Und unvermittelt erzählte er.

»Weißt, Mutter, als wir über den Rhein nach Rüdesheimkamen, der Christoph und ich, und der Vater unserwartete und zum Barthelmeß brachte, da sahen wir’s jagleich, daß die Herren drei Tag’ Rheingauer-Sonntag gemachthatten, und die Nächt’ nicht zu rechnen. Aber derVater hatte’s ja doch geübt seit der Düsseldorfer Jugendzeitan, und es tat ihm nichts und machte ihn nur sprühenderund sieghafter, als wär’ er der Jüngste und ging’ erstdrauf los, die Welt zu erobern. So gab ich nichts darum,und daß der Barthelmeß die Geberlaune des Vaters ausnutzteund immer noch edlere und heißere Sorten auftischenließ, achtete ich auch nicht, denn die Sabine war ein wirklichschönes und liebenswertes Mädchen geworden, und eswar dem Kind zu gönnen, daß es einmal etwas anderesvom Leben erfuhr als das Leben von Vater und Mutter.«

»Darum,« sagte Frau Christiane.

»Ja, darum, und weil es mir selber Spaß machte, zusausen und zu brausen, und weil ich mein Blut spürte undnicht fragen und nur warm sein wollt’. Jetzt, nach zweiWochen, weiß ich’s als gewiß, ich wär’ in der Nacht toller[S. 157]geworden als der Vater, und ich hätt’s mir am anderenTag vielleicht nicht verzeihen können, denn ich hatt’ dasMädel schon ganz rappelköpfisch gemacht.«

»Ich denk’, das Mädel dich?«

»Mutter, das Kind! Und ich war schon gebrüht und gebeiztdurch sieben Studentensemester in Freiburg und Darmstadtund das Pionierjahr in Mainz, das auch nicht lauterKatechismusunterricht war. Ich beschönige dir nichts,Mutter. Ich war wie vom Teufel besessen an dem Abend,und wohl daher um so mehr, als mir der Barthelmeß undsein Weib so widrig waren — und da geschah’s.«

»Was geschah?«

»Daß der Vater auf die Steuerbank stieg und ein Hochauf das heiße Leben ausbringen wollt’. Und dann standsein Arm in der Luft. Und seine Augen wurden leer undsahen doch mehr als wir. Aber der Arm stand immernoch steil in der Luft. Wie ein Warnungszeichen: Halt,Martin! Keinen Schritt weiter! Hier geht’s ins Wasser!Und dann versank er rücklings.«

Martin Opterbergs Augen suchten die jungen Wasserdes Rheins. Als sähe er das Bild wiederkehren und kämenicht los. Frau Christiane blickte auf ihres Buben wirresBlondhaar und sprach nicht eine Silbe.

»Mutter, da hat mich das Grausen gepackt. Und ichmeinte, auch ich sähe mehr als bisher. Oder es war mirdoch später so, als hätt’ ich’s gemeint. Denn zunächstwußte ich, und der Christoph mit mir, nichts anderes als:hinein in die Flut und den Vater geholt. Und das glücktedenn auch. Ja, Mutter, so war’s. Und nun wirst du[S. 158]verstehen, daß ich fern fort möcht’ und nichts als Studiumund Arbeit haben, um das Gleichgewicht wiederzufinden.«

Ganz sacht streichelte Frau Christiane ihrem Buben dieSchulter.

»Es war ein Unglücksfall, Martin. Ein schwerer undfürchterlicher gewiß. Aus dem heißesten Leben in denkältesten Tod — das erzeugt Schreckbilder in jedem, der’smit ansehen muß, und legt an seine eigenen irdischen Gedankenplötzlich Riesenmaßstäb’ an. Es war der schwereWein und die seit Tagen überfüllten Adern. Da kam eszum Schlagfluß. Jedem anderen wär’s geschehen.«

»Den steilen Arm redest du nicht hinweg,« murmelteMartin Opterberg.

»Ich will’s auch nicht, Martin. Es soll ein jähes Erwachenund Überblicken gewesen sein. Und wenn es einWarnzeichen gewesen wär’. Das Blut des Vaters gingoft rascher und unbändiger, als zu Zeiten gut war, undwenn’s ihm selber Freude schaffte, so schuf es den anderenoft Herzeleid, ohne daß er’s recht ahnte in seiner Fröhlichkeit.Gut, nimm’s als ein Warnzeichen, mein Bub. Abervergiß nicht: du bist aus dem Blut von Vater und Mutterentstanden. Und die Mutter bringt nicht nur das Kindzur Welt, sie speist es all sein Lebenlang mit ihren bestenSäften und Kräften, wie die Quelle, die wir in eurerKinderzeit hoch droben im Gletscher fanden, unaufhörlichden jungen Rhein speist, und flöß’ er noch weiter als durchDeutschland und Holland ins Meer.«

»Mutter,« sagte Martin Opterberg, nahm ihre Hand[S. 159]von seiner Schulter und legte sie sich an die Augen, »ichspür’, daß du da bist.«

»Spür du auch ruhig den Vater. Nur zur rechten Zeitmuß es sein.«

»Sag noch ein Wort dazu, Mutter.«

Da ging ein heimliches Lächeln über Frau ChristianesZüge, das der Sohn nicht sah und das sie ganz aus ihremAlltag und Werktag entrückte.

»Ich will es dir gewiß sagen, Martin, obschon du esselber weißt, wenn du im Frühjahr und Sommer über dieWiesen hinblickst. Da siehst du die Bienen unermüdlichhin und wider surren und Honig in die Zellen tragen,und da siehst du die farbenfrohen Schmetterlinge wie geflügelteBlumen durch die Sonne schweifen und von denBlüten nur den Honig trinken, ohne ihn zu sammeln, undsie entzücken dich doch. Was uns aber in den stillenStunden entzückt, das sollen wir in den lauten nichtschmähen.«

Martin Opterberg stand auf. Jetzt erst seit dem Wiedersehenkam es Frau Christiane zum Bewußtsein, wie großund männlich er geworden war.

»Ich danke dir, Mutter. Und ich habe dich ganz genauverstanden. Jetzt, da wir uns das Beste gesagt haben,wollen wir’s auch kurz mit dem Abschied machen. DasSemester hat schon begonnen. Morgen fahre ich nachBerlin.«

»Und der Christoph?«

»Der Christoph will auf die Hochschul’ nach Aachen.Für ihn ist der technische Hochbetrieb im Rheinland das[S. 160]Beste. Wir haben’s besprochen, Mutter, und es muß jedereinmal allein sein.«

»Wirst du deiner alten Freundin Therese Baumgartvorher noch ein Lebewohl bieten?« fragte Frau Christiane,als frage sie leichthin.

»Der Therese? Die nur wie ein Geist hier erschien undwie ein Geist verschwand? Wenn ich einen Strich ziehenwill, darf ich keine Lücke zum Ein- und Ausschlüpfen lassen.«

»Also auch die Barthelmeßleute siehst du nimmer?«

»Um die Sabine ist mir’s leid,« sagte Martin Opterbergund schaute über die Mutter hinweg. »Sie war dieerste und einzige, die mich in meiner Not aufsuchte undmehr als den üblichen Händedruck für mich fand. Aberes ist schon besser, ich lass’ es auch hier mit dem Wiedersehenein paar Jahre anstehen.«

»Nein,« sagte sich Frau Christiane, »er ist doch noch einBub, denn es ist noch verletzte Eitelkeit in ihm und eifersüchtigAbwägen.«

Dann gingen sie und stiegen aus des Vaters Sehnsuchtsstubehinab und saßen noch lange bei Christoph Attermannauf der Bank…

In der Adventszeit kam Therese Baumgart angereist.Von Heidelberg hatte sie bei Frau Christiane angefragt,ob sie kommen dürfe, und nun lag sie mit ganz bleichemGesicht an Frau Christianes Brust.

»Warst du krank, daß du so weiß ausschaust?«

»Es ist nur die Freud’.«

»Dann wollt’ ich, ich säh’ dich nie anders. Aber einbißl rosa anmalen darf ich dich doch? Gelt?«

[S. 161]

»Komm’ ich auch nicht störend so nah’ vor der Weihnachtszeit?Sie werden mich gewiß auslachen, wenn ich’ssag’, und sich in der Still’ denken: Eine Ärztin will daswerden, die so empfindsam ist? Aber es hat mich hergestoßen,weil ich wußt’, die Buben sind fern und die FrauChristiane haust zum ersten Male allein zum Fest.«

»Und da willst du mich wohl gar auf dein Studentenstübchenholen kommen, Liebchen?«

»Ah,« lachte Therese Baumgart, über den Gedanken belustigt,»das hätt’ ich mir allein gar nicht auszudenkengewagt. Aber hierbleiben möcht’ ich, wenn ich darf, bisüber den Weihnachtsabend, und am ersten Feiertag nachKarlsruhe reisen zum Lindele.«

»Das Lindele feiert wohl im Stift seine Weihnachten?«

»Ja, aber ich darf es besuchen und mit ihm spazierenlaufen und Schlittschuh fahren, so oft ich will. Ich miet’mir immer ein Ferienstübchen in Karlsruhe.«

»Jetzt geht’s zu Tisch,« gebot Frau Christiane, »und desMorgens wird ausgeschlafen bis in den hellen Tag, dennauf die Felder können wir nicht, oder nur mit Schneeschuhen.Schenk den Tee ein, Kind. Und reich mir dieSahne. Ich will mich einmal recht von dir verhätschelnlassen.«

Allerlei Handreichungen ließ sich Frau Christiane tunund erfand täglich neue, um das Mädchen im Glaubenzu halten, es sei ihr eine große Hilfe, während sie dochvon Morgen bis Abend insgeheim an ihm herumsorgte,striegelte und fütterte, bis die Mädchenwangen sich rötetenund die Augen den alten Glanz hatten.

[S. 162]

Am Tage vor dem Heiligen Abend fuhr Frau Christianemit der Bahn nach Freiburg, um die letzten Weihnachtseinkäufezu tun. Aber am Basler Bahnhof stieg sie inden Schnellzug nach Karlsruhe, und als sie in der Nachtheimkehrte, durfte Therese Baumgart nicht durch den Türspaltspähen. »Das Christkindchen ist im Haus,« neckteFrau Christiane und blieb auch den nächsten Tag geheimnisvoll,bis in der Dämmerstunde das silberne Klingelndurchs Haus lief, das alle Gutsangehörigen zur Bescherunglud.

Auch auf Therese Baumgarts Platz lagen vielerlei Gabender Liebe, und das Mädchen, das seit Jahren gewohntwar, sich seinen Weihnachtstisch selber zu decken, bedanktesich in größter Glücksverwirrung.

»Ei,« sagte Frau Christiane, »du hast mir durch deinKommen und Meingedenken ein so groß Geschenk gemacht,daß es mit der Handvoll Sächelchen doch arg gering vergoltenwär’. Dazu bedurft’ es nicht eigens der gestrigenFahrt. Das Hauptgeschenk harrt unter dem Tisch. Kniedich einmal nieder, Kind.«

Therese Baumgart kniete nieder und lüftete das weißeTafeltuch, das bis zum Boden niederhing. Und dann fuhrihr Oberkörper mit einem Ruck unter das weiße Tafeltuch,und aus dem Zelt hervor drangen Worte des Entzückens,der Fröhlichkeit und Seligkeit, aber nicht einstimmig, sondernzweistimmig, und unter dem Gabentisch kroch ein zwölfjährigMädchen hervor, ein getreues Abbild der ThereseBaumgart, nur rascher und lustiger in Wesen und Augen,und nun war auch Therese Baumgart auf den Füßen,[S. 163]starrte Frau Christiane wie eine Erscheinung an, erwachteund schlang ihr stürmisch die Arme um den Hals.

»Hab’ ich’s Rechte getroffen, Theresel? Ich mein’ fast,es schmeckt noch besser als ein Paket Basler Leckerli.«

»Jetzt versteh’ ich den Christoph Attermann,« murmeltedie Glückliche am Halse der Frau.

Das Lindele hatte Ferien erhalten bis nach dem Dreikönigstag.Frau Christiane hatte sie ihr ausgewirkt. Undvierzehn volle Ferientage kam kein Buch und keinerleiArbeit in Therese Baumgarts Hände und nur das imHaus und Gutshof herumjubilierende Schwesterchen. Dashatte Frau Christiane zur Bedingung gemacht.

»Red mir nicht von Dankbarkeit,« sagte die geruhigeFrau, der das klare, gelbe Haar den Schein der vollenSommerherrlichkeit verlieh. »Mir hat die kleine Linde zummindesten so wohlgetan wie dir. Gerad in meiner Ehehat ein Mädelchen gefehlt. Die Buben kann man aufrechterziehen, aber nicht huscheln und kuscheln, wenn’s einemmal heiß in die Kehle steigen will. Weißt, Theresel, einMädelchen, das ist immer schon wie eine kleine Mitschwester,und nun bring mir das Lindele jede Ferien.«

Der Handschlag, den Therese Baumgart darauf leistenmußte, wurde die kommenden Jahre getreulich eingelöst.

Die Jahre aber gingen ihren Gang und brachten Aussaatund Ernte trotz Frost und Hagelwetter und Hoffnungenund Erfüllungen den Menschen trotz mancher verwehtenFrühlingsblume, wie es der stete Lauf des Lebens,[S. 164]der über Erschütterungen lächelnd dahingeht, bedingt. DieOpterbergsbuben blieben an der Arbeit und schlugen sichzu Männern durch, leichter oder schwerer, je nach Art undVeranlagung, und Frau Christiane schrieb im Monat jedemeinen Brief. Nicht mehr. »Man muß den MenschenkindernZeit lassen, einander etwas Erfreuliches zu berichten,«pflegte sie zu sagen, »sonst quält sich Häcksel aus denKöpfen, und der ist gut für die Gäul’.«

Martin Opterberg war noch nicht wieder heimgekehrt.Er wollte einen Studienabschluß haben, und die Ferienverbrachte er, wenn er nicht gerade eines Winters zum Besuchder Theater und Konzerte Berlins bedurfte, auf Reisen,die ihn oft bis hinauf in das industriereiche Schwedenund in das holzbestandene Norwegen führten. SeinerMutter schrieb er freundliche Sohnesbriefe, aus denenFrau Christiane mit sicherem Auge das herauslas, wasnicht darinnen stand: die immer noch nicht gebändigteUnrast und die Enttäuschung an den errungenen Freudender Welt.

»Gut so, denn dazwischen liegt der Ausgleich,« sagteFrau Christiane und bündelte den Brief zu den übrigen.

Christoph Attermann kam in festen Abständen. Er sahnach dem Ergehen der Mutter, erzählte kurz und klar vonseinen Fortschritten und den Hemmungen, die es noch zuüberwinden gebe, und hockte dann schweigsam lauschendan ihrer Seite wie in Kindheitstagen. Seine Züge warenfest und seine Bewegungen sicherer geworden, seitdem erohne Martin Opterberg hauste und den Weg allein unterdie Füße nahm. Das sah Frau Christiane auf den ersten[S. 165]Blick, und was sie von Stund an mit ihm besprach, betrafihn allein und nicht mehr die Buben zusammen.

»Mutter,« sagte dann Christoph Attermann beim Abschied,»ob ich komme oder geh’, ich spür’ immerdar dieKraft deines Gleichnisses von der Rheinquelle und den insWeite strömenden Wassern. Und ich spür’ die Kraft desNimmer-Zugrundegehenkönnens, solang die Quelle fließt.«

»Ich weiß schon von der Therese Baumgart, was fürgewählte Reden du über mich führst.«

Auch die Therese Baumgart suchte Christoph Attermannin festen Abständen auf. Sie stand jetzt in Staatsexamenund Doktorprüfung und freute sich wie ein Kind, wenndas vertraute Gesicht des Jugendkameraden in ihren Nötenvor ihr erschien.

Und es gab keine Angst und keinen Zwiespalt des Prüflings,den der gesunde Sinn des Freundes nicht ausgeräumtund ausgeglichen hätte.

»Wenn ich die Augen schließ’, mein’ ich, ich hör’ FrauChristiane reden, und sie hat doch diesen ihren zweiten Sohngar nicht geboren.«

»Doch, doch. Die Seele.«——

Therese Baumgart hatte für die letzten Semester dieUniversität in Bonn gewählt. Das war für den Freund,der noch in Aachen verblieben war, bequem zu erreichen.Und wenn er kam und das Wetter günstig war, holte ersie zu einem Marsch in das stille Siebengebirge oder aufdie Höhe des Rolandsbogens, und unter ihnen rauschte derStrom um die Inseln Nonnenwert und Grafenwert undergoß sich durch das letzte Bergtor, all seinen Zauber noch[S. 166]einmal zum berauschendsten Schönheitsbild zusammenfassend,beruhigt und kraftvoll in das Land der Arbeit.

»Abschied von der Jugend,« sagte Therese Baumgartsinnend.

»Begrüßung des Manneslebens, Therese. Oder auch desFrauenlebens. Das ist eins. Wer sagt dir, daß sich derRhein nicht dafür so ganz besonders bräutlich schmückt.«

»Du magst Recht haben, Christoph, aber er tut es gewißauch, um uns zu mahnen: Vergeßt die genossene Jugend nicht.«

»Nein, die vergessen wir nicht, und auch den dritten imBunde nicht, der sich jetzt in Berlin herumquält.«

»Quält er sich—?«

Dann nahm Christoph Attermann wohl die Briefe MartinOpterbergs hervor und las, während sie auf einem einsamenWaldhügel lagerten und doch die Fülle rheinischenLebens vor Augen, der Horchenden manche halbe Stunde,bis ihr alle Examensnöte klein erschienen.

»Im zweiten Jahre hause ich nun in dieser brausendenStadt, die so reich ist und so arm. So reich an geistigerSchöpferkraft in Kunst und Wissenschaften, daß man nichtweiß, woher die Eimer nehmen, um zu schöpfen, und so armhinwiederum an geistigem Lebensbedarf großer Menschenherden,daß oft ein Becherlein genügt, um ihn auszuschöpfen.Ich meine nicht die Bildungsbestrebungen des arbeitendenVolkes, das nach all den Schätzen hungert und dürstet,die die sich höher veranschlagenden Kreise meist nur wieSpielzeuge auf der Festtafel liegen haben, um sie bei guterGelegenheit zum Ballspiel zu benutzen. Weshalb kein Ausgleich[S. 167]hier und keine Vertiefung dort, da die Quellen überreichlichspringen? Es ist die Stadt der Unausgeglichenheiten,und ich stehe mit meiner eigenen mitten darin.«———

»Einen ganzen Winter hab’ ich an Gesellschaften hingegeben.Ich wollte die Seele der höheren Menschheitkennen lernen, und war fast immer falsch am Ort. DieSeelen, die ich suchte, finden sich wohl nur auf den stillenGelehrtenstuben und in den Arbeitsräumen der Handelsherren,der Erfinder und Insichgewendeten. Auch wohl inden alten preußischen Beamten- und Offiziersfamilien. Ichsuchte das höhere Berlin auf, das sich so stolz und überheblich›das ganze‹ nennt, und da ich ein guter Tänzerund kein schlechter Unterhalter bin, so habe ich rund einhalbes hundertmal den Frack getragen, und ein halbeshundertmal von Silber gespeist und den Sekt aus Kristallschalengetrunken, und ein halbes hundertmal dieselben Gesichterbetrachtet. Denn das scheint mir eines der bemerkenswertenKennzeichen dieses höheren Berlins, daß manwohl allabendlich in einem anderen Hause tafelt, aber immermit demselben halben Hundert Menschen, die nur umgruppiertwerden, damit dieselben Scherze nicht an dieselbenHörer gelangen. Stark ist die Börse vertreten, und derSchnitt mancher Gesichter weist östlich. Und nicht nur derGesichtsschnitt. Es ist der Ton, der die Musik macht, undder Ton läßt — wenigstens im Lichte unserer Kinderstuben— oft doch gar zu sehr zu wünschen übrig. Erist nicht als unmöglich zu fassen — er entgleitet — und[S. 168]gleitet über Oberflächen — und läßt Schaumblasen zurück.Darin sind Männer und Frauen geistesverwandt. Manspricht vom Theater, von der Kunst, von Politik und Wirtschaftsleben,Tollkühne auch von der Wissenschaft — undendigt unweigerlich bei der Liebe. Der Rest ist ein Stelldichein.«———

»Wir haben daheim des öfteren darüber gesprochen, daßdie rheinische Menschheit nur allzugern über ihre Verhältnisselebt. Im Lande des Weines macht es die Begeisterung,das heißere Blut, und bleibt verständlich und leichter verzeihlich.Hier in Berlin ist es kaltblütigste Berechnung,mehr zu scheinen und reicher zu erscheinen, als man ist,um der lieben Mitwelt Sand in die Augen zu streuen, umbessere politische oder Handelsgeschäfte zu machen, um denHeiratsmarkt für die Töchter günstiger zu gestalten odersich für alle Fälle und Zwecke in empfehlender Erinnerungzu halten. Dieses fettige Leben frißt wie ein Ölfleck umsich und ergreift Familien, die nicht über die notwendigeKaltblütigkeit verfügen und in dem Bestreben, gleichwertiggeschätzt zu werden, die übertriebenste Gastlichkeit in gleicherMünze erwidern, schnell aber von Schulden und Unzuträglichkeitenaller Art aufgerieben und zu Tode gehetzt werden.Denn das ist ja das wirtschaftlich Gefahrdrohende bei solcherLebensgestaltung, daß gerade der Nichtbesitzende den Wertdes Geldes nicht mehr empfindet und zum Abenteurer wird,statt zum Werteschaffenden. Ich erblicke in der Ausbreitungsolchen Wesens für unsere völkische Gesundheit eine weitausschwerere Gefahr als — sagen wir — selbst in einem unglücklich[S. 169]endenden Krieg. Der verlorene Krieg geht an dieKnochen; dies undeutsche Wesen aber geht durch die Knochenhindurch an die Seele.«———

»Ich schrieb dir, lieber Christoph, in einem früherenBrief über das Hungern und Dürsten der Volksmassennach gesteigerter Bildung. Auch diesen Heiligenschein vermagich heute nicht mehr über die Häupter der Vielheitzu halten, denn es wird auch hier mit Wasser gekocht, unddie Vielheit liefert nur den Brand dazu. Ich habe dieVolksversammlungen durchzogen und den Reden der Volksführergelauscht, und wenn ich später die aufrüttelndenund erhebenden Worte mit den Wirklichkeitstaten verglich,so blieb es ein Häuflein, das nach besserer Geisteszufuhr,und ein Haufe, der nach besserer Magenzufuhr schrie. Nichtetwa nur aus Nahrungsnot, was verständlich wäre, sondernweil die Mehrheit die höhere Bildungsstufe eben im reicherbeschickten Kochherd erblickt, und das seit alters her undwohl bis zum Jüngsten Tag, sofern wir nicht allmiteinanderEngel auf Erden werden. Diejenigen aber, die die Mengeaufrufen, benutzen sie nur allzuoft, um sich von ihr in dieHöhe tragen zu lassen und durch sie eine Stellung zu erlangen,mit dem Kopf durch die Wand hindurch, die sichihnen aus Rassen- und Klassen-Kinderstubengründen entgegenzustellenscheint. Also auch hier neben manchem reinenKämpfer und edlen Schwärmer viel unsaubere Kittel. Grüßmir unseren jungen Rhein und unser Jugendland in denBergen.«———

[S. 170]

Therese Baumgart blickte angestrengt in die Ferne. IhreHände lagen fest gefaltet im Schoß.

»Das klingt — das klingt — wie ein leidenschaftlichSuchen, Christoph, und wie ein herumirrend Glücksverlangen.«

»Das Blut des Vaters und das Blut der Mutter liegennoch im Kampf in ihm, Therese. Da setzt es noch Wunden,und Verwunderungen zum mindesten. Aber das Blut derFrau Christiane wird schon obsiegen, wenn’s auch ein bißllang für unsere Begriffe währt. Glaub’s mir, Theresel,ich kenn’ es, das Blut.«

»Du hast es ja selber mit der Muttermilch getrunken,«antwortete sie und reichte ihm, aufatmend, die Hand.

Es kam eine Zeit, in der der Opterberghof von Depeschenbotenüberlaufen wurde. Wenn es zu irgendeiner Unzeitam Haustor läutete und die Hofhunde ein gellendes Gebellanhoben, fuhr schon Frau Christiane lächelnd mit der Handin die Wirtschaftstasche am Gürtel, um ein blitzblank Dreimarkstückfür den noch ungesehenen Einlaßbegehrer hervorzuzaubern,denn sie wußte alsbald, was er brachte. Alserste meldete Therese Baumgart ihr glücklich bestandenesStaatsexamen. Wenige Wochen darauf wiederum ThereseBaumgart ihre mit »gut« bestandene Doktorprüfung. MartinOpterberg und Christoph Attermann stellten sich inDrahtnachrichten fast gleichzeitig der Mutter als Regierungsbaumeistervor. Und über eine kurze Spanne traf einezweite Drahtung Martin Opterbergs ein, die die Erreichung[S. 171]des Doktorgrades an der Universität Berlin für eine glänzendbewertete volkswirtschaftliche Abhandlung anzeigte. Diesmalhätte Frau Christiane vor freudiger Überrumpelungfast den Botentaler vergessen.

In einer Herbstnacht kam Martin Opterberg unangemeldetheim. Sechsundzwanzig Jahre zählte er jetzt und trug daskühngeschnittene Gesicht des Vaters. In seltsamer Bewegungschloß ihn Frau Christiane in die Arme. Und derSohn gewahrte zum ersten Male im Auge der lebenssicherenund selbstsicheren Frau eine Träne.

»Mein junger Herr ist heimgekehrt,« scherzte Frau Christianedie Erschütterung hinweg…

Martin Opterberg hatte sich mit Christoph Attermannein Stelldichein bei der Mutter gegeben.

Christoph Attermann kam am anderen Tage, und nachStunden schon war es, als seien sie nie getrennt gewesen,und nur eine keusche Mannesherbe blieb in ihren Empfindungenzwischen ihnen. Gleich groß gewachsen, standensie auf festen Füßen nebeneinander, und Frau ChristianesAugen wanderten in geheimer Freude von dem scharfgeschnittenenKopfe des Sohnes zu dem offenen Antlitz desPflegesohnes, dem der kurzgehaltene blonde Vollbart wohlanstand.

Die jungen Männer besprachen ihre Lebenspläne. Beidehatten sie schon vorgesorgt. Christoph Attermann wünschtesich auf den Gebieten des Tief- und Hochbaus zu betätigenund hatte für den Anfang eine Anstellung beim Bau dergewaltigen Wasserkraftstauwerke im benachbarten Laufenburgangenommen, die er später mit einer Stellung an[S. 172]einem großen niederrheinischen Brückenbauwerk zu vertauschengedachte. Martin Opterberg ging nach Holland,England und Amerika, um vornehmlich im Flußschiffbautätig zu sein und gleichzeitig die Handelsbeziehungen zustudieren. Auch er hatte sich bereits den ersten Arbeitsplatzgesichert.

»Die Lehrjahre sind überstanden,« sagte Martin Opterberg,»nun folgen nach altem Zunftbrauch die Wanderjahre,Mutter, bevor man sich als Meister seßhaft machendarf.«

Frau Christiane sprach nicht hinein. Das war dasMutterschicksal, daß man die Kinder in der besten Zeit hergebenmußte, um sie erst wieder zu haben, wenn’s zu Taleging. Nein, keine Selbstsucht. Das Leben kennt nicht eineMutter und nicht ein Kind, es springt von Geschlecht zuGeschlecht. Und Mutterselbstsucht ist wie ein Fluch.

Von der Rheininselstadt des heiligen Fridolin, demTrompeterstädtchen Säckingen, bis nach den zischenden undstrudelnden Stromschnellen im Felsenbett von Laufenburgstreiften die beiden Brüder und Freunde noch einmal gemeinsamihr Jugendland ab. Schon am zweiten Tagebaten sie Frau Christiane, mitzuwandern. Das tat sie mitFreuden.—

Und wieder war Martin Opterberg in die Welt, in diees ihn, wie einst seinen Vater, zog. Doch wanderte er nichtwie Herr Arnold mit schwärmenden Augen und müßigenHänden, er wanderte mit klarforschenden Blicken und arbeitsregenArmen, und nach Jahresfrist setzte er von Rotterdamüber den Kanal nach England, und wieder nach[S. 173]Jahresfrist von England über den Atlantischen Ozean nachden Vereinigten Staaten von Nordamerika. Seine Briefean Mutter und Freund wurden mehr und mehr wie Berichteeines Handelskonsuls, und waren sie zwischen denbeiden ausgetauscht, so schickte sie Christoph Attermann,der den Strombau zu Laufenburg nun auch schon seit mehrals einem Jahr mit dem Bau von Brücken und Werftanlagenin dem großen niederrheinischen Werk vertauschthatte, an Therese Baumgart, die als Ärztin an einerbadischen Kinderheilanstalt wirkte. Die kleine Linde aberwar, zum Jungmädchen erblüht, nun ganz das Abbild derSchwester geworden, nur heiterer und zugreifender, dennsie lebte als Hilfe und Hausgenossin an Frau ChristianesSeite.

Im Sommer des vierten Jahres landete Martin Opterbergin Bremen. Von Köln aus nahm er den Rheindampfer,und als er durch den taghellen Sommerabenddie gesegneten Ufer des Rheingaus entlang fuhr und dieNamen der Weinstädte von den Tafeln der Haltestellen las,überkam den in Arbeit Gehärteten eine so weiche und sehnsüchtigeStimmung, daß er seinen Reiseplan änderte undbeim nächsten alten Städtlein den Dampfer verließ. Hiermußten, dem letzten Briefe Sabines nach, jetzt die Barthelmeßleutehausen. Es zog ihn, das Mädchen zu sehen undihm einen Gruß zu bieten.

Der Professor war zu einem Abendtrünklein, und dieFrau war gegangen, um ihn abzuholen, erläuterte ein knappder Schule entwachsenes Dienstmädchen, das ihn eintretenließ. Das Fräulein wolle sie suchen gehen. Martin Opterberg[S. 174]schaute sich im Zimmer um. Es war in einer Unordnung,als ob man es morgen wieder zu verlassen gedächte.Er lenkte den Blick ab. Die Tür war gegangen.Und auf huschenden Füßen kam es herein, ein vollerblühtesGeschöpf, dem die schwarzen Locken um die Stirn und dieweißen Gewänder um die Glieder flogen, warf sich anseine Brust, umstrickte ihn in den Armen, küßte ihn mitstürmischen, wilden und weichen, tollmachenden Küssen.

»Martin, mein Martin! Lang hast du mich warten lassen!Vergangen bin ich schier! Nun bist du gekommen, und ichvergeb’ dir, verzeih’ dir und hätt’ noch hundert Jahr aufdich gewartet. Aber gut ist’s, daß du gekommen bist umall der vielen Sehnsucht willen.«

»Mädchen! Sabine! Reiß dich zusammen, Kind!«

»Weshalb soll ich mich zusammenreißen? Du siehst esja nur allein, und vor dir darf ich sein, wie ich bin. Vordir hab’ ich kein Geheimnis, auch kein Mädchengeheimnis.Du hast es mir ja entlockt, damals schon, an dem Abendzu Rüdesheim, als ich noch ein halbes Kind war und dumich warten hießest!«

»Tat ich das? Mir sind an dem ereignisvollen Abenddie Sinne durcheinandergeraten.«

»Grüble nicht mehr. Es ist ja alles gut. Und nun schauauch du mich einmal an, Martin.«

»Du bist geworden, was du zu werden versprachst. Wieeine der fremden wildduftenden Blüten, die ich zuweilenim Rankengeflecht des Urwalds fand. Aber Haar undKleid sind zerzaust, Sabine.«

»O du Schulmeisterlein! Ich schwamm im Rhein, als[S. 175]mich die Kleine rief, und da bin ich in die Kleider geschlüpft,wie’s kam, und hab’ die Haare flattern lassen, wiesie wollten, nur um eine Minute früher bei dir zu sein.Oder hätt’st du eine Fischblütige lieber gemocht, die erstzur Haarkünstlerin und zur Kammerzofe gewandelt wär’?Ich weiß es nicht, und wußt’ nur das eine: Ich muß zuihm, wie ich geh’ und steh’, und jede Minute ist mir geschenkt.«

Und der Langentwöhnte spürte den weichen Frauenkörperund spürte den wilden Zauber der Stunde, und er schloßdie Augen und küßte wie ein Verdursteter die Lippen, diedie seinen suchten.

Draußen polterte der Professor, der mit seiner Gattinheimkehrte. Er stand im Türrahmen und klatschte in hellerVerwunderung die Hände zusammen, obschon das kleineDienstmädchen ihn hatte holen und benachrichtigen müssen.»Der Martin! Mein junger Freund Martin! Der Sohnmeines unvergeßlichen Arnold Opterberg.«

»Vater,« stieß Frau Bathelmeß atemlos hervor. »Washaben die Kinder?«

»Ja,« wiederholte der Professor staunend, »was habtihr denn, Kinder?«

»Unsere Verlobungsstunde haben wir!« rief SabineBarthelmeß und wühlte ihren Kopf an des ErkämpftenBrust.

»Meine drei Söhne,« sagte der Professor mit feuchtgewordenemAuge, »haben mich verlassen und sich selbständiggemacht mit meinen besten Gaben. Wenn ich auch stolzauf sie bin — das Verlassenwerden tut weh. Nun aberhab’ ich einen neuen Sohn, der treu bleiben wird.«

[S. 176]

Martin Opterberg schritt über die Straße. Er ging zumGasthof, um sich umzukleiden, und hatte versprochen, ineiner Stunde zurück zu sein. Die Sinne liefen ihm wirrdurcheinander, und er fand den Faden nicht. Nur einenwildsüßen Duft spürte er auf den Lippen, an den Händen.

»Dies heiße Mädchen also,« sagte er mit einem tiefenAtemzug. »Es sei. Ich hab’ die weichen Arme so nötignach der harten Fron.« Und mit einem Willensentschlußtrat er in das Postamt ein und gab eine dringende Drahtungan Christoph Attermann auf.

Christoph Attermann traf schon am Mittag mit demSchnellzug ein. Die Brüder standen Hand in Hand, undbeider Hände waren hart geworden. Sie sahen sich in dieAugen, und keiner fragte nach der vierjährigen Trennungden anderen nach dem Ergehen.

»Mußte es sein, Martin?«

»Ich denk’, es ist recht so.«

»Ich bin nicht du, und du bist nicht ich. Wenn du siefür die Rechte hältst, wünsch’ ich dir Glück und Frieden.«

»Ende der Woche wollen wir die Mutter überraschen.Es kam mir ja selbst überraschend, Christoph, denn gar soschnell hatte ich mich noch nicht hergeben wollen. Doch dasist nun so mit der Liebe,« lächelte er ins Weite. »Sobalddie Sabine ihre Reisekleider hergerichtet hat, fahren wir aufden Opterberghof. Willst du sie begrüßen?«

»Wenn sie nichts von meinem Kommen weiß, möcht’ ich,wie sich’s gebührt, der Mutter den Vorrang lassen.«

»Gut. Und du willst schon am Nachmittag zurück?«

»Ich hab’ noch im Badischen zu tun.«

[S. 177]

Am späten Abend verließ Christoph Attermann auf einerkleinen Schwarzwaldhaltestelle den Zug. Er stieg durch denharzduftenden Tannenforst bergan und fand den weißenBau der Kinderheilstätte. Auf sein Befragen führte manihn zum Wohnzimmer der Ärztin Dr. Therese Baumgart.

Im frischen weißen Kittel stand Therese Baumgart,schlank und geruhig, und in ihrer braunen Haarkrone spieltendie Abendlichter. Jetzt aber schrak sie auf. Sie hatte denBesucher erkannt. »Herrgott, Christoph, was führt dich sojäh daher?«

»Verzeih mir, Theresel, daß ich dich erschreckt hab’. Aberich mußt’ zu dir und dich fragen.«

»Was fragen, Christoph, das gar so wichtig wär’?«

»Ob du nicht meine Frau sein möchtest, Theresel? Oderes werden könnt’st, wenn du — frei bist?«

Sie stand regungslos und schaute ihn an.

»Ich bin frei, Christoph. Der, den du meinst, ist überstanden.Nicht, als ob ich ihm die Freundestreue gebrochenhätt’. Ich vermöcht’ noch heut’ für ihn zu sterben, abergemeinsam leben mit ihm, das könnt’ ich nicht mehr. Soarmselig verlassen bin ich mir vorgekommen vor mirselber.«

»War ein bindend Wort zwischen euch?«

»Nein, Christoph, und es trifft ihn kein Vorwurf. EinGutenachtkuß einmal auf dem Herzogenhorn und ein Abschiedskußnach einer traumhaft schönen Feldbergfahrt aufSchneeschuhen durch den Neuschnee, als er zum anderenMorgen von Freiburg auf immer schied — und von mir.«

»Theresel, du hast einmal gesagt, ich sei auch von Frau[S. 178]Christianes Blut. Vertraust du dich mir an? Ich hab’keine großen Schätze, aber ich hab’ viel Dankbarkeit.«

Therese Baumgart reichte ihm die Hände.

»Ich wußt’ ja, Christoph, daß du mich einmal holenkommen würdest. Und das schuf mir so viel frohe Ruh’.«

Als am nächsten Morgen Christoph Attermann aus demStädtchen zu ihr wiederkehrte, brachte er ihr die feingestochenenVerlobungskarten. »Ich fand einen Lithographenvor und ließ gleich ein paar Dutzend herrichten. Eine istschon fort an Frau Christiane, eine ans Lindele und einean Martin.«

»Was treibt dich denn nur plötzlich so,« fragte sie, »dulieber Mann?«

›Nun ist sie Braut vor der anderen‹, dachte ChristophAttermann. ›Jetzt trifft es sie nicht mehr.‹

[S. 179]

8

Martin Opterberg hielt die schmale Karte in der Hand,die in schlichtem Steindruck die Verlobung ChristophAttermanns mit Therese Baumgart meldete. Er wandtesie um und suchte nach einem handschriftlichen Wort. Eswar nichts für ihn hinzugefügt.

Und mit einem Male spürte er, wie ihm eine Blutwellelangsam in die Stirne kroch.

So beharrlich hielt er die Augen auf die Karte gerichtet,als buchstabiere er Wort für Wort. Und zwischen denZeilen tauchten andere auf, die unsichtbar geblieben warenund jetzt zu ihm redeten. Er hörte es wohl — ChristophAttermann sprach zu ihm: »Ich habe gewartet und gewartet,Martin, weil ich glaubte, der Edelstein gehöre dir.Nun aber habe ich ihn schnell geborgen, bevor fremde Füßeüber ihn dahingehen.«

Die Blutwelle stieg. Er wollte sie niederhalten, und siestieg doch. »Ich bin ein verlobter Mann,« sprach er zusich selber, »und werde in Kürze ein Weib haben. Weshalbsollte ich anderen Menschen nicht ein Glück gönnen,das ich mir genommen habe, ohne die anderen zu befragen?«

Einen Augenblick preßte er die Lippen zusammen. Vor[S. 180]zwei Tagen erst hatte er Christoph Attermann gerufen, umden Bruder und Freund als ersten in die neue Stundeseines Lebens einzuweihen. War Christoph Attermann zudieser Zeit schon mit Therese Baumgart im Einverständnisgewesen? Fort, fort mit der schlecht passenden Eifersuchtregung.Wahrhaftig, wenn etwas nicht am Platze war, sowar es eine solche. Eine Scham war am Platz, und weiler sie unausgesprochen in tiefster Tiefe verspürte, bäumtesich der Groll in ihm auf wie in selbstherrlichen Knaben,die einen Verweis fürchten. Hier war der Verweis. Undwar er der Knabe?

Er strich sich über die Augen und gewann sich wieder.Plötzlich sah er ganz klar. Plötzlich erkannte er die BeweggründeChristoph Attermanns in aller Schärfe. ChristophAttermann hatte der Freundin der Jugend eine ritterlicheGenugtuung bereitet.

Das war es. Es gab keine Vergessene oder gar Verschmähte,es gab eine Frau, die ihr ruhiges Glück der Weltkünden konnte, bevor die Welt von dem seinen wußte.

Er nahm Hut und Stock, um das Barthelmeßhaus aufzusuchen.Und während er hinüberschritt, klang das Rauschendes Rheins zu seinen Füßen ihm nur fern, und ganz nahklang ihm das Rauschen des Schwarzwaldes, und es wardas Herzogenhorn, und im Tiefblau des Sommerabendssaß ein Mädchen in weißem Kleid und hielt, singend undträumend zugleich, die Wange an den bebänderten Lautenhalsgeschmiegt.

»Du bist die Ruh’, der Friede mild,

Die Sehnsucht du und was sie stillt«———

[S. 181]

»Ei,« grüßte im Hausflur Sabine Barthelmeß den inGedanken Verlorenen, »hast du mir ein neues Gewandausgedacht oder gar einen Schmuck zum feierlichen Verlobungstagauf dem Opterberghof?« Und sie schlangihm die Arme um den Hals und küßte ihn weitoffenenAuges.

»Zieh ein weißes Kleid an und leg ein Lautenband um,Sabine. Mehr brauch’ ich nicht.«

»Herr Doktor, sein Sie munter,« rief das Mädchen undgriff ihm übermütig links und rechts ins Haar. »Das istein Anzug für Sonntagswanderer und kleine Studentinnen,nicht für die stolze Braut Martin Opterbergs. Ach du,wie wirst du die Augen öffnen.«

»Zigeunerin,« sagte er lachend und nahm sie in die Arme,»macht nur der Krönungsmantel die Königin? Trägst duden Zauber nicht in dir selbst? Schließ die Koffer ab, damitwir zur Mutter fahren können. Auch Christoph Attermannhat sich verlobt.«

»Der Attermann?« fragte sie gedehnt. »Der bei euchdas Gnadenbrot aß? Was hat er sich vorzudrängen unduns den ersten Platz zu nehmen?«

»Es ißt auf dem Opterberghof keiner das Gnadenbrot,der an meiner Mutter Brust getrunken hat, Sabine.«

»Mit einem Fräulein Dr. med. Therese Baumgart,« lasSabine Barthelmeß von der Karte ab. »Ach du armesHerrgöttel, ein verstudiert Altjüngferlein ohne Saft undSalz, wie es sich für des Christophs Langweiligkeit schickt.Komm endlich in die Stube. Es ist niemand im ganzenHaus, und ich will mich schön machen wie zur Hauptprob’[S. 182]und alle Kleider anziehen, die ich mitnehm’ auf die Brautfahrt.«

»Die Therese Baumgart ist eine alte Jugendfreundin,Sabine.«

»Grad darum sollst du schaun, wie eine junge Jugendfreundinausschaut.«

»Und wenn ich dir die Gewänder zerdrück’, du Wilde?«

»So kaufst du mir neue und schönere.«——

Da lag das weiße Opterberghaus auf dem Felsen überdem jungen Rhein. Martin Opterberg führte seine strahlendeBraut über die Schwelle und in den Empfangsraum.Mitten im Zimmer stand Frau Christiane und blickte mitgroßen, stillforschenden Augen auf die Eintretenden.

»Hier bring’ ich dir die Sabine, Mutter, die mein Weibund deine Tochter werden will.«

Ein paar Atemzüge stiegen in Frau Christianes Brustauf und nieder.

»Will sie das wirklich, so soll sie von Herzen willkommensein. So, wie ich dich willkommen heiß’ nach der vierjährigenTrennung, Martin.«

Da ließ der Heimgekehrte die Hand der Braut los undumarmte ungestüm die Mutter.

»Du! Du! Nicht bös’ sein, daß ich nicht auf der kürzestenStraße zu dir lief. Aber da blühte eine Blume amWeg, daß ich nicht gleich weiterkonnt’, und nun hab’ ichsie gleich mitgebracht zu deiner und meiner Freud’.«

»Wenn’s deine Glücksblume ist, hast du recht getan,«[S. 183]sagte Frau Christiane und streckte der Harrenden die freieHand entgegen, über die Sabine Barthelmeß tief sich beugte.

»Willst du sie ihm sein, Sabine, und immerdar bleiben?«

»Ach, Mutter, ich hab’ ja all die Jahre nur an ihngedacht.«

»Deinen funkelnden Augen hat’s nichts geschadet, du, undarg verhärmt schaust du vom Kopf zur Zeh’ auch nichtaus,« scherzte Frau Christiane, aber ihre Augen bliebenklar.

»Das ist ja mein Leid, Mutter, daß mir’s kein Menschansieht und daß ich in Sturm und Regen weiterblüh’ wiein der Sonne.«

»So halt’s auch fürderhin dabei, Kind, zugunsten desMartin.« Sie blickte zu ihrem Sohn hinüber. »Vor wenigTagen hat mir der Christoph seine Verlobung angezeigt.Mit der Therese Baumgart. Das geht wieder einmal daherund einander auf den Fersen wie bei euren Staats-und Doktorprüfungen. Ei, was ist mit dir, Martin?«

»Die Therese ist hier? Sie ist mit dem Christoph gekommen?«

»Sie sitzt auf einem Schwarzwaldgipfel und heilt diekleinen Menschenkinder.«

»Mutter, du planst eine Überraschung. Ich hätt’ sie dirnicht verderben sollen. Gerad sah ich die Therese Baumgartdurch den Garten gehen. Durch die Fenster sahich sie.«

»Du bist durch die Welt gerannt, und die Jahre sindmit dir gerannt, ohne daß du es merktest, Martin. DasTheresel ist eine liebe und ernste Frau, und was dort im[S. 184]Garten wandelt, ist ihr Schwesterchen, das Lindele, undmein Hausschatz. Such dir dein Bubenzimmer, Martin.Ich zeig’ der Sabine unterdes ihre Unterkunft. Und ineiner Viertelstund’ sind wir bei Tisch.«

Selbst Frau Christiane mußte sich gestehen, daß SabineBarthelmeß ihre Sach’ verstand. Das lachsfarbene Kleidmit dem langen, schmalen Halsausschnitt, in dem Sabinezu Tisch erschien, stand in köstlichem Zusammenklang zudem südländisch getönten Kopf und dem tiefdunklen Haar,das überall eine Locke vorschickte wie im Dunkel tastendeFragen. Die Vertraulichkeit aber, mit der das Mädchensich gleich im Hauswesen bewegte und der Hausfrau inihren Verrichtungen bei Tisch begegnete, empfand FrauChristianes weiblicher Sinn als eine leise Vordringlichkeit,die sie gern gemißt hätte.

»Laß dir gefallen, daß die Linde und ich dich bedienen,«sagte sie freundlich. »Du bist hier der Gast, den wir wohlzu versorgen gedenken, und es bleibt bei der Gewohnheit.Lindele, eine Tasse Tee wär’ mir lieb.«

Linde Baumgart hatte die Vorstellung bei Tisch miteinem mädchenhaften Knix erwidert. Nun saß sie still undaufmerksam lauschend in ihrer weißen Hemdbluse, die einlanges, grünes Schlipsband farbenfroh belebte, und nurzu Anfang blickte sie verwundert auf, wenn die fremdejunge Dame sie bei Vornamen rief und ihr das »Du« gab,während sie doch schicklich mit Fräulein Barthelmeß erwiderte.

Auch Martin Opterberg empfand die Betonung der jungenDame gegenüber dem jungen Mädchen bei Sabine als eine[S. 185]leichte Anmaßung, die er durch besonders höfliche Anredenzu verbessern trachtete.

»Ich habe Sie für Ihre Schwester Therese gehalten,mein gnädiges Fräulein. Die Mutter hat’s Ihnen wohlschon verraten. Sie sind ihr so gleich, als wären dielangen Jahre zwischen heut und damals, als ich IhreSchwester das erste Mal zu Freiburg sah, ausgewischt.«

Linde Baumgart sah ihn an, und eine mädchenhafte Rötelief ihr über die Wangen.

»Ähnlich schau’ ich gewiß aus wie das Theresel, abergleich bin ich ihr nicht. Da gehört mehr zu, als ich vermag.Doch wenn ich recht schön bitten dürft’: nennen Siemich Fräulein Baumgart und nicht gnädiges Fräulein.Ich bitt’ Sie recht sehr.«

»So lassen Sie mich Ihr Wohl trinken, Fräulein Baumgart,wenn Sie mir freundlichst mein Weinglas füllenmöchten. In Erinnerung an Ihre Schwester, die nun eineglückliche Braut ist und eine noch glücklichere Frau werdenmöge.«

Sabine Barthelmeß focht die feine Zurechtrückung nichtan.

Sie rief das junge Mädchen »Lindele«, wie sie es vonFrau Christiane gehört hatte, und wandte das »Du« an,als habe sie ein unsicher Backfischlein zu begönnern.

›Es ist Barthelmeßsche Kinderstube‹, dachte Frau Christiane.›Sie suchen die Menschen zu überrumpeln, um sie unterihre Botmäßigkeit zu bekommen.‹ Und dann gab sie sichder Freude über die Heimkehr ihres Sohnes hin und, umihm die Stunde zu schmücken, auch dem Vergnügen an[S. 186]der einschmeichelnden und wortreichen Art der SabineBarthelmeß.

Eine Flasche französischen Champagners aus Herrn ArnoldsNachlaß kam auf den Tisch. Frau Christiane schenkteihn selbst in die Kelche. Und sie trank Glück und Heil demBrautpaar zu, das am Tische saß, und Glück und Heildem Brautpaar, das in der Ferne weilte. »Ich darf esals Mutter sagen: die besten Mädchen landauf und landabsind mir für die Opterbergsbuben gut genug.«

Sabine Barthelmeß leerte im Übermut ein paarmal denSpitzkelch.

Der fürstliche Champagner flößte ihr geheime Hochachtungein, und sie wünschte darzutun, als sei sie ihn wieihr täglich Glas Brunnenwasser bei Tisch gewöhnt. Sieäußerte keinerlei Verwunderung noch irgendeinen schönenDank an die spendende Mutter, aber unter dem Tisch griffsie Martin Opterbergs Hand und suchte sie zu zerpressen,daß er aufschreien möge, und als Frau Christiane sichseitwärts zu Linde Baumgart neigte, um ihr eine Weisungzu geben, griff sie schnell nach seinem Kopf und küßte ihnauf die Augen.

»Sabine,« flüsterte er ihr zu, »unsere Zärtlichkeiten gehenuns allein an.«

Aber sie ließ sich nicht lehren und trieb ihr Spiel weiter,im Glauben, vor den Frauen des Opterberghofes die überlegeneund leutselige junge Weltdame zu spielen.

In der Nacht fuhr Frau Christiane aus dem Schlummer.Ihre Gedanken waren so wach, als hätten sie im Schlafeweitergearbeitet.

[S. 187]

»Nein,« sagte sie vor sich hin, »sie mag eine gute Geliebtesein, niemals aber eine rechte Frau und Gattin.«

Den Rest der Nacht verbrachte sie aufrecht in den Kissen.So hatte sie in mancher Nacht gesessen, wenn sie übereinen Weg für Herrn Arnold grübelte…

Als Sabine Barthelmeß im losen Morgenkleid und dasHaar in einen großen Knoten gewunden zum Frühstück erschien,kam Frau Christiane mit Linde Baumgart schon ausden Wirtschaftsgärten.

»Ausgeschlafen, Stadtkind? Schön siehst du aus, alswolltest du gleich zum Ball.«

»Ich bin in das Fähnchen geschlüpft, weil ich mit Martinbaden gehen möchte. Ich kenn’ die breite ruhige Stelleim Rhein von früher her noch, und ich freu’ mich auf dieErfrischung.«

»Hast du den Martin schon begrüßt? Er wird druntenauf der Rheinbank sitzen.«

Sabine Barthelmeß hatte sich schon in den Lehnstuhl geschmiegtund sich ein Honigbrötchen gestrichen. »Gelt, Lindele,du bist so lieb und holst mir den Ausreißer.«

Linde Baumgart nickte freundlich und ging. Unterwegslächelte sie in sich hinein. Den Ausreißer! Als ob derallzu ernst gewordene Lebensringer Martin Opterberg, demder Gedankenadel auf der Stirne stand, so ein kleinesSchätzel wär’!

Sie fand den Gesuchten, wie es Frau Christiane vorhergesagthatte, auf der Rheinbank, reichte ihm die Hand undrichtete ihm ihre Bestellung aus.

»Wollen Sie nicht mit uns kommen, Fräulein Baumgart?[S. 188]Der Morgen ist so schön, das Wasser gewiß köstlich, unddie Mutter wird Sie nicht entbehren.«

»Das wär’ mir leid, Herr Opterberg, wenn die Muttermich so leicht entbehren möcht’. Es gibt mehr zu schaffenals sonst. Es sind hohe Gäste im Haus.«

»Rechnen Sie mich auch zu den Gästen?« fragte MartinOpterberg. ›Die Mutter‹ hatte sie gesagt. Es war ihmnicht entgangen.

»Sie sind der Sohn des Hauses, Herr Opterberg. Abergerad’ darum sind Sie Ihrer Frau Mutter der liebsteGast, dem sie nichts als die Händ’ unter die Füße legenmöcht’, weil er gar so selten daheim ist und immer nurauf der Weiterreise.«

Jetzt hatte sie ›Ihre Frau Mutter‹ gesagt und vor demSohn des Hauses bescheiden den Rückzug angetreten.

»Sie sind wohl meiner Mutter eine getreue Helferin geworden?«

»Ihre Frau Mutter mir! Nein, darüber kann man nichtsprechen. Dafür kann man einen Menschen wieder nur mitdem ganzen Menschen liebhaben. Nicht nur aus Dankbarkeit.«

»Ja, sie ist schon eine Prachtfrau…«

»Viel mehr, Herr Opterberg. Sie ist die Prachtfrau.Wer das werden könnte in ihrer Schul’.«

Er lächelte über ihren mädchenhaften Eifer, und dieSonne stand noch auf seinem Gesicht, als er ins Zimmertrat und die Braut begrüßte.

»War es nicht arg selbstlos von mir, Martin, dir einso hübsches Mädchen zum Morgengruß zu schicken?« fragte[S. 189]Sabine Barthelmeß lachend, während sie ihren Verlobtenzwei-, dreimal auf den Mund küßte. »Dafür hast du dienächsten Stunden nur mir allein zu widmen. Auf, zumRhein!«

»In dem Morgenkleidchen und dem wilden Haarknoten?«

»Beruhige dich, Liebster, ins Wasser geh’ ich nicht mitdem Kleidchen, o nein, und das Haar wird doch nur zerzaustbeim Baden und wird erst würdig hergerichtet, wennich herauskomme und mich feierlich für den Tag anzieh’.«

»So komm, du Wilde. Es ist spät genug.«

In seinen Arm eingehängt, schlenderte sie durch dieWiesen, und wenn er sich während des Plauderns zu ihrhinabbog, küßte sie blitzschnell sein Ohr. Dann hatten sieden verschwiegenen Badestrand erreicht und suchten imdichten Weidengebüsch nach undurchsichtigen Umkleideplätzen.

»Du darfst ruhig zuschauen, Martin. Ich hab’ das Badegewandgleich untergezogen und brauch’ nur aus dem Kleidherauszuschlupfen. Also hilf mir heraus.«

Kein Mensch weit und breit. Kein anderer Laut in derSommerhitze als das Murmeln des Uferwassers. MartinOpterberg strich ihr das Kleid von den Schultern undglaubte, ein fremdes Wesen aus sagenhaft-schwüler Wasserfrauenzeitzu sehen. Schlank und voll stand Sabine Barthelmeßim enganliegenden schwarzen Gespinst, das das elfenbeinfarbeneWeiß der Glieder zum irrlichternden Leuchtenbrachte, und dehnte wohlig die Arme. »Rühr mich nur an,ich brenne nicht, ich bin kühl wie ein Trunk im Sommer.«

Da nahm er sie in die Arme und küßte die kühlenSchultern und den kühlen Nacken, und sie entglitt ihm wie[S. 190]eine geschmeidige Otter und war unter Wasser verschwunden.Wenige Minuten nur, und er hatte den Badeanzugangelegt und war ihr nach. Und es wurde ein Fliehenund Haschen, ein Suchen und Sichfindenlassen und einAusruhen Seite an Seite am verborgenen Strand, daßdie Stunden vergingen und sie fast zu spät zum Mittagessenkamen. Linde Baumgart mußte helfen, daß die wildeWasserfrau auf raschestem Wege in eine zeitgemäße Tischgenossinumgewandelt wurde, und sie tat es ohne Zierenund Zögern, weil es einem Gast des Opterberghofes galt.Martin Opterberg aber hatte an diesem und den kommendenTagen nur noch Augen für seine Braut.

Alle Schönheiten des Landes wünschte er ihr zu erschließenam jungen brausenden Rhein und in den himmelhochjauchzendenSchwarzwaldbergen, aber was sie nicht,bequem in den Wagen zurückgelehnt, besichtigen konnte,darauf verzichtete sie bald, und als er sie weiter hinausführtebis zum Hohentwiel und auf Herzogin Hadwigasragende Sehnsuchtsburg, da fand sie nichts Bemerkenswertesals den heißen Aufstieg, und in der Wunder erschließendenFernsicht über See und Alpenketten nichts als die Mahnung,schleunig zu dem Wunder verheißenden Seegestadehinabzusteigen. Hier aber war ihr Überlingens mittelalterlichesGassengewirr zu eng und Meersburgs abenteuerlichesFrankenkönigsschloß zu felsenhoch, auch den Besuch dessteilgelegenen Friedhofs mit Annette v. Droste-Hülshoffsstillem Grab schlug sie dankend aus, denn von Deutschlandsgroßer Dichterin und Seelenforscherin wußte sie kaum denNamen. In Konstanz atmete sie auf, und in den üppigen[S. 191]romanischen Dominikanerhallen des Inselhotels gefiel siesich über die Maßen so sehr, daß Martin Opterbergs stolzeRuhe selbst ins Wanken kam, weil sie mit Willen die Blickeund flüsternden Gespräche der Umsitzenden auf sich zog.

»Meine kleine Wilde, wir sind hier in der besten Gesellschaftaus aller Welt.«

»Ja,« entgegnete sie atemlos, »hier sind wir unter vornehmenLeuten. Schau den Herrn dort, der herüberblickt.Das scheint ein englischer Lord. Aber seine Begleiterinträgt gefärbtes Haar und ist sicherlich eine Pariser Schauspielerin.«Und sie lächelte, weil die Dame lächelte.

»Ich denke, Sabine,« sagte Martin Opterberg, »wir sindauch dann unter vornehmen Leuten, wenn wir ganz alleinsind.«

Sie weiß noch so wenig von der Welt, dachte er, undes wird schön sein, ihren Geist einzuführen und immermehr zu verfeinern. Und er drängte selbst, den Hochzeitstagfestzusetzen, als sie wieder auf dem Opterberghof weilten,um das Glück des Führens und Entdeckens ganz ausschöpfenzu können. Als er zu Sabine Barthelmeß davonsprach, schmiegte sie sich wie in einem Rausch in seine Arme.

»In sechs Wochen soll es sein, Sabine. Wir verzehrenuns sonst. Morgen fahre ich an den Niederrhein, um alteWerftanlagen und neues Gelände zu erstehen, um die ichschon von den Vereinigten Staaten aus in Unterhandlungbin. Flußdampfer will ich bauen, die von Basel bis Rotterdamund über das Meer bis London gehen. Und späterwerd’ ich Reeder dazu, um alle Wirtschaftsmöglichkeiten fürdie Lande am Rhein aufschließen zu helfen.«

[S. 192]

Sie streichelte ihm immerfort das Haar, während ersprach, in die Stirne hinein und wieder hinaus und summteeine verliebte Weise dazu. Da schwieg er und gab sichihrer tändelnden Liebkosung hin, und sie merkte gar nicht,daß er nicht weiter sprach.

Später suchte er die Mutter in ihrem Geschäftszimmerauf. Frau Christiane stellte ihre Abrechnungsbücher beiseiteund wies ihm den Gegenplatz am Schreibtisch. »Ichweiß, was dich zu mir führt, und hatte dich schon erwartet.Es ist alles bereit.«

»Du liest in den Hirnen und Herzen, Mutter. Unseregermanischen Voreltern würden dich als Seherin verehrthaben. Und mit Recht.«

»Mit Unrecht, Martin. Ich tu’ nichts, als mich unbeirrtdem Muttergefühl hingeben, das mich zwingt, mit demHirn dessen zu denken, den ich aus mir geboren hab’. Undauf den Herzschlag dessen zu lauschen, dem ich schon denersten Herzschlag abhörte, als er noch ein Ungeborenerwar. Du könntest am Nordpol oder im Feuerland stecken,ich empfind’ dein Denken und Fühlen auf dem Opterberghof.«

Sie reichte ihm über die Tischplatte die Hand.

»Du willst mit mir über die Mittel zur Ausführungdeiner Werftpläne sprechen, Martin. Das Geld, das wirflüssig machen können, liegt bereit.«

Martin Opterberg hielt die Mutterhand in der seinen.Auge in Auge saßen sie.

»Als wir den Vater beerdigt hatten,« sagte Martin Opterberg,»gabst du mir Einblick in unsere Vermögensverhältnisse.[S. 193]Das dank’ ich dir heute noch, denn ich konnte meineArbeitspläne auf ein fest umstecktes Ziel hinsteuern undbrauchte nicht Kraft und Zeit zu vertun, um nach unbestimmtenErfolgsaussichten umherzukreuzen. Vertrauen bringtwieder Vertrauen hervor. Noch einmal: ich dank’s dir,Mutter, und ich komme auch mit einigen Tausendern überSee zurück, die ich mir selber hereinholte. Aber auf dichrechnete ich, um nicht in meinen besten Mannesjahren fürandere zu schaffen.«

Frau Christiane löste ihre Hand und holte ein Buch ausder Schreibtischlade.

»Hier lies. Was hier verzeichnet steht, kann in deinemWerk angelegt werden.«

Martin Opterberg tat einen Überblick. »Ich brauch’ dieganze Summe nicht, Mutter. Ich arbeite doch auch mitden Banken. Und ich würd’s auch nicht dulden, daß dudich so entblößtest.«

Da lachte Frau Christiane ihr fröhliches Frauenlachen.

»Schau, Martin, so groß und gescheit ihr werdet, diekleinen Buben bleibt ihr doch vor der Mutter. Glaubstdu denn, du Kindskopf, ich zög’ mich um deiner und derSabine schönen Augen willen bis aufs Hemd aus, bevorich daran dächt’, mich wirklich zu Bett zu legen? Ach nein,mein lieber Bub, was ich dir geb’, ist das, was der Opterberghofund seine Besitzerin ohne Not erübrigen kann, undwenn es halt mehr ist, als du dir errechnet hast, so ist es,weil inzwischen mein Erbe aus dem Elterlichen im badischenOberland dazugekommen ist und des Vaters Erbe aus demHof am Niederrhein.«

[S. 194]

»Gut, Mutter, nun seh’ ich klar. Und Eigengeld fürden Anfang ist besser und billiger als Bankgeld. Morgenwill ich an Ort und Stelle. Es zieht mich mit tausendKräften ans Werk. Und in sechs Wochen, wenn’s dir sopaßt, halten Sabine und ich bei dir die Hochzeit.«

»Hat sie schon ihre Aussteuer beisammen?« fragte FrauChristiane, ohne mit dem Augenlid zu zucken.

»Herrgott noch einmal, ich glaub’, daran haben wir allebeid’ nicht gedacht, nicht die Sabine und nicht ich.«

»Und der Herr Professor Barthelmeß und die FrauProfessor noch weniger. Du siehst, die Tausender, die dumit über See gebracht hast, haben schon ihre Bestimmunggefunden.«

»Mutter,« sagte Martin Opterberg und erhob sich, »dumagst die Barthelmeßleute nicht, und mir geht’s nicht vielanders. Aber die Sabine kann nichts dazu zu der heillosenWirtschaft. Sieh doch, wie alles an ihr wie bei einemKinde nach der Sonne verlangt. Gefällt sie dir nimmer,die Sabine?«

»Nein, Martin,« erwiderte Frau Christiane ruhig, »ichfürchte nichts für dich von deiner Ehe, wenn es dir gelingt,die Sabine zu dir hinaufzuziehen und nicht zu ihr hinabzusteigen.Schön genug ist sie, um einem Manne Freud’zu schaffen. Und das ist nicht wenig für ein Arbeitslebenwie das deinige. Glück auf, Bub’.«

Noch einmal kehrte Martin Opterberg in dem Rheingaustädtchenein, um Sabine Barthelmeß zu ihren Eltern zurückzubringen.Denn Sabine hatte auf dem Wunsch bestanden,ihre Aussteuer unter dem künstlerischen Auge des Vaters[S. 195]zu wählen und nicht unter dem sachkundigen der FrauChristiane Opterberg. Die Summe, die ihr ihr Verlobter,als müsse es so sein, zur Verfügung stellte, löste bei ihr sohelles Entzücken aus, daß Martin Opterberg es gern fürden vergessenen Dank gelten ließ. Der Professor aberschüttelte, als er sie vernahm, bedächtig das Haupt undmeinte, man werde immerhin rechnen müssen, aber er kenneja gottlob die Quellen. »Eure Verlobung,« teilte er demSchwiegersohn im strengsten Vertrauen mit, »hat unerwarteteAnsprüche auch an meine Tageskasse gestellt, denensie vorübergehend nicht gewachsen ist. Es würde eine Annehmlichkeitfür mich bedeuten, wenn du mir mit tausend— nein,« sagte er, als Martin Opterberg nach der Brusttaschegriff, »es geht nicht — wenn du mir mit zweitausendMark über die unvorhergesehene Zeit hinweghelfen könntest.«

Die alten Werftanlagen und ausreichendes neues Geländedazu waren erstanden. Weit genug entfernt, um demLärm des Werkes enthoben zu sein, und doch nahe genug,um es in wenigen Minuten zu erreichen, füllte sich einschmuckes, kleines Landhaus mit ausgesuchtem Hausgerät.Man mußte es dem alten Kirchenbauer Barthelmeß lassen:sein Geschmack war erlesen und seine Spürgabe unübertrefflich.Aus allen Jahrhunderten schleppte er Schränkeund Truhen, Schmucktische und Lehnstühle, Teppiche, Bilderund Stiche zusammen, daß es zuerst den Anschein gewann,als solle ein großes Trödellager aufgestapelt werden. Aberder Professor kam selbst, und nachdem er über den Baustil[S. 196]des Hauses eine Zeitlang mitleidsvoll das Haupt geschüttelthatte, nahm unter seinen Händen der Trödelkram bald denGlanz und die Stimmungshoheit uralter geschichtlicher Überlieferungan, und jedes Zimmer war in die Versonnenheiteiner anderen Zeit verwoben. Die Überraschung aber hattesich der alte Kenner für das Schlafzimmer aufgespart: einRenaissancelager von breiter Ausladung, von einem Baldachinbeschattet, mit teppichbelegten Stufen zum bequemenEinstieg versehen. »Das Gestell hab’ ich einem Bauer imFränkischen abgeschwatzt,« gestand der Kunstprofessor händereibend.»Ich hab’ ihm dafür zwei schöne Bettladen mitMuschelaufsatz und einen mannshohen Stehspiegel auf Rollenangehängt. Da herrschte große Freude.«

Auf dem Opterberghof wurde die Hochzeit gehalten. AchtTage vorher hatte Christoph Attermann in aller StilleTherese Baumgart heimgeführt, und Linde Baumgart,die Schwester, war vorausgeeilt, um das junge Nest zuschmücken, bis das Paar von seiner kurzen Ferienfahrtheimkehren würde.

Martin Opterbergs Stirn überzog sich, als er die Botschaftvernahm. Das kam einem Ausweichen gleich. Odersollte es nur eine Feinfühligkeit der Freunde sein, die seinenAugen eine Schaustellung ihrer frohen Liebeserwartungentziehen wollten? Immerhin: auch Christoph Attermannhauste, als Betriebsleiter des Brückenwerkes, am Niederrhein,und ein öfteres Zusammenkommen war geboten.Weshalb da erst Gefühlsanwandlungen nachgeben—?

Am Tage, an dem Christoph Attermann mit ThereseBaumgart Hochzeit hielt, stand Martin Opterberg im Garten[S. 197]seines Landhauses am Niederrhein und horchte über diebreiten Strommassen rheinauf, ob er ein Gläserklingenvernehme oder einen zitternden Lautenklang…

Martin Opterberg hatte sich in Jünglingsträumen seineeigene Hochzeit anders ausgemalt, als sie sich gestaltete.Und auch Sabine Barthelmeß hielt mit ihrer Unzufriedenheitüber die kleinbürgerliche Familienveranstaltung nichtzurück.

»Meinen Vater und meine Mutter und meine hochverehrtenHerren Brüder vermag ich alle Tage zu sehen,wenn’s mich danach gelüsten sollt’. Weshalb lädst du nichtdeine Freunde von der Universitätszeit, die doch alle in soglänzende Verhältnisse hineingeheiratet haben, daß ein Verkehrlohnt? Wenn der Christoph Attermann auf eine glanzvolleFeier verzichtet, so ist das seine Sach’ und hat wohlmehr eine ›klingende‹ Ursach’. Wir brauchen ihm das gottlobnicht nachzumachen.«

»Du bist wie ein junger Jagdhund,« sagte Martin Opterbergund strich ihr lächelnd über das erhitzte Gesicht, »weißtdu, wie so ein junger, ungelernter Springinsfeld, der gleichvon dem grauen Häslein abläßt, wenn vor ihm ein schillernderFasan aufgeht.«

»Du mußt mich führen, Martin,« erwiderte sie unddrückte sich ganz weich in seinen Arm.

Ein halbes Dutzend Gäste saßen außer dem Brautpaaran der Hochzeitstafel, und es war ein Geschrei wie aufdem Jahrmarkt. Wohl hatte Vater Barthelmeß unterSchluchzen eine gefühlvolle Rede gehalten, in der er dieWunderblume seines künstlerischen Lebens und Schaffens,[S. 198]die er bei Tag und bei Nacht gehegt und gepflegt habewie kein anderer Vater auf Erden, mitsamt ihren selbstlosenEltern der Liebe und dem Verständnis des neuenSohnes anempfahl, und Frau Hadwiga Barthelmeß warin Tränen gebadet. Die drei Barthelmeßbrüder aber, dieohne ihre Frauen gekommen waren und von denen niemandrecht wußte, mit wem sie eigentlich verheiratet warenund ob die Kunst, der Handel oder der Müßiggang ihreHauptbeschäftigung darstelle, hatten sich bei den brustwarmenWorten des Vaters verständnisvoll mit den Augen zugeplinkertund beim Hoch auf das Brautpaar ein groß Hallound Gläserleeren begonnen, auch Rundgesänge erhoben undim wilden Durcheinander ungescheut Liebesschwänke undEhegeschichten zum besten gegeben, daß Frau ChristianesStirn sich leise rötete und ihre Augen immer ferner zublicken schienen.

»Sabine,« raunten die Brüder der abschiednehmendenSchwester zu, »wie steht’s mit dem Reisegeld? Wir sinddoch zu deinem Vergnügen gekommen und nicht zu demunseren.«

»Ich hab’s schon dem Vater für einen jeden von eucheingezahlt.«

»Dem Vater? Das ist ein netter Spaß. Aber er solluns nicht durchschlüpfen, der alte Festredner.«—

Sabine Opterberg thronte in ihrem Landhaus am Niederrhein.Selbst ihr glücklicher Gemahl wußte kein besseresWort für die königliche Haltung zu finden, mit der sieihren Platz als Herrin des Hauses einnahm. Sie schrittüber die Teppiche, als sei sie Zeit ihres Lebens nur über[S. 199]persische Handgewebe dahingeschritten, und sie erteilte ihreBefehle an die zwei Dienstboten, als ständen hinter denzweien noch ein Dutzend unsichtbare. Daß die hohe Herrin,wenn der Herr des Hauses mit gedankenheißer Stirn aufseiner Arbeitsstätte weilte, daheim stundenlang und vertraulichmit ihren Mädchen plauderte und sie ihre Schätzebewundern ließ, das hätte Martin Opterberg nie geglaubt.

Kehrte er heim, so flog sie ihm wie ein sehnsüchtig Kindentgegen, erstickte ihn mit ihren Liebkosungen und ließ ihnim Taumel vergessen, was ihm hätte mißfallen können.

Bald füllte sich das Haus mit Gästen. Werksherrenaus der Umgebung kamen mit ihren Damen, um die Pflichtbesucheder Opterbergs zu erwidern, die Jungen folgtennach, und mancher Geschäftsfreund stellte sich ein und nahmseinen Platz am künstlerisch gedeckten Tisch. Dann saßSabine Opterberg beobachtend in der Runde, und keineBewegung, kein Tonfall entging ihr, ohne daß sie ihnprüfte und sich zu eigen machte.

»Du hast ja deinen Kehlkopf mit einemmal anders eingestellt,«verwunderte sich der Hausherr. »Willst du dichüber deine Gäste lustig machen?«

»Ich habe nie anders geredet als heute,« erklärte diejunge Frau und hob das Kinn.

Martin Opterberg schüttelte den Kopf. Kindereien, dachteer, sie läßt sich vom ungewohnten Schein blenden. Aberbald mußte er, wenn auch zögernd und widerwillig, erkennen,daß die Blendversuche allein von Sabine ausgingenund daß sie die Kunst, die Blicke auf sich zu lenken, stärker[S. 200]noch und erfolgreicher übte als ehemals in der vornehmenAllerweltsgemeinschaft des Konstanzer Inselhotels.

Die leichte Aufdringlichkeit, mit der sie sich den Menschenund Dingen zu nähern und sich ihrer zu bemächtigen pflegte,war einem merkwürdigen Schlangengleiten gewichen. Plötzlichkonnte sie die Augen aufschlagen und einem Herrn starrund verloren ins Gesicht blicken. Wurde er unruhig, sosenkten sich langsam die schweren Lider, und der verloreneBlick wurde zu einem verlorenen Lächeln. Ein jeder fühltesich besonders geehrt, und bald machte ein jeder sie zurstillen Vertrauten seiner geheimsten Empfindungen, ohne zuahnen, daß er nur tastende Neugier auffütterte.

Oft auch ließ sie im Tischgespräch im Eifer der schönenWorte ihre Hand auf der Hand des Nachbarn ruhen, bissich das Gesicht des Mannes dunkel färbte und er die Handwie zur Prüfung der Absonderlichkeit krampfte. Dann saßsie mäuschenstill und dehnte den Augenblick. Oft aber auchforderte sie dreist und mit keckem Wort heraus, wenn siefühlte, daß einer anderen höher und feiner gestimmteWesensart sie in den dunklen Hintergrund drängte. Unddie Männer hielten für berauschenden Übermut, was nichtsals wohlverkappter Neid war, der Neid einer Frau, dienur einen Körper zu bieten hat und nicht eine Seele.

Zögernd nur und widerwillig erkannte es Martin Opterberg,und da er selbst unter dem Rausch dieser erdhaftenWeiblichkeit stand, mußte er sich fast Gewalt antun, umden Blick klar zu behalten. Und er sah, wie SabinesFreude an einem Jüngling, der über keine anderen Vorzügeverfügte als über seine geradegewachsenen Glieder,[S. 201]ebenso groß war wie an einem reifen Manne, dessen überlegenerGeist die Umgebung beherrschte. Und als er eserkannt hatte, glitt der Nebel des Rausches mehr undimmer mehr von seinen Augen, und er sah, wie es sie triebhaftdrängte, das Wohlgefallen eines jeden Mannes zu erregen,der drinnen oder draußen in ihren Sehkreis trat.Mit niederen Evakünsten. Mit dem Spiel ihres weichen,geschmeidigen Körpers. Denn über ihn hinaus, das warseine letzte Erkenntnis, hatte sie nicht viel einzusetzen.

Für den Sohn der Frau Christiane Opterberg war dieseErkenntnis wie ein Fremdkörper im Blut. Er versuchteihn wie einen unreinen Gedanken auszuscheiden. Aber daswach und scharf gewordene Auge ließ sich nicht mehr bestechen.Im Zeichensaal, auf dem Werftplatz, mitten inder gesteigerten Arbeit ließ er die Arme sinken und horchtein sich hinein und horchte hinaus, um ein Wort zu finden,Sabine Opterberg anzurufen in ihrer Nachtwandelei. Aberwie konnte ein ehrenhafter Mann mit seiner Frau überDinge rechten, die im Gefühle lagen und nicht greifbarwaren?

Er wartete und wartete, in der Hoffnung, es seienSchlacken gewesen, deren der Feuerstrom bald genug ausgeworfenhaben würde, um zur reinen Flamme zu gelangen.

Englische Geschäftsfreunde kamen zu Gast, die die deutscheSprache gut beherrschten. Mit Staunen vernahm MartinOpterberg, wie Frau Sabine die deutsche Sprache radebrechte,um die Ausländerin zu spielen, und auch die fremdenGäste vernahmen es verwundert.

[S. 202]

»Sie sprechen nur gebrochen deutsch, gnädige Frau? BeliebenSie eine andere Sprache?«

»Oh — meine italienische Heimat,« brachte Sabine miteinem wundervollen Augenaufschlag hervor, der die Herzenerwärmte, »aber ich verstehe sehr gut.«

Martin Opterberg stellte sie vor dem Schlafengehen zurRede. »Weshalb lügst du die ehrenwerten Herren in meinerGegenwart an, Sabine? Es ist nicht das erste Gaukelspiel,das mich an dir befremdet. Ich bitte dich, bei allem undjedem zu bedenken, daß du meinen Namen trägst.«

Sofort nahm sie Kampfstellung an. Ihre Augen verhärtetensich. Die Iris wurde wie stahlgeschmiedet.

»Ich verbitte mir diesen Ton, der für deine Werftplätzepaßt, nicht für mich. Ich habe nicht gelogen, und ich lügenie. Daß ich in Italien geboren bin, steht sogar auf meinemGeburtsschein zu lesen. Und ich gaukle keinem Menschenetwas vor. Ich geb’ mich, wie ich bin, und hab’ eureeinstudierte Vornehmheit nicht nötig und euer Erziehungsgetu’.«

Jetzt sieht sie aus, dachte Martin Opterberg, wie alskleines Mädchen, wenn sie auf dem Opterberghof beimNaschen gefaßt worden war.

»Sabine,« sagte er, »du weißt sehr wohl, daß du nurdurch einen Zufall auf italienischem Boden geboren wurdest,daß deine Mutter auf einem Spaziergang von schweizerischemauf italienisches Gebiet von der Niederkunft überraschtwurde und deine ganze italienische Heimatseligkeitaus der Wochenstube im Hospital bestand. Nach acht Tagenholte dein Vater Mutter und Säugling in einem Wägelchen[S. 203]zurück, auf einem Wege, der bis zum Grenzpfahl nichtmehr als zehn Minuten betrug. Und nun schlafe wohl,meine stolze italienische Frau.«

Aber der Scherz verflog bei Martin Opterberg, als erein andermal durch eine offene Türe blickte und Zeugewurde, wie Sabine sich hastig einem Gaste näherte undihn küßte.

Er trat ein und fand nur noch Sabine vor.

»Was geschieht hier, Sabine?«

Sie sah sein weißgewordenes Gesicht, den Feuerbrand inseinen Augen, und wußte, es gab kein Entrinnen.

»Wir hatten bei Tisch eine Doppelmandel gegessen, einVielliebchen. Hätte er’s verloren, ich hätt’ einen kostbarenStrauß Orchideen gewonnen. Ich wollt’ kein Geld oderGeldeswert wagen und setzte einen Kuß. Und hab’ wahrhaftigverloren.«

Die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, die Drohungschwand aus den Augen.

»Unterlaß das zukünftig, bitte. Ich liebe keine mitgeküßtenLippen. Ich trinke auch nicht aus einem Glase,das reihum geht.«

»Martinle, Martinle, nicht bös’ sein über dein dummMaidli.«

Sie hing sich in seinen Arm und löste sich während desAbends keinen Schritt von ihm. Aus den Augenwinkelnstreifte ihn immer wieder ihr beobachtender Blick, und alssie allein waren, überschüttete sie ihn mit ihren Zärtlichkeiten.

»Mein — mein — mein Martin.«

[S. 204]

Aber die in eisernen Jahren gefestigte Ruhe war inMartin Opterberg dahin. In den Nächten fuhr er auf,und alles in ihm war ein Lauschen. Dann zwang er sichmit aller Kraft, anderer Bilder zu gedenken, und er sahdie Schwarzwaldberge und auf dem Herzogenhorn ein weißgekleidetesMädchen zur Laute singen in der tiefblauenSommernacht, die Freunde ringsum. ›Ich will zu Christophund Therese gehen, um einen Blick in ihr Heim und inihr Herz zu werfen‹, nahm er sich vor, ›und zu den altenJugend- und Wanderfreunden.‹ Aber wenn es Morgenwurde, wußte er nicht, was er selber berichten sollte vonsich und seinem Glück, und es blieb, wie es war.

So verging Martin Opterbergs erstes Ehejahr.

[S. 205]

9

Der Mann, der von Amerika zurückgekehrt war, hattegeglaubt, sein unruhig Jugendblut zur Ruhe gebrachtzu haben und als Ausgleich für den täglichen Arbeitstag einstarkmachendes, wie ein Jungbrunnen quellendes Eheglückbeanspruchen zu können. Der Mann, der unermüdlicherals vordem über den Werftplatz am Niederrhein schrittund mit seinen Ingenieuren, Werkmeistern und Arbeiterndie Vollendung seines ersten Rhein-Seedampfers betrieb,wußte längst, daß die Ruhe noch nicht Einkehr in seinemLeben halten sollte und daß es, entgegen seinem Verlangen,wohl einen Ausgleich, aber nur einen Ausgleich für dieunklaren Strömungen seines Ehelebens geben würde. Unddas war die Arbeit.

Die angestrengte Tätigkeit und größere Reisen, die erimmer wieder ins Ausland zu unternehmen hatte, halfenihm über die Enttäuschungsgrade seines Herzens hinwegund boten ihm den erwünschten Vorwand hinzu, die Wiederaufnahmedes Verkehrs mit Christoph Attermann und denFreunden hinauszuschieben. Mehr als bisher fürchtete derStolz seiner Männlichkeit für die Einführung seiner Frauin den alten Freundeskreisen.

[S. 206]

Sabine Opterberg legte längst keinen Wert mehr darauf.Ihre Gedanken gehörten nur noch der eigenen Person, unddie Ausdehnung ihrer Besprechungen mit den Schneiderinnenlieferte den Maßstab dazu. Es durfte keine bessergekleideteFrau geben als Sabine Opterberg, und getreu der Überlieferungdes Barthelmeßschen Haushaltes wurde nach denerforderlichen Mitteln nicht gefragt. Bei guter Zeit regeltesich die Bezahlung von selbst.

Martin Opterberg zahlte die Rechnungen, die ihm dieGeschäftsleute nach vergeblichen Mahnungen bei SabineOpterberg unmittelbar zusandten, in selber Stunde noch aufHeller und Pfennig. Die kaufmännische Vertrauenswürdigkeithielt für ihn nicht an den Grenzen des Geschäftsbetriebesan. Die Führung des häuslichen Lebens mußte in Aufwandund Deckung genau so untadelhaft sein, ja durch ihreVorbildlichkeit das Ansehen des Geschäftes stützen.

»Ich habe,« sagte er sich, »versäumt, Sabine ein klaresBild meiner geldlichen Lage zu geben. Seelische Unstimmigkeitenhätten mich nicht hindern dürfen. Der Hauptteil derSchuld an ihrer Verschwendungssucht trifft daher mich selbst,und ich muß ihn ausräumen.«

An einem Abend, als der Zufall sie alleingelassen hatte,entwarf Martin Opterberg seiner Frau in großen undklaren Zügen ein Bild seines Werkes, seiner Verpflichtungenund seiner baren Betriebsmittel. Sabine, die nur mithalbem Ohr zugehört hatte, horchte erst bei Nennung derletzteren auf.

»Für so unmenschlich reich hätt’ ich dich ja gar nicht gehalten,Martin!«

[S. 207]

Wider seinen Willen mußte Martin Opterberg laut hinauslachen.

»Bist du nun wirklich ein so verständnisloses Kind,Sabine, oder gar so leichtfertig, über den Ernst der Dingehinwegzuhüpfen. Ich erkläre dir doch, daß die Höhe meinerVerpflichtungen den Gesamtwert meiner Werft mit allem,was daran und darin ist, fast erreicht und daß meineBetriebsmittel solange nur als geliehen anzusehen sind, bismeine Frachtdampfer fahren und sich selbst bezahlt machen.«

»Vorläufig aber gehören deine Gelder dir, und du kannstdarüber verfügen, wie du willst. Mein Gott, hätten wirzu Hause immer eine so großartige Deckung gehabt wie duin deinen Werftanlagen.«

»Wenn die Werft, was Gott verhüten möge, Hals überKopf verkauft werden müßte, käme der angesetzte Betragnicht annähernd heraus, und meine baren Gelder müßtenin die Bresche. Das ist doch einleuchtend.«

»Nein,« sagte Sabine Opterberg, »das ist gar nicht einleuchtend,und mein Vater war als Künstler ganz sicherein gescheiterer Kaufmann als du als Werftherr. KommtNot an den Mann, so verkauft man, was man grad nichtbraucht. Du erzählst mir doch, dein erster Frachtdampfersei segelfertig. Also schlag ihn los, und du hast deinenGewinn obenein.«

»Es ist schwerer mit dir zu reden, als ich dachte,« erwiderteMartin Opterberg nach einer stummen Weile. »Undes ist vielleicht sogar unnütz. Du kennst meine Pläne, miteigenerbauten Schiffen als Reeder aufzutreten und dadurchund durch meine Kenntnis der Märkte den Warenaustausch[S. 208]zu verbilligen. Du aber tust, als ob die Bedeutung vonLebensaufgaben nur darin bestände, möglichst schnell undmöglichst viel Geld für die eigene werte Persönlichkeit herauszuschlagen,komm’ nachher, was da wolle. Ich möchtedir als meiner Frau ein wenig mehr Ernst für meine Angelegenheitenanempfehlen.«

»Ach, Martin, und ich möcht’, es käm’ heut’ abend nochirgendwer zu Besuch, mit dem sich lustiger reden ließ’ alsmit dir.«

Martin Opterberg betrachtete sie, als sähe er, wie so oftschon, ein fremdes Gesicht.

»Ich halte es für einen Glücksfall, Sabine, daß wireinmal ungestört sind. Als ich dich heiratete, wußte ich,wer du warst, aber ich täuschte mich, als ich auch zu wissenglaubte, was aus dir werden könnte. Bitte, laß mich.Ich hoffe ja immer noch, daß es nur der rechten Stundebedarf, um dich zu deiner wahren Bestimmung hinzuleiten.Die seh’ ich aber nur in deiner Eigenschaft als Gattin undMutter.«

»Ei, also dahinaus geht’s. Kannst du mir auch nur diegeringste eheliche Untreu’ aufweisen?«

»Sprich das Wort nicht aus!« donnerte Martin Opterberg.»Pfui Teufel, wer gibt dir solche Marktweiberausdrückein den Mund?«

Er bezwang sich vor ihrem schreckensbleichen Gesicht undwurde ruhiger.

»Eheliche Untreue. Weißt du, was das ist? Das ist einSchicksal von schwerster Erdenschwere für den, der sie ausder Einsamkeit seiner mißhandelten Seele oder aus einer[S. 209]unübersehbar großen und alles vergewaltigenden Liebe herausbegeht. Und es ist der gemeine Drang seelenloser undliebeleerer Geschöpfe, nichts als sich und ihren Triebenzu schmeicheln und ihren zigeunernden Körper für sich undandere zum Abgott zu machen. Nicht doch. Wir redenin der Erregung von Dingen, die gar nicht in Worte zukleiden sind. Weder die eine noch die andere Art kommthier in Betracht. Wir wollen vom Glück und nicht vomUnglück sprechen, und da steht es für mich fest: wärst duMutter und nicht nur Gattin, du würdest dich schnell indir selber zurechtfinden und dein bisheriges Tun und Treibenbelächeln.«

»Ich wünsch’ mir keine Kinder. Ich hab’ nur einmalmein bißchen Jugend und Schönheit, und will’s auskosten.«

»Weshalb hast du mich geheiratet, Sabine?«

»Um deinetwillen. Aber doch gewiß nicht, um aus derEng’ des Barthelmeßhauses hinauszugelangen und michgleich wieder in die Eng’ der Kinderstub’ einmauern zulassen. Ich denk’ gar nicht daran, meine Freiheit dranzugebenund mich vor der Zeit zu verschandeln für einbißchen gefühlsselig Eiapopeia. Ach nein, die Sabine Opterbergist auch noch auf der Welt.«

Martin Opterberg blickte sie an, als blickte er in einenleeren Raum. Und als er hinausgegangen war, schritt erdurch den Garten an den Rhein, als müsse er wieder einmalüber die Wasserflut hinweghorchen nach dem Oberrhein,und er schritt zur Gartenpforte hinaus, bis er den Werftplatzerreicht hatte, und tastete sich in der Dunkelheit biszu dem Schiff, das zur Abnahme fertig lag. Und während[S. 210]er mit der Hand über die Bohlen und Planken glitt, dachteer: »Hier also zeuge ich meine Kinder. Hier.«

Heiß wollte es ihm in die Kehle steigen, wie er in dieDunkelheit starrte.

Der ersterbaute Rhein-Seedampfer Martin Opterbergswar in das Eigentum einer großen Reedereigesellschaftübergegangen. Es war dem Erbauer schwer geworden, denErstling seiner Pläne zu verkaufen und die Ausführungseiner Pläne wiederum auf Jahre zu verschieben. Aberals er an einem arbeitsfreien Sonntag einen Überschlagseiner häuslichen Verbrauchnisse zu Papier gebracht hatteund einen Voranschlag über die mutmaßlichen Bedürfnisseder nächsten Jahre, war sein Entschluß auf der Stellegefaßt.

Der Verkauf hatte einen reichen Gewinn gebracht. Undwenn das glänzende Ergebnis auch das Selbstbewußtseindes Erbauers stärkte, Martin Opterbergs Freude ging leeraus. Wohl dachte er, nimm’s als Lehrgeld, aber er fühlte,wie die Unruhe seines häuslichen Lebens nun auch in seineArbeit einzudringen trachtete und sie zur Sklavin des Gelderwerbsherabdrücken wollte. Sabine Opterbergs Ausgabenwaren seit der letzten Aussprache nicht nur gestiegen, diealten Barthelmeß und die Brüder Barthelmeß traten immerhäufiger und mit immer dringenderen und umfangreicherenGeldforderungen an ihn heran.

»Schreibe deinen Eltern und deinen Brüdern,« sagte erzu Sabine, »die Rechnung stimme nicht. Sie seien zu vier[S. 211]Männern, die arbeiten könnten, und ich nur ein einzelner.Die Firma heiße Martin Opterberg und nicht Opterberg& Barthelmeß.«

Sabine sah ihn mit zornigen Augen an.

»Woher solltest du Familiensinn haben? Seit deinemneunzehnten Jahr bist du von Hause fort, und selten genughat’s dich heimgezogen. Es zieht dich ja nicht mal zudeinen Jugendfreunden. Wir Barthelmeßkinder aber habenein Familienleben genossen, wie es inniger und vertraulichergar nicht auszudenken ist. Wir sahen eben auf dieMenschenfreud’ und nicht auf das elende Geld.«

»Das scheinen die Deinen auch heute noch zu tun, wo sievier Familienleben führen.«

Sabine Opterberg sprang über den Einwurf hinweg.

»Ein wahrhaft liebevoller Dank für Vater und Mutter,die sich ihr Leben lang für mich gequält haben. Du könntestzusehen, wie sie eines Tages darum ins Armenhausmüßten.«

»Und deine drei Brüder könnten trotz des innigen Familienlebensauch zusehen?«

»Meine drei Brüder haben selber nichts.«

»So sollen sie arbeiten und sich etwas schaffen. Oderwär’s dir recht, wenn ich auch die Hände in den Schoßlegte und mich etwa auf deine Leute verließe?«

»Nein,« sagte Sabine Opterberg beleidigt, »du brauchstihnen nichts mehr zu schicken, ich werd’ es von meinen Ersparnissentun.«

Der Werftherr hob die Hände. »Da sei Gott vor, daßdie Rechnung noch verworrener würde. Lieber werde ich[S. 212]die Ansprüche der Deinen noch einmal erfüllen und ihnendas Notwendige dazu schreiben, als daß ich mich zum Schlußin unserer doppelten Buchführung nicht mehr aus und einkenne.«

»Ich halt’ das auch für das Vernünftigere, Martin.«

Auf Martin Opterbergs Geldsendungen trafen herzlichgehaltene Dankschreiben von Barthelmeß Vater und Söhnenein. Alle aber schrieben sie wie in einem geheimen Einverständnis,die mißverständliche Beurteilung der augenblicklichenVerhältnisse läge lediglich an der viel zu geringenPflege der Familienbeziehungen, deren Vernachlässigung siesich aufrichtig zum Vorwurf machten, die sie aber durchbaldige Besuche zu heben gedächten.

Als erste erschienen Professor Barthelmeß und Frau.Und während sich Frau Hadwigas quecksilberne Unrastschon in den ersten Tagen daran machte, der Tochter Truhenund Schränke auf abgelegte Festgewänder und Leibwäschezu untersuchen und sofort zum Mitnehmen zu verpacken,begann der Professor, das künstlerische Gesicht des Hausesvon Grund aus neu zu gestalten und alle Möbel durcheinanderzu rücken. Kaum, daß Martin Opterberg ihn vonseinem ganz auf das Persönliche eingestellten Arbeitszimmerabzuhalten vermochte.

»Vergiß nicht, Martin, daß du die Tochter eines erstenund anerkannten Künstlers zur Frau besitzest. Das mußtdu dir immer vergegenwärtigen.«

»Ich weiß die Ehre nach ihrem vollen Wert zu schätzen.«

Unter großem Lärmen rückten die Brüder ein. Wiedererschienen sie ohne ihre Frauen, aber Martin Opterberg[S. 213]wußte ihnen hierfür wenigstens Dank, denn er hatte imLaufe der Jahre erfahren, daß der erste seine einst vermögendeFrau irgendwo und irgendwann im Stiche gelassenund der zweite ein Mädchen niederster Sorte geheiratethabe, der dritte aber eigentlich unverheiratet seiund nur in wilder Ehe lebe. Widerwillig genug bot erden Brüdern seiner Frau die Gastfreundschaft.

Mit Genugtuung hatte Sabine festgestellt, daß der Vaterin seinem wallenden grauen Patriarchenbart und die Brüderin ihren nach dem neuesten Schnitt gearbeiteten Anzügensehenswerte Figuren darstellten und auch die Mutter inihrer fahrigen Beweglichkeit noch den alten Reiz ausübte.So zögerte sie nicht, eine Festtafel zu rüsten, die der Künstlerprofessorin ein wunderbares Gebilde aus roten Rosenwandelte, und ihre Verehrer und Neiderinnen zu laden, umdie Barthelmeßleute und damit sich selbst in vorteilhaftestemLichte vorzuführen.

Die Gäste saßen wie verzaubert in der Fülle von Rosen,aßen mit Bewunderung von den ausgesuchten Speisen undtranken mit Andacht die edel zusammengestimmten Weine.Es war nur eine Stimme an der festlichen Tafel, daß dasHaus Opterberg, von dessen anmutreicher Herrin man zwartäglich neue Überraschungen gewöhnt sei, diesmal sich selberübertroffen habe.

Sabine Opterberg wies mit strahlender Miene auf ihrenlächelnden Vater.

»Ja, meine verehrten Damen und Herren,« lehrte derProfessor, »die Errichtung einer Festtafel ist eine Kunst,die ebensoviel natürliche Begabung wie die allererlesensten[S. 214]Vorbilder verlangt. Beides vereint ergibt erst den untrüglichenGeschmack. Es nützt nichts, die feinsten Weinezu trinken, man muß sie auch nach Duft, Fülle und Feinheitin eine so stimmungsvolle Steigerung zu bringen wissen,als erschlösse sich langsam aus der Knospe die ersehnte Rose.Was ich in dieser und anderer Beziehung an den Höfender Fürsten und Vornehmen des guten Geschmackes erlernendurfte, ist meiner angeborenen Begabung zugute gekommen.Sollte ich einmal den Vorzug genießen, Sie als liebe Gästein meinem eigenen Heim begrüßen zu dürfen, so werdenSie finden, daß sich auch der Reiz des erlesensten Weinesdurch die künstlerische Form der Trinkgefäße noch erhöhenläßt.«

Und nun plauderte der Professor von Italien und Spanien,und es waren Siegeszüge des Künstlers und desMannes, die er vor den freudig horchenden Herren entrollte,und die gebeseligen Frauen spielten bald eine größereund munterere Rolle darin als der seligmachende Wein.

Der anfeuernde Beifall, den der durchtriebene Schönrednerfand, ließ den Ehrgeiz der Söhne nicht lange ruhen. Schonhatte der Wein in den Gemütern der Gäste die allerfeinstenÜbergänge ausgewischt, und die Söhne konnten den Fadenschon um einige Nummern kräftiger spinnen. Künstlerfeste,auf denen der erste Blick das Schicksal der Frauen bedeutete,wechselten mit geheimnisvollen Stelldicheins in Palästenund Parks voller Marmorbilder. Händeringende, liebeforderndeDamen flehten um Entführung. Kraftwagenbrausten durch die Nacht und über die Alpen. Hie undda blitzte im Zweikampf die Klinge. Namen wurden im[S. 215]Eifer des erregenden Berichts hervorgestoßen und erschrecktauf schonende Weise zurückgenommen. Ausrufe des Entzückens,schadenfreudiges Gelächter, derbe Zwischenrufedurchschwirrten die Tischgesellschaft. Sabine Opterberg abergenoß den frechen Unsinn der Brüder mit leuchtenden Augen.

»Und wer bezahlt das ganze Zaubertheater?« rief einerder Fabrikherren in aufgeräumter Stimmung. »Im Lebenhätt’ ich nicht gedacht, daß die Kunst so ausgiebig ihrenMann ernährt. Denn, wie mir Ihre Frau Schwester verrät,sind Sie ja allesamt Künstler, meine Herren.«

»Künstler?« riefen die drei Brüder wirr durcheinanderzurück. »Gibt das Wort allein alles her? Schafft es Goldund Edelstein? Frauen, Rosen und Wein? Der Mannmuß hinzu! Der Siegerwille! Wir sind Lebenskünstler!«

Da erhob sich Martin Opterberg von seinem Platz, neigtesein Glas huldigend vor den drei Schwägern, leerte es undsetzte sich wieder ohne ein Wort.

Einen Augenblick stand den Prahlhänsen der Mund offen.Dann begriffen sie und klopften sich die Stäubchen vomFrack. Und Sabine Opterberg wünschte eine gesegneteMahlzeit und hob die Tafel auf.

Als die Gäste gegangen waren, winkte der alte Barthelmeßdem Hausherrn mit den Augen.

»Wir rauchen noch eine Zigarre zusammen.«

»Wenn es dir Freude macht — gewiß.«

»Laß erst meine Herren Söhne verschwunden sein. Siewittern überall ein Geschäft und sind nicht wegzuschlagen.«

»Handelt es sich denn um ein Geschäft? Dann könntenwir es auf morgen verschieben.«

[S. 216]

»Nun sind wir allein,« sagte der alte Herr, sicherte nocheinmal an den Türen und ließ sich zufrieden in einemSessel nieder.

Ihm gegenüber saß Martin Opterberg. Beide rauchtensie schweigend.

»So eine Gesellschaft muß dich ein Heidengeld kosten,Martin,« nahm endlich der alte Herr das Wort.

Martin Opterberg zuckte nur mit den Achseln.

»Nun ja, du hast es ja dazu. Sabine erzählt Wunderdingevon deinem Vermögen und den Rieseneinkünftenaus deiner Werft. Zum Beispiel der letzte Schiffsverkauf.Stimmt’s?«

Martin Opterberg strich die Asche der Zigarre ab.

»Am einfachsten ist, du nennst mir ohne Umschweifedeinen Wunsch.«

»Meinen Wunsch? Ich habe keinen Wunsch. Aber dadu dem Ton vertraulicher Aussprache den Geschäftstonvorzuziehen scheinst, so will ich dir ganz gegen meine Absichtenauch hierin folgen. Sabine hat mir aus ihrer Brautzeitnoch einige Rechnungen hinterlassen. Für Kleider, Hüte,Leibwäsche und was so eine kleine Schönheit braucht. DieLeute haben vier Jahre gewartet und wollen nun bezahltsein.«

»Vier Jahre?« fragte Martin Opterberg und nahm dieihm hingestreckten Rechnungen entgegen. »Meine Verlobungund meine Heirat sind erst zwei Jahre alt. Da steckt einRechenfehler.«

»Es ist alles in Ordnung,« widersprach der alte Herr.»Das Kind hatte doch die Kleider und den ganzen anderen[S. 217]Staat mit auf die Verlobungsfahrt zu deiner lieben FrauMutter.«

»Aber die Rechnungen stammen, wie du mir zu erzählenbeliebtest und wie die Zeitangaben auf diesen Papierenbestätigen, aus einer Verlobungszeit Sabines vor vier Jahren.Von dieser wußte ich in der Tat nicht, was wohlmeine Zahlungssäumigkeit einigermaßen entschuldigt.«

Martin Opterberg faltete die Papiere wieder zusammenund reichte sie dem alten Herrn zurück. Ein wenig betretenstrich sich Professor Barthelmeß den Graubart. Dannversuchte er ein lustiges Lachen.

»Martin,« rief er und schlug dem Stillbrütenden aufsKnie. »Martin, du kennst die Weiberchen nicht. Natürlichhat sie nur auf dich gewartet, sehnsüchtig sogar, verliebtwie keine zweite. Aber du bliebst jahrelang weg,zuletzt noch drüben überm Meer, und ließest nur gelegentlichvon dir hören und so sparsam, daß kein Mensch herausfindenkonnte, ob du noch warm oder schon kalt warst.In solchen Fällen pflegen unsere klugen Weiberchen zweiEisen ins Feuer zu legen. Aber als du heimkehrtest undErnst machtest, wurde das eine natürlich sofort wiederhinausbefördert.«

»Gemein …« stieß Martin Opterberg zwischen den Zähnenhervor. Er spürte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte.

»Wie sagtest du?« fragte Professor Barthelmeß undnahm eine Fechterstellung an.

»Ich sagte, daß ich dir den Betrag morgen früh vonmeiner Kasse überweisen lassen werde und daß ich dir hiermitgute Nacht wünsche.«

[S. 218]

Auf dem baldachinüberdeckten Renaissancelager schlummerteSabine Opterberg, die Lippen halbgeöffnet wie einzärtliches Kind.

Der Mann, der sie prüfend betrachtet hatte, wandtesich ab, als wäre ihm ein Nachtfrost über die Gliedergelaufen. »Da orakeln die Neunmalweisen,« flog es ihmdurch den Sinn, »das Weib sei ein Rätsel. Und es istdoch nur dann ein Rätsel, wenn es voller Niedrigkeitensteckt, die unsere Anständigkeit nicht erraten kann.«

Nun zog es Martin Opterberg doch zu den Freunden.Plötzlich und unwiderstehlich zog es ihn hin, als drängtees ihn in sein Kinder- und Jugendland. Unangemeldettraf er in dem nicht fernen Industriedorf bei ChristophAttermann ein und stand auf der Schwelle.

»Martin!« schrie Christoph Attermann auf und lag ihmam Halse.

Einen Augenblick verhielten die beiden und rührten sichnicht. Aber jeder hörte in der Brust des anderen dasniedergehaltene Schluchzen. Dann machte sich Martin Opterbergfrei.

»Und das Theresel?« fragte er lächelnd.

Sie hielt ihren kleinen Buben auf dem Arm und streckteihm die Hand entgegen.

»Grüß’ dich Gott, Martin. Hier ist das Theresel, undder kleine Christian dazu.«

»Er heißt nach unserer Mutter?« Und er streichelte desKindes feines Blondhaar.

[S. 219]

»Nach unserer Mutter,« wiederholte Therese Attermannmit einem tiefen Ton.

Er sah sie an, und ihre Blicke trafen sich. Voll undruhig lagen sie ineinander.

»Du bist die alte geblieben, Therese, und das heißt: diejunge von dazumal. Kein Zug in deinem Gesicht ist andersgeworden. Ihr müßt sehr glücklich geworden sein, daß dieZeit keine Spuren einzugraben fand. Denn auch der Christophblieb, wie er war. Nur strahlender, viel strahlenderschaut er aus.«

»Dir aber sieht man die Arbeit der Tage und Nächtean,« sagte Christoph Attermann freimütig, »und das Thereselmuß dir einmal den Puls fühlen und dich in die Kurnehmen.«

»Wenn’s arg schlimm wird, komm’ ich, Theresel. Weißtdu noch den ersten Kopfwickel zu Freiburg? Der Allererstewar ich, der sich ein Herz faßte zu deiner ärztlichenKunst.«

»Das war, als du dich jählings in das Theresel verliebtest,«sagte Christoph Attermann, und das Wort wargesprochen. Martin Opterberg nickte ihm zu und nickte derHausfrau zu.

»Und mir fahnenflüchtigem Manne muß das Glück geschehen,daß mir die Freundin in meinem Bruder Christopherhalten geblieben ist.« Er sprang ab. »Ich hatte frischeLuft nötig. Da bin ich zu euch hinausgekommen.«

»Setzt euch nieder,« bat die Hausfrau, »setzt euch niederund plaudert. Ich leg’ nur den Kleinen zur Ruh’ und bingleich die dritte im Bund.«

[S. 220]

Zu dritt saßen sie in dem hellen Wohngemach und plaudertenvon Jugend und Heimat, und wie im Badner Landstand ein offener Wein auf dem Tisch. »Er ist von derMutter,« sagte Therese Attermann. »Sie schickt von Zeitzu Zeit ein Fäßlein.«

»Mir schickt sie keins,« gestand Martin Opterberg undblickte nach der Wand, die als Schmuck ein großes BildnisFrau Christianes trug. Das gleiche Bild hing daheim inseinem Arbeitszimmer. Hier behauptete es vor aller Weltden Ehrenplatz.

»Du bist gewiß ein so verwöhnter Herr geworden, daßsie’s sich nimmer traut?« meinte das Theresel und folgteseinem Blick.

»Ja, so ein verwöhnter Herr bin ich geworden. Undin einer Anwandlung von Leutseligkeit, so denkst du, binich von meinem goldenen Thron gestiegen, um mich beieuch zur Auffrischung des Blutes von einem QuäntchenHeimweh durchrütteln zu lassen. Ja, so wird’s wohlsein.«

»Schwätz nicht, Martin,« rief die Hausfrau fröhlich, hieltihm ihr Glas entgegen und stieß mit ihm an. »Weshalbdu gekommen bist, ist mir gleich, mir und dem Christoph.Die Hauptsach’ ist, daß du gekommen bist und wir wiederbeieinander sitzen.«

»Jetzt müßt ihr erzählen,« bat Martin Opterberg. »Ichrühr’ mich nicht in meinem Sessel. So heimelig bin ichschon.«

Da erzählten sie beide, und einer nahm dem anderendas Wort vom Mund, um Wertvolles für den anderen hinzuzufügen.[S. 221]Von Therese Attermanns ärztlichem Beruf undihrer Tätigkeit als Kassenärztin unter den Werksarbeitern,ihren Frauen und ihren Kindern. Und von Christoph Attermannsselbständiger Stellung als hochbezahlter Ingenieurund Betriebsleiter. Und von beider Plänen.

»Du dachtest gewiß, Martin, als du hier eintratst: ›Siezogen mit gesenktem Blick in das Philisterland zurück, o jerum,jerum, jerum!‹ Falsch geraten, Martin, scharf daneben. Wirgedenken im Gegenteil ganz gewaltig ins Zukunftslandeinzumarschieren, das Theresel und ich mitsamt dem Bubenund allem, was nachfolgt. Drum haben wir unsere ersteEinrichtung ganz bescheiden gehalten und unsere Lebensführungder Einrichtung angepaßt, um Monat für Monatunsere Kriegskasse aufzufüllen. Denn ich möcht’ einmalmein eigener Herr oder Teilhaber an einem Werk werden,um meine besten Kräfte erst entfalten zu können und denMeinen die Zukunft zu erschließen. Schau, daran hilft mirdie da mit ihrer ganzen, großen Frauenliebe von morgensbis abends, und selbst des Nachts muß ich sie oft hergebenfür ihre Kranken.«

Er hatte die Hand seiner Frau gefaßt und hielt sie festumspannt.

»Der Christoph,« sagte die junge Doktorin, »ist nämlichvon der Einbildung besessen, ich übte meine Kunst nur ihmzu lieb und nicht in erster Linie um der Kranken willen.Und ich würd’ sie wie einen Werktagsrock an den Kleiderriegelhängen, sobald er mir den erträumten Sonntagsrockbrächt’. Nachtwandler soll man nicht anrufen. Under nachtwandelt gar so schön, der Christoph.«

[S. 222]

»Erzählt mir auch von den Freunden,« bat Martin Opterberg.Es war ihm warm und wohl zumute.

»Sie sitzen alle drei mit ihren Frauen in Düsseldorf,«berichtete Christoph Attermann. »Der wackere Broich istmir der liebste geblieben. Das war er mir schon damals,als er mit eisernem Willen seinen Assessor machte, um sichseine Hilde Falkenroth aus dem Gasthof bei Koblenz zuholen. Er trat als juristischer Berater in ein DüsseldorferWerk, ist aber mehr und mehr der kaufmännische Direktorgeworden. Die Ehe kann als eine vorbildliche gelten. Sohnund Tochter werden straff erzogen.«

»Und die Klarenbachsmädchen?« fragte der Besucher.

»Du hast’s getroffen,« bestätigte Christoph Attermannlachend, »daß du nach den Klarenbachsmädchen fragst undnicht nach den Männern. Denn das Klarenbachgeld spieltdie erste Rolle in den beiden Ehen. Der Grüters, den dieGerda nahm, ist der alte Streber geblieben und jetzt frischgebackenerRegierungsrat. Mit unserem einstigen FuchsmajorTillmann steht’s schlimmer. Seit er der Mann derElfriede Klarenbach geworden ist, nennt er sich zwar Kunstgelehrter,aber dabei hat’s auch sein Bewenden. Er möcht’halt das Studentenleben in alle Ewigkeit weiterführen mitWeib, Wein und Gesang, aber die Elfriede hat’s gewaltigmit der Eifersucht und heizt ihm zu jeder Tag- und Nachtstund’ein.«

»Ich möcht’ sie doch einmal wiedersehen, die Wanderkameradender Jugendzeit. Ach, ihr beiden, schön war esdoch. So unglaublich schön…«

Sie verzehrten ein schmackhaft Mittagessen, das die Köchin[S. 223]selber auftrug, und dann wurde die junge Doktorin zueiner Wöchnerin gerufen. Christoph Attermann tauschteein paar leise Worte mit ihr. Sie nickte ihm zu, schüttelteMartin Opterberg die Hand und ging.

»Wie selbstsicher sie ist, Christoph, und wie schlicht. Ichfreue mich mit dir über die Helle in deinem Haus. Diestammt alleweil noch von dem Sonnenkrönlein in ihremHaar.« Und dann begann er, in stundenlangen, fachmännischenErörterungen dem gespannt lauschenden Bruderund Freund ein Bild seiner Werftanlage zu geben undseiner wirtschaftlichen Pläne, und der Abend nahte undbrachte die junge Doktorin heim, die strahlend von derEinfahrt eines neuen Weltbürgers zu berichten wußte undmitten im Satze abbrach und aus der Türe lief. Denndraußen hatten die Hupen von zwei sonntäglichen Kraftwagenein Lärmen erhoben, und ehe sich’s Martin Opterbergversah und sich zurechtzufinden wußte, fühlte er sichin einen Knäuel von jubilierenden Menschen verwickelt, dieihn umarmten, ihm die Hände schüttelten, ihn kräftig aufdie Wangen küßten und allesamt auf ihn einredeten. »MeinGott,« stieß er endlich hervor, »seid ihr es wirklich?«

»Wirklich und wahrhaftig, Fleisch und Bein, Jugendund Schwarzwald, Burschenschaft und gut Freund allzeitund allwege,« riefen und lachten die Tillmann, Grütersund Broich mit ihren Frauen im Wettbewerb durcheinander.»Eingefangen bist du, Weltflüchtling. Auf Gnade undUngnade. Die Frau Doktorin hat’s recht gemacht. Eingelullthat sie dich, mit Chloroform oder Liebreiz, unduns inzwischen durch den Fernsprecher von Düsseldorf hergerufen.[S. 224]Die Klarenbachschen Kraftwagen schafften’s ineiner guten Stunde, als wir erst den Überfalltrupp beisammenhatten. Martin! Martin Opterberg! Wie ein verwunschenerPrinz schaust du aus!«

»Und die bezauberndste Frau sollst du haben rheinaufund rheinab,« rief der begeisterte Tillmann in Studentenseligkeit.

»Laß das!« gebot seine Gattin Elfriede scharf, und imGelächter der Zuhörer ging der kurze, eheliche Auftrittunter.

»Wenn ich schon nicht,« knurrte Tillmann verlegen, »vonschönen Frauen sprechen darf, so gebt mir Wein, und dieFrau Therese soll die Laute nehmen.«

Rund um den Tisch saßen sie, auf den eine Bowle hingezaubertstand, und sahen sich in die Augen und suchtenund fanden sich, und die Gläser klangen aneinander, wurdengeleert und wieder gefüllt, und als der ersten Wiedersehensfreudegenug getan war, sang Frau Therese zur Laute.

Wie entrückt saß sie, die weiche Wange an den Lautenhalsgeschmiegt, und lauschte beim Singen hinein undhinaus … Und langsam fand sich unter den Männernund Frauen Hand in Hand…

»O academia!« jubelte Tillmann auf. »O academia——«

Monate hindurch zehrte Martin Opterberg von diesemTag, von diesem Abend. Der Schnee lag auf den weitenBreiten am Niederrhein, und die Kopfweiden am langgestrecktenStromufer spiegelten ihre Hauben in dem schwerfällig[S. 225]fließenden Wasser. Tot war das Land. Heißerwurde das Leben in den Häusern der Menschen.

Am heißesten wogte es in Sabine Opterberg. EineLebensgier war in ihr, die nicht zu stillen war, und wennes sich nicht zu irgendeiner Abendgesellschaft in der Umgebungzu schmücken galt, schmückte sie sich für die Theater-und Musikaufführungen in den benachbarten Städten, undselbst in den politischen Versammlungen ihres Bezirks erschiensie, um einem besonders heißblütigen Vorkämpfer zulauschen. Die Männer blickten ihr auf den Straßen nach,wenn sie in ihrer schlanken Fülle vorüber schritt, und sieerspähte jeden Blick unter den niedergelassenen Lidern, aufden Lippen ein geschmeicheltes Lächeln, das wie eine Aufreizungwirkte.

Dieses Lächeln war Martin Opterberg das Verhaßtestean seiner Frau. Weil es ohne Ansehn der Person jedenbewundernden Blick bescheinigte, der nur von einem Mannekam. Auf dem Werftplatz hatte sie gesessen, auf einemBretterstoß, und zum Zeitvertreib auf ihn gewartet. EinKnecht war mit einer Pferdekarre an ihr vorbeigekommen,hatte jäh angehalten und mit flackernden Augen nach demfeinbestrumpften Bein gestarrt, das von der Höhe desBretterstoßes lässig hin und her pendelte. Da waren dieAugenlider der Frau niedergesunken, da war das Lächelnerschienen, dies vermaledeite Lächeln, wie es die scheuenDirnen auf den Straßen hatten. Nie hatte es MartinOpterberg so verhaßt gefunden wie in dem Augenblick, dader Knecht beim Erscheinen seines Herrn gleich einem ertapptenSünder mit dem Gefährt von dannen jagte.

[S. 226]

Die Bewunderung ihrer Kreise genügte Sabine Opterbergnicht mehr. Längst hielt sie Ausschau darüber hinaus,und ihr zigeunerndes Blut wallte bei jeder Erscheinungauf, die aus dem Rahmen strebte wie sie selber.

In diesem Winter gingen die politischen Wogen hochin den Fabrikstädten am Niederrhein. Ein neuer Volksrednerder Umsturzpartei war aufgestanden, ein dienstentlassener,junger Oberlehrer, der rücksichtslos die Leidenschaftengegeneinander hetzte. Keine seiner Versammlungenließ Sabine Opterberg im Stich. Das war eine Sprache,die sie in ihren Höhen und Tiefen verstand, so unklar derSchwall der Worte auch daherbrausen mochte. Daß esbrauste, daß es stürmte und aller Grenzen spottete, dasempfand sie wie heimatliche Luft, wie Blut von ihremBlut.

Zwischen den Ehegatten kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung.Martin Opterberg untersagte seiner Frauden Besuch der Versammlungen, untersagte ihr, sich selbst,ihn und seinen Namen bloßzustellen. »Du weißt, wohindu gehörst. Ein Schwanken ist ein Verzicht.«

Da ließ Sabine Opterberg den neuen Glaubensboten,an dem der politische Strudelkopf ihr nichts, an dem derabenteuernde Mann ihr alles war, heimlich zu sich rufenund führte mit ihm eine Unterredung, die mit der Aufstellungkecker Richtlinien zu einem unanstößigen Verkehrschloß. Schon wenige Tage darauf, an einem Sonntagmorgenzur Besuchszeit, wurde Martin Opterberg eineKarte überreicht mit dem Namen: Dr. phil. FriedrichRadermacher. In ehrlicher Überraschung las er den Namen.[S. 227]Was wollte der Hetzer und Hasser von ihm? »Ich lassebitten,« gebot er dem wartenden Mädchen.

Der Eintretende war von schlanker und sehniger Gestalt,einen halben Kopf kleiner als der hochgewachseneHausherr. Sein schwarzes Haar lockte sich in der Stirn,und in dem glattrasierten Gesicht lagen die dunklen Augenwie in verhaltenem Feuer. Eine Schönheit für romantischeZofenseelen, dachte Martin Opterberg und bot dem Besucherernst einen Platz.

Doktor Radermacher nahm dankend an. Er erklärte infließenden Worten, daß er von der vorbildlichen Art derBehandlung erfahren habe, der sich die Arbeiter auf demOpterbergschen Werftplatz erfreuten, und daß er gekommensei, um mit einem so sozial empfindenden Arbeitgeber, wieer ihn nie zuvor angetroffen habe, einen Austausch derMeinungen herbeizuführen, auf die Gefahr hin, seine vorgefaßteund verallgemeinernde Ansicht einer kleinen Nachprüfungunterziehen zu müssen. »Denn,« schloß er feurig,»nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!«

»Der Mann schauspielert,« sagte sich Martin Opterberg,doch ließ er sich höflich auf einige Erörterungen über dieWechselbeziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerein, die er mit den Worten endete, daß die ehrliche Lösungaller dieser Fragen stets von den Persönlichkeitswerten inbeiden Lagern abhänge und es im übrigen Faule undFleißige, Zufriedene und Unzufriedene geben würde, solangedie Menschheit sich nicht wie die Lilien auf demFelde kleide und wie die Spatzen im Getreideacker nähre.

Nach einer Weile erhob sich der Besucher und bat, da[S. 228]er vorläufig keine politischen Versammlungen mehr abzuhaltengedenke, zu einer passenden Zeit wiederkommen zudürfen. Martin Opterberg stand im Begriff, die Bitte alseine gänzlich zwecklose abzuweisen, als sich die Tür zuseinem Arbeitszimmer öffnete und Sabine ihren Gattenzum Frühstück rief. Überrascht blieb sie auf der Schwellestehen, und da der Hausherr keine Miene machte, den Gastvorzustellen, so stellte sich der Gast mit einer ehrerbietigenVerbeugung selber vor.

»Ah,« machte Sabine Opterberg, »unser berühmter Volkstribun.Wenn sich Ihr Blitz und Donner nicht auch gegeneine schlichtbürgerliche Küche richtet,« fügte sie in Schelmereihinzu, »so halten Sie mit und seien Sie der dritte imBund.«

Der Gast nahm die Einladung mit großem Danke an,und so einsilbig Martin Opterberg bei Tische verharrte,so ritterlich und gewandt wußte der Fremdling die Unterhaltungzu führen.

»Ich werd’ Sie bekehren,« beteuerte die heitere Hausfrau,»ich werd’ Sie meinem Manne als einen Sünderzu Füßen legen, über den im Himmel eitel Freud’ herrschensoll.«

Von Stund’ an gehörte der Doktor Friedrich Radermacherzu den Besuchern des Hauses. Meist erschien er,wenn der Hausherr auf seinem Werftplatz in Anspruchgenommen war. Martin Opterberg fühlte es bei der Heimkehrjedesmal an dem fahrigen und sprunghaften Wesenseiner Frau. Und plötzlich, mitten in einer alle Geisteskräfteerfordernden Arbeit, überfiel ihn ein grauenhafter[S. 229]Verdacht. Ein Verdacht, der seinen Mannesstolz rüttelteund schüttelte und ihm einen Geschmack wie Blut auf dieZunge legte. Er schob Papier und Zeichenstift von sich.Aus seiner Stirn brach eiskalter Schweiß.

»Pfui Teufel,« sagte er zu sich selber. Aber das Herzhämmerte wie rasend und quoll ihm bis in den Hals. Daging er heim und sah aus der Tür seines Hauses denDoktor Radermacher treten.

Sabine Opterberg stieß einen kleinen Schrei aus, als erso unvermutet im Zimmer erschien.

»Wie du mich erschreckt hast. Es ist doch nichts vorgefallen?«

»Vorgefallen? In einem ordentlich geführten Geschäftshaus?«Er schüttelte den Kopf und ging in sein Arbeitszimmer.»Ich will in Ruhe eine Berechnung machen. Dugehst wohl aus?«

Und dann saß Martin Opterberg die halbe Nacht, unddie Schauer rüttelten und schüttelten ihn nur immer stärker,bis er aufsprang und die Arme gegen den tobenden Ansturmder Zerrbilder reckte.

»Wenn es wahr wäre — was würdest du tun?«

»Den Mann vor die Waffe nehmen? — Zuviel der Ehrefür den Mann und das Weib, und Unehre für den Genarrten.«

»Das Weib auf die Straße jagen? Dem Liebhaber garin die Arme? — Wo blieb’ die Strafe?«

Blutrot trat ihm der Grimm in die Augen.

»Noch weißt du es nicht!« schrie in ihm eine Stimme.

»Und wenn du es wüßtest?« beharrte bohrend eine[S. 230]andere. »Wenn du es wüßtest, du nähmst aus der Ladedort die ledergeflochtene Hundepeitsche und griffest, wodu sie fändest, Mann und Weib, nackt und bloß, undpeitschtest den Mann vor den Augen des Weibes, und dasWeib vor den Augen des Mannes, daß sie sich hinfortnicht mehr in die Arme nehmen könnten aus Ekel vor demgezüchtigten Körper des anderen. Und weil es der andereansehen mußte.«

Ganz kalt, ganz ruhig stand Martin Opterberg in seinemArbeitszimmer.—

Draußen aber wurde es Frühling, und ein Frühlingswundermeldete sich im Hause Christoph Attermanns. Amjungen Rhein ließ Frau Christiane den Opterberghof unterder Obhut Linde Baumgarts, die der Schwester so ähnlichsah und nur fröhlicher war im Gemüt, und fuhr an denNiederrhein, um Therese Attermann in ihrer schweren undschönen Stunde eine Hilfe zu sein. Eine Nacht blieb siezu Gast im Hause ihres Sohnes Martin. Ihre klarenAugen weiteten sich, als sie Sabine wiedersah. Mit einemBlick durchschaute sie das fahrige, sprunghafte Wesen derÜberlauten.

»Schaff Ordnung in deiner Frau,« sagte Frau Christianehart, als sie in der Morgenfrühe von ihrem Sohne Abschiednahm.

»Mutter, du kannst mir alles sagen. Ich bin nichtschonungsbedürftig.«

»Sie spielt Theater, Martin. Aus einem Liebesgeflackerheraus, oder nur, weil sie ihr eigenes Stück und sich selberspielt.«

[S. 231]

»Aus beidem heraus, Mutter. Hab keine Sorge ummich. Grüß das Theresel.«

Ein kleines, braunhaariges Mädchen kam im Hause Attermannzur Welt, und Christoph Attermann erschien in Personbei Martin Opterberg, um es ihm anzukünden.

»Die Frauen haben mich als das überflüssigste Möbelvor die Türe gesetzt,« berichtete er dem Freund, den ersogleich auf dem Werftplatz aufgesucht hatte. »Sie lassendich grüßen, und das Theresel schickt dir einen Kuß vondeinem Patenmädel. Am besten, du holst ihn dir selbst.«

Dann aber schritt er stillforschenden Auges die Werftentlang. Sein fachmännischer Blick erkannte das Große,das hier aus dem Kleinen geschaffen war und rastlos weitergeschaffen wurde.

»Martin — ich streck’ die Waffen vor dir.«

»Ich schaff’s nicht mehr allein, Christoph. Ich brauch’einen Mann an meiner Seite, der denkt, fühlt und handeltwie ich. Wie wär’s, Christoph? Zu zweit planen und ineins vollbringen.«

»Komm heim, Martin. Mir schwindelt der Kopf.«

Den Rhein zu Füßen schritten sie in tiefer Glücksstimmungdem Wohnhause zu. Die Brüder von einst. Frau ChristianesBuben.

»Du kommst in ein leeres Haus,« entschuldigte MartinOpterberg, als weder die Hausfrau noch eins der Mädchenzur Stelle war und der Hausflur von ihren Schrittenwiderhallte, »aber nun wollen wir es füllen.«

»Das also ist dein Arbeitszimmer,« sagte Christoph Attermann,trat ein und blickte sich ehrfürchtig um.

[S. 232]

Martin Opterberg stand im Türrahmen hinter ihm. SeinHerz lachte. Hier war Verstehen, ein Verstehen auf denersten Blick und ohne schmückende Worte.

»Ja,« erwiderte er mit einem starken Atemzug, »dies istmein ungestörtes Heiligtum. Hier hinein schaut niemandals nur ich.«

Christoph Attermann wandte ihm das bärtige Antlitzzu.

»Nicht deine Frau?« fragte er ernst. »Nimmt sie dennnicht Anteil an deinem Geistesflug?«

»Meine Frau?« wiederholte Martin Opterberg, als verstündeer nicht. Ein hartes Lachen kam ihm über dieLippen. »Meine Frau bleibt lieber auf der Erde, wo’sam lustigsten ist.«

Und mit einem Male reckte sich sein Kopf, reckte sich seinKörper. Alle seine Glieder spannten sich. Sein ganzesWesen war ein einziges Horchen.

»Was ist dir, Martin?«

»Still. Rühr dich nicht.«

»Geht es um in deinem Haus?«

»Nur unreine Geister gehen um. Kein Wort mehr.«

Christoph Attermann packte ein Schauder. Die Zimmertürklaffte einen Spalt. Und in dem dunkelverhängtenZimmer standen die Männer Seite an Seite und starrtenin den sonnenhellen Hausflur. Ganz dumpf gingen ihreHerzschläge.

In der Haustür hatte sich kreischend ein Schlüssel gedreht.Zwei Menschen erschienen mit lauschenden Augen.Ein Mann, bartlos wie ein Schauspieler, und Sabine,[S. 233]schön und geschmeidig, mit einem gespannten Lächeln umden Mund.

Einen Augenblick horchte sie in das todstille Haus. Dannrief sie laut und munter die Namen ihrer Mädchen. Zweimal.Dreimal.

Es blieb still.

Da wandte sie sich zu ihrem Begleiter und küßte ihnübermütig auf die lauschenden Augen. »Komm,« flüstertesie, nahm ihn bei der Hand und huschte mit ihm die Treppenhinauf.

Und wieder lag die leere Stille über dem Haus wie eingrinsend Gespenst.

Minuten vergingen.

Noch immer standen die beiden Männer regungslos imArbeitszimmer.

Dann quoll ein tiefer Seufzer aus Christoph AttermannsBrust, und er griff nach der Hand des Freundes. Die wareiskalt, aber hart wie aus Stahl.

»Martin — —«

»Hast du sie genau gesehen, Christoph?«

»Den Fremden vergess’ ich nicht, so lang ich leb’. Dieandere war die Sabine Barthelmeß.«

»Die Sabine Barthelmeß. Das gab dir ein Gott ein.Sabine Barthelmeß. Nicht Frau Opterberg. So heißtnur noch die Mutter.«

»Was willst du tun, Martin—?«

»Das, was den beiden zukommt, Christoph.«

»Kein Blut, Martin!«

»Geh jetzt!«

[S. 234]

»Kein Blut. Nur die Mutter heißt Frau Opterberg.Du hast es gesagt.«

Die Worte stolperten von ihren Lippen, hasteten durchdie Leere…

Martin Opterberg wandte dem Bruder das Gesicht zu.Es war weiß vor niedergehaltener Erregung, aber dieblauen Augen hatten sich dunkel gefärbt.

»Ich hab’ es gesagt. Das muß dir genügen. Ich binkein italienischer Operntenor. Ich bin ganz deutsch —ganz deutsch.«

Da wußte Christoph Attermann, daß es sich um eineAbrechnung handelte, die keinen Mittler ertrug, und erging wortlos in das Büchergelaß, das an das Arbeitszimmerstieß, und ließ sich im Dunkel nieder.

Martin Opterberg war allein.

Einen hastigen Schritt tat er und blieb stehen.

Aus seiner Brust kam ein messerscharfer Ton — undbrach ab.

Ein Nebel lag vor seinen Augen, und aus dem Nebelsprach eine Stimme.

»Wenn du es wüßtest, du nähmst aus der Lade dortdie ledergeflochtene Hundepeitsche und griffest, wo du siefändest, Mann und Weib, nackt und bloß, und peitschtestden Mann vor den Augen des Weibes, und das Weibvor den Augen des Mannes, daß sie sich hinfort nichtmehr in die Arme nehmen könnten, aus Ekel an dem gezüchtigtenKörper des anderen. Und weil es der andereansehen mußte.«

Und der Nebel schwand vor Martin Opterbergs Augen.

[S. 235]

Aus einer Lade im Schrank holte er die ledergeflochtenePeitsche hervor. Ohne daß die Hand zitterte. Und erschritt die Treppe hinauf und über den teppichbelegtenGang hinweg und warf sich mit Aufbietung aller Kraftgegen die Tür des verriegelten Zimmers, daß der Riegelsprang.

[S. 236]

10

Martin Opterberg schritt durch alle Räume seinesHauses. Still war das Haus geworden, aber auchgesäubert vom Keller bis zum Söller. Nur noch der Schallseiner Schritte lief mit, nicht mehr das Gespensterhuschenauf Stiegen und Gängen.

Wie eine Wohltat wirkte die Befreiung auf die Seele,die nicht mehr aufzufahren brauchte und aufzuhorchen aufeinen schleichenden Fuß, auf ein schleichendes Wort, undsie wirkte wie eine Säuberung des Körpers. Das war’s,was Martin Opterberg immer wieder und immer stärkerin tiefen Atemzügen empfand, seit an jenem Gerichtstagdie Haustür ins Schloß gefallen war hinter dem flüchtendenMann und wenig später als eine Stunde hinter derflüchtenden Frau: die Luft, diese Gottesluft des neuen, allesverjüngenden Frühlings.

Seit Jahren hatte er sie nicht mehr mit Bewußtsein getrunken.Als ob die Welt in Winterstarre gelegen hätteseit seinen Wanderjahren und alles Verlorene und Vergessenenachzuholen drängte im späten, staunenden Erwachen,so war ihm dieser Frühling, so staunte er selbstin ihn hinein und sog sich die Seele voll.

[S. 237]

Kein Spinnweb aus grauen, raunenden Tagen kroch mehrin den Ecken, und selbst in den Mädchenkammern herrschteein neuer und blitzblanker Geist, seitdem die Günstlingeder geflüchteten Frau abgelohnt worden waren und einpaar derbe Schwarzwaldmädchen Einzug gehalten hatten.Auf ein Ansuchen Martin Opterbergs waren die neuenHausgenossinnen von Linde Baumgart sorgsam auf demOpterberghof ausgemustert worden.

Ein Seltsames war: das Verschwinden der Hausfraurief kaum einige Überraschung hervor. Lag es daran, daßdas Landhaus der Opterbergs sich zu weit ab vom täglichenVerkehr befand, lag es an der schnellen Ernüchterungder einstigen Verehrer, die in der lockenden Mandel keinenKern gefunden hatten, oder waren die Ereignisse so schnellund schweigend erfolgt, daß die Umwelt ohne Handhabegeblieben war, ob es sich nur um eine zeitliche Trennungoder um eine förmliche Scheidung handele.

Gegen den Sommer jedoch, als die Scheidungsklage vorGericht ihre Erledigung gefunden hatte, sollte Martin Opterbergdurch einen Besuch daran gemahnt werden, daß die Erinnerungan seine Ehe dem Gedächtnis einiger Leute dochnoch nicht ganz entschwunden war. Auf das Trauerspielfolgte das Satyrspiel. Herr Professor Barthelmeß erschienund suchte eine dringende persönliche Unterredung nach.

»Mein Sohn,« sagte der Professor mit einem tiefen,schwingenden Schmerzenston und streckte beide Hände aus.»Ich habe den Weg zu dir gefunden.«

»Sie sind müde,« entgegnete Martin Opterberg. »Darumbitte ich Sie, Platz zu nehmen.«

[S. 238]

Der Professor stutzte nur einen Augenblick. Er ließ sichnieder, setzte seinen Hut auf den Teppich und lehnte sichweit zurück. Seine Augen zwinkerten, als ob eine Tränehervorquellen wolle.

»Martin, es sind traurige Zeiten. Auch für dich. Dennich kenne dein Gemüt, wie ich das deines seligen Vaterskannte.«

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Professor. Wollen wirmeinen Vater, wollen wir alle einstmaligen Familienbeziehungenaus dem Spiele lassen. Dient es zu IhrerBeruhigung, so kann ich Ihnen sagen, daß mir die Zeitensehr hell und freundlich erscheinen.«

Da merkte der Professor, daß der warme Ton der Empfindungssaitenhier nicht mehr am Platze wär’, und der alteGlücksjäger ließ auf der Stelle von dem unerreichbarenHochwild ab und wandte sich der Hasenjagd zu.

»Sie wollen es so. Ich wasche meine Hände in Unschuld.Schon einmal haben Sie mir den geschäftlichen Ton aufgedrängt,als es sich um die Bezahlung von Anschaffungenhandelte, die meine Tochter lediglich zu Ihrem Vorteil inVerwendung genommen hat. Lediglich, jawohl, lediglich,«fügte er mit Betonung hinzu, als er auf dem ruhigen Gesichtseines Gegenübers ein verloren Lächeln erscheinen sah.»Und wie damals Ihr Gerechtigkeitsempfinden Sie nichterst zu den ritterlichen Anschauungen zu bekehren brauchte,so bau’ ich auch heute darauf und heute mehr denn je.«

»Sie wissen, daß ich von meiner Mutter her für Humorimmer empfänglich bin. Fahren Sie fort.«

Der Professor starrte ihn an. Seine weltmännische Sicherheit[S. 239]geriet ins Wanken, und er mühte sich sichtlich umFassung.

»Für Humor? Habe ich recht verstanden? Hier sitzt eintieferschütterter Vater, und Sie gewinnen der Stunde dieheitere Seite ab? Oh, jetzt verstehe ich manches.«

»Wenn Sie manches verstehen, Herr Professor,« sagteMartin Opterberg mit einigem Nachdruck, »so werden Sieauch schnell das eine verstehen: daß es vorteilhafter für Sieist, ich gewinne der Stunde die heitere Seite ab als dieernste. Der auf Rettung eines schwankenden Buchpostensbedachte Handelsmann hat für mich immer noch einen Anreiz.Der tieferschütterte Vater ist eine Posse. Wie wünschenSie nun, daß ich die Stunde auffasse?«

»Sie sind also erbötig, meiner Tochter eine ausreichendeJahressumme auszusetzen?« nahm der Professor hastig dasWort auf. »Ich wußte es ja, daß man sich unter Ehrenmännernschnell verständigen würde.«

»Was die anwesenden Ehrenmänner anbetrifft, so mußich Ihnen leider eine Enttäuschung bereiten. Ich rechnemich nicht zu ihnen. Und was die Ausstattung und Unterhaltungverwahrloster Frauen anbetrifft, so geht mein guterGeschmack andere Wege.«

»Dürfte ich — dürfte ich diese anderen Wege erfahren?«

»Die Gerichtsentscheidung liegt Ihnen ja vor. Sie decktsich vollkommen mit meinem guten Geschmack.«

»Und Sie — Sie stimmen dieser Entäußerung von allenMitteln, dieser Vogelfreierklärung zu? Ohne Furcht, daßdie zur Verzweiflung getriebene Frau den Namen Opterberg,[S. 240]auf den Sie doch so stolz zu sein scheinen, wie einschmutzig Bettlerkleid durch die Gassen schleift?«

»Lassen wir diesen Überschwang. Es liegt kein Anlaßvor. Vogelfrei hat sich Ihre Tochter selbst erklärt, in allerfreiesterWillensäußerung. Und auf Aberkennung des NamensOpterberg habe ich bereits Antrag gestellt, dem dasGericht wohl schon in Kürze stattgeben wird.«

Der Professor fuhr mit rollenden Augen auf. Er sahdas erzene Gesicht Martin Opterbergs, und er sah, daß erdas Treffen verloren hatte. Da ließ er sich mit einemSeufzer wieder in den Sessel fallen.

»Tragen Sie sich noch mit einem anderen Wunsch?«fragte Martin Opterberg mit Freundlichkeit.

Der Professor schwieg eine Weile.

»Mit einem Wunsch?« wiederholte er endlich lässig undobenhin. »Da Sie sich ganz und gar auf den Boden desreinen Geschäftsverkehrs stellen, so wüßte ich nicht, weshalbich die mir rechtlich zustehenden Forderungen in die Höflichkeitsformvon Wünschen kleiden sollte.«

»Darin kann ich Ihnen nur Recht geben. Sie sehen michauf solche Forderungen gespannt.«

»Ich verlange nach dem Gesetz das Heiratsgut, das meineTochter mit in die Ehe gebracht hat.«

»Es steht zu Ihrer Verfügung. Ich habe, was sich anKleidern und Wäschestücken vorgefunden hat, zusammenpackenund verschließen lassen. Sämtliche Schmuckgegenständehat Ihre Tochter schon mit sich genommen, als siedas Haus verließ. Es mag so bleiben.«

»Nein,« sagte der Professor, »auf diese Weise ist die[S. 241]Unterhaltung doch wohl nicht zu führen: ein Bündel Kleider,eine Handvoll Schmuck. Sie scheinen sich nicht darüberklar zu sein, daß Sie sich hier in einer fremden Zimmereinrichtungbefinden und daß Sie Ihre Gönnerworte auseinem Sessel heraus an mich richten, der meiner Tochtergehört und den ich Ihnen unter dem Sitz wegziehen könnte.«

Da lachte Martin Opterberg zum ersten Male wiederaus vollem Herzen.

»Die Möbel wollen Sie mir wegholen? Das Haus wollenSie mir ausräumen? Wer hat Sie denn auf diesen verrücktenGedanken gebracht?«

»Mein Herr,« ersuchte der Professor scharf, »ich bitte,sich zu mäßigen. Sie vermögen mich aus dem Hause zuweisen, das das Ihre ist, aber Sie vermögen nicht, michaus diesem Sessel aufstehen zu heißen, der, wie die gesamteHauseinrichtung, Eigentum meiner Tochter ist.«

»Eigentum Ihrer Tochter? Ja, träumen Sie denn? Eswiderstrebt mir, darauf hinweisen zu müssen, daß IhreTochter nichts in die Ehe einbrachte, als was sie auf demLeibe trug. Es ist Ihnen wohl noch erinnerlich, daß ichIhnen vor der Hochzeit eine Summe einhändigte, um dieEinrichtung zu beschaffen, da Ihre Tochter über keine Aussteuerverfügte.«

»Ganz recht. Vor der Hochzeit. Es war eine Schenkungin optima forma und hat nicht das geringste mit Ihrerspäteren gemeinsamen Ehe zu tun. Aha, nun wird Ihnendie Sachlage klar.«

Martin Opterberg hatte sich erhoben. In ihm stritt derwiedergefundene Humor mit einer peinigenden Unlust, dergestaltete[S. 242]Unterhandlungen zu führen. Er sah sich einemMenschen gegenüber, der sich höchstens durch die würdevolleHaltung und den Professorentitel von einem abgefeimtenGauner unterschied. Wie konnte ein anständiger Menscheinem solchen Gelichter beikommen?

»Und wenn ich eine durchaus andere Ansicht von derSachlage hätte, Herr Professor?«

»So müßte ich es,« entgegnete der Professor weich, »zumeiner größten Bekümmernis auf einen Prozeß ankommenlassen und Ihnen zum Vergnügen der immer schadenfrohenWelt die Benutzung der Möbeleinrichtung bis zur Urteilserklärunggerichtlich untersagen lassen.«

»Nicht anders hatte ich es mir gedacht,« sagte MartinOpterberg. »Sie werden es verstehen, daß ich mich ausGründen der Erziehung mit der ins einzelne gehenden Abwickelungnicht befassen kann. Ich werde eine Vertrauenspersondamit beauftragen.«

»Leider ist meine Zeit nur knapp bemessen, Herr Opterberg.Ich opfere kostbare Arbeitstage für eine Angelegenheit,deren Erledigung rechtgemäß längst Ihre Sache hättesein müssen, und weiß nicht, ob ich den Verlust wiederhereinbringe.«

Martin Opterberg hörte kaum hin. »Also sagen wir:auf übermorgen, Herr Professor, da Sie den Möbelwagenin Ihrer Handtasche doch wohl nicht mitgebracht haben.«

»Wo wohne ich?« fragte der Professor unbefangen undblickte sich um.

»Wenn Sie keine allzugroßen Ansprüche stellen: im Gasthausam Bahnhof. Auf Wiedersehen.«

[S. 243]

Er verbeugte sich in kühler Höflichkeit, und der Professorerhob sich kopfschüttelnd, nahm seinen Hut und empfahlsich zögernd. Martin Opterberg aber drahtete unverzüglichan seine Mutter und bat sie, zur Abwickelung vermögensrechtlicherDinge am nächsten Tage schon zu ihm zu reisen.

Pünktlich auf die Minute traf Frau Christiane am Abendein. Bis zur vorletzten Haltestelle hatte sie den BaslerSchnellzug benutzt.

»Du schaust frisch aus wie ein Fisch im Wasser, Bub,«sagte sie, als sie am Bahnhof einen schnellen Blick überden Sohn hatte hingleiten lassen. »Es war eine wunderliebeFahrt durch all das schöne Sommerland am Rhein.Und das Lindele läßt dich schön grüßen.«

»Dank dir, Mutter. Für dein Kommen und für denGruß.«

Frau Christiane fragte nicht. Erst als sie sich in ihremGastzimmer erfrischt, die Schwarzwaldmädchen begrüßt undmit ihrem Sohn das Abendbrot eingenommen hatte, sagtesie, in ihren Sessel gelehnt, vergnügt und unvermittelt:»Vermögensrechtliche Dinge. Und noch Abwickelung dazu.Ein hübsches Abschlußgeschäft für die Barthelmeßleute.«

»Du hast es also bereits erraten, Mutter.«

»Dazu gehört nichts als das Einmaleins, Martin. Dasheißt: wenn wir fünf gerade sein lassen. Anders ist einalter Gauner niemals auszuschalten.«

»Du denkst wie ich, Mutter. Es handelt sich, wie dues dir schon gedacht hast, um die Einrichtung meines Hauses,die ich zwar von meinem Gelde bezahlt habe, die aber vonder Gegenseite als eine Schenkung vor der Ehe betrachtet[S. 244]wird. Der alte Barthelmeß brauchte mir nicht erst miteinem Prozesse zu drohen. Es hängen mir zuviel Erinnerungenan den Möbeln, die nur für die Gegenseite Werthaben. Nur was ich mir selber beschafft habe, hier undim Ausland, mein Arbeitszimmer und was vom Opterberghofund aus der Kindheit stammt, das möcht’ ich nichtgern von dem alten Barthelmeß verhökert wissen.«

»Darum rief der Bub nach der Mutter.«

»Ja, darum. Weil mir derartige reinliche Scheidungennicht zu liegen scheinen.«

»Und da dachtest du: das besorgt die Mutter mit Scheuertuchund Besen im Handumdrehen.«

»So dachte ich, Mutter.«

»Ach, Martinle,« meinte Frau Christiane und lachte insich hinein, »ich hab’ den Glauben an deine Unverwüstlichkeitnie aufgegeben. Nun holt sich der Rhein wieder Wasseraus der Quelle. ’s ist recht so.«

Martin Opterberg saß in seinem Stuhl und umfing mitliebevollem Blick das fröhliche Mutterbild.——

Mit der Sicherheit eines Gläubigers betrat ProfessorBarthelmeß schon in der achten Morgenstunde das Haus.Das Mädchen wies ihn ins Arbeitszimmer. »Zur Stelle,«sagte er in dem Glauben, Martin Opterberg vorzufinden.»Schönen guten Morgen,« klang es ihm als Antwort entgegen.

Verdutzt suchte der Professor nach seinem Augenglas.Er hatte die Stimme einer Dame vernommen und beeiltesich, sich vorzustellen. »Professor Barthelmeß. Entschuldigung,ich bin hier wohl am falschen Platz?«

[S. 245]

»Da könnten Sie ausnahmsweis’ Recht haben, Herr Professor,«erwiderte Frau Christiane und erhob sich aus ihrerabgedunkelten Diwanecke. »Aber da Sie den falschen Platznun schon einmal eingenommen haben, wollen wir dasgegenseitige Vergnügen auf die allerkürzeste Dauer beschränken.Ich bin die Frau Christiane Opterberg.«

»Die Frau — Christiane — Opterberg?« wiederholte derProfessor betroffen.

Frau Christiane nickte ihm zu. »Die einzige meinesNamens.«

»Unverändert,« brachte der Professor hervor, »unverändert…«

»Aus so berufenem Mund freut’s mich ganz besonders,«sagte Frau Christiane strahlend, »wenn ich auch wohl einigesIhrer Kurzsichtigkeit zuschreiben muß. Aber was ist dennmit Ihnen? Sie sind ja ein ganz graues Mannle gewordenund wackeln schon bedenklich. Wohl über die Siebzig, HerrProfessor?«

»Oh — oh —« wies Professor Barthelmeß entrüstet zurück,»noch nicht die Mitte der Sechzig erreicht, meine gnädigeFrau.«

»Dann ist es aber schlimm. Dann ist’s aber an derZeit, daß Sie auf die Erhaltung Ihrer Kräfte bedachtbleiben. Geht’s denn mit dem Gedächtnis noch alleweil?«

»Ich wünsche mit Herrn Opterberg die vermögensrechtlichenFragen zu regeln,« sagte der Professor, und seineStimme zitterte vor Ärger.

»Ich weiß. Oh ich weiß alles bis ins kleinste. MeinSohn hat mich als seine Vertreterin bevollmächtigt. Wenn[S. 246]Sie also meinen, Sie schafften’s, von mir aus können wirauf der Stell’ beginnen.«

Professor Barthelmeß sah sie hochmütig über den Kneiferrandan.

»Es gibt hier nicht viel zu schaffen, meine verehrte Frau.Die gesamte Einrichtung ist Eigentum meiner Tochter. Ichhabe alles persönlich gekauft.«

»Ihr Gedächtnis, Ihr Gedächtnis,« warnte Frau Christianemit leisem Kopfschütteln. »In Amerika waren Sienicht zum Einkauf. Und doch stammt dieses Arbeitszimmeraus Amerika.«

Der Professor besichtigte hastig den Raum. »In derTat — in der Tat —« murmelte er.

»Setzen wir unseren Rundgang fort, wenn’s Ihnen nichtzu beschwerlich fällt. Hier, das Gesellschaftszimmer, trägtunverkennbar die Persönlichkeitsmarke Ihrer Frau Tochter.Dasselbe ist von dem Empfangsraum festzustellen, und zwarohne Augenglas. Wir kommen zum Speisezimmer, HerrProfessor.«

»Die künstlerische Schönheit dieser hohen gotischen Anrichtespricht wohl allein für ihre Herkunft, und der Stollenschranknicht minder,« meinte der Professor lässig. »Gehenwir weiter.«

»Ihre Augen, Ihre Augen,« klagte Frau Christiane.»Sie werden frühzeitig erblinden, wenn Sie dem Übel nichtnachdrücklich zu Leibe rücken. Ich seh’ hier nämlich außerder gotischen Anricht’ und dem Stollenschrank noch den gewaltigenEichentisch, das Dutzend Eichenstühl’ und so vielliebes andere. Und es ist nicht nur ein Sehen, es ist ein[S. 247]Wiedersehen, denn es stand bis vor wenig Jahr’ auf demOpterberghof und war mir zu viel, seit mein Mann unddie Buben fehlten.«

»Es liegt mir nicht das geringste an diesem heiligen Urväterhausrat,verehrte Frau.«

Frau Christiane nickte ihm freundlich zu. »Können’snoch die Treppen hinauf? Oder wird’s den Beinen dochzu viel? Hier drunten ist nur noch die Küch’, und so eineNebensächlichkeit hatten Sie vergessen einzukaufen, unddroben befinden sich die Schlafgemächer.«

»Stück für Stück von droben habe ich persönlich zusammengetragen,aus dem Hessischen und dem Bayrischen.Darüber gibt’s auch nicht das geringste Verhandeln.«

»Ihr Gedächtnis, Ihr Gedächtnis. Es befinden sich vierSchlafzimmer droben. Drei, wie Sie’s zu nennen belieben,gefüllt mit heiligem Urväterhausrat. Das vierte ist unheilig.«Sie reckte langsam ihre Gestalt, und aus ihrenAugen sprühte die Verachtung. »Je schneller Sie’s ausräumenlassen, um so besser für uns alle.«

Der Professor hustete in den vorgehaltenen Hut. DerKneifer fiel ihm ab, und er mußte ihn mit dem seidenenSchnupftuch umständlich säubern. »Halten wir uns nichtauf, verehrte Frau. Ein paar Siegel an die Sachen, undwir sind aller Mißverständnisse enthoben.«

»Wozu wollen denn der Herr Professor den teuerenSiegellack opfern? Die Schränk’ und Truhen sind dochalle leer.«

»Leer — —?«

»Aber gewiß, Herr Professor. Ich hab’ mit den Mädchen[S. 248]in der Frühe wacker schaffen müssen, um all das alteFamiliensilber und die Berge Kristall und Porzellan unversehrtherauszubringen und gut wieder wegzuschließen.Auch den Opterbergschen Leinenschatz. Ein Gedächtnisfehlervermag jetzt nimmer aufzukommen, und für die Gotik undRenaissance und die geschnitzten Heiligen und die betrübtenEngel dürft’ ein mäßiger Möbelwagen vollauf genügen.«

Der Professor wischte sich mit dem seidenen Tuch dieStirn. Er zitterte vor Erregung. Ein Wort murmelte erzwischen den Lippen, das keine Liebkosung war, aber FrauChristiane achtete es nicht.

»So setzen Sie sich doch. Sie sind wirklich sehr, sehrschonungsbedürftig. Aber ein Mann von Ihren Jahren,der all sein Leben lang gottesfürchtig die lieben Heiligengeflickt und die Kirchen und Kapellen schön ausgebesserthat, sollt’ doch etwas mehr an die himmlische Glückseligkeitdenken als an den irdischen Schabernack.«

Da setzte sich der Professor, und sein seidenes Tüchleinfuhr über Stirn und Schädel.

»Es wird nun alles besorgt. Sie dürfen getrost heimfahren,«sagte Frau Christiane.

»Gut,« murmelte der Professor, »gut, ausgezeichnet,«und er zerrte an seiner Brusttasche. »So haben Sie wohldie Güte, diese Ausgaben zu begleichen, die ich als Bevollmächtigterder Parteien gemacht habe. Fahrt, Gasthofund drei kostbare Arbeitstage zu je hundert Mark.«

»Das trifft sich ausgezeichnet,« lobte Frau Christianeund nahm das Papier entgegen. »Da kann ich, die ichebenfalls als Bevollmächtigte der Parteien zu gelten hab’,[S. 249]auf der Rückseite des Zettels gleich meine Gegenrechnungaufmachen. Leider war meine Reis’ viel kostspieliger alsdie Ihre, und da ich daheim so gut wie für zwei schaff’,muß ich gerechterweis’ auch zwei Arbeitskräfte in Rechnungstellen. Sehen Sie, da hab’ ich’s schon. Sie bekommenvon der einen Partei rund fünfhundert Mark, ich hab’ vonder Gegenpartei zu bekommen — fünfhundertzehn. Na,wegen der zehn Mark wollen wir kein groß Aufhebenmachen. Ich streich’ sie, und die Sache ist glatt.«

Offenen Mundes hatte sich der Professor erhoben. FrauChristiane strahlte ihn aus ihren kristallklaren Augen an.Und plötzlich tat der Professor ein paar weitausholendeSchritte, erreichte die Haustür und warf sie schmetterndhinter sich ins Schloß.

Da wurde das Strahlen in Frau Christianes Augennoch größer als zuvor. Und sie schritt von Zimmer zuZimmer und öffnete weit die Fenster. Und noch viel größerwurde das Strahlen, als gegen die Mittagszeit ein Boteaus dem Gasthof erschien und die Bestellung ausrichtete:der Herr Professor sei heimgefahren und habe hinterlassen,die Gasthausrechnung werde von Herrn Doktor Opterbergbeglichen. Sie bezahlte ohne weiteres und gab dem Botenein großes Trinkgeld dazu.

»Das Haus ist rein,« berichtete sie dem heimkehrendenSohne. »Ich hab’s an Scheuertuch und Besen nicht fehlenlassen und brauch’ nur Zeit, um den Hausrat umzugruppieren.«

Dazu brauchte Frau Christiane wirklich Zeit, viel mehr,als die Arbeit auf den ersten Blick zu beanspruchen schien.[S. 250]Zu ihrem Sohne sprach sie: »Es macht mir nichts undkommt mir sogar gelegen, denn ich hab’ schon immer dieProb’ auf das Exempel machen mögen, was die Linde wohlbei mir gelernt hat, und ob sie imstand ist, die Wirtschaftdaheim mal eine Strecke allein zu führen. Das kann siejetzt zeigen.« Und an die Linde schrieb sie nach Haus:»Mädel, den Martin verlangt’s nach der Treibhausschwüle,in der er gesteckt hat, mit Macht in die frische Luft, unddrum muß ich bleiben und sie ihm zuführen, bis seineSeele ganz und gar davon durchgespült ist und er wiederallein atmen kann. Wenn der Mensch über ein widerwärtigSchicksal gesiegt hat, darf man ihn nicht zum Grübelngelangen lassen, sonst kommt leicht der Rückschlag under fragt sich: warum und wozu? Ich mein’ aber nunmehr,der Martin hätt’ der Rückschläg’ allweil genug gehabtund bedürfte der Freud’ in der Zukunft. Denn erist jung und stark und ein hoher Flieger und soll mirnicht rosten. Drum hab’ ich ihm erzählt, das Lindele sollt’daheim einmal allein sein Meisterstück machen und ich tät’mich inzwischen bei ihm ein paar Monde aufs Altenteilsetzen. Ob mich mein groß Mädel versteht? Ich glaub’sfür sicher.«

Der heilige Urväterhausrat war längst umgeordnet, derunheilige nach dem Rheingau abgerollt. Frau Christianehatte Verpackung und Versendung in Gegenwart einesNotars vollziehen lassen und das unterstempelte Schriftstückan den Herrn Professor Barthelmeß »eingeschrieben«gesandt. Wo sich allzugroße Lücken in der Wohnung erwiesen,wurden sie durch Neuanschaffungen bald ausgefüllt,[S. 251]Fensterbänke, Tische und Truhen aber immerdar untereiner Fülle von Blumen gehalten.

»Seit du da bist,« sagte Martin Opterberg, »ist’s mirerst, als ob ich verheiratet wäre.«

Sie saßen des Abends lange beieinander, und FrauChristiane kannte kein Gespräch, das sie nicht durch eineimmer neue Wendung auf des Sohnes Arbeitspläne hinüberleitete.Und den Sohn erfreute und erfrischte dasVerständnis der Mutter, die das Werk um des Werkeswillen sah und nicht um des hastenden Geldverdienenswillen.

»Es geht nicht um das Geld, Bub, was der eine mehroder weniger hat, es geht um die Freud’! Reichtümer anFreud’ schaffen, das wär’ die rechte Losung für die Welt.Ohne die Menschenfreud’ wär’ die Aufbürdung unseresDaseins rundheraus eine Gemeinheit, und der liebe Gottmacht so was nicht.«

»Der liebe Gott gewiß nicht, aber die Menschen.«

»Weil sie trotz aller Religionsbestrebungen keinen Deutvom Herrgott wissen! Weil ihnen von frühauf in jeglicherTonart gepredigt wird, die Erde sei ein Jammertal undder Mensch nur da, um die Erbsünd’ bis vor das Himmelstorzu schleppen und dort zitternd auf Erlösung zuharren und auf das ersehnte Gaudi im Himmel. Ich sag’sdir aber als gewiß, Bub: wer den Herrgott nicht in einemTeil seiner Schöpfung, in seiner Erdenwelt, erkennt, dererkennt ihn auch nicht im Ganzen, und wer ein so großerJämmerling ist, daß er’s hier auf Erden zu keinem Juchzerbringt, der soll fein gebührlich das Maul halten von seinen[S. 252]dereinstigen Jubelgesängen im Himmel. Denn der Kapellmeisterda droben ist auch musikalisch.«

»Mutter, da muß ich mich aber hinter die Noten knien.«

»Ach, Martinle, spiel dich nicht mit deiner kleinen Verkühlungauf. Du hast von Vater und Mutter her einengewaltigen Brustkorb. Da räuspert man sich höchstens einwenig und hustet es weg. Das hast du schon pünktlichbesorgt, und die Freud’ am Vorwärtsschaffen leuchtet dirvom Gesicht. Das aber, Bub, ist die allergrößte Freud’,weil sie uns das Bewußtsein gibt, auch jemand zu sein,der die Welt und die Menschheit vorwärts bringt.«

»Mutter, ich stell’ dich auf dem Werftplatz als Sonntagspredigeran.«

»Schon gefehlt! Als Werkeltagsprediger! Alle Werkeltag’muß die Freud’ geübt werden, damit sie am Sonntagwie ein rechter Kirchenchor klingt. Nur so erlöst sich derMensch von sich selber.«

»Mutter, wir wollen ein Glas Wein trinken. Wenn mandir zuhört, möcht’ man anklingen auf’s Leben.«

Dann ging Frau Christiane mit einem heimlichen Lächelnund holte selbst den Trunk.—

Ein immer hellerer Schein stand in Martin OpterbergsAugen, wenn er über den Werftplatz schritt und seinenArbeitern zunickte. Und als ein neuer Schiffsrumpf aufStapel lag, versammelte er alle die Mitarbeiter am Werkin einer Halle und sprach zu ihnen, wie man zu treuenKameraden spricht.

»Männer, ich brauche kein Hehl daraus zu machen,daß ein schwerer Sturm durch meine Seele gegangen ist.[S. 253]Aber ihr habt mir die Freude wiedergebracht, dadurch, daßihr mein Werk gefördert habt als das Wertvollste imMannesleben. Es kann kein Baum eichenstark wachsen,der nicht vom Wetter gerüttelt worden ist, aber es kannauch keine Liebe keimen, die nicht ins Leid gesehen hat.Männer, die Werft ist jung, und die Zeiten sind ernst.Wir aber wollen zusammen alt werden und durch die Zeitenhindurch. Und beides mit Freuden, oder es ist umsonstgewesen. Deshalb soll hinfort ein jeder, den ein Leiddrückt, es zu mir tragen, damit wir es gemeinsam verjagen.Kann aus wirtschaftlichen Gründen das Geld nichtgleich verteilt sein, so kann und so soll doch die Freudegleich verteilt sein unter uns Arbeitskameraden und diefeste Lebenszuversicht: ›Mir kann nix geschehen. Ich gehör’zur Opterbergwerft!‹ Darauf leere ich mein Glas.«

Die Männer hatten sich nicht gerührt. Kein Beifall erschollzum Schluß der Ansprache. Aber die Arbeiter kamenmit ihren Meistern und stießen mit ihm an, wie man unterKameraden anstößt, und beim Festtrunk ging statt des Gesangesein ernsthaft Reden um alle Tische. Und dann erschienam Sonntagmorgen eine Abordnung im Hause MartinOpterbergs und fragte, wie es gemeint sei.

Diese vertrauliche Annäherung freute ihn am meisten,und er besprach mit seinen Angestellten die Gründung einesAusschusses, den sie aus ihrer Mitte frei zu wählen hättenund dem freimütig alles vorgetragen und vorgelegt werdensollte, was irgend einer aus der Arbeiterschaft auf demHerzen habe und sich nur scheue, es mit dem Werftherrnvon Mund zu Mund zu besprechen.

[S. 254]

»Das Urteilsvermögen und die Ehrenhaftigkeit der Ausschußmännerbürgen mir dafür, daß sie mir selbst nur diegesichteten Fälle vortragen, die damit so gut wie erledigtsind. Und nun noch eins. Ich möchte, daß ihr den Werftplatzals eure Heimat und die Arbeit als ein Glück undeine Freude empfindet. Das kann nur sein, wenn ihr nichtnur maschinenmäßig eure Stunden herunterschafft, sondernauch über euer Tagewerk hinaus den Erfolg seht, ich meineden Erfolg, der euch selbst und eurer Lebenssteigerung zugutekommt. Daher bin ich willens, alle Werksangehörigemit einem gewissen Prozentsatz, den ich dem Ausschuß nochmitteilen werde, am Reingewinn zu beteiligen, ich undmein Teilhaber, der demnächst eintreten wird und alsmein Pflegebruder in allen Dingen denkt wie ich. Dannzählen wir nicht mehr die Arbeitsstunden, sondern dieArbeitsfreuden

Die Abgeordneten sahen sich in die Augen. Es warenältere Familienväter, die die Schwere des Lebens in reicheremMaß kennen gelernt hatten als seine Sonnenseiten.Und als sie sich eine Weile stumm in die Augen geblickthatten, als ob sie wortlos Red’ und Antwort tauschten,nickten sie mit schwerer Stirn ihrem Sprecher zu, der sichlangsam erhob.

»Herr Doktor Opterberg,« sagte er, »Sie und wir, wirgehören politisch wohl den verschiedensten Parteien an.Aber das kann ich Ihnen sagen: das, was Sie uns dasoeben aus freien Stücken und nur aus einem gerechtfühlendenHerzen heraus vorgeschlagen haben, das war sosozial gedacht, wie wirklich und wahrhaftig nur ein ganz[S. 255]vornehmer Mensch denken kann. Sie haben uns von Arbeiternzu Mitarbeitern gehoben, und das sollen Sie Gottverdammichnicht zu bereuen haben. Guten Morgen, HerrDoktor Opterberg.«

Eine kurze Zeit darauf meinte Frau Christiane im Laufeeines Gespräches: »Übrigens, daß ich’s nicht vergess’: diekleine Attermann läßt fragen, wann sie denn eigentlich getauftwerden sollt’?«

»Die kleine Attermann?« wiederholte Martin Opterbergüberrascht. »Ja, ist die denn nicht längst getauft?«

»Das mußt du als Pate doch besser wissen als ich.Meiner Ansicht nach befindet sich das arme Wurm nochim dicksten Heidentum und wird sich, dauert’s noch weiterhinein in ihre Jungmädchenzeit, aus Schicklichkeitsgründenbald nicht mehr von dir über das Taufbecken hebenlassen.«

»Ja, Mutter, wenn die Attermanns so unchristlich mitihrem Mädel verfahren, kann das Kind doch nicht michdafür beschimpfen.«

»Du, Martin, wenn du bis zum Sonnabend das taufmäßigeGefühl aufbringen könntest—?«

Am Sonnabendnachmittag fuhren sie hinüber. DerPfarrer hatte zuerst eine Sonnabendtaufe ablehnen wollen,da dieser Tag der Vorbereitung für den Sonntagsgottesdienstvorbehalten sei. Aber Therese Baumgart hatte ihmzu wissen getan, der Storch frage ja die Ärzte auch nicht,ob ein Sonntagsgottesdienst vorliege, sondern erwarte, daßsie zu jeder Stunde bereit seien. Und was für den Arztzutreffe, das treffe doch wohl auch für den Seelenarzt zu.[S. 256]Der Herr Pastor möge seine Sonntagspredigt schon imLauf der langen Woche durchdenken statt am letzten Tag.

Vom Opterberghof war als Patin Linde Baumgart eingetroffen.Herzlich erfreut streckte Martin Opterberg demMädchen die Hand entgegen. Sie stand, fertig zur Feierangekleidet, und das weiße Gewand spannte sich über denjungen Mädchenbrüsten und schmiegte sich fest um denschlanken Leib. »Nun sind Sie eine junge Dame geworden,«sagte Martin Opterberg, »und ich weiß nichts von derZwischenzeit.«

»Leih dir die Jahre vom Theresel aus, Martin,« riefFrau Christiane, »ich mein’ halt die Jahre, die ihr inFreiburg und auch wohl noch in Heidelberg miteinanderverbracht habt, füg sie ein, und du hast das Lindele vonheute.«

»Wollen wir’s so halten, Fräulein Baumgart? Dannist die Kluft überbrückt.«

»Wenn’s halt anders nicht angeht?« lachte das muntereMädchen. »Aber das Theresel kommt besser dabei weg.«

Seine Augen gingen über ihre Gestalt, sein Ohr horchteauf ihre Stimme. Die Mutter hatte Recht, und ihr Ratwar gut.

Martin Opterberg hatte dem Täufling einen Besuch gemacht.Er saß an dem kleinen schneeweißen Bettchen, undChristoph und Therese Attermann saßen allein bei ihm.

»Wir haben noch eine Stunde bis zum Taufbeginn.Wollt ihr sie mir schenken?«

»Wir und die Stunde gehören dir, Martin.«

»Dann ist es gut.« Und er begann in klaren Bildern[S. 257]seine Arbeits- und Wirtschaftspläne zu zeichnen. »Ichwerde viel in Holland und in den großen rheinischen Handelsplätzenbis Basel hinauf zu tun haben, wohl auch zuweilenin England und Skandinavien, um den durchgehendenHandelsverkehr zu gestalten. Darunter darf die Bauarbeitauf der Werft nicht leiden. Als ich die Werksarbeiterzu meinen Mitarbeitern machte, tat ich es gleichzeitig ineurem Namen. Denn ich nannte den Namen ChristophAttermann als den meines zukünftigen Teilhabers. Bistdu bereit, Christoph, unter Anerkennung meiner Richtliniemein Wort einzulösen?«

»Ich bin bereit, Martin.«

»Und du, Therese?«

»Soll auch ich Teilhaberin werden?« fragte sie und sahihm still in die Augen.

»Du brauchst es nicht erst zu werden. Du bist es. Seitdu auf unseren Wanderungen unsere Teilhaberin warst.Aber du müßtest dein ärztliches Tätigkeitsfeld verlegen undhast es dir gerade erst so tapfer geschaffen.«

»Ich verlegte es nach Sibirien, wenn es hieß’, mit euchzusammenzubleiben. Wegen des Wiederaufbaus mach dirkeine Sorgen. Mein Mut gibt nimmer nach.«

Da beugte sich Martin Opterberg über die Hand, dieauf dem weißen Kinderbettchen lag, und führte sie andächtigan seine Lippen.

Sie aber hob mit der freien Hand sein Kinn empor undküßte ihn. Und das Kind lag zwischen ihnen und recktenach ihnen die Ärmchen.

»Wie soll es heißen, Therese?«

[S. 258]

»Linde soll es heißen. Einen lieberen Namen gibt esnicht.«

Die Männer gingen in Christoph Attermanns Arbeitsstubehinüber, und hier faßte Martin Opterberg den Pflegebruderan den Armen.

»Ich muß es dir noch sagen, Christoph, als meinemalten Bruder und meinem neuen Teilhaber, damit du inmir allzeit klarsiehst. Ohne die Mutter hätt’ ich’s nichtgeschafft, und mir ist auch jetzt noch zuweilen, als ob ich’snicht hinunterwürgen könnt’, wenn sie erst wieder heim ist.Nicht die betrogene Liebe. Das war eine Verwirrung derSinne und eine Überrumpelung des Bluts. Aber den Betrugam anständigen Menschen und das Gefühl, das michdes Nachts am Atmen behindert und mir den Schweiß derSchmach und der Scham auf die Stirne treibt, das Gefühl:da laufen ein paar Menschen auf der Erde herum, dieeinen Hohn auf deinen Mannesstolz bedeuten, wenn siegrinsend vor dir auftauchen.«

»Martin, es wird übergehen. Wie die Schmach undScham in Verachtung übergehen wird.«

»Das ist sie heute schon. Das tat sie schon längst. Aberes läßt mich nicht und rüttelt und schüttelt mich nochimmer. Und wenn du’s nicht anders nennen willst als dasbeleidigte Herrenbewußtsein. Es ist und bleibt doch derSchmutz an meinen Kleidern.«

Da sagte Christoph Attermann in seiner ruhigen Art:»Ich helf’ dir, Martin, mit allem, was in mir ist. Wirhaben ja doch gemeinsam Blut, Martin.«

Bei der feierlichen Taufhandlung hielten Linde Baumgart[S. 259]und Martin Opterberg den Täufling. Wenn LindeBaumgart ihm das Kind in die Arme legte, spürte MartinOpterberg den Strom mütterlicher Zärtlichkeit, der aus demMädchenkörper zu ihm herüberquoll. ›Der würde es einGlück bedeuten, Mutter sein zu dürfen,‹ dachte er, und sieneigten zum Segen des Herrn miteinander die Häupter.

Was alles er mit seiner Nachbarin und Mitpatin beiTisch geplaudert und besprochen hatte, das war ihm späterkaum noch erinnerlich. Es mußte wohl vom Opterberghofgelautet haben, der ein reiches Erntejahr hinter sich hatte,oder von der Kinderzeit, oder von der Opterbergwerft, oderauch von den aufziehenden Wetterwolken in der Welt. Vielleichtgar von alledem zusammen. Eins aber blieb ihm inder Erinnerung: daß er neben einem urgesunden und reinen,lebensfrohen und willensstarken Menschenkinde geweilt habe,mit dem er während der Tafel auf Frau Thereses GeheißBrüderschaft gemacht hatte.

»Fast ist sie mir noch lieber als das Theresel, weil ihreFröhlichkeit nicht wartet, sondern so aus dem innerstenHerzen herausbricht wie ein Gebot Gottes,« meinte FrauChristiane anderen Tags auf der Heimfahrt, als sie mitdem Sohne allein im Abteil saß. Martin Opterberg abernahm ihren Kopf wie den eines Kindes, bettete ihn an seineBrust und klopfte ihr die Wange.

»Ja, ja, ja — ich weiß schon.«

Da war Frau Christiane zum ersten Male sichtbarlichempört, weil sie sich von ihrem Bub auf der ersten Dummheithatte ertappen lassen.—

Martin Opterberg betrieb den Eintritt Christoph Attermanns[S. 260]und die Überführung des Attermannschen Haushaltesmit unermüdlichem Eifer.

Die Zeichen der Zeit wollten ihm nicht gefallen, undMutter und Sohn führten kaum noch ein anderes Gespräch.

»Seit wir in Marokko so laut mit dem Säbel gerasseltund uns so leise empfohlen haben, beginnt die Welt dasLied von unserer Unüberwindlichkeit für einen schönenEigengesang zu halten,« äußerte Martin Opterberg ernst.»Und wer im Auslande gelebt und dort aufmerksam indie deutschen und in die fremden Volks- und Gesellschaftskreisehineingehorcht hat, muß mit Bedauern feststellen,daß wir uns trotz unserer Begabung, unseres Fleißes undunseres Reichtums immer noch nach Form und Ton wieemporgekommene Kleinkrämer benehmen. Es gibt auch eineWeltkinderstube. Aber wir haben die eigene nicht einmalgründlich durchgemacht.«

»Glaubst du an einen Krieg, Martin?«

»So sicher, wie ich im Menschen an Neid und Habgierglaube.«

»Und du stimmst ihm zu?«

»Kein vernünftiger Mensch stimmt einem Kriege zu, derzu vermeiden ist. Ist er aber nicht zu vermeiden und gehtes um unseres Volkes Sein oder Nichtsein, so muß er mitallem, was in deutschen Herzen, Hirnen und Fäusten steckt,geschlagen werden, und ein Verbrecher am Volkstum wäre,wer den Augenblick verzögerte und uns die Sturmflut überden Kopf kommen ließe. Denn sie werden nicht fein säuberlichumgehen mit dem Knaben Absalom.«

[S. 261]

»Der Absalom war nicht der bravste Knabe, Martin,und arg üppig geworden.«

»Unter uns gesagt, Mutter: das trifft auch auf uns zu.Auf ganze Volksklassen, Christen und Juden. Es ist unsmehr als ein Menschenalter zu leicht geworden und zu gutergangen, und so hat der Geist des Materialismus bei unsEinzug halten können, der dem reindeutschen Wesen innerlichfremd war. Wir Deutschen brauchen den Druck, umunsere Muskeln hart zu halten, die Gefahren, um sie immerwieder zu überwinden, die Arbeit, um den Genuß am Festefeiernnicht zu verlieren. Nicht das öde Geldmachen umjeden Preis und die blöde Schlemmerei, die bei allenVölkern und zu allen Zeiten zur Geilheit im Leben undin der Kunst führt. Geilheit ist Aufsaugung der gesundenSäfte, Mutter, das weißt du aus Garten und Feld ambesten, und ich weiß es von den Menschenklassen, die dietonangebenden heißen, weil sie den falschen Ton angeben.Die Vergeilung wuchert wie Schierling durch das Land, undwenn uns der Krieg von dieser Pest befreit und uns wiederzur Gesundung des Volkskörpers führt, so ist er selbst mitBlut nicht zu teuer bezahlt.«

Frau Christiane grübelte den Worten nach.

»Ein glücklicher Krieg, Martin. Ein unglücklicher würdedas Unkraut über die Halme wuchern lassen.«

»Mutter,« sagte Martin Opterberg, »da sei Gott unddie deutsche Urkraft vor, daß es ein unglücklicher wird.Träfe es aber zu, was du für diesen Fall aussprichst, sowäre es ein Beweis, daß wir trotz aller unserer Errungenschaftendie vornehmste noch nicht gefunden hätten, die allein[S. 262]die Achtung der Welt herausfordert. Ich meine die Würdeeines großen Volkes, die sich gerade in Leid und Unglückals wurzelecht erweisen muß. Das Familienbewußtsein desganzen deutschen Volkes mein’ ich, Mutter.«——

Die Schwalben waren fort vom Niederrhein, und auchFrau Christiane rüstete zum Heimflug. Denn ein paarmalschon hatte Martin Opterberg die Mutter gefragt, ob denndie Kraft des Lindele allein der Fülle der Herbstarbeit gewachsenwäre und ob sie nicht Schaden leiden würde. Dawußte Frau Christiane die Gedanken des Sohnes im rechtenGleis, und sie hütete sich, eine zweite Dummheit zu begehen.

In der ersten Oktoberwoche reiste sie heim. Attermannswaren eingetroffen.

Das erste war, als sie ihr Nest eingerichtet hatten, daßder Frau Doktor ärztliches Schild an der Türe angeschlagenwurde.

Darauf hatte Martin Opterberg gewartet. Er läutetedie Arztglocke und trat ins Sprechzimmer.

»Du bist’s?« fragte Frau Therese und trat ihm mit ausgestrecktenHänden entgegen. »Ich hoff’, du bist gesund?«

»Therese,« sagte Martin Opterberg, »ich hab’ dir die Gebührfür die erste ärztliche Behandlung in Freiburg nochnicht entrichtet und bin dir schmählich mit dem Wickelverbanddurchgegangen. Meine Werksleute wollen abereine solche Unanständigkeit nicht leiden und haben gefordert,dich als Werksärztin zu sehen, für sich und ihre Familien.Ich entgeh’ dir also nicht, weder mit der Gebühr, nochmit Herz und Gliedern.«

[S. 263]

Therese Attermann hob das Haupt. Das Sonnenkrönleinfunkelte in ihrem Haar, wie es in dem Braunhaar derTherese Baumgart gefunkelt hatte.

»Gut,« sagte sie. »Ich fühle dir von Zeit zu Zeit denPuls. Du stehst nun unter meiner Botmäßigkeit.«

Und dann fiel sie ihm in mädchenhafter Freude um denHals.

[S. 264]

11

Das Werk war vollbeschäftigt. Um die Kräfte zu keinerStunde feiern zu lassen, war auf Christoph AttermannsBetreiben eine Werft für Umbauten und Ausbesserungenangegliedert worden, die von den rheinischen Reedernstark in Anspruch genommen wurde. Da gab es Arbeit inFülle, und die Meister und Gesellen bis zum letzten Lehrjungenfragten längst nicht mehr nach der Länge des Arbeitstages,sondern sp*rnten sich fröhlich an, denn jederSchlag des Hammers und jeder Feilenstrich erhöhte ihrenAnteil am Gewinn und brachte ihnen die Arbeit ihrerHände näher.

Um die Osterzeit versammelten Martin Opterberg undChristoph Attermann die Vertrauensmänner des Werkesin ihrem gesonderten Arbeitsraum. Die Männer saßen umden großen Zeichentisch und blickten mit erwartungsvollenAugen auf Martin Opterberg, der sich erhoben hatte.

»Liebe Mitarbeiter,« sagte er und entfaltete vor sich eineAnzahl von Papierbogen, »die Stunde, in der uns derLohn für unser gemeinsames Schaffen winkt und die icheuch zugesagt hatte als Dank für eure treue Mithilfe unddarüber hinaus als Staffel zu einer, will’s Gott, bald[S. 265]immer mehr sich steigernden Lebenshaltung, ist zum erstenmalgekommen. Der Jahresabschluß liegt fertig vor. Hierist er. Wir haben unter uns lediglich mit dem Reingewinnzu tun, den ich in zwei Hälften teile. Die eineHälfte weise ich meinen Mitarbeitern zu als besondereGewinnzulage zu ihren Arbeitslöhnen. Unsere Werft istnoch zu jung, und wir stehen erst am Anfang. Aber wennwir so fleißig weiterschaffen und vor allem so vertrauensvollHand in Hand marschieren, daß jeder im anderenseinen Freund und Helfer sieht, werden wir nicht nur dasWerk auf die gewollte Höhe bringen, sondern auch jedeeinzelne Familie. Ich bitte Sie, den Jahresabschluß einzusehen.«

Der Wortführer der Vertrauensmänner nahm die Papiereentgegen.

»Weil Sie’s der Ordnung wegen wünschen, Herr DoktorOpterberg,« sagte er. »Nötig wär’s nicht gewesen. Erstens,weil’s Ihr freier Wille ist, und zweitens, weil wir Ihnenohne was Schriftliches aufs Wort glauben. Wenn Siegestatten, Herr Doktor Opterberg: das ist ja gerad derspringende Punkt: daß Sie an unsere Arbeitsfreudigkeitglauben und uns als freie Männer am Werk schaffen lassen,und daß wir an Ihr soziales Empfinden und Ihr Gerechtigkeitsgefühlglauben, das nur freie Männer sehen will.Das ist uns eine mächtige Freude, Herr Doktor Opterberg,und Sie können’s am Singen und Witzereißen hören, wennSie über den Werftplatz gehen. Das finden Sie nicht soleicht wieder. Und ob der Abschluß nun mal hart undnun mal weich, mal fett und mal mager ausfällt: Herr[S. 266]Doktor Opterberg, es ist Verlaß aufeinander, und daraufkönnten Sie das Abendmahl auf katholisch und auf evangelischnehmen, lassen Ihnen die Werksangestellten sagen.Unseren besten Dank, Herr Doktor Opterberg.«—

Im Juni kehrte Martin Opterberg von einer längerenAuslandsreise zurück. Er kam am Abend und begab sichsofort in das Attermannsche Haus. Christoph Attermannbefand sich auf der Werft, und Therese war an ein Krankenbettgerufen worden. So setzte er sich zu den Kindern, ließsein Patenkind Linde auf den Knien reiten und den kleinenChristian mit seinem Besuchshut Kreisel spielen, bis diejunge Doktorin als erste heimkehrte. Sie stand in der Türund schaute ihm zu.

»Grüß Gott, Martin!«

»Ah, sieh da! Grüß Gott, Therese! Fröhlich schaust dudrein, und die Kinder sind vergnügt wie die Heuschrecken.Willst du mir nicht eins ablassen von deinem Reichtum?«

»Eins ist zu wenig, und zwei kann ich nicht missen. Wär’ich du, Martin, so schafft’ ich mir selber den Segenherein.«

»Ja,« meinte er, hob das aufjauchzende Kind hoch zurZimmerdecke und setzte das strampelnde in seinem Rollstühlchennieder, »wenn der Storch die kleinen Kinder nochaus dem Wiesenteich fischte und durch den Schornstein fallenließ’. So billig tut er’s nicht mehr.«

»Ich mein’, der Martin Opterberg wird’s nicht sobillig tun.«

Martin Opterberg sah die Jugendfreundin an. »Fühlstdu mir den Puls, Theresel?«

[S. 267]

»Ja, Martin. Weil mir gar so viel an dir gelegen ist.«

»Nur an mir? Das lohnte nicht.«

»Es lohnte mir sogar ein zweites Menschenkind, an demmir gelegen wäre.«

Christoph Attermann kam heim. Mit lauter Freude begrüßteer den Bruder und Freund. Dann schaute er ihmprüfend in die Augen.

»Du warst nicht mehr auf die Werft hinaus? Aber dasAbendessen wird dir nicht geschenkt. Nachher mögen wiruns bis in die Nacht besprechen.«

»Du kannst teilnehmen, Therese,« sagte Martin Opterberg,als sie sich vom Abendtisch erhoben und ins Arbeitszimmerhinübergingen. »Die Frau soll immerdar klarsehen wie der Mann. Und ein Spielzeug hast du nie seinmögen.«

»Nein, Martin. Ich halt’s mit dem Verantwortungsgefühl.«

»Erzähl,« bat Christoph Attermann, als sie in den rohrgeflochtenenSesseln niedersaßen. »Es ist wie eine plötzlicheWindstille im geschäftlichen Leben, und ich schätz’, du hastdas Wetterglas draußen nicht aus dem Aug’ gelassen.«

»Du hast recht empfunden, Christoph. Vor der Tür stehtder Krieg.«

Sie schwiegen alle drei, blickten mit zusammengezogenenBrauen in den Schoß und hoben die Köpfe.

»Du wirst es nicht bei dem einen Wort belassen wollen,Martin.«

Martin Opterberg ließ den Blick zum Fenster hinauswandern.

[S. 268]

»Ihr möchtet hören: ein glücklicher Krieg oder ein unglücklicherKrieg.« … Sein Blick kehrte zurück, sammeltesich und wurde hart. »Und ich mein’, wir sollten dieseFrage gar nicht erst stellen, wir sollten aufstehen, das ganzeLand wie eine einzige Eidgenossenschaft, keine andere Parteiim Kopf als ›Deutschland‹ und keine andere Religion imHerzen als wiederum ›Deutschland‹. Denn es wird nichtum Zepter und Kronen, nicht um Gewinn und Verlustgehen, es wird ganz einfach um dieses Deutschland gehen,das erwürgt werden soll, um die hungrigen Wölfe zufüttern. Darüber muß sich der letzte Mann, die letzte Frauim Lande klar sein.«

Therese Attermann sah ihn an.

»Sag mir, warum gerade Deutschland…?«

»Ich könnte dir antworten, Therese: es ist sein Geschickvon altersher. Weil es die schlechtesten Grenzen in Europahat. Weil es um Lebens- oder Sterbenswillen immer gezwungenwar, das Schwert locker zu halten. Weil es seitder Völkerwanderung von den Fremdstämmen überflutetwurde und ihm jeder Krieg, den es bis auf den heutigenTag um Zurückgewinnung von Licht, Luft und Raumführen mußte, als ein unerhörter Frevel ausgelegt wurde.Ach, Therese, es wären noch viele ›weil‹ anzubringen,und Deutschland als Kriegsschauplatz aller Völker undaller Jahrhunderte bestätigt, was ich sage. Aber seinGeschick hat zuletzt ein jeder in der Hand, um es zuwandeln.«

»Und wir haben es gewandelt, als wir das neue deutscheReich schufen,« sagte Christoph Attermann.

[S. 269]

»Ja, da haben wir es äußerlich gewandelt. Nicht innerlich.Alle unsere aufgestauten Kräfte haben wir losgelassen,als wir endlich eine Macht geworden waren, und wie einefrische Sturzflut ging es über die dürrgewordene Welt. Eswar weiß Gott ein herzerfreuender Anblick, als das Teutonentumauf dem Platz erschien und auf allen Märktender Erde Bewegung in die Massen brachte. Der Erfolgwar unser, wär’ unser gewesen, hätten wir ihn nur einklein wenig anders auszumünzen verstanden als nur inGeld, Geld und wieder Geld. Es kann etwas Wunderbaressein um das Geldverdienen, wenn man das gewonneneimmer wieder ausstreut wie Regen auf die durstende Flur,wie Sonne auf den hungernden Acker. Werben muß es umGlück und Schönheit und Freude, um die Fortentwicklungdes ganzen Volkes diesseits und jenseits der Meere undum die Hochachtung und den Dank der fremden Völker.Wir aber haben mehr oder minder das Geld nur hereingeholt,um es nach Urgroßmutterweise in den Strumpf zustecken und den Strumpf fest zuzubinden und uns großspurigdarauf zu setzen: ›Seht, was für ein Kerl bin ich!‹ DasDeutschtum schreien wir in alle Welt hinaus, aber fürdas Deutschtum in aller Welt haben wir keinen Groschen,und unsere Reichsboten rufen Zetermordio, wenn ein klarblickenderVernunftmensch Summen dafür einzustellen wünschtwie für Kohlenstationen und Kolonien, und erschweren denAuslanddeutschen sogar die Reichszugehörigkeit, statt siestolz und stark zu machen. Seht, dieses unser Emporkömmlingstum,das wir so wenig veredlen, macht uns verhaßtbei Freund und Feind. Unser deutsches Wesen ist[S. 270]krank daran geworden. Es ist unser schlimmster Feind inder Welt und daheim.«

Die Drei saßen eine Weile schweigend. Sie schautender Wahrheit ernst ins Gesicht.

»Und nun glaubst du, die Wetter ziehen sich zusammenund der Krieg steht vor der Tür?« fragte Christoph Attermann.

»Die Zeichen sind untrüglich,« entgegnete Martin Opterberg.»Das Ausland gibt keine Aufträge mehr herein,noch nimmt es Bestellungen entgegen. Dafür besteht esauf beschleunigter Zahlung der noch offenen Posten. Eshandelt offensichtlich nach Weisungen von oben. Nur fürden deutschen Geschäftsmann gibt es keine Weisungen.Nur Wiegenlieder.«

»Was schlägst du für die Werft vor, Martin? Verkleinern?«

»Vergrößern!« rief Martin Opterberg und sprang vomStuhl auf. »Vergrößern, so lang es noch Zeit ist. Dasletzte Geld hineinstecken, um sie auszudehnen, soweit wirkaufen können. Theresel, schau mich nicht so entsetzt an,als hieltst du mich leibhaftig für einen Börsenspieler. Einguter Haushalter denkt über den Tag hinaus, wenn vonseinem Tun und Lassen das Schicksal von Hunderten vonAngestellten, von Hunderten von Familien abhängig ist.Ich will Vorsorge treffen, daß sie, mag’s gerad oder schräggehen, eine Scholle zum Hausen vorfinden und eine Arbeitsstätte,auf der sie schaffen können. Im Straßendreck gibt’skeine Wiedergeburt.«

»Martin,« warf Christoph Attermann ein, »die vergrößerte[S. 271]Werft wird vergrößerte Betriebskosten fordern.Woher die Summen nehmen, wenn wir alles ins Geländestecken?«

»Woher? Nun, so gib acht. Während eines Kriegeswird die Werft ruhen, so gut wie ruhen. Unsere Leutewerden ins Feld müssen, wie wir ins Feld müssen. Bisauf die alten. Die Verbleibenden führen Umbauten undAusbesserungsarbeiten an fremden Schiffen aus. DerFrachtdampfer aber, den wir auf eigene Rechnung bauen,bleibt liegen, bleibt als unser Grundstock liegen. Ob wirihn nach Kriegsende verkaufen oder selber damit auf Fahrtgehen — er wird uns bessere Betriebskosten hereinbringenals die Papierscheine, die nach jedem Krieg eine Entwertungfinden. Wir aber erhalten Hunderten von Menschen denZukunftglauben und die Lebensfreude.«

Therese Attermann trat auf ihn zu und reichte ihm dieHand.

»Weshalb hast du mich vorhin verkannt, Martin, wodu doch weißt, daß wir eins sind?«

»Weil ich gerad dies Wort von dir hören wollt’, Therese.Ich hab’ zuweilen eine kleine Sehnsucht nach so einem liebenFrauenwort.«

Christoph Attermann aber saß bereits über dem Geländeplan,maß und rechnete. Wie Zahnräder packten seine undMartin Opterbergs Gedanken ineinander und wurden Ausführung.Das war seit der Bubenzeit, das war FrauChristianes Blut und Erziehung und nie anders geworden.

Am nächsten Morgen zogen sie die Vertrauensmännerund alten Meister heran. Es war die größte Stunde der[S. 272]jungen Werft, in der die Richtlinien festgelegt wurden fürKrieg und Frieden, die Anteile der Führer und Mannen,die Arbeitsbedingungen für die Daheimbleibenden und dieLebensbedingungen für die Familien derer, die zu denFahnen gerufen wurden.

Die Männer standen schweratmend und weiß vor Erregung.

»Herr Doktor Opterberg — und Sie, Herr Attermann —Sie können einem das Sterben leicht machen für das Vaterland— aber das Leben noch leichter. Sie schmeißen nichtmit Redensarten um sich vom Volk der Brüder — Siemachen uns zu Brüdern — und nun spüren wir erstrecht das Vaterlandsband — Herrgottnochmal!«

»Der Vertrag ist getätigt,« sagte Martin Opterberg.»Aber ihr sollt erst darüber sprechen, wenn wir ins Feldmüssen, damit uns keine geschäftlichen Schwierigkeiten erwachsen.«

Da traten sie einzeln vor und reichten ihm und ChristophAttermann die Hand. Dann gingen sie mit langen, wiegendenSchritten an ihre Arbeit.

In selber Woche noch wurden die Gelände der Werftum das Doppelte vergrößert. Man schüttelte den Kopfüber den Narren Opterberg, der sich in so schwierigenZeitläufen zu Ankäufen entschloß, statt das Seine beisammenzu halten, und gab das Brachland billig.

Am Sonntag traf unangemeldet Frau Christiane ein.Sie brachte Linde Baumgart mit, und die Frauen standenin ihren Reisekleidern am Frühstückstisch, als Martin Opterbergdas Zimmer betrat.

[S. 273]

»Mutter —!« sagte er nur. Aber er sagte es knabenfroh.

Frau Christiane nahm hastig seinen Kopf und drückteihn an ihre Brust.

»Bub — mein Bub. Es geht auf den Abschied. Ichhab’s all’ die Tag’ gespürt. Da mußt’ ich her, und dasLindele mit. Und nun nimm auch sie in den Arm. WirFrauen können’s alle beid’ vertragen.«

»Mutter —,« wiederholte Martin Opterberg nur. Unddann nahm er das Mädchen in den Arm und wußte nicht:war es sein Blut, das in ihm aufsprang und in seinemOhre sang, oder war es das ihre?

»Wann wird es sein, Bub?«

»Ich denk’, schon in Tagen.«

»Dann muß ich morgen wieder heim auf den Hof. Einjedes an seinen Platz. Und die Linde kann den Verbindungsoffiziermachen.«

»Ich werd’ die Attermanns herüberrufen, Mutter.«

Christoph und Therese Attermann kamen eilig auf denFernsprechanruf herbei. Die Schwestern traten sich mitzuckenden Lippen entgegen. Ihre Augen waren feucht.»Du — Du!« stießen sie hervor und hielten sich in denArmen.

»Ihr beide sollt ja gar nicht Abschied nehmen,« sagteFrau Christiane, und ein Lächeln glitt um ihren Mund.»Die Buben gilt’s, ihr Mädchen.«

Keine Minute dieses Tages waren die fünf Menschenvoneinander getrennt. Bis in die Nacht hinein saßen siebeieinander und besprachen die Pflichten, die einem jeden[S. 274]erwuchsen. Auf Therese Attermann fiel das schwerere Teil.Wenn die benachbarten Ärzte einberufen wurden, mußtesich ihre ärztliche Tätigkeit verdoppeln und verdreifachen.Dazu würde sie dem Namen nach als Geschäftsführerinder Werft bestellt werden. Dort und im Hause sollte dieSchwester helfend eingreifen.

»Auf dem Opterberghof ist es nicht anders als hier undim ganzen Land,« setzte Frau Christiane hinzu. »Das Aufgebotgeht an die Frauen wie an die Männer. Ich werd’die Arbeit schaffen, wie ihr sie schaffen werdet, ihr Mädchen.Wenn unsere Buben heimkehren, wollen wir uns nichtschämen müssen, als wären wir Frauensleut’ nur zum Vergnügenauf der Welt.«

Wo war dieser stille, dieser liebesstarke, dieser ruheausgießendeAbend? Hundertmal griff Martin Opterberg, griffChristoph Attermann nach der flatternden Erinnerung, umein Fetzchen davon auf die fieberhaft pochende Stirn, aufdas schwerarbeitende Herz zu legen. Ein Befehl — eineMeldung — fort war sie — nur die Gegenwart bestand— nur die Aufgabe dicht vor den Augen, dicht vor denFäusten — vorwärts — vorwärts! Gab es überhaupt nocheine Zeitrechnung? Hatte es jemals eine Zeit gegeben, dievor dieser lag, die sich auffraß wie Vater Kronos seineKinder? Würde es jemals eine andere geben als diese atemlosschlingende, der Tage, Wochen und Monate wie Körnerim Wirbelsturm waren? Durch einen Fluß Frankreichs arbeitetesich Martin Opterberg mit seiner Pionierkompanie.[S. 275]Hinein in das Feuer, hinauf auf die Ufer. Stützpunkte,Stützpunkte für den Brückenschlag, auf den Zehntausendeharrten! Durch die Drahtverhaue eines belgischen Fortsglitt Christoph Attermann mit den scherenbewaffneten Seinen.Hinein in die Stacheln, hindurch durch das Blut. Bahnfrei, Bahn frei für die stürmenden Brüder! Spracht ihrnicht von Frankreich? Spracht ihr nicht von Belgien? Wohabt ihr euren Verstand gelassen, ihr Vorwärtstaumelnden?Das sind russische Sümpfe, in denen ihr bis an die Achselnsteckt, um in den schwappenden, schnappenden Brei kettenrasselndePfosten einzurammen für schwimmende Maschinengewehrnester.Rußland? Mensch, du karrst wohl deineBriefsachen mit der vorsintflutlichen Thurn- und TaxischenPostkutsche herum? Die Kompanie Opterberg zeigt denÖsterreichern in den Karpathen, wie man durch ein paarvorgetragene Sprengminen Massenhimmelfahrten veranstaltenkann, und die Kompanie Attermann besorgt’s denSerben oder jagt zur Stund’ mit Türken und Bulgarenim Lande Mazedonien herum. Vorwärts — vorwärts!Vielleicht triffst du einen alten Juden, der den Opterbergund den Attermann schon in Palästina ankommen sah!

Wenn die Pflegebrüder, oft durch Meilen voneinandergetrennt, naß, schmutzstarrend und verwildert irgendwo beiblutiger Arbeit waren, irgendwo im dumpfen Unterstandlagen, war ihnen nicht, als erlebten sie ein Märchen, warihnen nur, als klängen die Töne des Vorlebens wie unfaßbare,unbegreifliche Kindermärchen an ihr Ohr. Hattees in Wirklichkeit eine Frau Christiane, eine Therese Attermannund die andere gegeben, die ihr so ähnlich sah wie[S. 276]aus lachender Mädchenzeit? Wann war das gewesen? Wokonnte das gewesen sein? Ha — jetzt. Dort sind sie. Hier,dicht am Herzen, an den Lippen. — Was ist? Was willstdu, Mann? Der Feind? Der — Feind —? Auf, Pioniere!Pioniere, auf! In den Graben! Über die Brustwehr! Laßtdie Minen flattern! Schmeißt ihnen die Handgranaten andie Schädel! Haut sie mit dem Schanzzeug heraus! Drauf,Jungens, drauf und dem Hauptmann nach! Ah, du Hund— du oder ich…

Erst hatte Martin Opterberg, hatte Christoph Attermann,hatten die Tausende, die Millionen von Männerngeglaubt, nur während des Vormarsches, der Schlachten,der Verfolgungen jagte die Zeit. Im Grabenkrieg wares nicht anders. Nicht doch. Sie jagte nicht. Aber siekaute und malmte die Stunden unterschiedslos eine hinterder anderen, schluckte sie, nahm ein Maul voll neuer, kaute,malmte, schluckte, unterschiedslos … Da ließ man dasNachrechnen, und es war eine Woche, ein Monat, ein Jahr,und hätte gestern und vorgestern sein können, morgen oderübermorgen.

Auf einem Grabengang zuckte es Martin Opterberg durchden Sinn, und er nahm den Gedanken mit, während erdie Stellung besichtigte. Wirklich —? Waren das schonzwei Jahre seit dem letzten friedlichen Tag daheim? Seitjenem stillen, liebesstarken, ruheausgießenden Abend? Dastanden die Jünglinge und Männer, zerlumpt, verschmutzt,mit den Heldenaugen im hagergewordenen Gesicht, undtaten ihre Pflicht, taten sie in diesen verfluchten Maulwurfsgängenund Erdlöchern hundertmal mehr noch als[S. 277]im frischen Drauflossturm tollkühnen Vormarsches, obschondie Begeisterung zu allen Teufeln gegangen war in dieserMenschenunwürdigkeit. Aber das eiserne Bewußtsein hieltsie aufrecht: du oder ich! Bei wenigen war es mehr nochals der dumpfe, tierische Grimm: Hund, du hast mir dasLeben versaut. Erst kommst du!

Martin Opterberg tastete sich an seinem Gedanken Schrittfür Schritt zurück. Zwei Jahre weit. Da zogen diese Jünglingeund Männer, stark und vollwangig, in strahlendemWaffenkleid über den Rhein, den sie in brausendem Gesangzu schirmen schwuren, und sie stürmten mit begeistertemGesang in die unbekannte Schlacht, in das unbekannteGrauen, in all das Unbekannte auf Schritt und Tritt. Undals es ihnen mälig bekannt geworden war, da taten esplötzlich die wilden Lieder nicht mehr allein, da griffen dieMenschen über sich und tasteten und suchten nach dem Göttlichen,dem sie sich blindlings anvertrauen konnten in Leibes-und Seelennot. Und ein Protestant kramte aus seinemTornister ein Neues Testament hervor und begann darin zublättern, und gleich waren es Hunderte, waren es Tausendevon Büchern Reih’ auf, Reih’ ab in aller Händen, und desstillen Lesens war kein Ende. Und ein Katholik zog seinenRosenkranz aus dem Brustlatz und hing ihn griffbereit ansein Gewehrschloß, und gleich war es ein ganzer RosengartenReih’ auf, Reih’ ab, und der stummen Zwiesprach’war kein Ende. Martin Opterberg sah das Bild, er sahes auf dem Marsch bei Tag und am Lagerfeuer in derNacht, und er sah die gewaltige Glaubenswoge noch durchdie unterirdischen Gräben der ersten Stellungskämpfe ziehen,[S. 278]sah das Testament auf der Brustwehr und den Rosenkranzam Bajonett. »Gott, Gott!« hatte es durch die Gräbengerauscht und »Jesus, Maria!« Und die Granaten kamenangeheult und schlugen einen Trupp frisch angekommenerKnaben zu Knochensplittern, ein Minenwerfer krachte niederund stopfte zerfetzten Familienvätern hastend die Erde ihreseigenen Grabes in den Hals, eine giftverseuchte Gaswolkewälzte sich heran und erstickte wahllos Jung und Alt. Undkein Heldentum half und kein Gebet. Gott ließ das feigeWürgen zu, und kein Heiland hob sichtbarlich die Händeund keine Schmerzensmutter. Aber die wundersüchtigenMenschen hoben die Hände und zerwühlten ihr Haar undzerkratzten ihr Angesicht, bis der Firnis des Christentumsheruntersprang und das alte Heidentum zum Vorscheinkam, das Heidentum, das seine Götzen schmähte und prügelte,wenn sie keine Wunder taten. Martin Opterberg hatte sichan seinen Gedanken zurückgetastet bis zu dem Tag, an demdie Rosenkränze und Neuen Testamente wie ein Kehrichthaufenin den Gräben lagen und ein Raunen lief undblieb und schwoll: Es gibt keinen Herrgott. VerdammtesAmmenmärchen.

Und wenn es keinen Herrgott gab — wer hatte die Gewalt?Wer hatte sie auf Erden?

Ein Einzelner? Eine Handvoll Gekrönter oder Besternter?

Wer vollzog sie im Feld? Die Führer? Die Masse vollzogsie, die Masse, und sie würde sie einst weiter vollziehen,vom Gespensterglauben erlöst, auf eigene Faust, einst,einst…

Damals hatte es begonnen, in den Tagen des grausigen[S. 279]Sterbens, das in seiner platten Gemeinheit den Gläubigentraf wie den Ungläubigen, den Helden wie den Feigling,als schlüge eine riesengroße Fliegenklatsche alles zu Brei.Damals hatte es begonnen, und als es begonnen hatte,war es schon überall, in der Kreidechampagne und in denPripetsümpfen, in den Karpathenschluchten und über denBalkan hin.

Noch schwebte und knisterte es. Noch war das Deutschbewußtsein:Du oder ich! das Mannesbewußtsein undPflichtenbewußtsein das stärkere.

Trotz aller Sendboten, die heimlich durch die Reihenschlichen…

Martin Opterberg brach die Gedankenreihe ab. Zumzweitenmal machte er den Grabengang. Diesmal von Mannzu Mann. Und er sah ihnen in die tiefliegenden Augen,in die ausgemergelten Gesichter, und sah ihnen durch dieschmutzsteifen, zerflickten Röcke in die heimwehkranken Herzen,die nach der Liebe ihrer Weiber schrien und nach den wildwachsendenKindern bangten. Und sah über alle ihrestummen Qualen hoch hinaus ihr Heldentum.

Er streckte dem ersten die Hände hin. Eine rissige, borkigeFaust, durch das Kriegshandwerk ungeschlacht geworden wieeine Bärentatze, senkte sich hinein. Er streckte sie dem zweiten,dem dritten hin. Sie krochen aus den Erdlöchern unddrängten sich mit leuchtenden Augen um ihn. Ein bißchenLiebe, und die Seelen waren gewonnen. Ein bißchen vonder Liebe, mit der sie selbst einstmals hinausgezogen warenin die zeitlosen Jahre.

»Es läßt sich immer noch ertragen, Herr Hauptmann.«

[S. 280]

»Herr Hauptmann beißen ja auch die Zähne zusammenund schonen sich am allerwenigsten.«

»Herr Hauptmann, wir schaffen’s.«

Liebe! Liebe! Je größer die Not, desto größer die Liebessorge!Väter mußten die Führer sein, Väter und Brüderin eins, dann waren sie die geborenen Vorgesetzten. Aberdie meisten der väterlichen Führer, die ihren Schlaf opfertenfür ein paar Schlummerstunden ihrer Anvertrauten undihr Leben wagten für das Leben ihrer Kinder, waren weggeschossen,und die Jungen, die an ihrer Stelle den Befehlführten, befahlen allzuoft den anderen und nicht sich selbst.Der Neid sprang auf, und mit dem Neid die üble Nachrede.Die nagte an dem Ansehen und fütterte die Unwilligkeit.

Zweimal hatte Martin Opterberg einen Brustschuß bekommenund war nach sechs Wochen wieder auf den Beinenund bei seiner Kompanie. Beim drittenmal hatte es schwereBrandwunden gesetzt, als seine Leute beim nächtlichen Minenbohrenauf eine feindliche Gegenmine gestoßen waren under sich mit den bloßen Händen auf die sprühende Zündschnurgeworfen hatte. Das viertemal traf’s ihn am stärksten.Ein Granatsplitter fuhr ihm in den Schenkel, und die breite,eitrige Fleischwunde hielt ihn lange im Lazarett zurück.Hier, im Lazarett der Etappe, traf er nach längerer TrennungChristoph Attermann wieder.

Sie lagen in der Abteilung für Offiziere und sorgten,daß sie im selben Gelaß Bett an Bett kamen.

»Wo hat’s dich, Christophel?«

»Bauchschuß. Hört sich grauenhafter an, als es ist. Meine[S. 281]braven Leut’ haben sich auf meine Arme und Beine niedergehockt,daß ich mich nicht herumwerfen und verbluten konnt’.Und nicht einen Schluck zu trinken und keine Krume zuessen haben sie zugelassen. Das hatten sie einmal vomStabsarzt vernommen. Zwei Tag’ und zwei Nächte habensie in der Mordschlacht bei mir gehockt und acht auf michgegeben. Als ich in einer Zeltbahn ins Lazarett getragenwurde, sagte der Generaloberarzt: ›Gerettet durch IhreLeute‹!«

»Liebe erzeugt Liebe, Christoph. Du brauchst mir reingar nichts mehr zu erzählen.«

Täglich flatterte ein Brieflein aus der Heimat ins Krankenzimmer.Therese Attermann schrieb voll tiefer Mütterlichkeit.Der Generaloberarzt hatte der jungen Kollegin einenausführlichen Bericht über die Art der Verwundung unddie fortschreitende Heilung erstattet und die Ärztin in ihrvollkommen beruhigen können. So waren ihre Briefe alleinvon der tiefinnerlichen Zärtlichkeit getragen, die ihremWesen eigen war.

»Ich hab’ dich lieb, seit ich es dir das erstemal sagte,und so weißt du es für alle Zeiten.«

Martin Opterberg las den Satz, reichte den Brief miteinem Händedruck dem Freunde zurück und lag ganz still.

»Martin —«

»Ja, Christoph?«

»Ich muß dir ein Geständnis ablegen, Martin. Heut’,da wir wie zwei matte Fliegen auf der Decke liegen, läßtes sich leichter sagen und anhören. Ich habe einmal einenfurchtbaren Zorn auf dich gehabt, Martin. Das war, als[S. 282]du mich der — der Sabine Barthelmeß wegen ins Rheingaukommen ließest. Damals meint’ ich, ich müßt’ michzeitlebens von dir trennen, und ich fuhr zum Theresel undbot ihr meine Hand, um sie über das, was du tatst, sohinauszuheben, daß es nicht an sie konnte. Und dann kames ganz anders. Als sie mein Weib geworden war, Martin,da wurd’ ich erst gewahr, was für einen großen, übergroßen,ganz unverdienten Schatz ich gehoben hatte, undwie dieser Schatz nur deshalb so überreich geworden war,weil er sich immer nur für dich veredelt und fast ein DutzendJahr’ lang Zins und Zinseszins hinzugenommen hatte.Schau, Martin, damals wurd’s mir klar, daß du im Unglückgehandelt hattest und nicht in der Untreue, und daßich, wie schon früher, so jetzt, auf deinem Erbe saß undso voll tiefer Dankbarkeit gegen mein glückhaft Geschick zusein hätt’, daß ich es durch nichts wettmachen könnte alsdurch brüderliche Liebe.«

»Schweig, Christoph. Es ist gut so und besser.«

»Laß mich nur reden. Es tut mir wohl, und ich möcht’,daß es dir wohl tät’. Einmal war’s nah an mich herangetreten,dir eine Arbeit abzunehmen, wie sie nur ein Bruderabzunehmen vermag, der schweigend versteht und schweigendhandelt. Aber für mein schwerfälliges Blut ging alles zurasch, und du hattest das Urteil schon in der Tasche, eh’ ichmich von der geschehenen Tat erholt hatte. Schau, Martin,damals hätt’ ich mein halb Leben drum gegeben, wenn ichdas schleimige Krötenzeug in deinem Haus an deiner Statthätt’ unter die Peitsche nehmen können.«

Martin Opterberg lag ganz still. Aber an den unregelmäßigen[S. 283]Atemzügen hörte der Bruder, wie es in ihmwürgte.

»Martin, es mußte einmal ausgesprochen werden. Esläg’ sonst immer wie Leichen zwischen uns.«

»Leichen? Das nennst du Leichen? Scheintote sind’s,Christoph, die zu jeder Zeit die Augen aufschlagen undmich angrinsen können, und jedes neue Glück, das ich mirschaffen möcht’, hämisch begeifern und hinterrücks aushöhnenkönnen. Ah, Christoph, das gibt mir keine Ruh’im Leben und im Sterben, daß ich das Gesindel nichtniedergeschlagen und ausgelöscht hab’ für mich und alleMenschen, die ich liebe.«

»Martin, das ist überreizt, das ist übertrieben…«

»Möglich. Wenn man jahrelang mutterseelenallein dadraußen im Dreck gelegen hat, arbeitet die Phantasie. Dahab’ ich mir oft ausgemalt: Gott geb’ die beiden zumzweiten Mal als Verbrecher vor meine Klinge. Damit ichsauber würd’.«

Da schwieg auch Christoph Attermann. Und er suchtein seinem Hirn und suchte nach einem anderen Bild.

»Das Lindele hat dir geschrieben. Darf ich wissen, was?«

»Hier, lies.«

»Es strengt mich zu sehr an. Erzähl mir lieber.«

Ungern kam Martin Opterberg dem Wunsche nach. Nurstockend berichtete er zu Anfang. Dann aber nahm’s ihnselber gefangen, und er wurde wärmer und redete sich zumSchluß in eine große Freudigkeit hinein. »Sie schreibtvon der Werft, und daß das Werk sich aus sich selbstunterhält durch die Fülle von Ausbesserungsarbeiten an[S. 284]Schiffen rheinauf und rheinab. Und daß die alten Meisterund grauköpfigen Arbeiter wie die Jünglinge zimmern,hämmern und nieten, und daß von den Werksfamilien,deren Männer im Felde stehen und weiter den Lohn beziehen,die Frauen und Kinder in Hos’ und Schurz mitschaffenauf dem Werftplatz, um den anderen das Brotnicht zu schmälern, und wie sie selber, die Linde, unter denFrauen mittät’ in Hos’ und Schurz, wenn’s gerad keineSchreibarbeit gäb’, um nicht wie ein Dämchen hintanzustehen.«

»Das muß sie köstlich kleiden, Martin. Denn sie ist wieein Tännlein so schön und grad gewachsen.«

Martin Opterberg lachte vor sich hin. Das war keinkrankes Lachen. Es kam aus der Gesundung und verlangtenach der Gesundheit. »Schwestern sind’s und einanderähnlich, wie selten zwei. Du mußt es drum wissen, Christoph.Aber auch von der anderen Schwester schreibt sie und hebtdas Theresel in den höchsten Himmel: Sprechstunde, Krankenbesuchelandaus, landein auf dem Motorrad, Ersatzlazarett,wiederum Sprechstunde, Lazarett, Krankenbesuche und Geburtshilfenbis spät in die Nacht, und vier Stunden Schlaf,wenn’s hoch kommt.«

Christoph Attermann lag mit seligen Augen. Er wußteja das alles und wußte viel mehr. Dreimal war er aufUrlaub daheim gewesen und hatte in Haus und Werk nachdem Rechten gesehen, sehen wollen — denn die Frauenhatten schon um alles gesorgt.

»Unsere Frauen,« sagte er. »Man möcht’ sie ein Jahrlang abbusseln, wenn sie stillhielten.«

[S. 285]

»Und die Mutter hält den Opterberghof im Schwung,Christoph. Die Hälfte an Arbeitskräften und das Doppeltean Leistungen. Ich sah sie im Herbst mit der Sense inder Ernte. Arme wie Mannesarme, und die Waden, sagtsie, seien schon gar nicht zum ansehen. Die Sechzigjährigeist wie eine Hünin an Leib und Seele.«

»Willst du nicht auch einmal an den Niederrhein, Martin?«

»Später. Heut ist die Verteilung schon die rechte. Dereine zu Frau und Kindern, der andere zur Mutter.«

»Und die Linde?« wollte Christoph Attermann fragen.Aber er unterdrückte es und fingerte einen Marsch auf dieBettspreize.

Als sie ihre ersten Gehversuche machten, wurde ein Infanterieoffiziereingeliefert, dem die rechte Hand über demGelenk weggeschossen war. In dem blassen, mit Schlägernarbengeschmückten Gesicht erkannten sie ihren alten VerbindungsbruderBroich, aus Freiburger Tagen, den Freundund Wandergefährten, der von der Juristerei zur DüsseldorferIndustrie übergegangen war, um schneller seinergeliebten Hilde Falkenroth Gatte und Betreuer sein zukönnen. Nun lag der Wackere als Einhänder im Verband,und die Freunde saßen manche Stunde an seinem Bett.

»Fürs Ersatzbataillon reicht’s noch,« sagte Broich in seinerknappen, soldatischen Art. »Ich kann den Säbel in dieLinke nehmen, wenn ich den Nachschub daheim einexerzier’.«

»Wie geht’s Frau und Kindern?«

»Erträglich. Sie leben von meiner Hauptmannslöhnung.Die Stelle konnte auf so lange Jahre nicht für mich offengehalten werden.«

[S. 286]

Kein Wort der Klage. Nichts als Vaterlandspflicht.—

Martin Opterberg und Christoph Attermann humpeltenam Stock durch den Etappenort. »Er ist mir von denFreunden immer der liebste gewesen, der Broich,« begannChristoph Attermann nach einer Weile des Wanderns. »Erhat bei eiserner Willenskraft die innere, die seelische Vornehmheit,die nicht angelernt werden kann und nicht vomWetter abhängig ist. Da kann’s noch so hageldicht kommen,der Broich bleibt ohne einen Groschen der wahre Edelmann.«

Und dann mußten sie beide aus vollem Halse lachen.

Sie waren, ohne es zu wollen, bis zum Etappenstabskasinogewandert und hatten, da es die Stunde der Mahlzeitwar, in aller Unschuld des Frontsoldaten angefragt,ob sie mithalten könnten. Ernst und verweisend waren siein ihren zerschabten und verblichenen Röcken vom Verpflegungsoffiziergemustert worden.

»Darf ich ganz gehorsamst fragen, von wem die Herreneingeladen sind?«

»Wir kommen aus allereigenstem Antrieb. Unsere Naselud uns ein und unser Magen.«

»Bitte ganz gehorsamst: zweite Straße links, Speiseanstaltfür durchreisende Offiziere. Hier speist der Etappenstab.«

Da lachten die beiden, daß ihnen alle im Mord undBrand der Schlachten erworbenen Ehrenkreuze auf Brustund Herzgrube tanzten.

»Dürfte ich ganz gehorsamst um eine Ihrer abgelegtenschönen Hosen bitten?« fragte Martin Opterberg mit einer[S. 287]tiefen Verneigung, und all die alten Schlägernarben funkeltenvor Vergnügen in seinem Gesicht.

»Und ich ganz gehorsamst um ein Paar Ihrer schönenLackschuhe?« fügte mit derselben tiefen Verneigung ChristophAttermann hinzu, und auf der Wetterseite auch seines Gesichtesglühten die purpurnen Ehrenröslein vor Lust.

»Martin, Martin,« klagte er, als sie vergnüglich weiterpilgerten,»ich fürchte, ich fürchte, wir sind in den Augendieses Cid Kampeador der Etappenstabsküche zu höchst gemeinenKriegsknechten herabgesunken. Dieser Rittmeisterzu Fuß hielt uns für Schnorranten, die die Aufschrift überdieser feinen Krippe nicht lesen können: ›Nur für Herrschaften!‹«

»Drei Jahre Krieg, Christoph! Drei Jahre nur unterMännern. Und noch dazu in der Etappe, in der nicht dertägliche Sturm der Geschehnisse die Kameradschaften aufTod und Leben vereinigt. Da tritt der Naturtrieb zutage.Eifersucht, Neid—«

»Futterneid, Martin. Man soll ihnen nicht in den Kochtopfgucken.«

»Geh, schäm dich, Christophel. Der Herr Rittmeisterwünschten nur gehorsamst aus eitel Herzensgüte dir nichtdas Wasser im Maule zusammenlaufen zu lassen. Undseine ›Speiseanstalt für durchreisende Offiziere‹ mag vollendsder Teufel holen. Ich halt’s mit der Gulaschkanone. Dadampft eine auf dem Platz. Mein Gott, diese zusammengewürfelteGesellschaft stellt ein ›Armierungsbataillon‹ dar.Können wir mithalten, Mann?«

»Aber selbstverständlich, Herr Hauptmann.«

[S. 288]

»Mal zwei Kochgeschirre her. Was gibt’s Gutes heuer?«

»Erbsen mit Frankfurter Wurst. Aber nicht mit denSporen klirren, Herr Hauptmann.«

»Hottehü?«

»Ich will nix gesagt haben. Aber es fehlt ein Gaul.«

»Na, wenn schon. Bei unseren germanischen Vorelternwar’s der vornehmste Festtagsbraten.«

Ein Armierungssoldat schob sich heran. Unrasiert, mitdurchlöcherten Schuhen, die schirmlose Mütze tief im Gesicht.

Als er vor den beiden Hauptleuten stand, nahm er miteinem Ruck stramme Haltung an.

»Tillmann! Tillmann! Alter Fuchsmajor! Kunstgelehrter!Heran an die Brust!«

Und der Unrasierte fiel den beiden schluchzend um denHals.

»Na, na … Keine nasse Rührung, Alter. Gibt’s eineKneipe hier am Ort? Bring uns zu deinem Häuptling.Wir bitten dich los für heute.«

Ein grauhaariger Offiziersstellvertreter meldete sich. DasBataillon hatte Rasttag bis morgen. Der ArmierungssoldatTillmann war für den Rest des Tages beurlaubt.

Irgendwo stöberten sie eine Kneipe und einen französischenLandwein auf. »Dein Wohl, Tillmann. Unter Freundenschmeckt’s wie Nektar. Und nun spinn dein Garnherunter, Armierungssoldat.«

Der Kunstgelehrte knirschte mit den Zähnen.

»Sprecht das Wort nicht aus. Es bringt mich um denVerstand. Als ich mich vor zwanzig Jahren als Einjährig-Freiwilliger[S. 289]meldete, wurde ich nicht angenommen. Zuschwach auf der Brust oder zu platt auf den Füßen. DerTeufel mag’s wissen. Damals hätt’ ich mit Begeisterunggedient. Und siebzehn Jahre später, bei Kriegsausbruch,war die Brust apollinisch und die Füße aphrodisisch, undich bildete mit vierhundert anderen ausgesiebten Ungedientenein feines Armierungsbataillon. Ein Schießeisen vertrauteman uns nicht an, aber eine dauerhafte Schippe und, alsBeförderung, eine Hacke. So schippen wir Gräben undkarren den Dreck. Zieh nicht deine Stirn in Falten, Opterberg.Ich weiß, daß geschippt und gekarrt werden mußund eine Soldatenehre gleich der anderen ist. Aber mußman just uns Schreibmenschen vom Dorfschreiber bis zumUniversitätsprofessor unter die Schipper stecken, die keinesechs Hackenschläge hintereinander tun können, ohne dienächste Viertelstunde zu verschnaufen? Gut, ich seh’s deinemGesicht an, du meinst, das lernt sich. Was sich aber nichtlernt, Freund und Hauptmann, das ist die Herabsetzungin die unterste Rangstufe und das Verfluchtsein, drin zubleiben! Der gemeinste Frontsoldat, der gemeinste Etappensoldatkann sich durch seine Tüchtigkeit heraufarbeiten. Diejüngsten Dorfschulmeister laufen als Leutnants herum.Aber selbst für den größten Geistesriesen gibt’s im Armierungsbataillonkeine Beförderung. Wir haben vor demgrünsten Jungen stramm zu stehen. Wir sind wie eineMaultierherde, ohne anderen Zukunftglauben, als daß wirstumpfsinnig unter Stumpfsinnigen abgerackert werden. Undeines Tages haben wir uns angepaßt, die einen aus Gewohnheit,die anderen durch Überredung, die dritten in[S. 290]ohnmächtigem Grimm, und die Heeresleitung wundert sich,woher die vielen Sozialisten kommen.«

»Wer über eine Sache schimpfen will,« sagte MartinOpterberg, »muß eine bessere an ihre Stelle zu setzen haben.«

»Ist das so schwer? Liegt das so weltenweit ab? Schaudich einmal um, Freund. In den Berliner Kriegsgesellschaftensitzen die Unabkömmlichen zu Tausenden, junge,wohlgenährte, hochgestiegene Männer. Aber man sagt, dassei eine geschlossene Religionsgemeinschaft, wie früher dieGescherten. Und wenn schon. Könnte man die Herrschaften,die sich drei Jahre gemästet haben, nicht einmal gründlichauskämmen und gegen uns austauschen? Die Schippewerden sie so gut halten können, wie wir die Feder. Ah,es ist ein Haß in uns auf diese feiste Drückebergerbande,der einmal furchtbar zum Ausbruch kommen wird. Weiter!Weiter! Fragt die alten, krummen Arbeiter bei uns. DieArbeiterjugend steckt man mit einem Majorsgehalt in dieMunitionsfabriken, und die Alten dürfen für eine Groschenlöhnungschippen. Ist für die Alten dort kein Platz? Wär’nicht von vornherein dort ihr Platz gewesen? Wenn dieJungen aus den Fabriken und dem Großgeldverdienenherausgezogen und in die Feldregimenter gesteckt werden,pfeifen sie auf den Dienst für eine Erbsensuppe und verseuchenmit ihren Aufwiegelungen die Kompanien. Alsdann:Prosit.«

Er stürzte funkelnden Auges den Wein herunter undschlug die Mütze auf den Tisch.

»Haltung, Tillmann. Von meinem ehemaligen Fuchsmajorverlang’ ich mehr Haltung. Es ist leider Gott’s[S. 291]manches richtig, was du sagst, wenn auch durch erklärlichenZorn verzerrt. Aber bedenk, Mann, die ganze Welt istuns über den Kopf gekommen, und so sind uns mancherleiDinge in der Eile auch über den Kopf gewachsen.«

»Wen’s trifft, der hat’s, Opterberg. Und der hört vonallem nur das Nein.«

»Tillmann,« sagte Christoph Attermann begütigend, »wasmacht die schöne Klarenbachin, dein liebreich Gemahl? Ichweihe ihr dies Glas.«

»Tu’s nicht!« fuhr der Grimmige auf und fiel ihm inden Arm. »Sie ist imstand und verwandelt dir aus derEntfernung den Wein in Rattengift. Als ich mit meinemFeldkrätzchen auf dem Kopf das eine und einzige Mal aufUrlaub kam, wollt’ mich dies Götterweib in der Gesindestubeessen lassen. Mein Schwager aber, der Grüters, derals Hauptmann dem Generalstab des Feldheeres zugeteiltist, breite, weithinleuchtende Streifen, fast wie ein echterGeneralstäbler, an den Hosen trägt und in Volksaufklärungarbeitet, durfte mit ihr in offenem Landauer durchdie Straßen Düsseldorfs spazieren fahren.«

Er trank die Flasche leer und stand auf. »Gehabt euchwohl. Ein ander Mal. Ich muß an die Luft.«

Martin Opterberg und Christoph Attermann schautenihm nach.

»Drei Jahre, Martin. Es muß zu End’ gehen. Es istdie höchste Zeit.«

»Christoph,« sagte Martin Opterberg, »daß wir’s trotzdem und alledem so lange ausgehalten haben, das zeigtdoch erst, welch eine unverwüstliche Urkraft in unserem[S. 292]deutschen Volke liegt. Hier die richtige Erziehung mit derrechten Liebe angesetzt, und wir sind das erste Volk derWelt. Jetzt müssen wir durch die Vorschule…«

Ein paar Wochen darauf ging Christoph Attermann miteinem längeren Erholungsurlaub in die Heimat ab. MartinOpterberg wurde, bis zur Wiederverwendbarkeit in derFront, zur Dienstleistung in den Generalstab des Feldheeresbefohlen.

»Sag den Frauen, Christoph, nun käm’ ich auch bald.Es drängt alles zur letzten Entscheidung. Und vergißnicht: Wie’s auch kommt — wir sind in der Vorschule.«

[S. 293]

12

Zwei Erlebnisse waren es vor all den tausenden, die sichin Martin Opterbergs Seele gruben, deren Bilder ermit sich nahm als Lehre, Mahnung und Maß. Sie machtenseine Seele ehrfürchtig, sie erschütterten sein Herz undführten ihn durch ihre Bildkraft dem Höchsten im Lebenzu, dem menschlichen Gleichgewicht.

Martin Opterberg meldete sich im Generalstab des Feldheeresbeim Ersten Generalquartiermeister. Helm auf undumgeschnallt stand er in dem langen Flur, auf den dieVielheit der Türen mündete, vor dem Zimmer des GeneralsLudendorff und wartete. Es war ein Kommen und Gehenvon höheren Offizieren, die barhaupt und ohne Degen, wiesie von ihrem Arbeitstisch aufgesprungen waren, herbeieilten,um eine Aufklärung zu geben, einen Befehl entgegenzu nehmen, und dennoch blieb die lautlose Stille, in derman das Summen einer späten Fliege als Geräusch empfand.Hinter dieser Türe arbeitete ein Mann, der schier übermenschlicheBürde trug und sie mit Hergabe des letztenNervs bewältigte, in dessen Hirn die Millionenheere Deutschlandsauf allen Kriegsschauplätzen, die Heere der Verbündetenund die Heere der ganzen feindlichen Welt marschierten[S. 294]und das man dennoch immer neuen Belastungsprobenaussetzte, selbst aus der Heimat heraus und inStaats- und Wirtschaftsangelegenheiten.

Das ging Martin Opterberg durch den Sinn, währender vor der geräuschlos auf- und zuklappenden Türe verharrte.War dieser Mann so groß an Geist — oder warDeutschland so klein an Geistern, daß man alle Wünscheund Hoffnungen auf dieses Einen Schultern lud?

Und mit einem Male wechselten die Bilder vor demseelischen Auge Martin Opterbergs. Er sah die Hunderttausendevon Neuen Testamenten in den Händen derLesenden, er sah die Hunderttausende von Rosenkränzen amGewehrschloß der Betenden — er schaute die Inbrunst —er hörte ihr Stöhnen im Ohr — und er sah Testamenteund Rosenkränze auf den Kehrichthaufen fliegen und vernahmWutgebrüll und Gotteslästerung.

Das war, als das Schicksalsrad anders herum ging——

»Herr Hauptmann Opterberg…«

Martin Opterberg riß sich zu dienstlicher Haltung zusammen.Er trat ein. Die Tür sank geräuschlos hinterihm ins Schloß.

Ein leeres, dämmeriges Gemach. Ganz hinten am letztenEckfenster, alles Tageslicht auf sich vereinend, ein Mannam Schreibtisch, groß, stark, mit einem Bauernschädel.

Der Mann erhob sich, durchschritt in Eile das langgestreckteZimmer und nahm dem Meldenden die Handvom Helm.

»Hauptmann Opterberg. Ich weiß. Sollen hier ein paarMonate arbeiten, um nicht vorzeitig draufzugehen. Offiziere[S. 295]wie Sie brauchen wir heute nötiger denn je. Führer,denen die Leute blindlings folgen. Herzlich willkommenhier.«

»Allergehorsamsten Dank, Euer Exzellenz.«

»Keine Worte, lieber Opterberg. Der Dank ist auf unsererSeite. Viermal verwundet und immer wieder vornweg.Ihre Leistungen sind mir allesamt bekannt. Sie dürfenstolz darauf sein.«

Martin Opterberg stand unbeweglich. Auge in Augemit dem überlasteten Mann, der dennoch auch von ihmwußte …

»Nun wollen Sie sich wohl beim Feldmarschall melden?Sie sollen ihn sehen. Der Feldmarschall wünscht es selbst.In einer Stunde beim Mittagessen in seinem Hause. Dorthat er Atempause. Auf Wiedersehen.«

Martin Opterberg spürte den kurzen, festen Druck derHand. Und während er Kehrt machte, sah er den Überlastetenin Eile durch das Zimmer zurückschreiten. Als erbeim Hinaustreten einen Blick zurückwarf, saß der Generalin seinen Papieren vergraben am Schreibtisch. Und allesTageslicht lag auf dem mächtigen Bauernschädel.

Nachsinnend betrat Martin Opterberg die Straße. Aberein Gefühl blieb das stärkste. Er kam von einem Einsamen.Er kam von einem Arbeitsriesen, der in Sekundendenken mußte, handeln, vollbringen, und der seine Worteauf Sekundenkürze zusammendrängen mußte.

Und doch: was hatte der General ihm in den wenigenAugenblicken nicht alles gesagt. Nein, nicht das Lob.»Führer sind nötiger denn je, denen die Leute blindlings[S. 296]folgen.« Also sammelte er sich zum Entscheidungskampf.Zur letzten Schlacht, in der es blindlings voran gehenmußte, sollte Deutschland bestehen … Und von Hindenburghatte er gesprochen, dem Feldmarschall. Dies ehrfürchtig-stolze»Sie sollen ihn sehen« schwang noch in MartinOpterbergs Seele nach. Mit diesem tiefen Unterton vermochtenur ein Mann zu sprechen, der das Hinaufschauennicht verlernt hatte. »Dort hat er Atempause.« So sprichtein Mitarbeiter vom Meister.

Und plötzlich rann es Martin Opterberg den Rückenhinab … Gleich wirst du vor dem Schlachtenmeister stehen,vor dem Ehrwürdigen und Verehrungswürdigen.

Er horchte in sich hinein. Nein, da war keine Spurvon Angst. Da war nur Freude, jubelnde Freude.

»Opterberg? Bist du’s oder bist du’s nicht? Menschenskind,du überrennst ja den Vertreter einer hohen Generalstabsabteilung!«

»Grüters,« sagte Opterberg und hielt an. »Wenn ichdein Hiersein nicht schon von deinem Schwager Tillmannwüßte, hätt’ ich dich doch an den funkelnagelneuen Beinkleidernerkannt.«

Grüters beklopfte mit einer Reitgerte die gutsitzendenlangen Hosen.

»Du irrst, wenn du damit meinst, daß Kleider Leutemachen. Der Generalstab des deutschen Heeres ist verdammthelle, mein Junge, und versteht sich auf die Ausmusterung.Mit Hohlköpfen ist hier nischt zu wollen, aberrein garnischt. Und was führt dich wackeren Feldsoldatenin diese geistige Luftschicht?«

[S. 297]

»Nichts als eine einstweilige Versetzung in diesen selbenGeneralstab.«

»Du — —?« fragte Grüters und starrte den einstigenVerbindungsbruder sprachlos an. »Du machst wohl Witze?Nee — ernsthaft? Wieso denn? Das weißt du nicht? Dasist ja eine rätselhafte Geschichte. Immerhin,« er reichteOpterberg die Hand, »wenn du eine Hilfe nötig hast —ich stehe dir in meinen knappen Mußestunden gern zurSeite.«

»Verbindlichen Dank, Grüters.«

»Und wo soll’s jetzt hin? Komm mit, ich stell’ dich beimMittagessen gleich vor.«

»Leider heute unmöglich, Grüters. Der Feldmarschallhat mich zu Tisch befohlen.«

»Vater Hindenburg? Bist du bei Sinnen? Du, hör mal,hier gibt’s keinen Studentenulk.«

»Es ist so, Grüters, und ich kann’s nicht ändern. Befehlist Befehl. Und General Ludendorff hat ihn mir soebenpersönlich ausgesprochen.«

»Bei dem warst du auch? — Ja, was ich sagen wollte,«und Grüters legte seinen Arm in den des Jugendkameraden,»es ist dir doch recht, daß ich dich ein paar Schrittebegleite? Ich bin gerade dienstfrei. Habe eine gewaltigeArbeitsleistung hinter mir und eine noch gewaltigere vormir. Richtig, ich sprach dir noch nicht davon. Aufklärungim Heer. Gegen den Geist, den die grundstürzenden Linksparteienaus der Heimat bis in die vordersten Linien tragenmöchten. Das vermag nur ein Mann, der kaiserlich bisin die Knochen ist. Dazu gehört die ganze Wucht und[S. 298]Unerschrockenheit der Überzeugungstreue. Mein Gott, Opterberg,das sind ja Jahre, daß wir unsere Gedanken nichttauschen konnten. Der ganze Krieg liegt dazwischen. Soetwas sollte unter Männern derselben Anschauungsweisenicht vorkommen dürfen. Also wir sind die Alten, Mann.«

Arm in Arm mit Opterberg auf- und abschreitend, plauderteer. Liebenswürdig, ein wenig hochmütig, stets dieeigene Person im Auge.

»Jetzt wird’s wohl Zeit, daß du zum Feldmarschall hineingehst.Weidmannsheil! Vielleicht freut’s ihn, von unsereralten Freundschaft zu vernehmen. Jedenfalls kann’s nichtschaden, wenn du mich bei passender Gelegenheit mit einemWort erwähnst; ich meine die rastlose Aufklärungsarbeitda vorn. Soll ich meine Frau von dir grüßen? Ichschreib’ ihr heute.«

Martin Opterberg trat ins Haus. Er behielt den Helmauf und den Degen umgeschnallt.

Der Adjutant kam ihm entgegen, und die Herren nanntenihre Namen.

»Der Herr Feldmarschall läßt bitten, abzulegen. Ernimmt Ihre dienstliche Meldung als geschehen an und ersuchtHerrn Hauptmann, sich lediglich als seinen Gast zufühlen. Bitte in dieses Zimmer.«

Nur wenige Offiziere standen wartend und plaudernd indem kleinen Empfangszimmer, des Feldmarschalls allernächsteMitarbeiter, soweit sie abkömmlich waren. DerAdjutant stellte den Hauptmann Opterberg vor. Ein paarNamen wurden gemurmelt, ein paar Hände streckten sichaus, und Martin Opterberg fühlte sich auf eine ruhige und[S. 299]selbstverständliche Weise ins Gespräch gezogen. Er warOffizier und Hindenburgs Gast. Das genügte den Herren.

Unwillkürlich reckte sich Martin Opterberg auf. DieInnentür wurde geöffnet, und ein Riese an Wuchs miteinem eckig behauenen Kopf, in dem sich Rune an Runedrängte, graues, kurzgeschorenes Haar über der breitvorgelagertenFaltenstirn, den dicken, eisgrauen Schnurrbartbis über die Mundwinkel vorgezogen, kam, die Hände inden Taschen seiner Litewka vergraben, gemütlich ins Zimmergeschlendert. Der Feldmarschall hatte Atempause.

Kein Zug entging Martin Opterberg in diesem ungewöhnlichenGesicht. Wie aus einem prachtvollen Marmorblockherausgehauen, ohne erst vorher sorglich in Ton geformtund geglättet gewesen zu sein, so wirkte dieser Kopf.Die Augen waren tief eingelegt. Wie ein Bildhauer wohl,um das Leben zu erhöhen, kostbare Edelsteine in den Marmorsenkt. Eines alles verstehenden Herzens Güte spiegeltensie wieder, aber auf ihrem Grunde glomm ein Schein,sichtbar nur dem Forscher, der des Alters spottete und vonden Feuerbränden einer Jünglingsseele sprach.

Der Feldmarschall nickte seinen Tischgenossen zu, winktedem Adjutanten, der zur Vorstellung des Hauptmanns herbeisprang,ab und reichte dem Gast die Hand, die er ausder Litewkatasche zog.

»Der Hauptmann Opterberg wird schon wissen, wer ichbin,« sagte er mit einer knorrigen Baßstimme, die tief ausseinem Körper zu kommen schien, »und ich werde doch wohlwissen, wen ich mir als Gast eingeladen habe. Freue mich,Sie zu sehen, Herr Hauptmann. Ja, mein lieber Kamerad,[S. 300]wär’ ich noch in Ihrem Alter, ich möcht’ schon lieber mitdem Kolben dreinwettern als jetzt mit dem Federhalter.Was haben Sie studiert?«

»Ingenieurwesen und Volkswirtschaft, Herr Feldmarschall.Ich baue am Niederrhein Schiffe.«

»Ah! … Viel im Ausland gewesen?«

»Längere Jahre in England und Amerika.«

»Das ist gut. Dann sagen Sie mir doch einmal —Entschuldigung, da meldet die Ordonnanz, daß wir essenkönnen. Ist Ludendorff da? Wenn man den Wolf nennt,kommt er gerennt. Dann müssen Sie mir schon gestatten,daß ich Sie zu Ihrem Platze führe. Ich bin nämlich meineigener Oberhofmarschall.«

Er schob die Hand unter des Gastes Arm und leiteteihn durch die Innentür in das kleine Speisezimmer. Wieein schlank Studentenfüchslein erschien sich der hochgewachseneOpterberg neben dem breitbrüstigen Riesen.

»Hier sitzen Sie. Neben mir. Hoffentlich haben Sie einentüchtigen Hunger.«

Die Herren verbeugten sich kurz nach rechts und linksund nahmen den Löffel.

Es gab eine dampfende Kartoffelsuppe mit kleingeschnittenemRindfleisch darin.

»Schmeckt sie so gut wie aus der Feldküche, Herr Hauptmann?«

»Das kann ich wohl sagen.«

»Na, dann darf ich Ihnen wohl einen guten Rat geben.Nehmen Sie noch einen zweiten Teller voll. Es gibt weiternichts. Höchstens noch einen Eierkuchen.«

[S. 301]

Das kam wohlwollend und väterlich. Und während dieTeller frisch gefüllt wurden, spürte Martin Opterberg desFeldmarschalls prüfendes Auge.

»Was ich vorhin fragen wollte, Hauptmann Opterberg.Sie waren lange in Amerika. Sie sehen mir nicht danachaus, als ob Sie in einem fremden Land mit geschlossenenAugen leben. Was würde wohl Amerika getan haben,wenn es wie Deutschland gezwungen gewesen wäre, bisauf die Knaben und Greise auf Jahre hinaus fast seinesämtlichen Männer ins Feld zu schicken? Sagen Sie malIhre Meinung.«

»Es würde vor allen Dingen jeden Unterschied zwischenHeer und Heimat aufgehoben haben, Herr Feldmarschall.«

»Ich wittere was. Aber erklären Sie sich deutlicher.«

»Amerika würde in der Lage Deutschlands sofort für dieDauer des Krieges jede weitere Kapitalbildung untersagtund jeden Bürger auf Sold gesetzt haben. Keiner hätte denKrieg für sich ausbeuten können, keiner der Daheimgebliebeneneinen Pfennig mehr verdienen können als die imFelde Stehenden. Sie hätten ganz einfach in den Fabrikenund in der Landwirtschaft ihrer Soldatenpflicht gegenüberdem Vaterland genügen müssen, das sozusagen eine einzigeHeeresetappe gebildet hätte.«

Der Feldmarschall legte ihm die schwere Hand auf dieSchulter. »Weiter, weiter.«

»Weiter wäre wohl nichts, Herr Feldmarschall. DerAmerikaner treibt Wirklichkeitspolitik und macht Nägel mitKöpfen.«

»Und wir?«

[S. 302]

Mit flammenden Augen schaute Martin Opterberg zudem greisen Helden auf.

»Ein Wort von Ihnen, Herr Feldmarschall, wenn’s seinmuß, ein Machtwort—«

Er hielt inne. Eine Röte lief über seine Stirn. »Ichbitte um Entschuldigung, Herr Feldmarschall, daß ichwagte—«

»Unsinn. In dieser Erholungspause darf jeder reden,wie’s ihm ums Herz ist. Das wäre noch schöner.« Inden zusammengekniffenen Augen sprühte es auf. »Ja —wenn ich in Berlin etwas zu sagen hätte, was ich abernicht habe: ich würde Nacht für Nacht eine Streife durchdie lustigen Kaffeehäuser und ähnliche Örtlichkeiten veranstaltenlassen und alle die feisten Herrlein, die sich dort großtun, es nicht mit zwei Männern, aber mit zwei Frauenzimmernaufzunehmen, herausholen und am anderen Morgenin die Munitionsfabriken stecken.«

Ein grimmiges Lachen der Verachtung flog um seinenMund.

»Nicht in das Feldheer. Nicht unter meine Braven.Diese schwammigen Blutegel, die sich am Kriege vollsaugenund, wenn’s hart um hart geht, uns mit irrsinnigem Friedensgeheulin den Rücken fallen, um nur ja mit ihremRaub nicht unter die Räder zu kommen. Dann schimpfensich diese Kerle ›Pazifisten‹. Achten Sie auf das Fremdwort.Die deutsche Sprache schämt sich, ein Wort dafürherauszurücken.«

Die Teller waren geleert, das Glas Wein ausgetrunken.Ein Zigarrenkistchen machte die Runde, und ein jeder langte[S. 303]zu. Der Feldmarschall tat tiefe Züge. In seinen Augenlag wieder die Vatergüte.

»Es gibt nur eins, mein lieber Hauptmann Opterberg,und das ist die Pflicht. Die Pflicht vor dem Vaterland,vor sich selber und dem Herrgott. Wie die unsere lautet,das sollten wir nachgerade wissen, oder wir müßten diesenunerbittlichen Vernichtungskrieg gegen Deutschland immernoch für eine Kirmeßrauferei halten, die mit einem gefülltenMaßkrug abgebrochen werden kann. Aushalten bisauf den letzten Mann, den letzten Hauch, und lieber inSeligkeit sterben als unselig weiter leben.«

Er stand auf und reckte seine Riesengestalt in denSchultern.

»Wollte doch diese Einsicht Gemeingut des ganzen Heimatvolkeswerden. Eine eigene Brotrinde kauen, ist immernoch besser als fremde Peitschenhiebe zum Frühstück. Erfüllenwir unsere Pflicht. Zu nichts anderem sind wir hier.Gesegnete Mahlzeit, meine Herren.«

Er reichte die Linke dem Gast, die Rechte dem GeneralLudendorff, der eilig und schweigend gegessen hatte. DieAtempause war vorüber.—

Wenige Wochen erst saß Martin Opterberg an seinemschmalen Arbeitstisch, der auf vier fichtenen Füßen stand,als das zweite Erlebnis an ihn herantrat. Der Kaiser,der nach kurzer Abwesenheit im Großen Hauptquartierwieder eingetroffen war, wünschte einen Bericht über dieStimmung im Heere. Seine Umgebung hatte ihm von demseit kurzem im Generalstab beschäftigten Hauptmann gesprochen,der mit Auszeichnung auf allen Kriegsschauplätzen[S. 304]gekämpft habe und vom Generalfeldmarschall Hindenburgzu einer Mittagsmahlzeit zugezogen worden sei. Der Kaiserließ den Hauptmann zu sich befehlen.

Es war an einem frühen Wintermorgen, als MartinOpterberg die Einfahrt zu dem Landhause betrat, das denKaiser und sein Gefolge beherbergte. Ein paar Kraftwagenwaren vorgefahren. Der Leibjäger stand harrend am Schlagedes ersten.

Die Tür des Hauses öffnete sich. Der Generaladjutanttrat heraus, schritt über den knarrenden Kies und nahmdie Meldung des Hauptmanns Opterberg entgegen.

»Warten Sie hier. Seine Majestät werden sogleich erscheinen.Sie fahren mit.«

Vier Herren kamen über den Vorhof und traten hinzu.Die Vorstellung wurde rasch vollzogen. Martin Opterbergerfuhr, daß er den Hofmarschall, den Leibarzt, einen Flügeladjutantenund den Hauptmann des kaiserlichen Kraftwagenparksvor sich sah. Die Herren plauderten untereinandervon Dingen, die ihm nicht geläufig waren. Erwartete schweigend.

Der Leibjäger reckte das Kinn.

Die Unterhaltung brach ab. Auf der Freitreppe standder Kaiser.

Er stand in Helm und Mantel, die Hände auf denDegenknauf gestützt, und schaute in die langsam sich hebendeWintersonne. Haar und Schnurrbart schimmerten eisgrau.Das Gesicht war mager und an den Backenknochen eingefallen.Jetzt wandte er die Augen. Sie waren leuchtendwie Knabenaugen.

[S. 305]

Martin Opterberg war es, als hätte er einen Betendengesehen.

Der Generaladjutant eilte hastig zu seinem Herrn. Ererstattete Meldung und winkte mit der Hand Martin Opterbergherbei.

»Der Hauptmann Opterberg, den Euer Majestät zu sehenwünschten.«

Martin Opterberg stand wie aus Bronze, die Hand amHelm.

Des Kaisers Auge lag prüfend auf dem Offizier. Dannstreckte er ihm mit einer raschen Bewegung die Hand hin.

»Ich freue mich, Sie zu sehen. Haben sich ja so wildherumgeschlagen, daß kaum noch etwas an Ihnen heil ist.Geht’s bald wieder?«

Der Druck der kaiserlichen Rechten war eisern. DieKraft des verstümmelten linken Armes hatte sich demrechten mitgeteilt. Martin Opterberg ertrug unbeweglichden Druck.

»Jawohl, Euer Majestät. Ich bin wieder verwendungsfähig.«

»Hinter dem Schreibtisch oder hinter dem Feind her?«

»So Gott will, hinter dem Feind her, Euer Majestät.«

Der Kaiser nickte ihm zu und gab die Hand frei. Überdie Schulter zurück befragte er den Generaladjutanten:»Können wir fahren?«

Der Leibjäger bot ihm die Hand zum Einstieg. DerGeneraladjutant nahm zur Linken des Kaisers Platz undwies Martin Opterberg den Vordersitz an. Im zweitenWagen saß das Gefolge, im dritten Jäger und Leibwache.[S. 306]Hinaus glitt es zum Tor und in die winterliche Landschafthinein.

Des Kaisers Augen gingen lebhaft in die Runde.

»Ob wir nun bald ein anderes Bild zu sehen bekommen?«

»Der Marschall sagt ›ja‹, Euer Majestät.«

»Wenn’s Hindenburg sagt, ist es so gut wie geschehen.«

Er atmete tief auf, nahm den Helm ab und ließ sich dieMütze reichen.

»Und Sie wollen wieder mit dabei sein, HauptmannOpterberg? Können Sie nicht genug kriegen?«

»Wenn der Feind genug hat, kehr’ ich gern heim, EuerMajestät.«

»Und diesmal wird er genug kriegen. Er wird, ermuß und soll. Es ist alles vorbereitet, glänzend vorbereitet.Diesmal fehlt nichts. Wir werden den Endsiegherbeiführen.«

»Jawohl, Euer Majestät.«

Der Kaiser sprach hastig weiter. Er sprach wie auseinem Drange heraus, eine bestätigende Stimme zu hören.Seine Gesichtszüge zogen sich zusammen. Seine Augenforschten.

›Dieser hier ist der Allereinsamste,‹ dachte Martin Opterberg.›Während die anderen aus ihrer Einsamkeit Pläneund Taten gewinnen, muß er die seine abwartend in dieLandschaft flüchten. Und mit ihr die Verantwortung fürdie Tugenden und Sünden eines Siebzigmillionenvolkesvor der ganzen Welt.‹

»Das vierte Kriegsjahr,« sprach der Kaiser lebhaft. »UndJahr für Jahr hätten sie den Frieden haben können. Nicht[S. 307]doch — erst muß die Welt ganz aus den Fugen gehen.Wenn ich an Rußland denke! Welch ein Zukunftsvolkwar’s und ist es heut noch mit seinen unermeßlichenMenschen- und Bodenschätzen in all der Unberührtheit. UndFrankreich erst! Es schlägt sich, wie nur ein geborenerSoldat sich schlagen kann.« Seine Augen öffneten sichgroß und starrten lange ins Weite. Als suchten sie einBild und fänden Trümmer. »Das war einmal meinTraum,« sagte er nach einer Weile. »Rußland, Deutschland,Frankreich ein einziger Block. Die drei stärkstenund tapfersten Mächte — ein einziger, starrender Fels, andem sich jede Kriegswoge der Welt im Entstehen hättebrechen müssen. — Die Schildwacht des Erdballs — unddarum die heiligste Wacht des Friedenstempels.«

Staunend und ergriffen zugleich hatte Martin Opterbergden Worten des Kaisers gelauscht. Wer so zu träumen,wer so seinen Träumen Worte zu geben vermochte, heutenoch, nach der grausamen Wachrüttelung und den rohenFaustschlägen der Umworbenen, der mußte in Wahrheitein reiner Edelgeist sein oder ein Mensch, an dem alleWirklichkeiten vorübergeleitet worden waren — und immernoch wurden.

Eine heiße, wehe Liebe entbrannte in ihm zu dem vereinsamtenKronenträger.

Die Morgenfahrt ging weiter. An den schwarzen Wäldernvorüber, über eine weite Hochfläche, die nur verschleierteFernblicke bot. Der Kaiser schien enttäuscht undkehrte bald zu seinem Gespräch zurück.

»Gut, daß nun die letzte Abrechnung aufgestellt wird.[S. 308]Die Schlußrechnung. In der Heimat fangen sie an,Schwierigkeiten zu machen. Aber in Frankreich machen sieschon längst Schwierigkeiten, und in England soll’s auchnicht zart hergehen. Hingegen soll die Stimmung in unseremHeer, vom Chor der ewig Unzufriedenen abgesehen, einefreudig erregte sein. Sie sind ja wohl der beste Augen-und Ohrenzeuge gewesen, Hauptmann Opterberg. ErzählenSie mal.«

Martin Opterberg riß sich bei dem Anruf zusammen.Der Kaiser hatte eine Frage an ihn gestellt. Und plötzlichward ihm, als heischte da vor ihm nicht ein kronentragenderMensch eine beistimmende Antwort, als befragte ihn dasVaterland, versinnbildlicht durch ein Fürstenantlitz.

Das Vaterland aber heischte keine höfische Antwort —es heischte die Wahrheit.

»Die Leute sind über menschliches Berechnen hinaus imvierten Jahre im Feld, Euer Majestät. Sie haben trotzder begeisternden Siege viel Hartes und Schweres in derlangen Zeit erfahren. Die gelichteten Kameradenreihen,eigene Verwundungen und Krankheiten aller Art, dazuwohl auch trübe Nachrichten von daheim, Tod der Nächsten,Zusammenbruch der Geschäfte. Ich möchte sagen: die freudigeErregung ist mehr die Sehnsucht, bald heimzukommen.«

Der Kaiser sah ihn starr an.

»Das klingt ja fast, als ob da allerhand geheime Machenschaftenam Werke wären, den Leuten den Aufschwung zuverleiden?«

»Gewiß, Euer Majestät, auch geheime Machenschaftensind am Werk, obschon sie längst nicht mehr so ganz geheim[S. 309]betrieben werden. Die Sendboten der unzufriedenenParteien im Reich sitzen schon in jeder Kompanie undhalten ihre Winkelversammlungen ab. Wer schimpft undhetzt, hat allzeit den größten Zulauf.«

»Die Sozialisten, Herr Hauptmann? So weit sollte mandie schon vorgelassen haben?«

»Euer Majestät, es ist nicht die sozialistische Weltanschauungallein. Es sind zwei gleich starke Strömungen,die im Heere fluten. Die eine ist die sozialistische, die vonder großen Völkerversöhnung durch die Gemeinschaftszieleder Arbeiterklassen schwärmt und den Krieg als eine ArtBörsenspiel der Geld- und Machtklassen hinstellen möchte.Die andere ist eine wütend judenfeindliche, die die Verlängerungdes Krieges, die Anhäufung der Kriegsgewinnedurch die überzahlten Heereslieferungen, Bewucherung undSchiebertum daheim, kurz alles, was sie als ihre eigene unddie Not des Vaterlandes ansieht, dieser einen Rasse zuschiebt,die doch nur eins vom Hundert der deutschen Bevölkerungausmacht.«

Der Kaiser schüttelte den Kopf.

»Das geht mir nicht ein. Sozialismus und Antisemitismussind doch immer entgegengesetzter Natur gewesen.«

»Im Felde denkt man nicht so scharf darüber nach,Euer Majestät. Im Grunde trifft man sich in dem einenGedanken, möglichst bald nach Hause zu gelangen und klareBahn zu schaffen.«

»Klare Bahn?«

»Euer Majestät, drei und einhalb Jahr Krieg in ödemFeindesland machen aus Helden Menschen mit menschlichen[S. 310]Gebrechen. Wenn sie in der Schlacht stehen, kämpfen sieum ihr Leben.«

Des Kaisers Blick wurde hart und abweisend.

»Ich denke: um die Ehre des Vaterlandes! — — Meinwerter Herr Hauptmann, da stehen mir doch gottlob angenehmereBerichte zur Verfügung als der Ihre.«

Martin Opterberg spürte, wie ihm alles Blut zu Herzentrat.

»Ich fürchte, daß man Euer Majestät falsch unterrichtethat.«…

Der Kaiser sah ihn groß an. Dann wendete er denKopf und sah in die nebelverhangene Landschaft hinaus.Die Maschine des Kraftwagens sang und sauste. ImWagen fiel kein Wort mehr.

Eine halbe Stunde später, und der Kaiser wies auf einWärterhaus am Wege.

»Anhalten.«

Der Generaladjutant gab den Befehl zum Führersitzhinauf. Mit dem kaiserlichen Wagen hielten die anderen.Der Kaiser schritt in das Wärterhaus und wärmte sich denRücken am Kamin. Er winkte die Herren seines Gefolgeszu sich heran und plauderte mit ihnen, während der Leibjägerein paar belegte Brote und je einen Becher Weindarreichte. Zwei-, dreimal glitten die Augen des Kaisersblitzschnell zu dem Hauptmann hinüber, der still und gesammeltabseits stand und seinen Becher leerte, und mustertendas tiefgebräunte Gesicht.

Der Leibjäger begann, die geleerten Becher einzupacken.Der Kaiser hob den Kopf.

[S. 311]

»Der Hauptmann Opterberg bekommt zum zweitenmaleingeschenkt. Er ist vom Rhein.«

Martin Opterberg verbeugte sich und leerte den Bechernoch einmal.

Der Kaiser hatte sich für seine Zigarette Feuer gebenlassen. Die Herren durften rauchen.

»Wärmen Sie sich weiter. Ich muß draußen ein paarSchritte tun, um die Beine nicht einschlafen zu lassen.Hauptmann Opterberg — Sie können mich begleiten.«

»Zu Befehl, Euer Majestät.«

Langsam ging der Kaiser ein paar Schritte die Landstraßeentlang. Wieder flog sein Blick über das zusammengefaßteGesicht des Hauptmanns.

»Mein lieber Opterberg, hören Sie einmal gut zu, ichwill Ihnen eine Geschichte erzählen. Damit Sie verstehen,daß ich Sie vorhin nicht kränken wollte—«

»Nein, Euer Majestät…!«

»— daß ich Sie vorhin nicht kränken wollte durch einMißtrauen in Ihre Person, sondern daß ich bei meinemersten Hineinblicken in die öffentliche Welt ein allgemeinesMißtrauen sozusagen als Weggepäck mitbekam. Weshalbich’s gerade Ihnen erzählen muß, weiß ich nicht. Aberich tu’s.

»Also ich war noch ein Junge und sollte erst im nächstenJahre öffentlich auf dem Hofball erscheinen. Aber nichtöffentlichzuzuschauen, war mir erlaubt worden. MeinVater hatte mir seinen ihm sehr innig befreundeten Generaladjutantenals Führer und Erklärer beigegeben. Ich fragte,und er antwortete:

[S. 312]

»›General Soundso.‹ — ›Ah, der berühmte Sieger vonSiebzig?‹ — ›Na schon. Stoppt ooch die eigene Matratze.‹Das heißt aus dem Berlinischen übersetzt: er handelt ausselbstsüchtigen Beweggründen.

»›Staatsminister Soundso.‹ — ›Ah, der politische Steuermann?‹— ›Stoppt ooch, stoppt ooch.‹ … ›Der ProfessorSoundso.‹ — ›Ah, der gottbegnadete Maler?‹ — ›Stopptooch, stoppt ooch.‹ — Nach wem ich auch in jugendlicherBegeisterung fragte: er stopfte in seine eigene Matratzehinein.«

Der Kaiser warf sein Zigarettenende fort. Seine Blicketasteten an den nebelverhangenen Fernen.

»Sehen Sie, mein lieber Opterberg, so wurde ich fürmeine erste Berührung mit der Öffentlichkeit und ihrenMenschen vorbereitet. Und nun bitten Sie mir meineHerren heraus. Wir wollen fahren.«———

Die Arbeiten im Generalstab des Feldheeres hatten denPunkt erreicht, an dem der Treibriemen auf das Schwungradaufgelegt werden konnte. Die Regimenter waren durchdie Ersatzbataillone aus der Heimat aufgefüllt, Waffen,Munitionslager, Verpflegungswesen, Feldlazarette vervollständigtund auf den leisesten Anruf geregelt. Bei Tagund bei Nacht, unablässig und doch kühl und sicher hattedas Hirn der Generalstabsmänner unter der ungeheuerenSpannung gearbeitet.

Martin Opterberg war zum Führer des Pionierbataillonsernannt worden, in dem er vordem eine Kompanie angeführthatte. Die Verantwortung wuchs, aber auch dasGlücksgefühl des Mannes, zu einer größeren Aufgabe berufen[S. 313]zu sein. Er hatte sich von Vorgesetzten und Kameradenim Generalstab verabschiedet und bestieg den Kraftwagen,der ihn in die angewiesene Stellung bringen sollte,als ihm noch ein Brief aus der Heimat zugereicht wurde.Er las ihn während der langen Fahrt und las ihn zu verschiedenenStunden mit derselben tiefen Heiterkeit des Gemütes.

»Lieber Freund Martin,« schrieb Linde Baumgart, »DeineDrahtnachricht, daß Du als Bataillonsführer an die Frontzurückkehrst, ist eingetroffen und hat uns nicht überrascht.Jeder Mann, jede Frau an ihren Platz. Da mußtest Dubei den ersten sein — und bei den vordersten. Denn diesmalgeht es nicht um einen neuen Sieg, diesmal geht esum Erfüllung oder Vernichtung. Das ist mir ganz klarund nur den Menschen im Lande nicht, die euch als ihrenlebendigen Stacheldraht betrachten, eigenst dazu da, umihre Geschäftemacherei sorglich zu beschirmen, und nichtetwa schreien, wenn ihr einmal verliert, sondern nur, wennsie dabei verlieren. Diesem rührend gemeinen Indentaghineinlebensteht euer Indentaghineinsterben gegenüber. Duaber sollst unberührt durch beides hindurchschreiten in denkommenden Tag. Dafür bete ich, so gut ich das versteh’.

»Weißt Du, Freund Martin, ich betracht’s doch schonhalt als ein Glück, daß Du aus der Hofluft herausbist.Ich hab’ zwar den Hofknix ein gut Dutzendmal versucht,aber das Niederducken liegt mir nicht so als das Hinauflangen,und so will ich Dir lieber zur Begrüßung um denHals fallen, wenn Du heimkommst, ob’s schicklich ist odernicht.

[S. 314]

»Mutter Christianes Regiment auf dem fernen Opterberghofist wohltuend für Mensch und Tier. Die Leutesagen: sie hat eine glückliche Hand. Aber nein, das ist esnicht. Sie hat den klaren und heiteren Geist, der dasMögliche sieht und mit voller Liebeskraft erfaßt, statt überden eigenen Schatten springen zu wollen. Das gibt ihrdies wunderbare Gefühl der Zulänglichkeit für diese Weltund die Erlaubnis, das Leben trotz allem immer nochschöner zu finden als das Sterben. Sie hat mich Jahrelang in die Schule genommen, und dazumal ließ mich meinhöchster Mädchenehrgeiz wünschen: ich möcht’ Martin OpterbergsMutter sein.

»Die Attermanns sind ein wenig heruntergearbeitet, aberes macht ihnen nichts aus. Der Christoph ist zwar nichtmehr felddienstfähig geworden nach dem schweren Schuß,aber auf der Werft steht er seinen Mann für zehn, undDu wirst Deine Freude haben, zu sehen, wie sein unermüdlichfleißiges und unermüdlich gütiges Wesen erstarkendauf Meister und Arbeiter wirkt. Ich hab’ nun wiederKleider angelegt und bin die Werftkanzlei. Schwester Theresesehen wir nur am Abend. Sie bringt dem Vaterlanddas Opfer ihrer ganzen Person, indem sie ihm aus denblutigen Opfern des Krieges neue Söhne rettet. Die Lautehat sie mir überantwortet und ihre Lieblingslieder. Ichsing’ sie ihr, wenn wir zwei Schwestern zusammenhocken,und schaff’ ihr Freud’. Denn ohne die Menschenfreud’, sagtSchwester Therese, wär’ alles Leben und Streben kalt undblind, und die Menschenfreud’ macht selbst das kleinste Daseinlebenswert. So hab’ ich meinen Posten auf der Werft[S. 315]und daheim und werd’ nicht von ihm weichen, es komme,was da will.

»Das alles sollst Du wissen, Freund Martin, damit Dunach Deiner Mutter Art klaren und heiteren Geistes aufDeinen Platz marschierst. Du bist bei uns, und wir sindbei Dir. Da kann uns nichts geschehen. So sei gegrüßtvon Deiner Freundin Linde.«

Als Martin Opterberg den Brief zum letzten Male gelesenhatte, fuhr er bei der Division vor. Der Standortseines Bataillons wurde ihm benannt. In selber Stundenoch machte er sich zu Fuß auf den Weg und traf amAbend auf seine alte Kompanie, bei der er sich als Bataillonsführereinrichtete. Hundert rissige und schwieligeHände streckten sich ihm entgegen. Er drückte sie der Reihenach und fühlte, daß nur Liebe Liebe zeugt.

Kerntruppe war’s.

Gelernte Männer und kein unreifes Volk. Schiffer, Handwerker,Meister und Gesellen. Leute vom Rheinstrom, umden es ging.

»Verdammt dicke Luft, Herr Hauptmann.«

»Deshalb hat man uns hierhergeschickt und keine Frauensleut’.«

»Das stimmt wie’s As auf der Baßgeig’.«——

Martin Opterberg stand auf seinem Posten. Nie vergaßer den Tag und die Stunde des über die Erdenmasse nachden Wolken langenden Angriffbeginns. Totenstille —lähmend — hirnzerpressend. Das Springen des Sekundenzeigers.Und auf den nächsten Sprung hin wie dielosgelassene Hölle — das Gebrüll von dreitausend deutschen[S. 316]Geschützen, kreischend, fauchend, johlend und rasend, Luftund Leben zerreißend und verschlingend.

»Antreten! Antreten! Zum Sturmangriff!«

Einen Alb stießen die Männer von der Brust. EinStöhnen ging durch die Reihen. Erlösung…

Und wieder hatte die Zeit die Atemlosigkeit des Vormarsches.Atemloser noch. Überstürzender. Alles Denkenverwischend. Die Stellung des Feindes! Nehmen —nehmen um jeden Preis! Liegt schon hinter uns. Wasjetzt? Die nächste! Und wiederum die nächste! Habenwir … haben wir. Da setzt sich der Feind! Minenwerfervor! Ein paar Tonnen Eisen in die Grabennester! Hei,das spritzt! Jagt ihn — jagt ihn! … Der Atem langtnicht mehr … Er langt!!

Und er langte durch die Tage, durch die Wochen. Erlangte für das wütende Drauflos, für das schäumendeRingen, für das blutige Siegen. Er langte noch für denkurzen, bleiernen Schlaf in den Schlammfeldern und Granatlöchern.Er langte für das stürmende Vorwärts — fürdas langsame Rückwärts langte er nicht mehr.

Zurück! Wechselndes Schlachtenglück! Eine neue eiserneLinie ziehen … Neue Kräfte sammeln…

Neue Kräfte! Zum Teufel waren die alten. Eine neueeiserne Linie! Das ging nun schon vier Jahre fast so.

Finster und keuchend schoben sich die Heeressäulen überdas wüste Siegergebiet zurück. Kein Halm, kein Haus.Grinsende Trümmerleere. Flüche knarrten. Verwünschungen.Spottreden sprangen auf und liefen wie giftige Lauge.

»Schämt euch Kerls — Cohns Aktien fallen.«

[S. 317]

»Nehmt Rücksicht auf Schiebers — das Pack sitzt in derSommerfrische.«

»Die Regierung ist laufen gegangen — da sollen wirnicht?«

»Die Juden verkaufen uns mit Haut und Haar!«

»Nicht die Juden: die Junker! Sie fürchten sich.«

»Ob Jud’ oder Junker — wartet, wenn wir heimkommen!«

Und die Gegenwogen der Feinde stürmten heran. Amerikasfrischgesandtes Millionenheer an der Spitze. Kehrt, und dieWogen aufgefangen! Und die abgehetzten, ausgemergeltenTruppen ließen Hader und Spott, wurden noch einmal zuHelden, warfen ihre hageren Körper den vollsaftigen, kraftgenährtenBurschen entgegen, flackernden Auges, Schaumvor dem Mund.

»Laßt sie nicht durch! Sie wollen an den Rhein! Hörtihr’s — an den Rhein! Hund — du oder ich!«

Schon war das Etappengebiet Kampfgebiet. »Wo bleibtdie Verpflegung? Wo sind die Fettwämse? Ausgekratzt istdie Bande! Sie sagt, sie kann’s Schießen nicht hören! Abermit dem Maulwerk klappern kann sie, wenn’s eine Schweinereiauszuhecken gibt. Die Vaterlandsverteidiger, die!«

Irgendwoher schrie eine Stimme: »Recht haben sie!Macht’s ihnen nach und rettet eure Knochen! Zu Haus istnötiger, dreinzuschlagen, als hier!« Und ein Brausen gingdurch das Heer wie kämpfende Fluten.

Und das Brausen wurde zum Wirbelwind, als die Kundevon Waffenstillstandsverhandlungen durch die Reihen flog.»Jeder Schuß Pulver ist umsonst! Es geht zu End’! Wer[S. 318]sich noch einer Kugel aussetzen wollt’, müßt’ verrückt imKopfe sein!«

Da griffen die Franzosen in Massen an. Da kühltensie ihr Mütchen an den hirnlos Gewordenen, von denensie vier Jahre lang in hundert Stürmen und Schlachtenzusammengehauen worden waren. Da warfen ganze Bataillone,ganze Regimenter die Waffen zu Boden und gingenüber, ließen sich wie Herden aus der Schlacht in die Gefangenschaftführen. Leben, leben, leben…

Martin Opterberg stand mit seinem Bataillon in derkämpfenden Nachhut. Er war mit ihm zu einem wildfeuerndenArtillerieregiment geraten. In seinem pulverschwarzenGesicht glühten die Augen wie Flammen. Mitheiserer Stimme schrie er über den Lärm.

»Schließt euch zusammen, Pioniere! Das wär’ der erstePionier, der überlief’! Gebt’s ihnen, Leute! Auch derFranzmann hat nur ein Leben! Zur Hilfe den Bravenvon der Artillerie!«

Und mit keuchender Brust, mit verbrannten Händen halfendie Pioniere den zusammengeschossenen Artilleristen ladenund feuern, laden und feuern — bis die Nacht kam undsie die Geschütze zurückziehen konnten.

Der Herbst war in den Winter umgeschlagen. ImNovembersturm brach das kaiserliche Deutschland über derWurzel ab. Das Volk hatte die Regierung in die Handgenommen, und der Kaiser war auf Drängen der ratgebendenGenerale über die nahe Grenze nach Holland gefahren.›Armer Verlassener‹, dachte Martin Opterberg, alsdie Kunde der sich überstürzenden Geschehnisse verzerrt und[S. 319]begeifert durch die Heerestrümmer lief, ›deine Generalekennen die Seele des Kriegs, aber nicht die Volksseele.Nun erst bist du ganz verlassen…‹

Unter der Peitsche der Waffenstillstandsbedingungen wälztesich das Heer dem Rheine zu. Angstgejagt, nicht rechtzeitigmehr über den Strom zu gelangen, in die Freiheit, in dieHeimat. Nur die Kampftruppen, die Nachhut, folgtenlangsam.

Am 10. Dezember des Jahres 1918 setzte Martin Opterbergmit dem Rest seiner Pioniere als die Letzten über denRhein. Es war unterhalb Düsseldorfs.

Er sprang aus dem Kahn und stand, während die anderenKähne landeten, mit starrem Weh in den Augen am Uferdes entheiligten Vaterlandsstromes. Die Seinen schartensich um ihn. Es war ein Abschied.

Ein Trupp jugendlicher Burschen aus der Fabrikgegendstob heran. Sie schrien und fuchtelten mit den Armen.

»Die Kokarden von den Mützen! Die Waffen her! Wird’sbald?«

Das war der Heimatgruß.

Ein langer, angetrunkener Bursch sprang den Hauptmannan und griff in seine Achselstücke.

»Herunter mit den Herrenzeichen! Willst du wohl kleinwerden, du Leuteschinder?«

Martin Opterberg hatte sich von seiner Überraschung erholt.Er hob die Faust und schlug sie dem Angreiferzwischen die Augen, daß er taumelte und sich erbrach.»Reibt ihnen den Hintern mit Pulver ein, sie haben mitdem Gesicht noch keins gerochen!« wüteten die Heimkehrer,[S. 320]schlugen mit den Ruderstangen drein und jagten die Grußbringerin alle Himmelsrichtungen.

»Nun schleicht euch heim, ihr treuen, tapferen Männer,schleicht euch in die Heimat hinein, die todkrank ist,« sagteMartin Opterberg und schüttelte immer wieder die rissigen,borkigen Hände. »Wir sehen uns wieder. Wir sind nichtnur mit dem Mund und im billigen Sonnenschein Kameradengewesen. Wir gehören fürs Leben zusammen. EureWohnorte weiß ich, und ihr wißt den meinen. Grüßt Frauund Kinder von dem Mann, der keinen Dank an euch fürgroß genug hält.«

Drei Hurras schrien die heiseren Kehlen für ihren Hauptmannin die rheinischen Dezembernebel…

Im Fußmarsch erreichte Martin Opterberg in späterNacht seinen Wohnort. Schmutzbedeckt, in altem, zerrissenemSoldatenmantel, den Schirm der Mütze in das hagere Gesichtgezogen. Wie ein Nachtwandler ging er an demeigenen Hause vorüber, das mit geschlossenen Läden imDunkel lag, und gelangte zum Hause der Attermanns. Ineinem Zimmer brannte noch ein Licht. Er drückte auf denKnopf der Klingelleitung und sah, wie nach Sekundenstillejäh das Licht im Treppenhaus aufflammte. Dann wurdedie Türe aufgerissen, und er schwankte ins Haus.

»Da bin ich, Linde Baumgart.«

Sie stand vor dem Müden, Schmutzbedeckten, in einemweißen Gewand, das sie in der Hast übergeworfen hatte,und alles an ihr atmete die frische Reinheit, die Gesundheitund Schönheit des jugendlichen Weibes.

Jetzt aber schaute sie ihn entgeistert an.

[S. 321]

Und er starrte sie an wie eine Erscheinung aus fernenErinnerungswelten.

Ein Funke sprang in seinem Auge auf, wie im AugeHungernder und Dürstender, die eine Schale voller Früchtesehen. »Da bin ich, Linde Baumgart,« wiederholte er, tratauf sie zu, griff mit den Händen in ihre Schultern, rißihren Leib an sich und bedeckte ihr Gesicht mit seinen wildenKüssen. Die Glieder schmerzten sie unter seinem hartenGriff.

»Gib mir die Arme frei,« bat sie atemlos.

»Wozu die Arme?«

»Damit ich sie dir um den Hals legen kann, wie ich esdir versprochen hab’. So — so — so … Nun sei ganzruhig, Martin Opterberg.«

Ein Aufschluchzen kam von der Treppenstiege. Dort standTherese Attermann, und Christoph Attermann führte siemit feuchten Augen dem Heimgekehrten zu.

»Zwei Schwestern heißen dich zur Nacht willkommen,Martin, und ein Bruder. Glücks genug im neuen Deutschland.«

[S. 322]

13

Zwei Tage und zwei Nächte hatte Martin Opterberg intiefer Erschöpfung gelegen. Ein paarmal war er aufgefahren,mitten aus seinem bleiernen Schlaf heraus, hattewirren Auges um sich getastet, das weiche Bett gefühlt undan seinem Körper das linnene Hemd, und sich vergebenszu besinnen versucht. Wo lag er mit seinen todmüdenLeuten? In Nordfrankreich? Dort kam man nicht in dieBetten. In Belgien irgendwo? Sie hatten die aufgeregtenStädte umgehen müssen und auf den Feldern rings umdie Lagerfeuer gelegen. Also wohl gar auf deutschem Bodenschon, in der Eifel? Aber in der Eifel trugen er und seinePioniere längst kein Hemd mehr auf dem Leib. Das trugensie längst schon in seinen letzten Fetzen um die wunden Füßegewickelt. Er lallte die Namen seiner Vertrautesten undhorchte stumpf auf Antwort. Er starrte mit schlafschwerenAugen nach den verhängten Fenstern. In seinem müdenHirn tauchte ein Bild auf: eine Mädchengestalt — so weiß,so leuchtend an Gliedern und Gewand. Ja, doch, dashatte den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht, daß es nochsolch eine blitzblanke Sauberkeit an Menschen und Dingengab. Und einmal — einmal hatte er ein Mädchen in weiß[S. 323]gekannt, das schmiegte die Wange verträumt an den Lautenhalsund sang: ›Du bist die Ruh — der Friede mild …!‹— Therese! — Nein, nein, Therese war weinend hinzugetreten,und Christoph hatte sie an der Hand geführt. Sowar’s — so war’s … Er lag im Attermannschen Hause.Er hatte Wein getrunken und sich gesättigt, hatte ein heißesBad genommen und sich in ein schneeweiß Hemd gehüllt,in ein schneeweiß Bett gelegt. Schlafen … schlafen …schlafen——

Wieder wachte er auf, und eine sanfte Frauenhand stützteseinen Kopf, eine sanfte Frauenhand gab ihm aus einerTasse starke Fleischbrühe zu trinken. Dann hatte er sichwieder in die Kissen gekuschelt wie als Bub auf dem Opterberghof,wenn es noch nicht ganz die Aufstehenszeit warzum Abmarsch in die Schule. Und beim nächsten kurzenErwachen hatte es sich wiederholt: die Frauenhand, derstärkende Trunk, das wohlige Hinüberschlummern.

Jetzt aber stand er auf den Beinen, schüttelte die letztelässige Müdigkeit von sich und zog die Fenstervorhänge beiseite.Draußen flockte ein weicher Schnee in der Luft.›Adventsschnee‹, dachte er, und es rieselte ihm wie heimatlicheErinnerungen durch die Seele. Er öffnete einen Spaltweit die Fenster, daß die reine Winterluft einströmen konnte.

»Guten Morgen, Martin. Schon ausgeschlafen?«

»Schon?« wiederholte er und reichte dem eintretendenFreunde die Hand. »Es ist neun Uhr.«

Christoph Attermann beklopfte die Hand, als wäre eseine kleine Knabenhand, und schmunzelte behaglich.

»Aber es liegen zwei Tage und zwei Nächte dazwischen,[S. 324]alter Kamerad, denn die erste zählt nicht, weil wir dicherst gegen den Morgen hin zu Bett geschafft hatten.«

»Alle guten Geister! Ist das die Wahrheit?«

Christoph Attermann lachte über das ganze Gesicht.

»Darum hatt’ ich gedacht, du wolltest den Schlaf gleichbis zum Weihnachtsfest ausdehnen, und wunderte mich baß,als ich dich hier oben herumhantieren hört’. Weißt du,Martin, das Theresel war schon zur künstlichen Ernährungübergegangen. Ihretwegen hätt’st du die vierzehn Tag’bis zum Fest ruhig durchschlafen können.«

»Das war also die Therese …? Ich komm’ doch meinLebtag nicht aus ihrer Kur heraus. Aber jetzt möcht’ icheinen ganz anderen Kollegen vom Theresel sehen, Christoph,den Bartscherer. Ich schau’ aus wie unsere Vorfahren, alssie noch auf den Bäumen saßen und mit Kokosnüssenwarfen.«

»Ich hab’ die ›Konkurrenz‹ schon benachrichtigen lassen.Dacht’ mir gleich, als ich hier hinaufstieg: jetzt wird dergesittete Mensch in ihm zum Durchbruch kommen, weil erDamen im Hause weiß. War bei mir nicht die Spuranders, Martinle.«

»Damen —?« fragte Martin Opterberg. »Ist die Lindegar bei euch?«

»Nun leg dich gleich wieder nieder und schlaf noch einmalaus. Busselst das Mädel ab, daß alle Farb’ herunterist, und fragst so erstaunt, als ob’s der Buchhalter hätt’gewesen sein können. O nein, mein Lieber, wenn die Lindeauch den Buchhalter auf der Werft macht seit Jahr undTag — in der Nacht hast du sie für ein rechtschaffenes,[S. 325]sauberes Frauenzimmer genommen und sie zusammengedrückt,daß die Theres sie gleich in ärztliche Behandlunghat nehmen müssen.«

»Das tat die Freud’, Christoph.«

»Daß es nicht der Zorn tat, hab’ ich mir schon selberdenken können. Horch, da kommt der Bader. Ich hör’sein hungriges Scherengeklapper. Deinen Winteranzug hatdie Linde aus deinem Haus geholt und dein bedürftigFeldgrau einstweilen in die Mottenkiste gesperrt. Tritt nurhier ins Nebenzimmer, da findest du alles zur Erneuerung,auch Theresens unlauteren Wettbewerber mit dem Messer.«

»Wie fröhlich er ist,« dachte Martin Opterberg. »Wieer mir alles heimatlich machen will, als wär’ das furchtbareDahinten nur ein wüster Nachtspuk gewesen.«

Eine Stunde darauf erschien er in seinem bürgerlichenAnzug, bartlos und mit wohlgeordnetem Haar im Familienzimmer.Die Frauen standen auf und eilten ihm entgegen.Christoph Attermann schlug vor Verwunderung die Händezusammen.

»Kaum ein Lot Fleisch hast du auf dem Körper. Dasmuß wieder her, und der Schnurrbart muß auch wieder her,daß du uns nicht fremd bist.«

Die Frauen hatten den Wiedergekehrten begrüßt undnoch einmal willkommen geheißen. Aber die heftig aufwogendeFreude war einer nur mühsam verschleierten Scheugewichen. So anders sah der Freund im hellen Tageslichtaus.

Sie saßen bei ihm am Frühstückstisch und lugten heimlichnach seinen Augen. Die lagen tief und fern, als[S. 326]schauten sie immer noch in eine andere Welt. Die Hautspannte sich herb über den Backenknochen. Nur der schönestarke Mund atmete dem Leben entgegen.

»Gelt, Therese, du kriegst einen Schreck? Und auch dieLinde hatte sich ihren Freund wohl ein wenig anders vorgestellt?Laßt mir Zeit. Es wird schon wieder besser.«

»Du bist uns gerade recht so, Martin…«

Er schüttelte den Kopf.

»Erst muß der Bilderwirrwarr aus den Augen fort undder Lärm aus den Ohren heraus. Habt ihr eine Zeitung?Ich weiß so gut wie nichts seit sechs Wochen und mehrund muß mich doch in die neue Zeit hineinfinden. Nachherwill ich zur Werft.«

»Zur Werft wird erst morgen gegangen,« bestimmteChristoph Attermann. »Der Arzt, den du schon in derFuchsenzeit mit deinem Vertrauen beehrt hast, hat’s so undnicht anders angeordnet. Die Zeitungen der letzten sechsWochen aber find’st du geordnet in meinem Arbeitszimmer,und eine Zigarre obenbei. Nun komm und mach’s dirbequem.«

»Erst möcht’ ich der Mutter eine Drahtnachricht schicken.Ich hätt’s schon in der ersten Nacht tun sollen.«

»Das hat die Linde schon ganz aus sich selbst besorgt.Du hattest noch nicht das zweite Auge zu.«

Martin Opterberg blickte auf. Zum erstenmal sah erdem Mädchen voll in die Augen. Die Jugendblüte hattesich erschlossen, über den Kelchrand lugten weiche, warmeFrauenaugen, die das Menschenlachen ersehnten. Jetzt hieltensie seinem Blick stand.

[S. 327]

Er reichte ihr die Hand, die sie fest in die ihre nahm.

»Du warst die erste, die mich begrüßte, Linde. Und esist schön, daß du diesen Gruß gleich an die Mutter weitergegebenhast.«

›Diesen Gruß …?‹ dachte Linde Baumgart, und einLächeln ging um ihren Mund.

Dann saß Martin Opterberg in Christoph AttermannsArbeitszimmer, und der Pflegebruder brachte ihm die aufgesammeltenZeitungen und streckte sich in einen zweitenSessel, um zu jeder Auskunft gegenwärtig zu sein. AberMartin Opterberg las stumm, und die Zigarre erkaltetezwischen seinen Fingern. Stunde auf Stunde las er, bisdie Glocke zum Mittagessen rief. Da legte er die Blätterstill zur Seite.

»Was sagst du zu dem allen, Martin?«

»Es ist geschehen. Das Rückwärtsprophezeien war nieunsere Sache, Christoph.«

»Das ist wahr. Und es ist törichtes Geschrei und Geschwätzgenug im Land. Nur daß eine Handvoll Männer— oder waren es gar nur halbwüchsige Burschen — miteinem Gürtel voll Handgranaten sechzig Millionen Menschenauf den Kopf stellen konnten—«

»Warum konnten sie, Christoph? Weil die Feiglinge sichnicht wehrten. Also waren sie reif.«

»Du gibst den Umstürzlern Recht?«

»Nein, Christoph, niemals. Aber ich geb’ dem schlotterndenBürgertum Unrecht. Weshalb? Weil es schlottert! Wasnur klugschwätzen und, wenn es die Tat gilt, hilfeschreienkann, Christoph, das, weißt du noch aus deiner Feldkompanie,[S. 328]ist hinderlich und wert, von den Tatmenschen an die Wandgedrückt zu werden. Doch darüber laß uns reden, wennich den richtigen Abstand zu den Dingen hab’ nehmenkönnen.«

»Also rein gar nichts zu fragen?«

Martin Opterberg lächelte.

»Du willst ja nur hören, was ich zu dem Bericht ausden ersten Novembertagen sage. Zu dem Bericht über denVortrag unseres Freundes Grüters in der Berliner Versammlungzugunsten einer verschämten Republik. Ach,Christoph, der Grüters hatte vor Ausbruch der Revolutionschon die rechte Witterung erhalten und suchte sich denkünftigen Machthabern zu empfehlen. Das war schon soseit der Studentenzeit und wundert mich keinen Augenblick.Wenn der Staatswagen wieder nach rechts schwenkt, wirder gewiß nicht verfehlen, rechtzeitig den Anschluß zu gewinnen.«

»Ja, ja,« sagte Christoph Attermann mit einem zornigenLachen, »er denkt halt: es ist immer noch bekömmlicher,für anderer Leut’ Überzeugung zu leben, als für die eigenezu sterben.«

»Mir scheint, so haben viele im Vaterland gedacht,Christoph. Darum laß uns den Einzelnen nicht herausgreifen.Fieber will ausrasen.«

»In den Köpfen wie in den Hosen,« sagte ChristophAttermann, und dann gingen sie zu den Frauen und zuden Kindern.

»Mein Gott,« staunte Martin Opterberg, »der kleineChristian ist ein großer Schulbub geworden und mein[S. 329]Patenkind Linde ein richtig Fräulein, seit ich sie nicht sah.Ja, wie alt muß dann ich erst geworden sein …« Under hockte sich nieder und fing die anstürmenden Kinder inseinen Armen auf.

»Du, Oheim Martin,« gestand ihm der Knabe wichtig,»die Mutter hat gesagt, sie hätt’ einen Herzschreck bekommen,als sie dich gesehen hätt’.«

»Und die Tante Linde hat gesagt,« drängte sich die Kleineein, »sie gar nicht.«

»Was mag nun das Angenehmere für mich sein, ihrKinder?«

Lachend und widersprechend schoben die Frauen die Kinderauf ihre Plätze. Und als der Vater den Oheim über dieletzten Schlachten und den Rückzug der Millionen befragte,saßen die Kinder wie gebannt und horchten auf die knappenWorte, die sich schwer von den Lippen des Erzählers rangen.

»Ich hatte,« sagte Christoph Attermann mit geweitetenAugen, »die beste Flasche Wein in meinem Keller für denSiegestrunk bestimmt. Eine sonnengesegnete elfer SteinbergerAuslese. Der Sieg ist uns durch die Händ’ geglitten,aber das Siegerherz haben wir heimgebracht, dasin diesem furchtbaren Frieden mehr bedeuten wird als inden furchtbarsten Schlachten.«

Er hatte sich erhoben und die Gläser vollgeschenkt. Undstehend sprach er weiter.

»Drum soll der Wein jetzt getrunken werden dir, Martin,zum Willkomm. In diesem kleinen Raume, unter unswenigen hier, nimm zur Wiederkehr den wahren Heimatgruß.Daß du da bist, Martin! Und mein und der Frauen[S. 330]Herzen hier rufen dir zur innersten Bekräftigung des namenlosendeutschen Sängers Liedwort entgegen:

Ich bin dîn und du bist mîn,

Deß sollt du gewiß sîn!«

Die Frauen hatten sich erhoben. Mit stillen Gesichtern,in denen die Augen aufleuchteten. Sie hielten dem Heimgekehrtendas Glas entgegen, und Martin Opterberg stießmit ihnen und dem Bruder an, daß ein silbern Klingenin die Runde lief.

»Rheinwein …« sagte er, als spräch’ er ein heilig Wort.»Gott schütz’ den Rhein und seine Menschen.«

»In Ewigkeit, Amen,« fügte Christoph Attermannhinzu.

Und sie tranken den Wein in Erinnerungsgedanken undZukunftgedanken und blieben beisammen bis zum spätenAbend und hielten den Tag wie einen Feiertag. —

Am Morgen lag eine Drahtung an Martin Opterbergauf dem Frühstückstisch. »Von der Mutter,« sagte ChristophAttermann. »Es geht mit der Schneckenpost, denn keinerwill schaffen.«

Martin Opterberg löste die Siegelmarke, las und nickte.»Von der Mutter …« Und er las langsam zum zweitenMal, und über seine Züge breitete sich eine Helle wie beieinem Wiedersehen.

»Grüß Gott, Bub. Wir bleiben bei der Stange!« drahteteFrau Christiane dem Heimgekehrten.

Er gab das Papier an Christoph Attermann, und dergab es an die Frauen. Und es war, als ob Frau Christiane[S. 331]mitten unter sie getreten wäre in ihrer nicht zu beugendenStolzheit und Frische.

»Über Weihnachten will ich bei ihr sein,« sagte MartinOpterberg, und hinter ihm sprach Linde Baumgart einlautes »Gott sei Dank.«

»Du willst mich los sein, Linde?« fragte er.

»Wiederhaben wollen wir dich. Angefüllt mit ganzfrischem Tatendrang. Dafür laß ich die Mutter sorgen.«

»Die Mutter …« wiederholte Martin Opterberg undsah ihr lächelnd in das erhitzte Gesicht. »Es wird schonso kommen, Linde,« fuhr er helfend fort. »Die Mutterquellegibt Wasser, und wenn der ganze Rhein zu versiegenscheint.«

Mit Christoph Attermann machte er sich auf den Wegzur Werft. Eine Spannung stand in seinen Zügen, wieer sein Werk wiederfinden würde. Aber vergebens horchteer auf das Kreischen der Säge und den hallenden Hammerschlag.

»Ist heute Sonntag, Christoph? Mir ist der Kalenderdurcheinandergeraten.«

»Es ist jetzt mehr Sonntag als Werktag im Land. DerArbeiter- und Soldatenrat des Orts hat eine Versammlungin die Werfthalle einberufen. Es sind lustige Kameraden.«

»Gibt es das in dieser schweren Deutschlandszeit unterMännern?«

»Unter Männern gewiß nicht. Aber unter den Buben,die schon im Advent ein Fastnachtstück aufführen, weil sienicht wissen, ob’s am Rosenmontag für sie noch geht. Ernsthaftgesprochen, Martin. Ich erläuter’s dir. Als die Revolution[S. 332]ausgeläutet wurd’, waren die meisten der Männernoch im Feld, die Alten zu verwirrt und unbeholfen unddie Jungen trunken vom Freiheitsrausch. Da die kopflosgewordenen Behörden mit einem Schlag außer Geltunggesetzt waren, rannten die frisch eingezogenen Rekruten ausihren Standplätzen einfach nach Haus, spielten, obwohl sienoch keine Flinte abgefeuert hatten, den wilden Revolutionskrieger,ließen sich mancherorts von irgendeiner Oberleitung,die in dem Wirrwarr noch keine Nachprüfung vornehmenkonnt’, die Bestallung als Soldatenrat verleihen und übernahmendie Ortsgewalt über Ruhe und Ordnung. Bei unssind’s ein halbes Dutzend Jünglinge im Alter von knappzwanzig Jahren und der Nachtwächter. Das erste war, daßsie die Arbeit stilllegten, weil ein freier Mann doch nicht seineFreiheit ausüben kann, wenn er arbeitet. Das zweite war —oder war’s doch gar das erste — daß sie sich aus der Gemeindekasseeinen auskömmlichen Gehalt bewilligten, unddas dritte, daß sie seit der Zeit nicht mehr ganz nüchterngeworden sind aus Furcht vor der eigenen Kurasch. Eingeführtals Verkehrston haben sie das gemütvolle ›Du‹ unddie unter die Nase gehaltene Handgranate, was beides aberzur Hebung der Ortsgewalt nur von ihrer Seite ausgeübtwerden darf. Das wäre das äußere Bild.«

»Und das innere?« fragte Martin Opterberg und spürtesein Blut in den Schläfen hämmern.

»Die Männer sind heimgekehrt und haben sich inzwischenzurechtgefunden. Die Alten und besonders die Frauen, dieheut’ politisch gleichberechtigt sind, haben sich von ihrerVerblüffung erholt. Wer sich besaufen und Fastnacht spielen[S. 333]will, soll’s auf eigene Rechnung tun, fordern sie, und dasGemeindegeld in Ruh’ lassen für die Armen und Kranken.Eine ordentliche Gemeindeverwaltung soll sein von Arbeitern,Bürgern und Soldaten, die etwas gelernt und geleistethaben, fordern sie, und eine Gemeindeabstimmungauf den heutigen Tag. Dahin gehen wir nun, Martin.«

»Dann ist’s gut,« sagte Martin Opterberg, und er hattesein Gleichgewicht wiedergefunden.

Am Halleneingang standen ein paar junge Burschen mitgedunsenen Gesichtern, die rote Schärpe herausfordernd überden Rock geknotet. Sie riefen den Einströmenden balddrohende Befehle, bald Schmähworte zu, um sie einzuschüchtern.Martin Opterberg wollte an ihnen vorbei.

»Halt, Mensch. Zeig doch mal deine Ausweispapiere.«

»Zeig mir erst mal deine, Mensch.«

»Ich soll dir erst wohl mal Anstand beibringen, wie?Willst du mal an meiner Handgranate riechen?«

Da drängte sich ein alter Meister vor, der den Heimgekehrtenerkannt hatte.

»Halt die Schnauze, du Grünspecht! Kennst du denDoktor Opterberg nicht?«

»Ich spuck’ auf deinen Doktor Opterberg, du altes Reff.Paß mal auf!«

»Nicht doch,« sagte freundlich Christoph Attermann undließ den geifernden Burschen über sein vorgehaltenes Beinstolpern, daß er der Länge nach in den Schmutz schlug.»Ihr müßt ihn nach Hause bringen,« wandte er sich mitwohlwollendem Blick an die zudrängenden Burschen, »ihrseht doch, daß er sich nicht auf den Beinen halten kann.«

[S. 334]

Ein paar stämmige Arbeiter eilten herbei, zornrot imGesicht.

»Was? Die Bengels reden von Handgranaten? Zueinem, der sich für sie die Knochen hat kaputtschießen lassen?Haut den verdammten Großmäulern die Jacke voll!«

»Guten Tag, Kameraden,« grüßte Martin Opterberg.»Kommt in die Versammlung. Wir haben Wichtigereszu tun.«

»Der Doktor Opterberg ist hier!« schrien ein paar Stimmenin die Halle hinein. »Er soll die Leitung übernehmen!«Und ein paar Hundert fielen ein, erlöst, fröhlichaufatmend: »Der Doktor Opterberg! Her damit! MachtPlatz! Der Doktor Opterberg soll reden!«

Martin Opterberg stand auf einem erhöhten Tritt undwartete, bis Stille wurde.

»Mitbürger,« sagte er mit einer Stimme, die ruhig klangund Beruhigung brachte, »Männer und Frauen unsererLandgemeinde, ich meine, hier wäre nicht viel zu reden.Geredet worden ist bis zum Überdruß, und weil euchMänner und Frauen der Arbeit das ewige Geschwätz unddie unverdauten Brocken anwidern, weil ihr eure Ruh’haben wollt und Brot und eine bessere Zeit, darum seidihr ja und wir alle zu dieser Neuwahl eines Arbeiter-,Bürger- und Soldatenrates zusammengekommen. Der Namezwar ist, trotz seiner ausführlichen Länge, mißverständlich.Denn wir sind alle Bürger vor dem Gesetz! Aber es magdabei sein Bewenden haben. Bei Kleinigkeiten wollen wiruns nicht aufhalten. Und zu den Kleinigkeiten rechne ichauch die jungen Spaßvögel, die, solang der Vorrat reichte,[S. 335]mit der Schnapsflasche hierorts regieren wollten. Wegdamit!«

»Weg damit! Weg damit!« scholl es brausend durch denSaal.

»Dieser Gegenstand wäre also erledigt,« fuhr MartinOpterberg fort. »Wir haben den Krieg verloren, und wirwollen den Frieden gewinnen. Unsere kleine Landgemeindehier ist mehr oder weniger auf die Werft zugeschnitten,und wie wir in den guten Deutschlandtagen zusammengehaltenhaben, so werden wir es erst recht in den bösenTagen tun, oder wir wären Maulhelden, die ausreißen,wenn’s nach Schweiß riecht. Kein Wort weiter. Schreitenwir zur Wahl! Ich beantrage die sofortige Einsetzung desordnungsmäßigen Wahlausschusses.«

Er trat ab, und hundert rauhe Kehlen riefen ihm Beifall.

Ein Mann in älteren Jahren drängte sich mit Aufwendungaller Muskelkraft auf den erhöhten Rednerplatz.

»Ich will ein Bekenntnis ablegen!«

»Der Nachtwächter ist es! Die Volleule!«

»Ich bin keine Volleule, meine Herren. Meine Damen,ich bin so spitznüchtern, wie Sie es nur sind.«

»›Meine Damen‹, hat er gesagt. Nur so weiter, Hännes.Leg du dein Bekenntnis ab.«

»Meine Damen und Herren, ich bekenne vor Ihnen allen,daß ich gesündigt habe. Ich habe mich von den Jungs,von denen Sie soeben gerufen haben ›Weg damit!‹, in dengewesenen Soldatenrat pressen lassen, weil keiner von ihnendes Nachts mit der Flinte herumlaufen und Wache schieben[S. 336]wollt’. Dazu war der Nachtwächter gut genug, und ichhab’ die Eseleien mitgemacht. Aber ich will bekennen!«

»Du hast ja schon bekannt, Hännes! Daß du ein Eselwarst, Hännes!«

»Ich lege hiermit das feierliche Bekenntnis ab, daß ichvon heute ab scharf gegen alle Ordnungswidrigkeiten vorgehenwerde, und bitte um meine Wiederwahl.«

Ein Jubel ohnegleichen erschütterte die Halle und durchbrachalle Grenzen der Gegensätzlichkeiten.

»Heil Hännes, dem Bekenner! Heil Hännes, dem Bekenner!«

Der Ernst der Stimmung war umgeschlagen. Auf einstimmigenBeschluß wurde der Bekenner dem Wahlvorstandangegliedert, und als Männer und Frauen ihre Wahlzettelbeschrieben und in die Urne gesteckt hatten, als die Stimmendurchgezählt und die Ergebnisse veröffentlicht waren, gehörteneben Martin Opterberg und Christoph Attermann,neben einigen der älteren Arbeiter und Kriegsteilnehmerauch der nachtwachende Bekenner dem neuen Arbeiter-,Bürger- und Soldatenrate an.

Die Gewählten traten auf Anregung Martin Opterbergssofort zu einer Besprechung zusammen.

Der Bekenner schlug diensteifrig den Doktor Opterbergzum Vorsitzenden vor, und die Männer stimmten ohneweiteres zu.

»Gut,« sagte Martin Opterberg, »Fragen der Parteizugehörigkeitsind ausgeschaltet, nur die Lebensfragen derGemeinde stehen auf dem Plan. Hand darauf! Ich dankeIhnen und hatt’s von Männern nicht anders erwartet.[S. 337]Also ohne Nebensächlichkeiten: wo drückt der Schuh ammeisten? Ich bin eben erst nach Haus gekommen.«

Ein alter Arbeiter nahm das Wort.

»Das ist ganz einfach, Herr Doktor Opterberg. Die Leutefrieren, und die Leute haben nicht genug zu essen.«

»Und wenn der Magen knurrt, knurrt auch der Mund.Und wen’s an den Füßen friert, dem steigt die Hitze zuKopf,« gestand Martin Opterberg zu. »Christoph, derFrachtdampfer liegt ja wohl fahrfertig? Mit vollen Bunkern?Na, dann können wir, da uns die Schiffahrt einstweilenvom Feind untersagt ist, löschen und Ballast dafür einnehmen.Die Kohlen werden auf den Kopf der Familienabgewogen und zum billigen Selbstkostenpreis verteilt.Wegen größerer Lebensmittelzuteilungen fahre ich morgenzum Landrat oder, wenn der Mann nicht helfen kann, zueiner anderen Stelle. Ich hab’ schon einen Plan, möcht’aber nichts voreilig versprechen.«

»Sie packen den Ochsen bei den Hörnern, Herr DoktorOpterberg. Das mit der billigen Kohlenverteilung wirdden neuen Rat gleich in ein gut Licht stellen, und wegender Lebensmittel verlassen wir uns ohne viel Fragen ganzauf Sie. Gesegnete Mahlzeit denn.«

»Das habt ihr allein mir zu verdanken,« tönte die Stimmedes Bekenners aus dem Knäuel der Hinausdrängenden.»Ich hab’ ihn zum Vorsitzenden vorgeschlagen. Keiner voneuch wär’ dadrauf gekommen.«

Als Martin Opterberg im Attermannschen Haus dieTreppe hinauf und über den oberen Flur zu seinem Zimmerschritt, kam ihm vor seiner Tür Linde Baumgart entgegen.

[S. 338]

»Ich wollt’ dir nur sagen, Martin, daß ich heut in derFrüh’ töricht dahergeredet hab’. Du brauchst kein Quellwasserholen zu gehn. Ich hab’s in dir rauschen gehört,als du zu den Leuten sprachst.«

»Mädel, Sprechen ist noch nicht Handeln. Aber das solljetzt einsetzen. Willst du meine Gehilfin werden? Gegendas Frieren lass’ ich die Bunker unseres Frachtdampfersleeren, und gegen das Hungern weiß ich auch ein Mittel,denn der Landrat hat selber nichts zu verschenken. Als ichmit meinen Pionieren über den Rhein setzte, glitt geradder letzte Zug des Korpsverpflegungsamtes über die Brücke.Das muß jetzt irgendwo in der Nähe stecken, denn dieBahnstrecken waren schon verstopft. Morgen such’ ich esauf und leg’ mich auf’s Bitten. Aber reinen Mund,Lindelein.«

»Soll ich mit dir?« fragte sie mit glühendem Kopf.

»Für Mädchen ist das keine Fahrt. Unter das verwilderteKriegsvolk.«

»Ich schlupf’ wieder in die Hosen wie auf der Werft.Keiner erkennt mich, und ich soll dir doch helfen.«

Er strich über ihre heiße Wange.

»Mädchen,« sagte er, »und wenn dich auch keiner erkennt,ich will nicht einmal, daß Blicke an dir herumtasten.«

Da griff sie nach seiner streichelnden Hand und hielt siefest und legte ein paar Sekunden lang ihre Wange darauf.Dann ging sie schnell zur Treppe und ins Haus hinab…

Martin Opterbergs Suchen glückte. Er fand das Korpsverpflegungsamtin einem kleinen, abgelegenen Neste. DieWagen waren auf ein Nebengeleise geschoben, bis die Strecke[S. 339]wieder frei werden würde, ein Viehstapel war auf eineWeide getrieben, ein paar Wagen zur Verpflegung derBegleitmannschaften entladen. Er kam zur rechten Zeit,denn gerade war der Befehl eingelaufen, am nächsten Morgendie Weiterfahrt anzutreten. Unwillig nur gingen dieLeute an das mühsame Geschäft des Neuverladens.

Martin Opterberg suchte den Intendanten auf und wiessich in seiner militärischen und bürgerlichen Stellung aus.Er berichtete von der Not seiner Gemeinde, die durch dieVerpflegung der rückwärts flutenden Truppen in ihremLebensmittelbestand schwer gelitten hätte, und machte sichanheischig, die ausgeladenen Güter und die sechs StückWeidevieh im Bausch zu übernehmen und gegen Bankscheckzu verrechnen.

Der Intendant zögerte und machte Ausflüchte. Die Leuteschlenderten herbei, horchten auf und waren sofort für dieverminderte Arbeit. Der Intendant warf einen Blick aufdie herumliegenden Güter, seufzte in Gedanken an dieScherereien eines überhasteten Verladens tief auf und gabden Aufsehern Befehl, ein Verzeichnis herzustellen.

Die letzten, halbgeleerten Wagen wurden abgekoppelt.Martin Opterberg erhielt ein paar hundert Sack Mehl,Graupen und Hülsenfrüchte, ein paar hundert Kisten Nudeln,Zucker, Backobst und Büchsenfleisch, einen Rest Kaffee undTee, dazu die sechs lebenden Rinder. Die Preise warenvon einer Niedrigkeit, daß ihm das Herz lachte. Er batdurch den Fernsprecher Christoph Attermann, in der Nachtnoch mit den Männern des neugewählten Rats herüberzukommen,und zwar auf einer Maschine des Güterbahnhofs,[S. 340]die sofort anzuheizen sei. Der Bahnhofsvorsteher, derselber Gemeindemitglied sei, würde für die wenigen Kilometerschon ein Einsehen haben.

Es gelang. Bis zur Ankunft der Maschine saß MartinOpterberg mit dem Intendanten zusammen, und sie fandensich als alte Bekannte aus dem Felde. »Gott erhalte unsdie Kameradschaft,« sagte Martin Opterberg zum Abschiedund drückte dem Intendanten warm die Hand. »Dannwerden wir Deutschland schon wieder auf die Beine kriegen.«

In der Morgenfrühe waren sie daheim. Die Wagenwurden auf dem Anschlußgleis vor der Werfthalle entladen,die Waren eingeräumt und nach der Gemeindeliste auf dieHaushaltungen verrechnet. Die Preise betrugen kaum einDrittel der gegenwärtigen Tagespreise.

»Das alles sieht aus wie ein Zauberkunststück,« belehrteder Bekenner die schwitzenden Kameraden, »und kommt dochnur auf den richtigen Mann an der richtigen Stelle an.Und den habt ihr mir zu verdanken. Darüber gibt’s nunmal keinen Streit.«

»Ja, ja, ja. Hännes, der neue Rat taugt schon mehrals der alte.«

Und Linde Baumgart wurde Martin Opterbergs Gefährtin.Die flinksten und saubersten Mädchen des Ortesbrachte sie zusammen und schulte sie ein. Und sie standvon morgens bis abends in der Werfthalle, wog ab, teilteaus, überwachte das Vorwärtsschieben der Menge, brachtemit ihrem lustigen Wort die Unlustigen zum fröhlichenLachen, mit ihrer Unermüdlichkeit die Müden zum munterenSchaffen. »Denkt an die Weihnachtsfreud’! Denkt an die[S. 341]Weihnachtsfreud’!« rief sie immer wieder in die harrenden,drängenden Haufen, und die Menschen bliesen in die rotgefrorenenHände und trampelten sich vergnügt die Füßewarm.

Nach Hausnummern ging’s, und in fünf Tagen war’sgeschafft. Aber die kalten Nächte hatten mitherangemußt.Nun konnte Martin Opterberg zur Mutter reisen.

»Ohne dich hätt’ ich’s nicht zuweg gebracht,« sagte erdankbar, als er sich in der letzten Nacht von Linde Baumgartverabschiedete.

»Siehst du wohl?« lachte sie, drückte seine Hand undschlüpfte in ihr Zimmer.——

Auf großen Umwegen nur hatte Martin Opterberg dieReise bewerkstelligen können, denn das Rheintal war vonden Truppen der feindlichen Besatzungsheere gesperrt. DreiTage und drei Nächte brauchte er zu der Fahrt, die vordemeine Schnellzugstagesfahrt ausgemacht hatte. Aberzum Weihnachtsabend noch traf er auf dem Opterberghofein. Und nun saß er bei der Mutter.

Die starke Erregung, die bei Mutter und Sohn dasWiedersehen ausgelöst hatte, war einem stillen Frieden gewichen.Den ganzen Abend über hielt Martin Opterbergdie Hand der Mutter in der seinen, und mit der freienHand strich Frau Christiane von Zeit zu Zeit heimlich undzärtlich über des Sohnes Ärmel. Dann schloß er für Sekundendie Augen, als müsse er die ungewohnte Liebkosungwie ein Träumender auskosten.

Die Zeit hatte Frau Christiane Opterberg nichts anzuhabenvermocht. Wohl war der Schein ihres strohgelben[S. 342]Haares ein wenig matter geworden, aber immer nochkrönte es in schwerer Fülle das Haupt, aus dem die Augenin der kristallklaren Farbe des jungen Rheins blickten, unddie Frauenreife des Körpers hatte trotz der Jahre die Spannkraftund Biegsamkeit ihres Mädchenkörpers behalten. Nurdie Raschheit hatte sich verloren. Aber die Gelassenheit,die sie allen Dingen und Vorkommnissen gegenüber zurSchau trug, war nur ein Schein, und es glitt zuweilenwie verhaltene Laune um ihren Mund, die besser alssprudelnde Worte kundtat, was Frau Christiane im Innerstenbewegte.

»Es ist halt nichts so trauerspielmäßig, als daß es nichtwieder zum Singspiel umschlagen könnt’,« meinte sie inihrer lebensklaren Art, als der Sohn ihr am Weihnachtsabendhatte erzählen müssen. »Es kommt lediglich daraufan, wie man selber das Spiel zu betreiben gedenkt, ob mitAsche auf dem Haupt, oder mit einer frischgepflückten Nelkehinterm Ohr. Man kann sich bei der Beerdigung einesFreundes selber mitbegraben, man kann sich aber auch justam frischen Hügel das Gelöbnis ablegen. Nun wird nochlange nicht gestorben! Nun wird das Leben erst recht indie Hand genommen, damit’s sein Bestes hergibt vor demtörichten Tod.«

Sie lachte in sich hinein.

»Ich hab’ einmal von einem lustigen Gesellen den Trauermarschvon Chopin spielen hören, ohne daß er eine Noteverändert hätt’, nur in einem flotteren Zeitmaß, und deralte Trauermarsch klang wie eine funkelnagelneue Aufforderungzum Tanz.«

[S. 343]

»Ich versteh’ dich, Mutter, und hab’s mir selber schonso ausgelegt. Nicht hinter dem unwiderruflich Abgeschiedenenherjammern und in die Knie knicken. Wer lebt, hat nurdie eine Pflicht: nämlich zu leben und sein Leben so aufzubauen,daß es Wert für ihn hat und für seine Zeit.«

»Siehst du,« sagte Frau Christiane, »damit hätten wireigentlich alles besprochen, was es zwischen uns an Wichtigemzu besprechen gäb’. Was wir nun noch daherreden,sind die schönen Randverzierungen.«

»Red nur daher, Mutter,« bat Martin Opterberg lächelndund streichelte ihre kräftige Hand.

»Gelt, du bist auch den Randverzierungen nicht abhold?Der Schuß Vatersblut in dir ist nicht das schlechteste Erbteil,ob wir beide auch früher einmal ein wenig darumgebangt haben mögen. Denn Freud’ muß der Menschhaben, oder er tut sein Tagewerk wie ein Öchslein untermJochbalken.«

»Erzähl mir ein wenig von der Freud’, Mutter. Ichwerd’ schon gut hinhorchen.«

»Du möcht’st mich wohl ausspionieren, Bub?« erwidertesie lachend und klopfte ihm kräftig den Rockärmel.

»Ausspionieren? Ist denn der Gegenstand so heikel?«

»Nun steigt mir wahrhaftig die Röt’ ins Gesicht. Achwas, ich bin doch zuletzt kein jung Mädchen und du keinHosenlupf. Ich bin deine Mutter und vermag drum sogarGegenständ’ mit dir zu besprechen, die einen Pastor in Beklemmungenversetzen könnten. Wenn ich von der Freud’red’, so mein’ ich halt: die größte Freud’ für den Mannist doch das Weib.«

[S. 344]

»Es könnt’ wenigstens so sein, Mutter.«

»Es könnt’ nicht nur so sein, es ist so, Bub. Dennwenn ich von eines Mannes Weib sprech’, mein’ ich dengetreuen Kameraden in gleichem Schritt und Tritt undnicht einen Herumfeger oder gar eine Schlampampe. Ichsag’s, wie ich’s weiß, und hab’s an mir selber und einemanderen erfahren, und du wärst mittlerweil’ auch alt genugdazu geworden.«

»Also wie muß sie ausschauen, Mutter?«

»Garnicht muß sie ausschaun. Darauf hast du wohl dieProb’ selber gemacht, daß das bloße Ausschaun erst in derzweiten Linie kommt. Aber das Herz muß sie auf demrechten Fleck haben, besonders wenn’s der Mann geradbeansprucht, und es nicht beleidigt auf die andere Seit’schieben, wenn er auch andere Dinge mal im Kopf hat.Und den Verstand muß sie an der rechten Stell’ haben,daß sie an allem ihren Anteil nehmen kann, was desMannes Wesen und geistiges Leben ausmacht, ohne aber,daß sie nun gleich als die Belehrerin und Besserwisserinauftreten will, denn dann wär’ ja für den Mann die Freud’des Starken dahin. Und lieb muß sie ihn haben, undwenn’s Hühnereier hagelt.«

»Also hübsch braucht sie nicht zu sein, Mutter?«

»Nicht hübsch?« sagte Frau Christiane erstaunt. »Jabist du denn von einem anderen Stern, auf dem dieMenschen Astralleiber haben? Natürlich muß sie für denMann, der sie heiratet, hübsch sein und sehr sogar, abernur für den Mann, und wenn sie für die anderen nur alsein Meerwunder mitdurchläuft. Für den einen Mann aber[S. 345]muß sie so hübsch sein, daß es in allen seinen Sinnen singtund klingt, wenn er sie daherschreiten sieht, und ein Freuenin ihn kommt vom Herzen bis in die Kehle, als stünd’ derAtem still. Laß du die Frommen im Land von der Abtötungder Sinne faseln — was weiß ein Frosch vomFalkenruf in der Luft anders, als daß er Angst vor ihmhat. Sind die Sinne nicht mit im Spiel, so ist’s eineLaute mit gesprungenen Saiten.«

»Und schlank und rank muß sie sein,« fuhr Martin Opterbergfort, »und braunes Haar muß sie haben mit einemSonnenkrönlein drin, wie bei ihrer Schwester, und ihreAugen müssen blitzen vor Lust am Leben, und aus derStadt Karlsruhe muß sie sein.«

»Martin —,« sagte Frau Christiane, »da bringst dumich auf eine Fährte.«

»Laß gut sein, Mutter. Noch ist der Friede nicht unterzeichnet.Und ich möcht’, wenn’s einmal übermächtig inmir wird, mein Glück in Frieden haben.«——

Bis zum neuen Jahr blieb Martin Opterberg, und ersaß auf der Bank über dem brausenden jungen Rhein undsaß im Giebelstübchen des Turmes, das den Ausblick botüber die Schwarzwaldberge und hinaus zu den geheimnisvolllockenden Ketten der Alpen, die den Vater angezogenhatten Tag und Nacht. Aber Martin Opterbergs Blickeschweiften nur nach den Schwarzwaldhöhen, als forschtensie, ob dort die Jugendwege noch liefen…

»Zum Sommer kehr’ ich wieder, Mutter,« sagte er beimAbschied. »Es zieht mich mächtig…«

Und wieder ging es im Bogen um den Rhein zurück,[S. 346]dessen Ufer nicht von den Deutschen aus deutschen Landenbetreten werden durften und nur von den Negern vomSenegal und ihren weißen Brüdern. Die Wagenabteilewaren gedrängt voll Menschen, und es herrschte so vielGelächter und Geschrei, als gingen diese Überlauten alleauf eine rheinische Kirmesfahrt.

Martin Opterberg ließ schweigend seine Blicke wandern.Wer waren diese Leute? Ein neues Volk? Ein neues Geschlechtaus dem alten? Er musterte Gesichter und Kleider,fing Sprache und Bewegung auf. Nein, es war kein neuesVolk und kein neues Geschlecht. Es waren die Dunkelmänner,die zu allen Zeiten in schmierigen Hintergassenihre Geschäfte betrieben hatten und nun bei dem großenKopfüber auf die Höhe geraten waren. Nur daß sie nichtmehr mit Lotterielosen handelten und mit unzerreißbarenHosenträgern, nicht mehr um ein erbärmlich Stück Viehfeilschten oder auf Pfänder liehen … Und es waren Gewerbetreibendeund Kaufleute aller Art, die gestern nocheine Hose gewendet oder ein Viertelpfund Kaffee ausgewogenhatten und heute, wie aus ihren großtönenden Redenhervorging, Tuche, Lebensmittel, Kohlen und was das notleidendeVolk bis zu den Düngemitteln brauchte, in Wagenladungenaufkauften und mit Wuchernutzen weiterverhandelten.Die meisten staken in feinen, neuen Kleidern,manche in weichgefütterten Pelzröcken, gaben sich das Ansehenvon Baronen und entgleisten in die Gewohnheitenvon Pferdeknechten. Ihre Frauen trugen kurze, knisterndeSeidenröckchen, die kaum über das Knie reichten und oftseltsam geformte, immer aber mit durchsichtigen Seidenstrümpfen[S. 347]bekleidete Beine aufwiesen, während die Hände,von den traurigen Fingernägeln abgesehen, im Schmuckevon Brillanten glänzten. Und alle diese Herren und Damenzogen aus feinen neuen Lederkoffern Kognakflaschen undStraßburger Gänseleberpastete und Schokoladensüßigkeitenjeder Art hervor und schmausten und redeten mit gefülltenMündern aufeinander ein und kreischten vor Vergnügenauf, daß sie sich fast verschluckten. Viele waren im Besitzevon Ausweisen, die den Stempel einer der fremdländischenBesatzungsbehörden trugen und die Erlaubnis verliehen,um einer besonders starken Lebensnotwendigkeit willen aufeine kurzbefristete Zeit auch das Rheintal besuchen zu dürfen.Jetzt aber fuhren sie zum Einkauf oder einer Warenverschiebungin das Hinterland. Andere ließen sich auf das Genauestein die Geheimnisse der Paßerlangungen einweihenund warteten dafür mit den Geheimnissen des Schleichhandelsauf. Einer sprach von den Loslösungsbestrebungenzugunsten einer rheinischen Republik. »Ob sie sagen, datRheinland sollt’ pfäffisch gemacht werden oder welsch —die Hauptsach’ is, dat wir von den verfluchzigen Vermögenseinziehungenverschont bleiben un unser sauer verdient Geldin Ruhe verzehren können.« Und seine Zuhörer stimmtenihm mit vollen Mündern bei.

Da erhob sich Martin Opterberg, angeekelt von all demwürdelosen Schmarotzertum am Körper des hungernden undfrierenden Vaterlandes und ging in eine niedere Wagenklassehinüber, in der blasse und abgehärmte Menschen inscheuem Ton, als berührten sie das Allerheiligste, von demHeldentod ihrer Söhne und Brüder sprachen, deren Leiber[S. 348]in Frankreich moderten, in Polen, auf dem Balkan, inPalästina oder unbekannten Ortes auf dem Meeresgrund…

Im unbesetzten Düsseldorf stieg er zum letzten Male umund ging, um die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges hinzubringen,in die Stadt hinein. Vor einem vornehmenHotel winkte ihm ein Herr in langem Gehpelz, auf dender weiße Patriarchenbart ehrwürdig niederwogte, munter zu.

»Der Herr Doktor Opterberg, wenn ich nicht irre?«

Eine Sekunde verhielt Martin Opterberg den Schritt,und sie genügte dem alten Herrn, um ihn festzuhalten.

»Professor Barthelmeß,« kam er dem Erstaunten zu Hilfe.»Und hier ist auch meine liebe Frau Hadwiga. Nun gehtsie im Gewand einer Fürstin, wie es sich für die Fraueines großen Künstlers geziemt. Ja, mein Freund, dieTage der Bitternis, in denen ich in der Wüste Ziegel strich,sind vorüber. Jetzt ist die Fronarbeit an die armen Reichengekommen, von denen ich im Auftrage des bedeutendstenBerliner Kunsthändlers alte Gemälde zu geringen Einkaufs-und hohen Verkaufspreisen aufkaufe. Und meine drei HerrenSöhne, dieses echte Barthelmeßblut — ah, dort steigen siegerade aus ihrem eigengesteuerten Mercedeswagen — handelnmit allem, was Gott gedeihen läßt, hinüber und herüberüber den Rhein, und die Sabine verschafft ihnen durch ihreaufrichtige Beliebtheit bei den fremden Herren Offizierendie Ein- und Ausfuhrbewilligungen durch das große Lochim Westen.«—

Er sprach in die Luft. Martin Opterberg hatte schweigendan die Hutkrempe gefaßt, als entschuldige er sich eines Versehenswegen, und war weitergegangen.

[S. 349]

Vor einem kleinen Papierladen blieb er stehen. Zeitungenund billige Bücher waren in der Auslage zu sehen, aberdie waren es nicht, die ihn fesselten. Er blickte forschenddurch die Scheiben und glaubte in dem Mann, der amLadentische saß und Schreibübungen zu veranstalten schien,Broich zu erkennen, Broich, den er zuletzt mit abgeschossenerHand im Feldlazarett gesehen hatte.

Er trat ein und hatte sich nicht geirrt.

»Lieb von dir, Opterberg, daß du mich heimsuchst. Nimmeinen Stuhl. Die neuen Zeitungen kommen erst in einerhalben Stunde, und bis dahin ist es ruhig im Laden.Warte, eine Begrüßungszigarre sollst du auch haben. MeineFrau hat mir ein ganzes Viertelhundert zu Weihnachtengeschenkt.«

»Wie geht es dir, Broich, und wie geht es Frau undKindern?«

»Alles gesund, und was mehr bedeutet: fest im Glaubenan die Zukunft.«

»Gottlob, daß die anständigen Menschen nicht aussterben.Was macht die schwere Verwundung? Ich seh’, du hasteine künstliche Hand.«

»Ich kann, wenn ich die Linke zu Hilfe nehm’, alles mit ihrfassen und halten. Mit der Linken üb’ ich mich im Schreiben.Sieh her, es geht schon ganz gut. Und bis zum Frühjahrwird’s so weit sein, daß ich mich mit gutem Gewissen wiederum eine bessere Stellung bewerben darf. Einstweilen glaubenja die Herren, wem die rechte Hand weggeblasen sei, demsei auch der Verstand weggeblasen. Aber einstweilen hältuns ja auch das Zeitungslädchen über Wasser.«

[S. 350]

»Sind deine Schwiegereltern nicht so wohlhabend, daßsie dich über Wasser halten konnten?«

»Opterberg,« sagte Broich und legte dem Jugendkameradendie gesunde Linke auf den Arm, »du vergissest wohl,daß ich neben einer Frau auch Kinder habe. Sollten dieetwa glauben, ihr Vater sei ein so armseliger Kerl, daßer nicht einmal seine Kinder ernähren könnt’? Nein, Opterberg,eher mit einem Arm Steine klopfen. Na, du hätt’stes ja nicht anders gemacht.«

Frau Hilde Broich kam mit den Kindern. Sie alletrugen einen Pack neuer Zeitungen im Arm und glühtentrotz der Kälte vor Stolz.

»Wenn Jung und Mädel brav sind, dürfen sie zurBelohnung ihrem Herrn Hauptmann, dem Vater, helfen,«sagte sie, als sie den alten Freiburger Freund freudig begrüßthatte. »Lieber Martin, wie oft sprechen wir geradein diesen dunklen Deutschlandtagen von den sonnigenWanderungen im Schwarzwald und von den Freudentagenauf dem Opterberghof, wo ich mich dem Liebsten da heimlichanverlobte.«

Martin Opterberg beugte sich herab und küßte ihr beideHände…

Sein Zug führte ihn heimwärts.

»Es gibt noch Männer in diesem Deutschland,« dachteer, »und es gibt noch Frauen, und es gibt noch einenNachwuchs!« Und dann versank er in ein Träumen——

[S. 351]

14

Martin Opterberg hatte die Träume abgeschüttelt. Alsein Verjüngter war er heimgekehrt von dem Opterberghofder Frau Christiane, als ein Ernster und Froherzugleich. Aus klaren Augen überblickte er die Geschehnisseder Zeit, die vergangenen wie die kommenden, denn seinWirklichkeitssinn sagte ihm, daß ein Volk, das die alte Obrigkeitsgewaltmit einem bloßen Heben der Achseln abgeschüttelthabe, in einen Taumel der Überhebung geraten müsse undjede neue von ihm selbst bestellte Obrigkeit nur als Ausführerinder eigenen Wünsche und Befehle ansehen würde,die bei nicht zusagender Arbeit ohne weitere Kündigungwieder auf die Straße zu setzen sei. Ein Spatzenschreckwar sie bestenfalls, und im schlimmen Fall, der nicht außeracht gelassen werden durfte, eine Platzhalterin für diebrodelnden Gewalten der Tiefe.

Sein klarer Ernst wies ihn darauf hin, daß es Jahredes Sichtens und Schichtens bedürfen würde, bis sich dasgroße Leid Deutschlands in die Erkenntnis des neuen Tagesund seiner unerbittlichen Arbeitsforderungen umgewandelthaben würde, und seine tiefe Froheit war dankbar dafür,daß er für die große Menschheitsaufgabe noch ein Lebeneinzusetzen habe.

[S. 352]

Er schritt mit Christoph Attermann über die Werft, diebei dem Fehlen der Baustoffe und der wilden Steigerungaller Preise nur geringe Beschäftigung hatte. Er mustertedie Arbeiterschaft und fand nur noch ein Häuflein der Getreuestenvor. Gar mancher der Kräftigsten und Geschicktestenwar draußen vor dem Feind geblieben, und gar viele derLebenden waren auch dem stürmischen Drang der Zeit gefolgtund hatten den Platz gewechselt, um an den ausgebotenenRiesenlöhnen leichteren Anteil zu gewinnen.

Die Pflegebrüder besprachen in großen Zügen die zuerstzu ergreifenden Maßnahmen.

»Die Tragbalken sind geblieben. Zwei Dinge kommenin Betracht: Arbeit hereinzuholen und — die Lust an derArbeit zu heben. Das erstere ist nicht so schwer. DieSchiffsparks befinden sich allenthalben in Unstand, und dieHolzpreise werden bezahlt werden müssen, bis die wiedereinsetzendeEinfuhr sie eines Tages von selber regelt. Darnachmüssen wir uns bei den Abschlüssen halten. Der zweitePunkt aber, die Lust an der Arbeit zu heben, setzt einigeEigenschaften voraus, die wir beide wohl bei uns als vorhandenansehen dürfen: ein wenig mehr Menschenliebe undein wenig mehr Selbstlosigkeit. Das gilt für uns im kleinenwie für das Vaterland im großen. Wir wollen in allerRuhe und Klarheit an die Ausarbeitung eines Entwurfesgehen.«

Und Martin Opterberg schritt den Rhein hinab zu seinemvereinsamten Haus, und Linde Baumgart ging neben ihm.»Ich muß wieder seßhaft werden, Linde,« sagte er, »undunter meinem eigenen Dach wohnen. Sonst fühl’ ich mich[S. 353]nur als Gast im Haus und leicht dadurch auch im Werk.Schließ auf. Ah, da ist ja mein großes, stilles Arbeitszimmer.«

Sie ging vor ihm her, von einem Raum zum anderen,und öffnete die Läden, damit das grüßende Licht ihnempfange und alle Dunkelheit vor seinem Fuß zerflattere.Der Herr des Hauses sollte das Haupt heben bei jedemSchritt.

Er bemerkte ihr heiteres Handeln wohl und auch dieOrdnung, die überall gehalten war.

»Hier warst du wohl öfters, Linde?«

»Wir müßten sonst mit dem Taucherhelm in die Staubwogen.«

›Vierundeinhalbes Jahr hat sie hier im Stillen geschafft,‹dachte er, ›und das Deine betreut, während du im Feldelagst und mit keiner Zeile darnach fragtest.‹ Und er tratvor sie hin und ergriff ihre Hand.

»Nun müßt’ ich dir einen großen Dank sagen, und eswird doch wieder eine neue große Bitte. Würdest du mithierher übersiedeln und mir das Hauswesen leiten? Ichmöcht’s gern heimatlich behalten.«

»War das die große Feierlichkeit wert? Ich hab’s mirschon halb und halb gedacht und auch mit den Attermannsbesprochen.« Sie knixte lachend. »Morgen kann ich Einstandhalten und bitt’ um gute Behandlung.«

»Mädel …,« sagte er, und dann ging er weiter.

Von Stund’ an aber regte sich das Leben wieder imOpterbergschen Haus und lief durch alle Räume und suchtedie Freude und fand sie allenthalben. Linde Baumgart[S. 354]leitete in Küche und Keller ein stämmiges Westfalenmädchenan, und so stark machte sich die Schule der Frau Christianegeltend, daß es Martin Opterberg oft war, als wäre erdaheim in der Hut der Mutter. Oft blieb er am Abendnoch ein Stündchen am Eßtisch sitzen und horchte auf ihrwohltuendes Geplauder. Öfter aber noch nahm er sie mitin sein Arbeitszimmer hinüber, wo sie still mit einem Buchunter der Lampe saß, immer bereit, auf eine Frage eineAntwort zu erteilen. Mehr und mehr führte er sie in seinePläne ein.

An einem Abend erzählte er ihr von dem JugendfreundeBroich und dem Wiedersehen in Düsseldorf. »Als Hauptmannließ er dem Vaterland seine rechte Hand. Jetzt verkaufter ebenso stolz mit der Linken Zeitungen, und Frauund Kinder helfen ihm. Diese heilige Anschauung vonArbeit und Familienleben hat einen starken Eindruck aufmich gemacht.«

»Ich wüßt’, was ich tät’,« sagte Linde Baumgart.

»Dann laß es mich auch wissen.«

»Aus solchen Hauptleuten müßt’ sich das ganze Volk zusammensetzen,wenn’s wieder werden wollt’. Ich würd’ ihn,wenn ich der Martin Opterberg wär’, zu mir holen undihm die kaufmännische Leitung des Werks übertragen. Undich hätt’ nicht nur den zuverlässigen Mann, sondern auchganz nah bei mir den Freund. Alte Freunde aber bedeutenneue Jugend.«

Einen Monat später siedelte der einhändige Broich mitFrau und Kindern über. Er schlug seine Wohnung imGeschäftshaus der Werft auf, und es war vor allem Therese[S. 355]Attermann, die der Jugendfreundin und einstigen Mitstudierendenmit Rat und Tat zur Seite stand. Allwöchentlichfand sich der Freundeskreis zu einem Plauderabend zusammen,abwechselnd im Hause eines jeden, und die FreiburgerErinnerungen stiegen auf, wurden lebendig und inheitere Verklärung gesetzt.

Auch nach der Lautenspielerin wurde verlangt, aberTherese Attermann verschloß sich zum ersten Male denBitten der Freunde und selbst denen ihres Mannes undblieb dabei, das Erinnerungsbild würde Schaden leiden,wenn sie hier die Jugend von ehemals vortäuschen wolle,und das leide ihre weibliche Eitelkeit nicht. Darum müsseihre um so viel jüngere Schwester Linde die Rolle übernehmen.

Da sang Linde Baumgart die Lieder zur Laute an derSchwester Statt, die alten Volks- und Liebeslieder, die vollvon der Sehnsucht sind und ihren Erfüllungen. Das Lachenihrer Augen schwand und wurde ein fernes Fragen undHorchen. In sich gekehrt und dem Kreis entrückt saß sieund schmiegte die Wange an den Lautenhals, wie es einstdie Therese Baumgart getan hatte in den Tagen derSchwarzwaldwanderungen, und Martin Opterberg schautemit gebannten Augen auf das Bild, wie es Therese Attermanntat, die mit feuchten Augen lächelte…

An einem dieser Abende brachte Broich einen Brief mit,den er am selben Tage von Tillmann erhalten hatte. DerArmierungssoldat und Kunstgelehrte war, kurz nach derletzten Begegnung mit Martin Opterberg und ChristophAttermann, bei einer Grabenüberrumpelung in französische[S. 356]Gefangenschaft geraten und nun mit einem der ersten Gefangenenschübeins Rheinland zurückgesandt worden. Indem Briefe bat er um eine Unterredung mit den Freunden,da er »auf Grund gegenseitiger Abneigung« die Scheidungvon seiner Frau und diese die Scheidung von ihm beantragthabe.

»Nie ist eine Abneigung gegenseitiger gewesen,« schloßer grimmig, »und das ist meine einzige Genugtuung.«

Über nichts anderes wurde an diesem Abend gesprochenals über den begeisterungsseligen und so übel entgleistenFuchsmajor der Freiburger Burschenschaft. Die Freunderiefen sich das Bild des flotten Studenten auf dem Kneip-und Fechtboden in die Erinnerung zurück und gedachtendes Eindrucks, den der schwärmende Führer bei ihrem erstenAnstieg auf die Schloßberghöhen in ihrem jungen Bluthinterlassen habe. Und die Frauen rühmten sein ritterlichWesen auf Wanderungen und Schneeschuhfahrten. Aberauch seine Wandlungen seit Eingang der Ehe mit der verwöhntenund anspruchsvollen Klarenbachin erwähnte Broich,seinen wissenschaftlichen Müßiggang und sein Beharren imstudentischen Ton und Gehaben.

»Sie hat ihn doch gewählt, weil er ihr von allen derLiebste war,« meinte verwundert Frau Hilde Broich.

Therese Attermann schüttelte nachdenklich den Kopf. »Siehat ihn gewählt, weil er ihr, solang sie selber Studentinwar, in seiner Fuchsmajorwürde und freiherrlichen Burschenartden stärksten Eindruck machte. Das galt für das kleineund genügsame Freiburg und für das romantische Studentenleben.Für das reiche und großartige Düsseldorfer Fabrikantenleben[S. 357]langte die Fuchsmajorwürde nicht aus undhielt darum die Mädchenbegeisterung nicht vor.«

»Aber sie hieß doch die eifersüchtigste Frau weit undbreit?«

»Weil sie ihn nährte und kleidete und darum als ihralleiniges Eigentum ansah. Das ist durchaus bezeichnendfür diese Frauenart und braucht mit einer Liebesregungnichts mehr zu tun zu haben.«

»Aber sie war ihm treu,« sagte Martin Opterberg.

Therese Attermann sann nach. Ihre Augenbrauen rücktenaneinander.

»Ich mag das nicht für ein Verdienst halten. Er mußteja jeder ihrer Winke gewärtig sein. Es gibt eine Treue,und ich weiß es aus den Vorkommnissen in meinem Beruf,eine hirn- und seelenlose Treue, die den Mann bis zureigenen Untreue plagen kann. Mir scheint, der HeißkopfTillmann ist auf ein totes Gleis verfahren worden, als erallzu hastig nach dem goldenen Vögelchen griff.«

»Was nun mit ihm? Sein Notruf geht an die Freunde.«

»Laßt ihn herkommen. Viele schauen anders aus, alssie schreiben. Oft leichtfertiger, oft zerschlagener.«

Und Tillmann kam. Sein einst so gutgehaltener Körperwar durch die schwere Schanzarbeit ausgereckt, seine Armeerschienen länger, seine Hände hingen breit und plump inden Gelenken. Ein gequälter Zug stand in seinem Gesichtund ein aufflackerndes Mißtrauen in seinen Augen. Erstieg im Hause Attermann ab und redete in den erstenzwei Tagen kaum ein Wort.

Frau Therese ließ ihn ruhig gewähren. Mit dem geschärften[S. 358]Blick der Ärztin erkannte sie sofort die seelischeNatur seines Leidens und den knirschenden Kampf zwischenHaß und Scham.

Scharf und argwöhnisch beobachtete er seine Gastgeberin.Aber als sie sich in ihrer frohen Güte immer gleich bliebund keinerlei Unterschied zwischen ihm und den anderenFreunden machte, wurde sein Blick ruhiger, und der Mundfand ein Dankeswort.

»Ich bin wie ein mißtrauischer Hund. Ihr müßt mirdas schon verzeihen. Aber wer das durchgemacht hat inder Gefangenschaft« — er ballte wie im Krampf die unförmiggewordenen Hände — »dieses Angespucktwerden vonFrauen und Kindern, dieses Herumgestoßen- und Getretenwerdenvon Aufsehern und Soldaten, dies hämische Angelocktwerden,um zum gemeinsten Schabernack zu dienen,dem ist es gleichgültig geworden, ob er im Steinbruch gearbeitethat, bis er zusammenbrach, oder ob er blindgegangeneGranaten aus den Ackern buddeln mußte undjederzeit in Fetzen fliegen konnte.«

Erst hatte er langsam und mit schwerer Zunge gesprochen.Dann aber geriet er in eine Hast, und die Worte überstürztensich.

»Ohne Waffe, mit der Schippe in der Hand, wurdenwir aus dem Grabenstück herausgeholt, wie eine Herde Viehwurden wir behandelt. Einerlei — alles einerlei. Einmalmußten wir ja erlöst, heimgeschickt, von der dankbarenHeimat wehmütig ans Herz gedrückt werden. Herrgott,die Träume — die verrückten Träume! Ein ganz neuesLeben hab’ ich mir ausgemalt. Zusammengehörigkeitsgefühl[S. 359]in dieser Zeit der Not und Schmach. Und eine Reinigung,ein Emporsteigen durch den neuen Arbeitswillen. An eineweinende Frau dacht’ ich. Bei Gott, es war nur einekeifende.«

Die Freunde saßen stumm und schauten zur Erde. Undder Ergrimmte fuhr fort, sich zu befreien.

»Ja, ja, ja, sie war es satt mit dem Herumtreiber,gründlich satt. Der Mensch hatte sie ja schon in Friedenszeitenbloßgestellt und im Kriege lächerlich gemacht. Undjetzt kam er wie ein Straßenlump daher, der sich bei Tischekratzt und seine Kotstiefel auf ein geblümtes Kanapee streckt.O nein, gesagt und ausgesprochen hat es die geboreneKlarenbach nicht, aber fühlen lassen hat sie es mich, sotodmüd ich war, und ein beständiges Gezeter unterhalten,das um den Kern der Sache herumschoß wie die Katze umdas Wollknäuel und mir langsam und sicher die Schamvor dem eigenen Leib aus allen Poren trieb, als hätt’ ichden Aussatz. Und dann kam der Haß hinzu, der Haß aufdie Frau, die mich wie einen jungen Tanzbären am Nasenringherumgeführt hatte, um mich in die Ecke zu jagen,als sich Motten im Pelz zeigten. Diese Motten aber hatteich vom deutschen Vaterland statt Orden und Ehrenzeichenerhalten, und als sie mich darum schmähte, nahm ich denletzten Rest von Anständigkeit zusammen und warf sie ausdem Zimmer. Schlußerfolg: Gegenseitige Klage auf Grundgegenseitiger Abneigung.«

Tillmann schwieg. In seinen Augen flackerte und funkeltees. Der ganze, ein Jahrzehnt lang angesammelte Grimmdes unterjochten Mannes durchtobte ihn. Und plötzlich[S. 360]schlug er in die Ergriffenheit der Freunde wie mit derFastnachtpritsche hinein:

»Bemogelt hab’ ich sie trotzdem. Des freut’ sich meineSeele. Bemogelt, wie der Schoßhund seine Herrin bemogelt,wenn er brav durch die geöffnete Haustür schreitetund draußen, hast du nicht gesehen, um die Ecke wischt.Vom ersten Ehetag an hat sie mir Taschen und Schreibtischdurchsucht, aber nichts fand sie, nichts als alte, vergilbteLiebesbriefe aus Großmutters Zeiten, und die sammelteich als Kunstgelehrter und Kulturforscher, je mehr, je lieber.Da hatt’ ich ein lustig Mittel für meinen lustigen Briefwechselgefunden. Tusche, meine lieben Freunde, ein bißchenchinesische Tusche in ein paar Tropfen Milch verrieben —Herr meines Lebens, das wurde eine Tinte, so grau undgilb auf dem Papier, als wär’ sie in der Biedermeierzeitaus dem Federkiel geflossen. Damit hab’ ich sie angeführt.Mit der Milchtusche, meine lieben Freunde, die ich alsZeichen meines Vertrauens vergab, wenn mich der Nasenringverrückt machen wollte. Nun ist es kein Geheimnismehr. Ich habe es der Allergnädigsten zum Zeichen meinerDankbarkeit mitgeteilt.«

Und nun lachte er, bis es ihn wie ein Weinen schüttelte.

Frau Therese Attermann war auf den Widerstandslosenzugetreten. Ruhig und schlicht.

»Jetzt werden zunächst die Kräfte gesammelt und dieNerven zurecht geflickt. Dazu ist dies gerad’ das rechteHaus. Denn dies ist ein Freundeshaus für den Sommerund Winter im Leben. Ausgeschlafen, ausgeschlafen! Wirsterben noch lange nicht.«

[S. 361]

Tillmann erhob sich. Er kam zu sich und starrte verwirrtauf die Sprecherin. Und dann ergriff er ihre Hand,drückte seine Lippen darauf und ging auf sein Zimmer.

»Was tun wir mit ihm?« fragten sich nach einer lastendenPause die Männer.

Und Linde Baumgart sagte und atmete tief auf: »DieTherese hat’s ja schon ausgesprochen. Er ist jetzt unterFreunden. Und die Freunde werden ihn wieder zum Menschenaufrichten, indem sie ihm wieder zum Arbeiten aufhelfen.Wenigstens würd’s so die Frau Christiane halten.«—

In dieser Zeit hatte Martin Opterberg seinen neuenWirtschaftsplan vollendet, der kühn und klar den alten erweiterteund die Arbeitsleistungen heben sollte durch gehobeneArbeitsfreudigkeit.

»Um uns her kracht es vom Niedersturz,« erklärte er denFreunden Attermann und Broich. »Eine alte Welt, einealtgewordene Menschheit bricht zusammen. Wir wollen eineneue errichten helfen. Nicht mit der Gewalt, mit der Erkenntnis.Noch stärker als bisher wollen wir die Arbeiterbeteiligen und alle Angestellten. Jeder soll erlernen können,wie man durch Kopf- und Handarbeit in die Höhe gelangt,wenn man sich selber einsetzt. Jeder soll durch erhöhteGewinnbeteiligung das Werk, was er schafft, nicht mehrals ein fremdes, sondern als ein eigenes ansehen lernen,für das er einsteht mit seinem Stolz und seiner Kraft.Ähnlich, wenn auch in kleinerem Ausmaß, hielt ich es jaschon früher. Jetzt aber hab’ ich einen weiteren Schrittgetan und eine neue Werftordnung geschaffen. Ich begebemich eines Teiles meiner Rechte zugunsten des Ganzen.[S. 362]Freiwillig und vertrauensvoll lege ich die Angelegenheitenmeiner Mitarbeiter in ihre eigenen Hände. Sie sollen sichselbst regieren nach einem frei von ihnen erwählten Gesetz,bei dessen Grundlegung wir nur ihre Berater sein wollen,und da sie am Aufblühen und Gedeihen des Werkes mitGeldeswert beteiligt sind, werden sie die Faulen und Unbotmäßigenvon selber ausmerzen. Alles dies, wenn meinTeilhaber Christoph Attermann zustimmt und unser kaufmännischerund juristischer Leiter Broich meine Aufstellungengeprüft und gebilligt hat.«

»Sprich weiter,« sagte Christoph Attermann. »Hier istin Wahrheit Morgenluft.«

»Wenige Worte noch,« fuhr Martin Opterberg fort,»denn alle Einzelheiten findet ihr in diesem Betriebsplanausgearbeitet. Worauf es ankommt, ist die Kerntruppe.Ein kleiner Stamm ist noch vorhanden. Ich weiß ein paarDutzend Pioniere, die sich mit mir durch Dick und Dünngeschlagen haben, Leute von eisernem Pflichtgefühl im Lebenund im Sterben, Zimmerleute und Maschinenschlosser fürunsere Werft, Schiffer für unseren Frachtdampfer, der baldhinausgehen wird. Ich will zu ihnen und sie befragen.Um diese Kerntruppe soll sich der weitere Stamm bilden,sie soll die Arbeitsbedingungen und die Grundlöhne fürdie nächsten festsetzen wie auch die Entlassungsgründe, undmit den nächsten wieder für die übernächsten. So erziehenwir freie, selbstbewußte Männer und keine Knechte, unduns Führern wird freiere Hand und freieres Hirn fürimmer größere Aufgaben.«

Er dachte nach.

[S. 363]

Vor seinem inneren Blick entstanden die Bilder deskünftigen Lebens.

»Das ist das Ziel: aus unserem Volk ein Herrenvolk,ein Volk von Herren zu machen! Wenn ich in England,wenn ich in Amerika den geringsten Arbeiter spreche, sobeansprucht er von mir den Titel eines ›Gentleman‹, undin Italien dreht euch selbst der herumlungernde Lazzaroniverächtlich den Rücken, wenn ihr in ihm trotz seiner zerfranstenBeinkleider nicht den ›Galantuomo‹ begrüßt. Nurdie Masse der deutschen Arbeiter suchte bisher ihre Ehredarin, als ›Proletarier‹ zu gelten. Hier muß der Hebelangesetzt werden. Von unten herauf, aus dem Kleinstenheraus muß das Volk und mit ihm das Vaterland zumBegriff der eigenen Würde herangebildet werden, dennweder Geldverdienen noch Geldvergeuden, nur das Bewußtseinder eigenen Würde bringt uns Freiheit undMenschenglück. Der Letzte unter uns muß ein Adeligerwerden.«

»Wir gehen mit dir,« sagte Christoph Attermann, undBroich gab ihm mit kräftigem Schlag die gesunde Linke.

Eine Zeit rastlosen Schaffens brach für Martin Opterbergherein. Tage hindurch beriet er mit dem Pflegebruderund dem Freund Punkt für Punkt den neuen Wirtschaftsplan,und der ruhig wägende Jurist in Broich hielt gegendie vertrauensfreudige Denkart der Opterbergbrüder dasGleichgewicht und brachte Punkt für Punkt in die nüchterne,unangreifbare Fassung des Tages.

Dann blieb Martin Opterberg eine Woche verschwunden,und als er heimkehrte, konnte er von seinen alten Pionieren[S. 364]berichten, von denen er ein paar Dutzend aufgesucht undals Mitarbeiter am neuen Wirtschaftsplan verpflichtet hatte.Und schon griff er wieder die Wohnungs- und Siedlungsfrageauf. Da lag das vor Kriegsausbruch gekaufteGelände mit halbverfallenen Bauernhäusern, die von deneinstmaligen Pionieren gleich nach ihrem Eintreffen niedergelegtund mit den alten Baustoffen neu wieder aufgerichtetwurden.

»Schon’ dich,« bat Linde Baumgart, wenn sie ihn eineStunde lang zu Hause sah.

»Bis der Friede unterzeichnet wird und das Leben wiederin seine Bahnen fluten kann, müssen wir fertig und bereitsein, Linde. Könntest du eher Freude gewinnen, Mädchen?«

Sie blickte in die Ferne, als suchte sie den Friedenstag —und schüttelte den Kopf.

»Nein, Martin. So wenig wie du. Und es ist recht so.«

»Aber du sollst dich mehr schonen und mir nicht abfallenvor der Zeit.«

Sie strich mit den Händen an sich herab, als er schonlängst gegangen war, über die sehnsüchtigen Mädchenbrüste,über die verlangenden Arme … »Daß du mir nicht abfällstvor der Zeit,« hatte Martin Opterberg gesagt. »Vorder Zeit!…«

Noch immer hielt das Krachen und Niederstürzen imLande an und, wie ein Hohn auf das Elend, die Schaffensunlustund die Gier nach mühelosem Erwerb. Eine Arbeitsniederlegungfolgte der anderen, das Heer der Arbeitslosenwuchs, und allerlei dunkle Glaubensboten undGlücksverkünder tauchten auf, um die Leidenschaften anzustacheln[S. 365]und in der Trübung der Gemüter auf Beuteauszugehen.

Martin Opterberg und seine Freunde arbeiteten unermüdlich.Mit jedem Meister und jedem Gesellen bis zum ungelerntenArbeiter hinab war ein besonderer Vertrag geschlossen,und alle die Männer schritten festen Fußes überden Werftplatz, als spürten sie unvergänglichen Heimatbodenunter sich. Selbst Tillmann hatte sich an einemMorgen freiwillig eingefunden und bat Broich, ihn bei derBewältigung der Briefschaften unterstützen zu dürfen. Dasnahm der Einhändige mit Freuden an, und in der gewonnenenFreizeit richtete er zum Schutz gegen streifendes undplünderndes Gesindel eine Werftwehr aus den gedientenLeuten ein und verteilte die Wachen.

Und wieder ging Martin Opterberg auf die Reise. Ersuchte die Reedereien des Niederrheins auf und holte Aufträgeherein. Er besuchte die Holz- und Stahlwerke Westfalensund gab seine Bestellungen auf mit kürzester Lieferfrist.Seinem persönlichen Eingreifen gelang es, Widerständeauszuräumen und den Geschäftsverkehr trotz dersorgenvollen Zeit lebendig zu gestalten. Es ging ein starkerZukunftglaube von ihm aus, und man vertraute seiner Art.

In einer Arbeiterstadt des Rhein- und Ruhrgebiets verbrachteMartin Opterberg die letzte Nacht. Schon neigtesich der Mai dem Juni zu, aber die Nächte waren nochkühl in diesem Strich und der Frühling in diesem Jahreherber denn je. ›Und doch wird er kommen, denn es istein Naturgesetz,‹ dachte Martin Opterberg, der schlafloslag. ›Den Glauben festhalten und bei der Stange bleiben!‹

[S. 366]

Von der Straße her drang seit Stunden ein Murmelnzu ihm auf. Er öffnete das Fenster und blickte hinaus.In der grauen Dämmerung der Tag- und Nachtgleicheersah er eine endlose Reihe von Karren und Handwagenjeder Art, die vom nahen Bahnhof bis tief in die Stadthinein reichte. Hier und dort war ein Hund vorgespannt,die meisten aber wurden von Frauen und Kindern gezogenund geschoben. Jetzt hingen diese Menschen ermüdet undübernächtig an ihren kleinen Wagen und warteten, wie sieschon Stunden gewartet hatten. Vom Bahnhof her kamdas Rollen eines einfahrenden Zuges. Der Pfiff der Maschineschrillte durch den ergrauenden Morgen und jagtedie Müden aufhorchend empor. Die Väter kamen, dieMütter, die Brüder und Schwestern. Von den Bauernhöfen,viele Fahrmeilen weit, kamen sie zurück, zu denensie am Abend nach der Tagesarbeit hinausfuhren, umLebensmittel einzuhandeln. Unter Kartoffelsäcken stöhnend,mit Körben beladen, erschienen sie zu Hunderten auf demBahnhofplatz, und der Karrenzug setzte sich in Bewegung,die Füße liefen Trab, und plötzlich war es ein Anstürmenund wildes Anschreien der Hunderte von Erwartungsvollengegen die Hunderte der heimkehrenden Nachtfahrer. Es warder Hunger, aber auch die Angst vor dem Hunger, undaus der Angst entsprang die Gier: erfassen, was zu erfassenist.

Dann lag der Platz öd und stumm im Morgendämmern,und nur aus der Ferne knarrten die Räder, flogen zersetzteAusrufe hin und her durch die Luft…

Martin Opterberg trat vom Fenster zurück. Und während[S. 367]er sich ankleidete, sah er im Geist ein anderes Bild,und er sah die Gebrüder Barthelmeß und ihre ungezähltenGenossen in fürstlichen Mercedeswagen durchs deutsche Landdahinsausen, zu entwertetem Geld die Lebensmittel vor denHungernden und Verängstigten hinwegkaufen und sie gegenvollwertiges Feindesgeld durch das ›Loch im Westen‹ schaffenoder gegen Wuchergeld im Lande weiterverkaufen.

Ein Murren lief durch das verelendete Volk und wurdezum wütenden Aufbegehren, aber die Geier blieben unbehelligt,und die Kraftwagen sausten in Staubwolken durchsLand.

Am Abend dieses Tages saß Martin Opterberg in seinemArbeitszimmer, und am Tisch ihm gegenüber, die Wangein die Hand geschmiegt, saß Linde Baumgart.

»Schau, Mädchen,« sagte er, als er seinen Bericht geendethatte, »es scheint der Kampf der Besitzlosen gegendie Besitzenden, was wir in dieser Zeit erleben, aber esscheint nur so. Denn der ehrliche Besitz liegt längst inTodeszuckungen, und nur die dunklen Geschäftemacher blühenund gedeihen und verschleppen ihren Raub ins sichereAusland.«

»Wenn es nur so scheint — was ist es denn in Wahrheit?«fragte Linde Baumgart und richtete den Blick aufsein gesammeltes Gesicht. »Weshalb wirft sich das ausgeplünderteVolk nicht auf jeden Wucherer und Verschieber?«

»Weil diese Menschenklasse einen rohen und ungebildetenSchlag darstellt, der in der niedersten Sprache zu sprechenweiß und großtuerisch-freigebig mit Tausenden um sichwirft, während er heimlich Millionen zusammenrafft. Ach,[S. 368]Mädchen, öffne deine Augen weit und blick tiefer. Es istnicht der Kampf und Haß gegen den Besitz, den sich dieneue Menschheit wohl über Nacht erwerben kann, es istder Haß gegen die in der Zucht von Geschlechtern erworbeneVornehmheit, die sie sich nicht über Nacht erwerben kann,und wenn sie selber im gestickten Frack herumläuft und dieanderen nur im gewendeten Anzug. Das, Linde, das istder tiefste Grund des Kampfes.«

»Bleib nicht stehen, Martin. Sprich ein Wort dazu.Einen Hinweis auf eine Wandlung…«

»Zu einer Wandlung wird ein Menschenalter gehörenund mehr,« sagte nachsinnend Martin Opterberg. »Siereden so viel von einer Einheitschule für alle Besitzstände.Gut, sie sollen sie schaffen. Aber dann sollen sie auch dieAuswahl, die sich herausarbeitet, als ihre Führer anerkennenund ihr geschlossen auf den Wegen folgen, die sie ihnenzur neuen Höhe weist. Entweder — oder!«

»Weißt du noch ein Wort, Martin, von den Dingen, dieuns nottun? Ich möcht’ lernen.«

»Ja, Linde, ich weiß noch ein Wort von solchen Dingen.Ich hab’ unser hergebrachtes Christentum im Auf und Abgesehen, und es hat die Probe nicht bestanden. Da solltenwir die alten Fäden nicht gedankenlos aneinander- undweiterknüpfen. Was uns nottut, Linde, und zumal unsniedergebrochenen Menschen in deutschen Landen, das ist:mit der Erneuerung des Menschentums eine Erneuerungdes Christentums. Des Christentums als Kulturträger.«

»Sag es mir …« bat Linde Baumgart durch die stilleAbendstunde.

[S. 369]

Und Martin Opterberg sprach in der Stille seine Gedankenaus.

»Gott ist die Allmacht, und er regiert über Milliardenvon Weltkörpern, unter denen unsere Erde nur einer dervielen kleinen ist. Christus aber, der Gottmensch, ist derMittler zwischen Gott und den Menschen der Erde, zwischender Allmacht und einem winzigen Teil des Weltalls. Sogroß müssen wir den Herrgott nehmen und uns so klein,damit wir überhaupt den richtigen Maßstab gewinnen undden klaren Erkenntnisblick. Denn das sagt mir eine innereStimme: Dasjenige Volk wird im Glücke leben, das inseiner Gottesverehrung und seinem Menschenglauben diegrößte Klarheit und die größte Einfachheit geschaffen hat.Vereinfachung der Glaubenslehre! Das ist der weltbewegendePunkt. Das sprach schon einmal meine Mutter, als ichnoch ein Knabe war, in dem knappen Satze aus: ›Mehrinwendig lernen und weniger auswendig!‹ Was nützen unsdie Geschlechterverzeichnisse der Juden und die Entwicklungsgeschichtenihrer Stämme? Stammten wir aus ihrem Samen,so wäre es letzten Endes auch für die Geschichte des Glaubensnoch hinzunehmen mitsamt den Weissagungen fürdiese Volksfamilie. Wir aber entstammen den UrwäldernGermaniens und kämpften uns durch unsere Götter Wodan,Donar und Baldur zu unserem Glauben hindurch. Sieaber, so heißt es, sind unerheblich für die Reinheit desGlaubens. Also werden die fremden Baals und goldenenKälber wohl ebenso unerheblich für die Reinheit des Glaubenssein. Gebt uns des Gottmenschen Christus Lebenund Lehren zum Vorbild und führt die Menschen vor die[S. 370]Größe und Erhabenheit der Gotteswelt, vor die göttlichenWunder der Natur und des Sternenhimmels, bis sie erschauernvor der Allmacht und sich würdig machen desGlücks, in ihr ein Mensch zu sein.«

Er schwieg, und in seinen Augen stand die Freude amLeben.

Und Linde Baumgart sagte in die Stille des Abendshinein: »Die Quelle der Frau Christiane hat uns auchdies Mutterwort aus dem dunklen Berg in das helleLicht geholt. Mehr inwendig lernen — und weniger auswendig.«——

Der Stille des Abends folgten sturmschwere Tage. Sendbotenpredigten ungestört in der Gegend ringsum, verwirrtendie Begriffe, reizten die Arbeitsscheuen auf gegendie Arbeitsfreudigen. Mancherorts wurde mit Gewalt dieStillegung der Werke erzwungen, um jede und die letzteObrigkeitsgeltung hinwegzufegen und den ungezügeltenWillen an ihre Stelle zu setzen. Ein Wüten von Blindenund Tauben hatte begonnen, die um einer Handvoll rauschenderFeiertage willen die Selbstvernichtung daran wagten,und in den Junitagen schlug der Name des Doktors Radermacheran Martin Opterbergs Ohr.

Er horchte auf. Ein schrilles Warnungszeichen war durchseine Seele gefahren.

Langsamen Schritts ging er über die Rheinwerft undsuchte Christoph Attermann auf. Der Pflegebruder hörteihn mit zusammengezogener Stirn an. »Ich ahnte es,«sagte er und stieß den Atem durch die Nase.

»Du ahntest es?«

[S. 371]

»Es hat keinen Grund mehr, es dir zu verschweigen.Gestern ist die Linde Baumgart von einer Frauenspersonauf der Straße angehalten und angeredet worden.«

»Von einer — Frauensperson? — Kenn’ ich sie etwa?«

»Wenigstens kanntest du sie einmal. Aber das ist Jahreher und gänzlich ausgelöscht.«

»Sabine —?«

Christoph Attermann nickte nur.

»Sabine?« Martin Opterberg packte des PflegebrudersArm. »Sie ist anmaßend geworden gegen die Linde?«

»Mehr. Sie ist frech geworden. Wie eine Dirne frechwird.«

»Christoph — ich muß jedes Wort wissen. — Was istmit der Linde geschehen? Was hat sie von ihr gewollt?«

»Auf der Straße gestellt hat sie die Linde. Und gesagthat sie, ob sie das Liebchen von Martin Opterberg wär’?«

»Und die Linde?«

»Geantwortet hat sie: sie wünscht’, sie wär’s, denn esmüßt’ eine Ehre sein, von Martin Opterberg geliebt zuwerden.«

»Linde … Linde…«

»Und dann ist sie weitergeschritten, und die Frauenspersonhat hinter ihr drein geschrien: es läg’ noch eineHundspeitsche im Zimmer oben, und die käme sie sichholen, wenn der Herr und sein Liebchen zu Hause wären.«

»Christoph,« sagte Martin Opterberg nach einer stummenWeile, »weshalb hör’ ich erst heute davon?«

»Weil die Linde verlangt hat, der Schlamm solle nichtan dich heran.«

[S. 372]

»Aber an sie selber ist er herangespritzt!«

»Sie hätt’ ihren Regenrock angehabt, hat das Mädelgesagt, an dem wär’s glatt hinuntergegangen.«

Da tat der Martin einen tiefen Atemzug.

»Ich möcht’ zu ihr, Christoph. Alles, was froh in mirist, treibt mich zu ihr. Aber auf der Werft machen sieFeierabend, und es ist nötig, mit den Leuten zu sprechenund sie für jeden Fall bereit zu halten.«

Als er mit einbrechender Nacht in sein Haus eintrat,berichtete ihm das Mädchen, daß Linde Baumgart früherals sonst ihr Zimmer aufgesucht habe.

Da öffnete sich im Obergestock schon ihre Tür. »Brauchstmich noch, Martin?« tönte ihre Stimme ins Haus.

»Gute Nacht, Linde—«

»Gute Nacht, Martin.«

Aber es wurde keine gute Nacht für Martin Opterberg.Der Gedanke, daß die Linde von dieser — dieser Fraualler Vergangenheiten auf offener Straße angefallen, angetastetworden sei, trieb ihm den Schweiß auf die Stirnund raubte ihm aufs neue den Atem. Stunde auf Stundelag er wach und kämpfte immer mit demselben Bild, biser sich im ersten Morgendämmern erhob, sich hastig ankleideteund den Rhein entlang zur Werft schritt.

Trotz der frühen Stunde traf er die Freunde schon versammeltund im ernsten Gespräch mit den Leuten, die dieNacht in der langen Werfthalle auf Hobelspänlagern zugebrachthatten.

»Etwas Neues vorgefallen?« fragte er Christoph Attermann.

[S. 373]

»Die Hochöfen dort drunten am Rhein sind in der Nachterloschen. Schau hin, es steigt keine Flamme mehr. Dasbedeutet, daß sie in der Nacht mit Gewalt zum Erkaltengebracht worden sind.«

Broich trat mit Tillmann hinzu.

»Ich erfahre soeben von Tillmann, der in der nächstenOrtschaft war, um sich umzuhören, daß die Arbeiter voneiner bewaffneten Bande gezwungen worden sind, die Hochöfenauszublasen und die Werke stillzulegen. Die Bandezieht jetzt auf uns zu. Unsere Leute sind vollzählig aufder Werft, die Wehr ist bewaffnet. Hier bring’ ich fürjeden von euch einen Revolver, denn es kann ein Tanzwerden.«

Um die siebente Morgenstunde wälzte sich ein tobenderMenschenhaufe heran. Martin Opterberg ließ das eiserneWerfttor schließen. Seine Männer standen in zorniger Erwartunghinter dem Plankenzaun.

Der Menschenhaufe kam näher und verteilte sich auf derZufahrtsstraße, um den arbeitswilligen Werftleuten denWeg zu versperren. Einer aber entdeckte das verschlosseneTor und die Männer hinter dem Plankenzaun und schriees nach hinten. Ein Mann eilte nach vorn und einewildfuchtelnde Frau mit ihm. Martin Opterberg spürte,wie ihm jählings alles Blut zum Herzen trieb. Wie durcheinen Schleier sah er den Mann und das Weib. Mitaller Willenskraft zerriß er den Schleier, wurde ganz kalt,ganz klar. Der Mann, der von draußen eine Aufforderungüber den Plankenzaun brüllte, war der davongejagteLehrer Doktor Radermacher, das Weib an seiner Seite[S. 374]Sabine Barthelmeß. Sie hatten sich also wiedergefunden,die Gezeichneten, wie Wölfe auf der Wildbahn.

»Kommt heraus, ihr Tagelöhner,« brüllte Radermacher,und seine Stimme überschlug sich vor Wut. »Nun hat’sein End’ mit der Sklavenarbeit. Nun sind wir die Herren!Hat euch euer Sklavenhalter hinter Schloß und Riegel gesetzt?Seid ihr freie Männer oder Feiglinge, die die Zeitverschlafen?« Da öffnete sich ein Flügel des Tores, undein Meister trat mit einigen Gesellen heraus.

»Wir sind freie Männer. Was stören Sie uns?«

»Stören sagte der Kerl? Ich werde dir gleich mal deinHirn aufstören, daß es Funken stiebt. Von keinem Arbeitergeschieht mehr ein Schlag da drinnen. Ist das verständlich,oder sollen wir nachhelfen?«

»Arbeiter in Ihrem Sinne gibt’s bei uns nicht. NurMitarbeiter, die Teilhaber am Werk sind. Sie können alsoruhig abziehen, da für uns gesorgt ist.«

Radermacher fuhr hoch. Seine Augen funkelten im Haß.»Bist du bei Sinnen, Mensch? Soll ich dir dein verfluchtesMaul stopfen? Hervor mit den Tagelöhnern, oder wirräuchern euch heraus!«

»Rühren Sie hier keine Planke an,« sagte der Meistergelassen. »Ich wiederhole Ihnen und den Leuten da allen:wir sind alle mitbeteiligt am Werk und wissen deshalbunser Eigentum zu schützen.«

»Ihr Spießgesellen eines Heckenritters!« schrie Radermacherund hob die Pistole.

»Torflügel auf,« befahl Martin Opterberg, und er standmit den Seinen auf dem offenliegenden Werftplatz.

[S. 375]

Im selben Augenblick aber sprang mit einem Aufschreidas Weib heran und schleuderte eine auflodernde Pechfackelin die Werfthalle hinein, daß aus den Gespänhaufendie Flammen wie rote Garben gegen die Balken prasselten.

»Drauf! Auf sie!« schrie ihr tobender Gefährte denHeranstürmenden zu und feuerte blindlings mit einer Pistolein die Werftleute hinein. Ihm nach seine Gesellschaft.Und dann krachte die Antwort. Ein Schuß in Sekundenkürzevor den anderen. Ein Schuß in Sekundenkürze hinterden anderen. Martin Opterbergs Kugel hatte den Anführerhintenüber geworfen. Jetzt wandte er sich blaßgegen die rasende Brandstifterin. Aber schon war allesvorüber, Massenfeuer und Einzelschuß. Er sah das Weibdie Arme hochwerfen und über den toten Gefährten stürzen.Als sich Martin Opterberg blitzschnell umwandte, blickte erin Christoph Attermanns rauchende Pistole. »Halbpart,Martin,« sagte Christoph Attermann, »wir haben immergeteilt.«

Martin Opterberg trat dicht auf ihn zu und sah ihm indie Augen, die standhielten.

»Quitt, Christoph…«

Hörnersignale aus der Ferne! Die benachbarten Ortswehrenrückten im Eilmarsch heran. Wie vom Erdbodenverschwunden war die führerlos gewordene Bande undhatte ihre Toten und Verwundeten mitgenommen.

»Löscht das Feuer,« befahl Martin Opterberg und gingmit schweren Schritten zu den Blutenden.——

[S. 376]

15

Über das Land lief die Erwartung des Friedensschlusses.Wie ein Wechselfieber liefen die angespannten Hoffnungen,die fassungslosen Niedergeschlagenheiten durch densiechen Körper.

Zu Versailles aber gaben die Sieger ihren Völkern einSchauspiel. Die im Laufe zweier Jahrtausende verfeinerteEmpfindungswelt war ausgebrannt wie ein Krater, inSchlacken türmte sich, was einstmals die Kultur der christlichenNationen geheißen hatte. Bis zum rohen Kitzel derHeidenzeit mußte zurückgegriffen werden, um die Schaulustder Massen zu befriedigen. Und man führte ein Heldenvolkvor, das vier endlose Jahre hindurch mit malmendenFäusten die ganze Welt zurückgeschlagen hatte, bis Heerund Heimat die Entkräftung des Leibes und der Seeleübermannte und ein Heldenvolk auflöste in zusammenbrechendeHaufen körperlich und geistig Entkräfteter. Manführte die Entkräfteten vor, die sich in der Qual einerhalbjährigen, demütigenden, von Hunger und Mißtrauengepeitschten Friedenserwartung selbst untereinander nochzerfleischt hatten, brach ihnen das Rückgrat und ließ sie wieerdefressendes Gewürm durch das kaudinische Joch kriechen.

[S. 377]

So waren die Tage beschaffen, die dem Sturm auf dieOpterbergwerft folgten, und wie Hammerschläge fielen sieauf Martin Opterbergs Hirn und Herz. ›Schlagt zu,schlagt zu,‹ dachte er, ›das Eisen muß gestählt werden.‹Aber wie die Schläge schmerzten, darüber sprach er zukeinem Menschen.

Der Tod der Sabine Barthelmeß und ihres Gefährtenhatte ihn einige Tage in eine selbstgewählte Einsamkeitgetrieben, die von den Freunden in schweigender Zurückhaltunggeachtet wurde. Diese Einsamkeit war eine gesteigerteArbeit vom Morgen bis in die Nacht. Die Feuerschädender Werfthalle mußten in kürzester Frist ausgebessertsein. Die Spanten eines neuen Frachtschiffes wurden aufdie Helling gelegt. Der schwimmende Frachtdampfer hatteklar zur Fahrt zu machen.

Wenn Martin Opterberg mit müden Gliedern in seinHaus heimkehrte, ließ er sich das Abendbrot in sein Arbeitszimmerbringen. »Hab ein wenig Geduld mit mir, Linde,«hatte er am ersten Abend des Werftüberfalls gebeten. »Esist noch einiges in mir abzurechnen, und das kann ich nurallein.«

»Sprich nicht erst, Martin,« hatte Linde Baumgart geantwortet,»es wär’ mir leid um mich, wenn ich erst derWorte bedürfen müßt’,« und sie war mit einem stillen undfreundlichen Blick aus dem Zimmer gegangen.

Auf ihrer Mädchenstube aber litt sie schwerer und heißerals der einsame Mann, von dem sie nicht wußte, wie heftigdie Geschehnisse seine Gedanken bewegen mochten, und oftsprang sie in der Nacht empor, horchte ins Haus, schlüpfte[S. 378]die Treppen hinab und horchte an seiner Tür, immer bereit,auf den leisesten Schmerzenston hin bei ihm einzudringenund ihn von seinen Lasten zu erlösen.

Aber Martin Opterberg hatte sich nicht in die Einsamkeitbegeben, um einen Schmerz niederzuringen oder einenStachel aus seiner Seele zu ziehen. Die Schläge, die aufsein Hirn und Herz niedergefahren waren, hatten den Volksangehörigenin ihm getroffen. Der Mann in ihm, der vorlangen Jahren von einer Sabine Barthelmeß gewußt hatte,fühlte keinen Schmerz. Und doch war es diese Schmerzlosigkeit,über die er zwei Nächte hindurch grübelte, die erdurchleuchtete und durchwühlte. Er griff in eine Leere, erleuchtete in ein Nichts. Und in der dritten Nacht erstfand er.

Es war kein Erschrecken in ihm, als das Nichts sich erhellteund aus der Leere aufrecht und stark die Genugtuungtrat. Die Genugtuung, befreit zu sein von seiner Lebensschmach.Die Genugtuung, zu leben und die Feinde dahinzu wissen. »Du oder ich?« hallte es ihm aus den Feldzugstagenin den Ohren. »Du!!« gellte es in ihm auf.Und er spürte aus grauen, altgermanischen Tagen das Blutder Voreltern in sich wogen. Er war Sieger.

Aber auch in Versailles wurde ein Schauspiel aus grauen,heidnischen Zeiten zu Ende gespielt. Die Friedensbedingungen,die das Siebzigmillionenvolk der Deutschen mitKeulen zu Boden schlugen, mußten von den Entwaffnetenund Entnervten gegen eine Henkersfrist unterschriebenwerden.

Nun galt es, in dieser Henkersfrist ein neues Deutschland[S. 379]zu schaffen oder sich in den Erbärmlichkeitstod durchden Strang zu schicken.

Als die Nachricht von der ungeheuren Schmach eintraf,die zu Versailles für das deutsche Volk und jeden Mann,jede Frau und jedes Kind in deutschen Landen ersonnenwar, begaben sich die Freunde in Martin Opterbergs Haus.Es war ein Junisonntag von sehnsüchtiger Schöne.

Aber der Mann in tiefer Trauer, den sie vorzufindendachten, war nirgend zu erspähen. Mit klarer Stirn undklaren Augen empfing Martin Opterberg seine Gäste,schüttelte ihnen die Hand und dankte ihnen für ihr Erscheinen.

»Das Urteil ist rechtskräftig. Ob wir es schelten, schimpfenund bestöhnen, es wird an uns vollzogen. Da scheint esmir besser für unser bißchen Kraft und würdiger für unserletztes völkisches Empfinden, wenn wir entschlossen dengroßen Querstrich ziehen. Dort die Vergangenheit — hierdie Zukunft. Und die Gegenwartscholle, auf der wir heutestehen, muß für die Zukunft unter den Pflug genommenwerden.«

»Gott sei gedankt,« sagte Christoph Attermann, »daß duaussprichst, was ich denke. Und daß deine Augen wiederso hell in die Welt schauen.«

»Lasset die Toten ihre Toten begraben, Christoph. Sosteht’s schon in der Bibel. Und im Gesangbuch steht deralte, schöne Erkenntnisvers: Wir machen unser Kreuz undLeid — nur größer durch die Traurigkeit.«

Linde Baumgart stand am Tisch. Ihre Hände zittertenauf der Platte. So strömte die Freude in ihr. Therese[S. 380]Attermann gewahrte es. Sie trat neben die Schwester undlegte den Arm um sie. »Jetzt ist er ganz gesundet, Lindele…«

»Ja — jetzt marschiert er ins neue Leben.«

Und die Broichs, die sich in ihrem Zusammengehörigkeitsgefühlnicht vor dem alten und nicht vor dem neuenLeben gefürchtet hatten, lachten den nur finster sich zurechtfindendenTillmann an, und Therese Attermann fragte,während sie im Kreise um den runden Tisch saßen: »Wogeht der Weg? Wir wollen ihn zusammen begehen wie dieJugendwege tief im Schwarzwald.«

»Ja, Schwesterherz,« sagte Martin Opterberg und sahihr voll in die Augen, »dort wollen und dort müssen wirwieder beginnen: in der Einfachheit und der nie ausgeforschtenSchönheit der Natur. Unser ganzes Volk müssenwir in die Kindheitstage, in die Jugendzeit zurückführenund es von Grund an zu einem neuen Leben erziehen. Wirsind durch den Krieg arm geworden und werden noch ärmerdurch den Frieden werden, wenn wir erst seine Bedingungenerfüllen müssen. Was aber tut eine verarmte Familie, diesich nicht ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude raubenläßt? Sie spricht: einst war die ganze Welt mein Haus —jetzt ist mein Haus die ganze Welt. Siehst du, Therese:hier, mein’ ich, geht der Weg. In den Schoß der Familienmüssen wir zurück, an die Mutterbrust der Schlichtheit undGesundheit. Und mit unserem Wiedererstarken von unseremHause, von der Familie aus Kreis um Kreis ziehen undnach den engeren Ringen die weiten.«

»Ja, Martin, echte und rechte Heimatmenschen müssenwir werden, wenn wir’s Glück wollen.«

[S. 381]

Linde Baumgarts Augen lachten, während die Schwesteres sagte.

»Was freut dich denn so sehr, Lindele?«

»Mich freut trotz der Schwere der Zeit, daß es halt sound nicht anders werden muß in deutschen Landen. Daßdie Menschen, weil’s Geld nimmer langen wird für dieteueren Prunkbäderstädte, hinauswandern müssen und hinauswandernwerden in den deutschen Märchenwald undüber die träumende Heide und durch die duftenden Ährenfelder,wenn sie eine Herzensfreud’ haben und statt derDachziegel Gottes Sonne und den funkelnden Sternenhimmelsehen wollen. Und weil der Deutsche, da ihm fürseine Erholungsfahrten auf lange Zeit das Ausland gesperrtsein wird, weil der Deutsche nun endlich einmal seinwunderschönes liebes Deutschland kennen lernen wird.«

»Und auch die Spinnweben und Wespennester im wunderschönenlieben Deutschland,« knurrte Tillmann und riebsich grimmig die Hände. »Ausgefegt werden müssen sie,soll frische Luft sein.«

»Und die Herren Weltbürger dazu,« rief Christoph Attermann,»diese Herren ›Überall zu Haus‹ und nur nicht imeigenen Vaterland. Wenn ich an diese knochenlosen Kurpfuscherdenke, diese geschmeidigen Drückeberger in DeutschlandsNot, spür’ ich meine Galle.«

»Es gibt eben Menschen,« meinte Broich verächtlich, »diesich aus Angst, für Männer gehalten zu werden, lieberselbst entmannen.«

»Dem ungeduldigen Kranken hilft nur ein willensstarkerArzt,« sagte sinnend Therese Baumgart, »der, wenn’s not[S. 382]tut, zum Chirurgenmesser greift. Vorläufig horcht dasVolk, das so ein ungeduldiger Kranker ist, noch auf dasMarktgeschrei eines jeden geschwätzigen Quacksalbers, derein Leibweh höchstens in ein ärgeres Kopfweh umzuwandelnvermag.«

»Und wann wird der Arzt kommen? Wo nehmen wirihn her?« Und ein jeder sprach seinen Spruch.

»Es wird der größte Mann der deutschen Geschichtewerden!«

»Nur wer im eigenen Hause Ordnung zu halten vermag,ist berufen, sich um die Ordnung auf den Märktenzu kümmern.«

»Klein beginnen, aber mit dem unbeugsamen Willen, indie Höhe zu wachsen. Vom eigenen Haus aus die Kreiseziehen, wie Martin Opterberg es sagt, und nach den engerenRingen die weiten.«

»Eine geschichtliche Erlösung kann nur bringen, wer eineneue und größere Geschichte bringt.«

»Ich wollte,« sagte Martin Opterberg, »im ganzen deutschenVaterland säßen sie in dieser Stunde Haus bei Hausund sprächen von den Lichtquellen der Zukunft und nichtvon dem niedergebrannten Kerzenstumpf der Vergangenheit.Und schüfen an der neuen deutschen Welt, in der es nurnoch zwei Parteien und zwei Klassen von Menschen gebendürfte, die Anständigen und die Unanständigen, und dieletzten nur, weil wir keine Engel sind und des Sauerteigsbedürfen. Freunde, nie hat eine schwerere Stunde ein Volkder Erde betroffen, und dennoch wollen wir stolz sein, daßwir sie miterleben, daß wir an eine Aufgabe mit herandürfen,[S. 383]für die die Besten gerade gut genug sind. Daranwollen wir denken, wenn wir allein sind und die Einsamkeitfühlen.«

Die Freunde erhoben sich. Wortlos, aber mit klarblickendenAugen. Sie schüttelten sich zum Abschied die Händeund gingen heim, ein jeder, wohin er gehörte. Und derJuniabend schaute durch die Fenster in seiner sehnsüchtigenSchöne…

Martin Opterberg war in sein Arbeitszimmer hinübergegangen.Er saß in der dunklen Ecke seines Ledersofas,und Linde Baumgart stand in der Tür und betrachtete ihnmit ihren warmen Blicken.

»Hast du noch einen Wunsch, Martin?«

»Ja, Linde, ich hätte noch einen Wunsch, und ich meine,die schweren Tage sind vor den anderen dazu geschaffen,um sich Wünsche zu erfüllen.«

»Nenn den deinen, Martin…«

»Ich möchte, Linde — ich möchte, daß du die Lautenähmst und sängst. Gerade an diesem Tag der deutschenSchmach und Schande. Nur das eine Lied, Linde, dasHeldenlied, das uns vier Jahre vorangezogen ist in dieSchlacht. Hol deine Laute, Mädchen.«

Sie nickte ihm zu, ging und kehrte mit der Laute wieder.

In dem tiefen Sessel saß sie ihm gegenüber, die Wangean den Lautenhals geschmiegt, und aus dem dunklen Lederpolsterleuchtete ihr Gesicht so weiß wie ihr Sommerkleid.

»O Deutschland, hoch in Ehren…«

Martin Opterberg horchte auf, als riefen die Geister der[S. 384]Toten aus den fernen Gräbern in Frankreich, Flandernund Polen. Seine Augenlider röteten sich. Seine Wimpernwurden feucht. Aber sein Herz schlug nicht im Jammer umdas Gewesene, es schlug im Stolz um die unvergänglichenGroßtaten seines Volkes. O Deutschland, hoch in Ehren!

Die reine Mädchenstimme schwoll an, und die klingendenSaiten trugen sie hinauf zu den Höhen, von denen derBlick in die Weite geht.

»Haltet aus im Sturmgebraus!«

Und Martin Opterberg hörte nicht mehr die Geisterstimmenaus den Gräbern. Seine Augen hatten den altenGlanz zurückgewonnen. Kein Erinnerungstropfen hing mehran seinen Wimpern. Vornübergebeugt saß er und schauteauf der Sängerin Lippen, als sähe er eine begeisterteSeherin sitzen und der neuen deutschen Welt den Zukunftglaubenstählen in dieser Wind- und Wolfszeit, da derWintersturm brauste im Junimond. Haltet aus! Wirsterben nicht! Wir erstehen! Haltet aus im Sturmgebraus…

Die Mädchenstimme schwang sich hoch auf aus der grauenZeitlichkeit zu den ewigen Sternen, und des Mannes Augenleuchteten still und strahlend in der Gewißheit deutscherUnsterblichkeit.

»Haltet aus im Sturmgebraus!«

So feierte Martin Opterberg den Friedensvertrag vonVersailles, der ein atemlos gewordenes Volk mitten insGesicht schlug.

Die Sängerin hatte die Laute an den Sessel gelehnt.[S. 385]Sie stand und wartete, und ihre Brust bebte noch vondem Lied.

»Nun ist die Reihe, zu wünschen, an dir, Linde.«

»Ja, Martin…«

»So sag auch du deinen Wunsch.«

Sie trat zu ihm hin. Auf scheuen Füßen. Und dannkauerte sie sich ganz dicht zu ihm und legte ihm die flachenHände gegen die Brust.

»Hab mich lieb…«

Wie ein letztes, silbernes Lautenschwirren glitt es durchsZimmer.

Martin Opterberg blieb wie gebannt. Er rang nacheinem Wort und fand nicht eins. Alles, was er in dieserSekunde zu denken und zu fühlen vermochte, sammelte sichim Anblick dieser friedebringenden Mädchenaugen.

»Hab mich lieb …« bat das Mädchen zum zweiten Male.

Da hob er die Arme und schlang sie um ihre Schulternund zog ihr Herz so fest an das seine, daß sie plötzlich alleKraft verlor. Aber die weitgeöffneten Augen hielt sie standhaftauf die seinen gerichtet.

»Linde … Linde … das bittest du mich? Du —mich?«

»Ja, Martin … Es ist ja eins…«

»Gib mir deinen Mund, du—«

Sie hob ihr Gesicht ihm entgegen.—

Er blickte auf ihre Lippen … Er spürte, wie ihm einheißes, seliges Lachen aus fernen Jugendtagen in dieAugen trat … Und er fühlte, daß die Jugend wiedergekommensei.

[S. 386]

Irgend ein Wort stieß er hervor, von dem er selber nichtwußte, ob es ein Wort war, und nur, daß es einen Grußbedeutete, einen Gruß des Wiederfindens, des Festhaltens,einen Glücksgruß wie auch immer.

Und während er ihr den Atem von den Lippen küßte,legte sie ihre Hände fest um seine Schläfen.

»Linde, Linde, ich hab’ dich lieb. Weshalb fragst du mich?«

»Damit du weißt, wie sehr ich auf dich warte…«

»Du hast gewartet? Warum? Warum?«

»Um dir zu bringen, was du brauchst, um als ein Jungerausfliegen und — heimfliegen zu können.«

»Als ein Junger … Wo ist dein Mund? Wo sinddeine Augen? Als ein Junger, o du … Nun trink’ ichaus dem Jugendbrunnen. Gib, gib…«

Und es wurde Nacht, und sie sahen nur ihre Augen undspürten nur einer des anderen Herz.

»Es ist Johannisnacht,« sagte das Mädchen leise. »Dasist die Nacht der bräutlichen Paare.«

»Es ist Johannisnacht,« sagte Martin Opterberg, »aufden Bergen flammen die Johannisfeuer, und die Menschen,die sich lieben, schwingen sich Hand in Hand durch dieFlammen wie durch ein läuterndes Bad. Das ist ein deutungstieferBrauch.«

»In diesem Jahre,« fuhr das Mädchen fort, »brennenkeine Johannisfeuer auf den deutschen Bergen. Drumwollen wir die Flammen in unseren Herzen schüren, daßsie unser ganzes Wesen reinbrennen zum bräutlichen Fest.«

»Mitsommerfest, Linde, Mitsommerfest! Nun erst stehtdie Sonne im Scheitelpunkt.«

[S. 387]

»Ja, Martin. Nun erst beginnt das Leben und Erlebenin der Reife.«

Sie standen am Fenster und blickten in den werdendenJohannistag, der die Nacht verdrängte, bevor sie sich ausgebreitethatte. Schon zuckten die Vorboten der erstenSonnenstrahlen fernhin über den Himmel.

»Das soll uns ein Zeichen sein für unsere Lebensfahrt,Martin. Schau hin. Nach kurzer Nacht ein langer Tag.«

»Und ein Zeichen für unser Vaterland, Linde. ZuJohanni stürzten uns die Feinde in die Nacht der Schmach.Aber die Johannisnacht ist die kürzeste des Jahres.«

Sie schmiegte sich in seinen Arm, als wären sie nur einLeib und eine Seele.

Und das Johanniswunder eröffnete alles Land und allesLeben dem Licht. Über den Rhein blitzte es hin wieFunken, und in den dichtverzweigten Uferweiden erwachtehundertstimmiger Vogelgesang.

»Komm mit mir ins Licht, Linde,« sagte Martin Opterberg,und sie hing ihren Sommerhut über den Arm undschritt an seiner Seite durch den Garten an den Rheinund langsam rheinauf.

»Gingen wir so weiter und immer so weiter,« meintedas Mädchen sinnend, »so kämen wir an den Oberrhein,und am jungen Brauserhein zu unserer Frau Christiane —unserer Mutter.«

»Unserer Mutter …,« wiederholte Martin Opterbergund zog ihren Arm fester an sich.

»Unser erstes Denken in dieser Frühe soll ihr gelten,Martin, die uns Tag und Nacht aus ihren Quellen speiste.«

[S. 388]

»Wie ich sie kenne, Linde, ist sie uns schon mit ihremDenken zuvorgekommen.«

Droben in Scheitelhöhe zogen zwei Falken ihre Kreise.Und wieder wies sie ihm das glückliche Mädchen als einZeichen.

»Als wir noch Knaben waren,« sagte Martin Opterberg,»der Christoph Attermann und ich, und mit der Mutter zuden Gletschern stiegen, aus denen die Rheinquellen springen,erspähten wir Buben ein Adlerpaar hoch im Blauen. Unddie Mutter nannte sie die Könige der Einsamkeit undlehrte uns, daß just die Einsamkeit einen Gefährten verlangt.«

»Die Einsamkeit?« fragte nachsinnend das Mädchen.

»So fragten damals auch wir Buben. Und die Mutterlehrte uns: Gerade die Einsamkeit. Ohne einen Gefährtenwäre sie eine große, leere Gebärde, ein Grab bei Lebzeiten.Mit einem Gefährten die Größe und Fülle des Lebens,aus einer stolzen Höhe betrachtet. Das haben wir Bubenuns für alle Zeit gemerkt.«

»Du und der Christoph?«

»Ja, Linde, der Christoph und ich. Denn die Mutternahm uns Wanderbuben in ein fröhlich Verhör, ob wiruns auch ein rechtes Bild zu machen vermöchten, und ichrief: Die Mutter meint, Einsamkeit und Tod sei noch langenicht dasselbe. Und der Christoph rief: Und wer nicht totist, der hat zu leben, und aus der Höhe betrachtet, läuft’sda drunten durcheinander wie Ameisen, die einen nichtschrecken.«

»Und die Mutter, Martin? Die Mutter?«

[S. 389]

»Die Mutter rief: So mein’ ich’s. Und wenn du esdann droben in der einsamen Höh’ einem gleichartigen Gefährtenmitteilst und er es dir bejaht, dann wird euch euerernstes Wissen zur fröhlichen Gewißheit, und ihr habt erstdie rechte Freude am Leben, weil’s nimmer ein Fürchtengibt.«

»Nun hast du es mir mitgeteilt, Martin…«

»Und du mir.«

Sie wanderten immer noch den Rhein hinauf, über dendie Frühsonne sich breitete wie ein blitzender Schild ausSilber und Gold. »Johannistag,« sang und klang es inihren Seelen.

»Sag mir eins, Linde. Sag mir, wann du es wußtest,daß du mich lieb hattest.«

Sie ging eine Weile schweigend, als suche sie am Wegrandeine Blume. Dann hob sie den Kopf und blickte ihmoffen in die Augen.

»Nein, Martin, das läßt sich nicht sagen, denn es mußwohl immer gewesen sein. Schon in der Mädchenfrühe,seit die Therese mir so warm von dir sprach. Aber überwältigthat’s mich und geschüttelt, daß ich den Schlaf nichtmehr fand, als ich wußt’, du bist im Unglück, du bist mitdem Heer auf dem Rückzug, du schlägst dich durch dieFeinde und wohl gar durch die eigenen Landsleut’ durchnach dem Rhein und über den Rhein und kommst in deinkaltes, leeres Haus. Damals, Martin, damals hab’ ichNacht für Nacht mein Lämpchen in der Stub’ brennenlassen, denn ich sagt’ mir wohl: vom eigenen dunklen Hauskommt er zum Attermannschen Haus, Nachschau halten,[S. 390]und da soll er Licht und Leben finden, das, was er zumeistbenötigt. Und so bin ich die Treppen hinabgesprungen,als es in der Dezembernacht an der Haustür läutete, undhab’ nur ein Gewand über mein Nachtkleid geworfen, nurdamit ich die Erste war, die dich begrüßen konnt’ und—«

»Und —?« wiederholte Martin Opterberg und hielt denSchritt an.

»Und dich küssen,« vollendete sie hastig, umschlang ihnmit beiden Armen und drückte ihren Kopf an seineBrust.

Er erwiderte kein Wort. Er hielt sie ganz fest und sahauf ihrem braunen Haar das Sonnenkrönlein flimmern.Nun war das Krönlein der Baumgartschwestern dochnoch sein.

Wieder wanderten sie weiter und bogen ab vom Rhein,und das Mädchen fragte: »Wohin gehen wir?«

»Zur Schwester,« antwortete Martin Opterberg. »Ichbring’ dich der Therese.«

Es war erst fünf Uhr morgens, als sie das AttermannscheHaus erreicht hatten, und sie umschritten das Anwesenund gelangten durch ein Pförtchen in den Garten. DieRosen glühten an den Stöcken und die Nelken auf denlanggezogenen Beeten. Ein blühendes Jasmingesträuch warzu einer Gartenlaube geformt.

Nicht lange saßen sie in dem kleinen, verträumten Winkel,als sich die Haustür nach dem Garten auftat und ThereseAttermann auf der Schwelle stand. Sie lugte in denMorgen hinein, hob den Fuß, um die Steinstufen hinabzusteigen,und blieb mit einem Male regungslos. Dann[S. 391]aber kam eilendes Leben in sie, und sie schritt schnell dieStufen hinab und in den Garten hinein. Die beiden inder Jasminlaube hatten sich erhoben und kamen ihr, sichfest bei der Hand haltend, auf halbem Wege entgegen.

»Ihr?« sagte Therese Attermann, und ihr Herz schlughoch. »Ich hatt’ doch das Glöckchen an der Gartenpforteanschlagen gehört und glaubt’, es käm’ einer, der schon inder Früh’ meinen ärztlichen Beistand suchte.«

»Grüß Gott, Therese. Wir kommen zwar nicht zum Arzt,sondern zur Schwester, um ihren Beistand zu erbitten. DieLinde will nun für immer bei mir bleiben und mich nichtmehr lassen! Bist du’s zufrieden?«

Therese Attermann streckte die Hände aus, und die beidenergriffen die Schwesterhände und streichelten sie.

Ein tiefer Atemzug hob Therese Attermanns Brust. »Ichbin’s zufrieden! Ob ich’s zufrieden bin! Euch brauch’ ichkein Glück zu wünschen. Denn ihr habt’s und werdet’s zuhalten wissen.«

»Ich bring’ dir meine Braut, Therese. Laß sie diewenigen Wochen bei dir bleiben, bis ich sie heimhol’. Ichwill heut’ noch unser Aufgebot bestellen.«

Da nahm Therese Attermann die Schwester an ihre Brust,mit einer starken, liebkosenden Gebärde.

»Mein Lindele du…«

Und Linde Baumgart eilte, um Christoph Attermannherauszuklopfen, und Martin Opterberg stand mit derSchwester allein und sah ihr in die Augen.

»Du hast mir all mein blindes Jugendtreiben verziehen,Therese? Heute erst frag’ ich dich danach.«

[S. 392]

»Martin,« sagte sie leise, »als Christoph Attermann inseiner starken Treue kam, um mich zum Weib zu wünschen,da hab’ ich ihm auf seine männliche Frage nach dir geantwortet:Ich könnt’ für den Martin Opterberg zu jederStund’ sterben, aber nicht mit ihm leben … Und dannhast du mit dem Leben gerungen und bist längst ein anderergeworden, bevor das Leben ein anderes geworden war,und wie sehr ich mit dem anderen Martin Opterberg, dem,der vor mir steht, zusammen leben möcht’ und will undwerd’ — ach Martin, das Lindele ist ja keine andere alsich, und ich bin das Lindele.«

»Ich bin ein glücklicher Mann,« erwiderte Martin Opterberg.»Ich danke dir.«

Und Christoph Attermann kam, von Linde geleitet, undfiel dem Pflegebruder stürmisch um den Hals.

»Nun sind wir erst eins, Martin, nun sind wir erst ganzeins. Als hätten sich die beiden Rheinquellen vereinigt undendlich auch zum breiten Strom gefunden.«—

In dem einen Monat, der Martin Opterberg blieb, gabes Arbeit die Fülle für ihn. Aus seinen alten Pionierenwaren die Schiffer, die ein Schiffahrtszeugnis für den Rheinbesaßen, ausgewählt worden, um mit ihnen den Frachtdampferzu bemannen. Über die nahe Grenze nach Hollandging die Fahrt, Waren zu laden für den Oberrhein bisBasel, und in Gegenfracht kostbare Hölzer des Schwarzwaldeszu holen. Und als das Schiff den Rhein hinabgeschwommenwar, war auch der Monat dahingegangen.

In den ersten Augusttagen legten Martin Opterberg undLinde Baumgart ihre Hände ineinander.

[S. 393]

Und sie fuhren in selber Stunde hinaus in den deutschenSüden, dem Land ihrer Jugend entgegen, und fuhren dieganze Nacht und den neuen Morgen den Rhein entlangund sahen den Schwarzwald winken, stiegen aus und wandertenin ihn hinein.

In einem alten Städtchen am Murgufer hielten sie an,hielten sie ihre erste Rast———

Immer wieder mußten sie zurückschauen auf das alte,liebe Nest am lebenrauschenden Wasser, als sie anderenTages die Berglehnen hinanstiegen, starrenden Fels undrauschenden Wald zu Häupten und zu Füßen.

»Du!«

»O du — — —«

Die langbärtigen Tannen flüsterten, die Quellen sangen,die Vögel redeten in hundert Zungen — es war allesverzaubert um sie her.

»So war’s in der Jugend, Linde…«

»So ist es heut, Martin.«

Hoch oben auf dunkler Waldeskuppe lag wie ein Krönleinein kleines, altersgraues Jagdschloß. »Dort ist einBlick ins Land, so zauberisch wie wenige nur,« wußteMartin Opterberg zu künden, und sie stiegen weiter undsaßen doch mehr im Moos, als daß sie wanderten.

Droben lehnten sie an der Mauerbrüstung und schautenmit glänzenden Augen hinaus in die sonnigen Nähen undgoldenen Weiten, zu den mächtigen Bergrücken hinüber,von denen die grünen Matten wie Mäntel niederglitten,und hinunter zu den spielzeugkleinen Dörfern, an denendie silberne Murg in Freudensätzen vorübersprang. So[S. 394]klein war die Erde, so groß die unendliche Welt! Und beidewaren sie schön in allen ihren Teilen.

Schwer nur lösten sie sich aus ihrem Schauen und riefensich auf zum Weiterwandern.

»Erzähle mir, was hast du gesehen?« fragte MartinOpterberg, als sie in schweigender Freude die tannenumrauschtenHöhenwege schritten.

»Wovon sprichst du?« fragte Linde Opterberg zurück.

»Von dem Jagdschloß auf der freien Schwarzwaldhöh’und dem Ausblick in Nähe und Ferne.«

»Schilt mich, Martin, denn ich hab’ von all’ dem nichtsgesehen. Ich hab’ nur dich gesehen, wie ich Ausschau undEinschau hielt. Dich, dich…«

»Und ich hab’ nur dich gesehen.«

Schulter an Schulter schritten sie durch den Wald undsuchten Herberge.

Und jeder Morgen wurde ihnen lieber um des gemeinsamenWanderns willen und jeder Abend ihnen lieber umdes gemeinsamen Rastens willen.

So kamen sie nach Wochen des Glücks zu Frau Christianeund blieben in dem weißen Hause, das auf demsteilen Uferrücken über dem brausenden Jungrhein lag,weitere Wochen des Glücks.

In diesen Tagen sah man oft Frau Christiane auf derkleinen Bank im Felsgarten sitzen, die Hände im Schoß,als dürfe sie sich nun auch bei Tage einmal ruhen, obwohlsie Gäste habe, und auf den brausenden Jungrhein blicken,der nach mancher Meilenfahrt fernhin zum stark und ruhigflutenden Niederrhein wurde.

[S. 395]

Und dann traf die Nachricht ein, daß der Frachtdampfervon Rotterdam angekommen und in Basel entladen sei.Vom Meere bis zum jungen Rhein war er die Wasserstraßegezogen, neue Lebenswerte, neue Arbeitswerte anBord.

»Nun ist Opterbergwerft und Opterberghof einander sonahe gerückt, Mutter, daß du vom Turmzimmer aus mitdem Fernrohr zum Schiff und von Bord aus zum Opterberghofhinüberschauen kannst.«

»Ich hab’s euch immer gesagt: der Rhein und seineMenschen gehören zusammen. Das müßt ihr halten wieein Naturgesetz. Und die Natur kennt auf die Dauer keineWidernatürlichkeiten.«

Sie standen am Basler Landungsplatz. Der starke Schiffsrumpfwar angefüllt mit Rohgarnballen für die niederrheinischenSpinnereien und Webereien, dazu mit Lebensmittelnaller Art, die dem freien Handel wieder zugängiggemacht waren nach der jahrelangen Sperre. Das breiteDeck aber war aufnahmebereit für die Schiffsbauhölzer ausdem Schwarzwald, die weiter stromab geladen werden sollten.Der Kreislauf des Blutes hatte wieder begonnen.

Die Zollbeamten kamen von Bord. Die Pässe wiesenMartin Opterberg und seine Frau als die Schiffseigentümeraus. Der Anker konnte gelichtet werden.

Frau Christiane schüttelte den Abschiednehmenden dieHand.

»Das ist jetzt kein Abschied mehr. Das ist nur noch dieFreud’ auf das Wiedersehen. Wann tauft ihr euren Buben?«

»Übers Jahr, Mutter.«

[S. 396]

»Recht so. Und bringt mir den Opterbergerben zu Schiffauf den Opterberghof. Er soll eine Heimat am Oberrheinund am Niederrhein haben. Wie es sich gebührt.«

»Mutter, und ich schick’ dir jedes Jahr die Erholungsbedürftigenvon der Werft. Du wirst ihnen Leib und Seel’auffrischen.«

»Mit Quellwasser, Bub. Grüßt die Attermanns. Fahrtwohl!«

»Fahr wohl, Mutter.«—

So fuhren sie dahin, das badische Ufer entlang, undsahen zur Linken die französische Grenze, herangerückt anden heiligen Strom. Und Straßburg tauchte auf, und vomdeutschen Dome Erwins flatterte Frankreichs Dreifarbenbanner.

Martin und Linde Opterberg standen vorn am Bugspriet.»O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöneStadt …« sang es in ihren Herzen, aber während sieden Blick von dem ragenden Denkmal vergangener Tagewandten und geradeaus richteten auf den festen Kurs ihresSchiffes, summten ihre Lippen das alte Heldenlied, dasein Gruß war an die Toten und ein Gruß war an dieLebenden: »O Deutschland, hoch in Ehren…«

»Haltet aus! Haltet aus im Sturmgebraus!«

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Dramatisches Gedicht in einem Aufzug1.—10. Tausend

M. 1.—

Bühnenwerke:

Die Condottieri

Schauspiel in vier Akten. 3. Tausend

M. 8.—

Auf Nissenskoog

Schauspiel in vier Akten. 2. Tausend

M. 5.—

Herrgottsmusikanten

Lustspiel in vier Akten. 2. u. 3. Tausend

M. 5.50

Rudolf Herzogs Leben und Dichten

Von Prof. Dr. Johann Georg Sprengel.
Mit acht Bildnissen. 1.—5. Tausend

M. 6.—

Rudolf Herzog
Gesammelte Werke

Erste Reihe in sechs Bänden

1.—20. Tausend

In sechs künstlerischen Pappbänden

140 Mark

In sechs künstlerischen Halbleinenbänden

160 Mark

Inhalt

Band 1
Einleitung von Prof. Dr. Johann Georg Sprengelund Bildnis des Dichters
Der Graf von Gleichen. Roman

Band 2
Die vom Niederrhein. Roman

Band 3
Das Lebenslied. Roman

Band 4
Die Wiskottens. Roman

Band 5
Der Abenteurer. Roman

Band 6
Es gibt ein Glück … Novellen
Der alten Sehnsucht Lied. Erzählungen

Die Buben der Frau Opterberg (3)

Cotta’sche Gelbe Bibliothek
Romane und Novellen

Gebunden
Althof, Paul (Alice Gurschner), Die wunderbare Brückeund andere GeschichtenM. 7.—
—„— Das verlorene Wort. Roman„7.—
Andreas-Salomé, Lou, Fenitschka — Eine AusschweifungZwei Erzählungen„6.50
—„— Ma. Ein Porträt. 4. Taus.„6.50
—„— Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Taus.„9.—
—„— Ruth. Erzählung. 7. u. 8. Taus.„11.—
—„— Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte. 3. Taus.„6.50
—„— Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 3. Taus.„10.—
Anzengruber, Ludwig, Letzte Dorfgänge. 2. Taus.„9.—
—„— Wolken und Sunn’schein. 6. Taus.„6.50
Arminius, W., Der Weg zur Erkenntnis. Roman„7.—
—„— Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 5. u. 6. Taus.„9.—
Bertsch, Hugo, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Taus.„7.—
—„— Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Taus.„7.—
—„— Die Geschwister. Mit Vorwort von Adolf Wilbrandt. 12. Taus.„6.50
Birt, Th., Menedem. Die Geschichte eines Ungläubigen„8.—
Boy-Ed, Ida, Die säende Hand. Roman. 6.—10. Taus.„20.—
—„— Stille Helden. Roman. 12.—16. Taus.„20.—
—„— Um Helena. Roman. 3. Taus.„8.50
—„— Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 33.—37. Taus.„26.—
—„— Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Taus.„8.50
—„— Nur wer die Sehnsucht kennt … Roman. 11.—15. Taus.„20.—
—„— Die große Stimme. Novellen. 3. Taus.„6.50
Bülow, Frieda, v., Kara. Roman„8.—
Burckhard, Max, Simon Thums. Roman. 2. Taus.„7.—
Dove, A., Caracosa. Historischer Roman. 2 Bände. 2. Taus.„15.—
Ebner-Eschenbach, Marie v., Božena. Erzählung. 15.—17. Taus.„13.50
—„— Erzählungen. 7. u. 8. Taus.„9.50
—„— Margarete. 9.—11. Taus.„9.—
Ebner-Eschenbach, Moriz v., Hypnosis perennis — Ein Wunderdes heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten„26.—
El-Correï, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Taus.„8.—
Enderling, Paul, Fräulein. Roman. 4.—6. Taus.„18.—
—„— Der Hungerhaufen und andere Novellen„6.50
—„— Zwischen Tat und Traum. Roman„8.—
Engel, Eduard, Paraskewúla und andere Novellen„7.50
Fontane, Theodor, Ellernklipp. 7.—11. Taus.„12.—
—„— Grete Minde. 9.—13. Taus.„8.—
—„— Quitt. Roman. 10.—12. Taus.„12.—
—„— Vor dem Sturm. Roman. 21.—24. Taus.„20.—
—„— Unwiederbringlich. Roman. 9.—11. Taus.„12.—
Franzos, K. E., Der Gott des alten Doktors. Erzählung. 2. Taus.„6.50
—„— Die Juden von Barnow. Geschichten. 11.—15. Taus.„15.—
—„— Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bände. 7. Taus.„11.—
—„— Mann und Weib. Novellen. 2. Taus.„7.—
Franzos, K. E., Moschko von Parma. Erzählung. 6.—10. Taus.„16.—
—„— Neue Novellen. 2. Taus.„6.50
—„— Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 13.—17. Taus.„24.—
—„— Der Präsident. Erzählung. 4. Taus.„6.50
—„— Die Reise nach dem Schicksal. Erzählung. 3. Taus.„7.50
—„— Judith Trachtenberg. Erzählung. 8.—12. Taus.„16.—
—„— Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bände in 1 Band. 3. Taus.„11.—
—„— Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erzählung. 3. Taus.„7.—
Frei, Leonore, Das leuchtende Reich. Roman„8.—
Frey, Adolf, Die Jungfer von Wattenwil. HistorischerSchweizerroman. 6.—8. Taus.„18.—
Fulda. L., Lebensfragmente. Novellen. 3. Taus.„6.50
Gleichen-Rußwurm, A. v., Vergeltung. Roman„7.50
Grimm, Herman, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bde. 3. Taus.„16.—
Gruhn, Erwin, Friedrich Lohe. Roman. 7.—9. Taus.„18.—
Harbou, Thea v., Der unsterbliche Acker. Ein Kriegsroman.7. u 8. Taus.„7.—
—„— Die nach uns kommen. Roman. 6. u. 7. Taus.„7.50
—„— Die Flucht der Beate Hoyermann. Roman. 36.—38. Taus.„14.—
—„— Die Masken des Todes. Sieben Geschichten in einer. 2.—8. Taus.„7.—
Hartmann, Alfred Georg, Die Fahrt ins HimmelreichEin Künstlerroman aus Holland„6.50
Haushofer, Max, Geschichten zwischen Diesseits und JenseitsEin moderner Totentanz. 2. Taus.„7.50
—„— Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman„7.50
Heer, J. C., Der lange Balthasar. Dorfroman. 36.—45. Taus.„14.—
—„— Da träumen sie von Lieb’ und Glück! Drei SchweizerNovellen. 28.—30. Taus.„9.—
—„— Joggeli. Geschichte einer Jugend. 38.—47. Taus.„20.—
—„— Der König der Bernina. Roman. 141.—160. Taus.„18.—
—„— Laubgewind. Roman. 101.—115. Taus.„18.—
—„— Felix Notvest. Roman. 38.—47. Taus.„20.—
—„— Was die Schwalbe sang. Geschichten f. Jung u. Alt. 21.—25. Taus.„7.50
—„— Nick Tappoli. Roman. 51.—60. Taus.„20.—
—„— An heiligen Wassern. Roman. 136.—155. Taus.„20.—
—„— Der Wetterwart. Roman. 151.—165. Taus.„20.—
Heilborn, Ernst, Kleefeld. Roman„6.—
Herzog, Rudolf. Der Abenteurer. Roman. 71.—90. Taus.„25.—
—„— Der Adjutant. Roman 15.—17 Taus.„7.50
—„— Die Buben der Frau Opterberg. Roman. 61.—100. Taus.„25.—
—„— Die Burgkinder. Roman. 141.—160. Taus.„26.—
—„— Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 67.—81. Taus.„26.—
—„— Es gibt ein Glück … Novellen. 42.—61. Taus.„8.—
—„— Hanseaten. Roman. 131.—145. Taus.„26.—
—„— Das große Heimweh. Roman. 136.—150. Taus.„26.—
—„— Jungbrunnen. Novellen. 51.—80. Taus.„9.50
—„— Das Lebenslied. Roman. 146.—165. Taus.„26.—
—„— Die vom Niederrhein. Roman. 136.—150. Taus.„26.—
—„— Der alten Sehnsucht Lied. Erzählungen. 17.—36. Taus.„7.50
—„— Die Stoltenkamps und ihre Frauen. Roman. 151.—165. Taus.„27.—
—„— Die Wiskottens. Roman. 206.—220. Taus.„26.—
—„— Das goldene Zeitalter. Roman. 13. u. 14. Taus.„7.50
Heyking, Elisabeth v., Liebe, Diplomatie und HolzhäuserEine Balkanphantasie von einst. 7.—11. Taus.„21.—
Heyse, Paul, L’Arrabbiata und andere Novellen. 10. Taus.„7.50
—„— Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Taus.„7.50
—„— Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben —Ein Familienhaus. Novelle. 2.—4. Taus.„8.—
—„— Die Geburt der Venus. Roman. 5. Taus.„8.—
—„— Über allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Taus.„7.50
—„— Das Haus zum ungläubigen Thomas und andere Novellen„7.50
—„— Jugenderinnerungen und Bekenntnisse. 2 Bände. 5. Taus.„30.—
—„— Kinder der Welt. Roman. 2 Bände in 1 Band. 31.—35. Taus.„30.—
—„— Helldunkles Leben. Novellen. 2.—4. Taus.„8.—
—„— Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Taus.„7.50
—„— Neue Märchen. 4. Taus.„8.—
—„— Martha’s Briefe an Maria. 2. Taus.„5.—
—„— Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.—4. Taus.„8.—
—„— Merlin. Roman. 2 Bände in 1 Band. 12. Taus.„8.80
—„— Ninon und andere Novellen. 4. Taus.„8.—
—„— Letzte Novellen. Mit Begleitwort von E. Petzet. 2.—4. Taus.„6.50
—„— Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Taus.„6.40
—„— Meraner Novellen. 12. Taus.„7.50
—„— Neue Novellen. 6. Taus.„7.50
—„— Im Paradiese. Roman. 2 Bände. 16. Taus.„12.80
—„— Plaudereien eines alten Freundespaares. 2.—4. Taus.„7.50
—„— Der Roman der Stiftsdame. 17.—21. Taus.„16.—
—„— Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Taus.„7.50
—„— Crone Stäudlin. Roman. 5. u. 6. Taus.„6.40
—„— Gegen den Strom. Eine weltliche Klostergeschichte. 7. Taus.„6.40
—„— Moralische Unmöglichkeiten und andere Novellen. 3. Taus.„8.50
—„— Victoria regia und andere Novellen. 2.—4. Taus.„8.—
—„— Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Taus.„7.50
—„— Vroni und andere Novellen„7.50
—„— Xaverl und andere Novellen„7.50
Hillern, W. v., Der Gewaltigste. Roman. 7.—9. Taus.„24.—
—„— ’s Reis am Weg. 3. Taus.„5.50
—„— Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Taus.„9.—
—„— Ein alter Streit. Roman. 3. Taus.„7.—
Hirschfeld, Georg, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u. 5. Taus.„8.—
Höcker, Paul Oskar, Väterchen. Roman. 2. Taus.„7.—
Hofe, Ernst von, Sehnsucht. Roman„7.—
Hofer, Klara, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels.12.—16. Taus.„27.—
—„— Bruder Martinus. Ein Buch vom deutschen Gewissen. 7.—11. Taus.„9.—
—„— Das Schwert im Osten. Erzählung. 2. u 3. Taus.„6.—
Hopfen, Hans, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte. 6. Taus.„6.50
Huch, Ricarda, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem JüngerenRoman. 27.—31. Taus.„22.—
Junghans, Sophie, Schwertlilie. Roman. 2. Taus.„8.—
Kaiser, Isabelle, Seine Majestät! Novellen. 2. Taus.„6.50
—„— Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 4. u. 5. Taus.„8.—
Knudsen, J., Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte Übersetzungvon Mathilde Mann. 2. Taus.„8.—
Krauel, Wilhelm, Von der andern Art. Roman„7.—
—„— Das Erbe der Väter. Ein Lebensbericht„7.50
Kurz, Hermann (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn.2. u. 3. Taus.„8.—
Kurz, Isolde, Italienische Erzählungen. 3. u. 4. Taus.„12.—
—„— Lebensfluten. Novellen. 2. Taus.„7.—
—„— Florentiner Novellen. 8.—10. Taus.„11.—
Langmann, Philipp, Leben und Musik. Roman„7.50
Lilienfein, Heinrich, Modernus. Die Tragikomödie seinesLebens — aus Bruchstücken ein Bruchstück. 2. Taus.„7.50
—„— Von den Frauen und einer Frau. Erzählungen und Geschichten.2. Taus.„6.—
—„— Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Taus.„6.50
—„— Ein Spiel im Wind. Roman. 6.—8. Taus.„16.50
—„— Der versunkene Stern. Roman. 6.—8. Taus.„20.—
—„— Die große Stille. Roman. 12.—14. Taus.„25.—
—„— Die feurige Wolke. Roman. 6.—10. Taus.„12.—
Lindau, Paul, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände in1 Band. 8.—10. Taus.„20.—
—„— Arme Mädchen. Roman. 12.—14. Taus.„10.—
—„— Spitzen. Roman. 13.—15. Taus.„18.—
—„— Der Zug nach dem Westen. Roman. 13.—15. Taus.„10.—
Mahn, Paul, Der Kamerad. Roman. 2. Taus.„7.—
Mauthner, Fritz, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabelnund Gedichte in Prosa. 2. Taus. von »Lügenohr«„7.—
Meyer-Förster, Wilh., Eldena. Roman. 2. Taus.„7.—
Meyerhof-Hildeck, Leonie, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Taus.„6.50
—„— Töchter der Zeit. Münchner Roman„7.—
Muellenbach, E. (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen„7.—
—„— Aphrodite und andere Novellen„7.—
—„— Vom heißen Stein. Roman„7.—
Munier-Wroblewska, Mia, Und doch! Ein Roman aus KurlandsLeidenstagen. 4.—6. Taus.„9.—
—„— Der graue Baron. Lettische Geschichten. 1.—5. Taus.„10.—
—„— Schwester Ursula. Roman. 1.—5. Taus.„14.—
Niessen-Deiters, Leonore, Leute mit und ohne Frack. Erzählungenu. Skizzen. Buchschmuck von Hans Deiters. 2. Taus.„7.—
—„— Im Liebesfalle. Buchschmuck von Hans Deiters„7.—
—„— Mitmenschen. Buchschmuck von Hans Deiters„7.—
Pietsch, Otto, Das Gewissen der Welt. Roman. 13.—15. Taus.„12.50
—„— Taten und Schicksale. Erzählungen. 3. Taus.„6.50
Prel, Karl du, Das Kreuz am Ferner. Roman. 5.—7. Taus.„22.—
Riehl, W. H., Aus der Ecke. Novellen. 5. Taus.„8.—
—„— Am Feierabend. Novellen. 4. Taus.„8.—
—„— Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Taus.„7.—
—„— Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Taus.„7.—
—„— Lebensrätsel. Novellen. 4. Taus.„8.—
—„— Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Taus.„8.—
—„— Neues Novellenbuch. 3. Taus.„8.—
Rittberg, Gräfin Charlotte, Der Weg zur Höhe. Roman„7.—
Rommel-Hohrath, Clara, Im Banne Roms. Roman„8.—
Rose, Felicitas (Moersberger), Pastor VerdenEin Heideroman. 11.—15. Taus.„19.—
Rosner, Karl, Der deutsche Traum. Roman. 6.—8. Taus.„10.50
—„— Die Beichte des Herrn Moritz von Cleven. Roman. 1.—10. Taus.„11.—
—„— Der König. Weg und Wende. 36.—55. Taus.„18.—
Schulze-Smidt, Bernhardine, Die Romfahrten desFranz Desolatis. Eine Mannesjugend. 4.—8. Taus.„22.—
Seidel, Heinrich, Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser undzu Lande. Gesamt-Ausgabe. 1.—10. Taus.„28.—
—„— Leberecht Hühnchen. Gesamt-Ausgabe. 112.—131. Taus.„16.—
—„— Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 4. u. 5. Taus.„9.—
—„— Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. 4. Taus.„9.—
—„— Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 3. Taus.„9.—
—„— Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. 3. Taus.„9.—
—„— Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg.„9.—
—„— Phantasiestücke. Gesamt-Ausgabe„9.—
Seidel, H., Wolfgang, Erinnerungen an Heinrich Seidel. 2. Taus.„8.—
Skowronnek, R., Der Bruchhof. Roman. 5. Taus.„7.—
Speidel, Felix, Hindurch mit Freuden. Novellen„7.—
Stegemann, Hermann, Der Gebieter. Roman„6.50
—„— Stille Wasser. Roman„7.—
Steinart, Armin (F. A. Loofs), Der Hauptmann. Eine Erzählungaus dem Weltkriege. 21.—25. Taus.„8.—
—„— Heiliges Leben! Novellen. 8.—10. Taus.„7.—
Stratz, Rudolph, Alt Heidelberg, du Feine …Roman einer Studentin. 26.—35. Taus.„23.—
—„— Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Taus.„7.50
—„— Die ewige Burg. Roman. 9. Taus.„9.—
—„— Der du von dem Himmel bist. Roman. 10.—12. Taus.„9.—
—„— Du bist die Ruh’. Roman. 13.—17. Taus.„20.—
—„— Es war ein Traum. Berliner Novellen. 6. Taus.„9.—
—„— Seine englische Frau. Roman. 67.—72. Taus.„24.—
—„— Für Dich. Roman. 34.—43. Taus.„20.—
—„— Gib mir die Hand. Roman. 15.—19. Taus.„16.50
—„— Herzblut. Roman. 32.—36. Taus.„22.—
—„— Ich harr’ des Glücks. Novellen. 6. Taus.„9.—
—„— Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Taus.„9.—
—„— Liebestrank. Roman. 21.—26 Taus.„22.—
—„— Montblanc. Roman. 11.—15. Taus.„17.—
—„— Du Schwert an meiner LinkenEin Roman aus der deutschen Armee. 51.—53. Taus.„28.—
—„— Stark wie die Mark. Roman. 31.—35. Taus.„10.50
—„— Die zwölfte Stunde. Novellen 1.—5. Taus.„7.—
—„— Der weiße Tod. Roman. 31.—40. Taus.„15.—
—„— Die letzte Wahl. Roman. 7. u. 8. Taus.„9.50
Sudermann, Hermann, Es war. Roman. 76.—80. Taus.„30.—
—„— Geschwister. Zwei Novellen. 38.—40. Taus.„9.—
—„— Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 34.—36. Taus.„7.—
—„— Der Katzensteg. Roman. 136.—150. Taus.„20.—
—„— Das Hohe Lied. Roman. 78.—82. Taus.„29.—
—„— Die indische Lilie. Sieben Novellen. 29.—33. Taus.„16.—
—„— Litauische Geschichten. 46.—60. Taus.„10.—
—„— Frau Sorge. Roman. Mit Jugendbildnis. 191.—210. Taus.„16.—
—„— Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten 39.—41. Taus.„7.—
Telmann, Konrad, Trinacria. Sizilische Geschichten„8.—
Trojan, Johannes, Das Wustrower Königsschießenund andere Humoresken. 4. u. 5. Taus.„6.—
Uxkull, Gräfin Lucy, Rote Nelken. Ein sozialer Roman„8.—
Vockeradt, Emma, Wanderer im Dunkeln. Roman„7.—
Vogt, Martha, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen„6.50
Vollert, Konrad, Sonja. Roman„8.—
Voß, Richard, Alpentragödie. Roman. 15.—17. Taus.„22.—
—„— Aus meinem Reisebuch. Skizzen und Stimmungen. 6.—8. Taus.„11.50
—„— Römische Dorfgeschichten. 5. Taus.„7.50
—„— Erdenschönheit. Ein Reisebuch. 2. Taus.„6.50
—„— Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben. 4.—6. Taus.„22.—
—„— Der Polyp und andere römische Erzählungen. 2. Taus.„8.—
—„— Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. 4.—6. Taus.„19.—
Wagner, Hans Gustav, Holger Korreland. Die Komödie einesÜberflüssigen. 1.—3. Taus.„8.—
—„— Der Aufrechte. Ein Buch von gestern, heut und morgen.1—3. Taus.„18.—
Watzdorf-Bachoff, E. v., Maria und Yvonne. Geschichte einerFreundschaft. 2. Taus.„7.50
Wilbrandt, Adolf, Adams Söhne. Roman. 3. Taus.„9.—
—„— Adonis und andere Geschichten. 3. Taus.„7.50
—„— Meister Amor. Roman. 3. Taus.„8.—
—„— Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Taus.„7.50
—„— Dämonen und andere Geschichten. 3. u. 4. Taus.„7.50
—„— Der Dornenweg. Roman. 5. Taus.„8.50
—„— Erika — Das Kind. Erzählungen. 3. Taus.„8.—
—„— Fesseln. Roman. 3. Taus.„7.50
—„— Franz. Roman. 3. Taus.„8.—
—„— Die glückliche Frau. Roman. 4. Taus.„7.50
—„— Fridolins heimliche Ehe. 4. Taus.„7.—
—„— Schleichendes Gift. Roman. 3. Taus.„7.50
—„— Hermann Ifinger. Roman. 8.—10. Taus.„21.—
—„— Irma. Roman. 3. Taus.„7.50
—„— Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Taus.„8.—
—„— Ein Mecklenburger. Roman. 3. Taus.„7.50
—„— Opus 23 und andere Geschichten. 2. Taus.„7.50
—„— Die Osterinsel. Roman. 6. Taus.„8.50
—„— Vater Robinson. Roman. 3. Taus.„7.50
—„— Familie Roland. Roman. 3. Taus.„7.50
—„— Die Rothenburger. Roman. 12.—14. Taus.„7.50
—„— Der Sänger. Roman. 4. Taus.„8.50
—„— Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Taus.„7.50
—„— Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Taus.„7.50
—„— Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Taus.„7.50
—„— Die Tochter. Roman. 2. u. 3. Taus.„7.50
—„— Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Taus.„7.50
—„— Villa Maria. Roman. 3. Taus.„7.50
—„— Große Zeiten und andere Geschichten. 3. Taus.„7.50
Wildenbruch, E. v., Schwester-Seele. Roman. 27.—31. Taus.„19.—
Wohlbrück, Olga, Die neue Rasse. Roman. 8.—10. Taus.„15.50
Wolff, Johanna, Schwiegermütter. Kleine Geschichten. 4. u. 5. Taus.„9.—
Worms, C., Aus roter Dämmerung. Baltische Skizzen. 2. Taus.„6.50
—„— Demetrius. Roman. 1.—3. Taus.„8.—
—„— Du bist mein. Zeitroman. 2. Taus.„8.—
—„— Erdkinder. Roman. 4. Taus.„7.50
—„— Schloß Mitau. Bilder aus Kurlands Vergangenheit. 3. Taus.„6.50
—„— Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen. 2. Taus.„7.—
—„— Thoms friert. Roman. 3. u. 4. Taus.„8.—
—„— Überschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Taus.„6.50

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Auerbach, Berthold, Barfüßele. 44.—46. Taus.M. 2.50
—„— Auf der Höhe. Roman. 2 Bände„20.—
—„— Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 Bände„20.—
—„— Spinoza. Ein Denkerleben„7.—
—„— Waldfried. Eine vaterländische Familiengeschichte„7.50
Baumbach, Rudolf, Erzählungen und Märchen. 17. Taus.„3.—
—„— Es war einmal. Märchen. 15. u. 16. Taus.„3.80
—„— Aus der Jugendzeit. 10. Taus.„6.20
—„— Neue Märchen. 9. Taus.„4.—
—„— Sommermärchen. 42.—44. Taus.„12.—
Boy-Ed, Ida, Das Martyrium der Charlotte v. Stein. 8.—10. Taus.„10.—
—„— Charlotte von Kalb. Eine psychologische StudieMit 8 Abbildungen. 4.—6. Taus.„13.50
Ebner-Eschenbach, Marie v., Die erste BeichteMiniatur-Ausgabe. Mit Bildnis. 2. Taus.„2.—
Grisebach, Ed., Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch„4.—
Harbou, Thea v., Der Krieg und die Frauen. Novellen96.—100. Taus.Leicht gebunden„3.20
Herzog, Rudolf, Die Welt in Gold. Novelle. 26.—35. Taus.„12.—
Heyse, Paul, L’Arrabbiata. Novelle. 14. Taus.„2.40
—„— In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Taus.„4.—
—„— Melusine und andere Novellen. 5. Taus.„5.50
—„— Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. 14. u. 15. Taus.„10.—
—„— Das Rätsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Taus.„6.50
—„— Weihnachtsgeschichten. 4. Taus.„5.50
Hofer, Klara, Goethes Ehe. 1.—3. Taus.„29.—
Hoffmann, Hans, Bozener Märchen und Mären. 3. Taus.„3.50
—„— Ostseemärchen. 3. Taus.„4.—
Keller, Gottfried, Der grüne Heinrich. RomanGeschenk-Ausgabe in zwei Bänden. 1.—12. Taus.M. 42.— u.„48.—
—„— Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. 106.—108. Taus.„20.—
—„— Züricher Novellen. 95.—98. Taus.„10.—
—„— Martin Salander. Roman. 59.—61. Taus.„10.—
—„— Das Sinngedicht. Novellen. — Sieben Legenden. 78.—82. Taus.„10.—
—„— Sieben Legenden. Miniaturausgabe. 12.—16. Taus.„9.—
—„— Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung. Miniatur-Ausgabe.13.—17. Taus.„9.—
Kügelgen, Wilhelm v., Jugenderinnerungen eines alten MannesOriginal-Ausgabe. 26. u. 27. Taus.„3.—
Kurz, Isolde, Unsere Carlotta. Erzählung„3.—
—„— Frutti di Mare. Zwei Erzählungen„3.—
—„— Genesung. — Sein Todfeind. — Gedankenschuld. Erzählungen„5.—
—„— Phantasieen und Märchen„3.—
—„— Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der FlorentinischenRenaissance. Mit 16 Abbildungen. 10.—14. Taus.„22.—
Müller, Hans, Die Kunst sich zu freuen. Gestalten, Bilder undErgebnisse. 15.—20. Taus.„7.—
Olfers, Marie v., Neue Novellen„4.50
—„— Die Vernunftheirat und andere Novellen„4.—
Riehl, W. H., Ein ganzer Mann. Roman. 4. Taus.„7.—
Seidel, Heinrich, Wintermärchen. 2 Bände. 4.Taus.je„4.—
—„— Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse herausgegebenvon H. W. Seidel. 2. Taus.„4.—
Wilbrandt, Adolf, Novellen„7.50

Druck der
Union Deutsche Verlagsgesellschaft
in Stuttgart

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. DieDarstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

Hinauftapfen → Hinaufstapfen
S. 132: schwerfällige Hinaufstapfen auf die Bergeshöhen

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BUBEN DER FRAU OPTERBERG ***

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Die Buben der Frau Opterberg (2024)
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